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Ausgabe:

1915

Spalte:

113

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jakobovits, Julius

Titel/Untertitel:

Die Lüge im Urteil der neuesten deutschen Ethiker 1915

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Seite 1

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H3

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 5.

n4

Jakobovits, Dr. Julius: Die Lüge im Urteil der neueften deut-
fchen Ethiker. (Studien zur Philofophie u. Religion.
16. Heft.) (XVI, 138 S.) 8°. Paderborn, F. Schöningh
1914. M. 4 —

Kein Ethiker, der nicht auch, mindeftens in einer
fyftematifchen Entwicklung der fittlichen Ideen, von der
Lüge redete. Eine Zufainmenftellung der Urteile über fie,
W'e Jakobovits fie bietet, ift willkommen. Es ift ganz
intereflant, zu fehen, daß im Grunde — einige Fanatiker
der Konfequenz abgerechnet, auch fie nicht fo ficher,
wie fie fich fcheinbar geben — alle einig find, von fehr
verfchiedenen theoretifchen Gefichtspunkten aus, aber
offenbar unter dem Zwange der praktifchen Eindrücke
des Lebens. In einem ,Erften Abfchnitt', S. 1—60, gibt
J. eine Überficht über die Arten der Lüge, befonders lange
verweilend bei den Höflichkeitslügen und dem, was er
■Lüge des Bewußtfeins' nennt, d. i. die Neigung der
Menfchen, fich felbft etwas vorzumachen gerade über fich
felbft. Der .Zweite Abfchnitt', S. 61—130 bietet dann
ein klaffifiziertes Verzeichnis der Theorien der Ethiker, in
der Hauptfache von Kant an. Es hätte noch mancher
weitere genannt werden mögen, wenn felbft Leute wie
C. E. Rafius (von ihm habe ich fogar aus ,Wer ift's?'
nichts erfahren können; das von J. benutzte Buch heißt
.Rechte und Pflichten der Kritik', 1898), J. Unold, G.
Ulrich, Th. Achelis wichtig genug befunden wurden, in
die Lifte derer, die zu konfultieren feien, aufgenommen
zu werden. Theologen find wohl mit Abficht von vornherein
bei Seite geftellt worden; nur folche, die zufällig
auch eine .philofophifche' Ethik gefchrieben haben, wie
Schleiermacher und A. Dorner, find kurz erwähnt. Ich
hätte ganz gern gehört, wie moderne katholifche Theologen
fich ausfprechen. Daß von evangelifchen Theologen
ein R. Rothe nicht mit zu Worte kommt, ift einfach ein
Mangel.

S. 29 wird von G. v. Gizycki bezüglich der Höflichkeitsiiigen
zitiert: ,In folchen Fällen den Skrofulöfen zu fpielen . . .' Daß das
Skrofulofentum mit der Höflichkeit was zu tun habe, war mir neu.
Doch halt, da begehe ich ja felbft eine Lüge, und nicht einmal aus .Höflichkeit
', fondern höchftens zum .Scherz', (oder ift es gar eine ,Bewußt-
feinslüge'?), indem ich mich (teile, als ob ich nicht merkte, daß da ein Druckfehler
im Spiele fei. Denn natürlich, redet Gizycki von .Skrupulöfen'.
In der Klaffifikatiou der Ethiker erfcheint eine erite Gruppe, (C. E. Rafius
gehört mit dazu), die ihre Anfchauung über die Lüge .iutuitioniftifch'
begründe Das Merkmal fei, daß alle .praktifchen- Erwägungen aus-
gelchaltet würden. Die Bezeichnung als Jntuitioniften' für diefe Theoretiker
ift wunderlich. .Intellektualißifch' nennt J. ihren Standpunkt S. 85,
da wo er in crfter Überficht die Tabelle entwirft; die Bezeichnung ift dort
e'n Druckfehler, würde mir aber eher einleuchten, als die, die J. tatfäch-
üch übt.

Halle a. S. F- Kattenbufch.

Himmel Joh. 8,12; 12,36; 15, n. Gegenüber den Schillerpredigten
, deren manche ein ganzes Drama befprachen,
haben diefe Goethepredigten den Vorzug, daß fie mein:
nur ein kürzeres Stück der Dichtung zugrunde legen.
Auch handelt es fich dabei um fehr inhaltreiche, zur reli-
giöfen Gedankenwelt in ganz engem Verhältnis flehende
Szenen, bei denen die Herftellung der Beziehung zur
Kanzel nicht entfernt fo gewaltfam wirkt wie etwa bei
Schillers Räubern. Darüber, daß auch diefer Band wie
die früheren ähnlichen ein imponierendes Zeugnis geiftiger
Kraft darftellt, ift kein Wort zu verlieren; B. hat an die
Deutung Goethes ein Maß von tiefgrabender Gedankenarbeit
gefetzt, das Bewunderung abnötigt. Ebenfowenig
kann darüber ein Zweifel fein, daß aus jeder Predigt eine
höchft urfprüngliche, kraftvolle Frömmigkeit fpricht, und
daß .ihnen eine Form gegeben ift, die den Eindruck der
Gedanken wirkfam unterftützt. Wer dies und nur das
erwägt, freut fich unwillkürlich darüber, daß der Baum
der evangelifchen Predigt folche Blüten zeitigen kann.
Herzlich gern billigt der Homiletiker dem, der folche
Predigten zu halten vermochte, Befreiung von aller Regel
und allem Schema zu; freilich müßte alsbald hinzugefügt
werden, daß, was B. recht war, nicht jedem anderen billig
fein würde. Dennoch bin ich auch B. gegenüber nicht
imftande, mit den fchweren Bedenken zurückzuhalten,
die feine Predigten mir erwecken. Der Band bringt, wie
die früheren, religiöfe Betrachtungen über Schöpfungen
der deutfchen Literatur, aber keine Predigten. Nicht bloß,
weil literaturgefchichtlich orientierte Erörterungen fich
doch immer wieder einfchleichen, fondern weil das Ganze
der Predigt jedesmal eine derart ftarke, intenfive Ver-
fenkung in die Dichtung vorausfetzt, wie wir fie im Gottes-
dienft unmöglich vorausfetzen dürfen. Bremen bietet
ganz befondere Bedingungen für den Prediger; aber mag
auch B.s Gemeinde die gleiche Bezeichnung verdient haben,
die er der feines Vorgängers gibt (S. 23: ,nach geiftigem
und materiellem Werte bedeutender Perfonalanhang'),
für diefe Predigten ift ficherlich auch fie als Ganzes nicht
der völlig richtige Boden gewefen; von anderen Gemeinden
ganz zu fchweigen. Sodann aber —■ und vor allem —
Hellen die Predigten eine Vermählung des Goethegeiftes
mit dem Evangelium dar, die ich für gezwungen halten
muß, weil in ihr weder Goethe, noch erft recht das Evangelium
zu ausreichender Entfaltung kommen. Wunder-
fchön, geiflreich und packend fpricht B. über ,Leid und
Schuld Lichtgedanken der Gottheit'; ,Nur ein betender
Idealismus ein gefunder Idealismus'; .Unfere Karfrei-
tagsbitte: Große Gedanken und ein reines Herz'; aber
darin offenbart fich eine Auffaffung Goethes, die ihn
näher an das Chriftentum heranbringt, als den Tat-
~~ I fachen entfpricht, und eine Auffaffung des Chriften-

Burggraf, weil. Paft. prim. Jul: Goethepredigten. Bearb. tums, deren Recht erft einmal bewiefen werden müßte,
u. hrsg. v Paft Karl Röfener. Mit der Selbftbiographie ' Goethe ift für B. ein .Apoftel der Wahrheit, wie
u. dem Bilde Burggrafs. (VIII, 364 S.) gr. 8». Gießen, | fie in der Hülle der Schönheit durch die Welt hinfchreitet'
a -r-. r it a rrph. M c (°)> ein ,Zeuge Chnfti lur unfer Volk und für alle Völker

1 opelmann 1913. der Erde< (?)_ Der Lutherfinn allein genügt nicht mehr

, Burggrafs Schillerpredigten (1905) folgten 1909 Caro-
üdhpredigten; 1910/11 hielt er Goethepredigten. Zum
größeren Teil hat er fie noch felbft druckfertig machen
können; die letzten fechs hat nach B.s Tod der ihm eng

für die Kirche der Zukunft' (12). Das kirchliche Chriftentum
hat fich am dichterifchen Idealismus zu bereichern
und zu vergeiftigen, ja fogar .gründlich umzubilden' (29).
, ,Das Freie, Lichte, Geiftige' ift der eigentliche Kern unterbundene
Hrsgb. auf Grund von Nachfchnften endgültig j feres religiöfen Lebens. Gerade was B., übrigens Lebens-
f,L E.tet Der Band enthält nun 14 Predigten über Szenen erinnerungen einflechtend, zur Rechtfertigung der Dichterpredigt
grundfätzlich darlegt, betont diefes inhaltliche
Moment fo ftark, ja als das eigentlich treibende Motiv,
es macht diefe Predigt fo fehr zu einem Mittel der Reform
des kirchlichen Chriftentums, daß man es unmöglich
bei der Beurteilung zurückftellen kann. Über die Fragen
der Schlichtheit der Predigt und der geiftigen Höhenlage
geht dagegen die Auseinanderfetzung allzu rafch hinweg.
Es wird eben dabei bleiben, daß man fo, wie B. wollte,
nur predigen kann, wenn man, ebenfo wie er, Dichter
und Chriftentum in eins fieht; wer das wie er tut, wird
aber darum noch nicht fo rafch wie er fich über die Be-

iLUs Fauft I, 2 über Iphigenie auf Tauris, 2 über Fauft II.
vorangeht ein .kirchlicher Vortrag' zur Eröffnung der
^oethepredigten: ,Fauft-Mephiftopheles als Verbindung
glichen Luther und Goethe' und ein 30 S. umfaffender
Auffatz B.s ,Zur Rechtfertigung der Dichterpredigt'; auch
ßJj Bild ift beigefügt. Aus Fauft I find u. a. zugrunde
gelegt: Prolog, Eingangsmonolog, Erfcheinung des Erd-
jfeiftes, erfte Fauft-Wagner-Szene, zweiter P"auftmonolog,
Dfterfpaziergang, Gretchentragödie. Jeder Predigt find
loJ"gfältig gewählte Bibelworte (meift mehrere) vorausge-
fchickt; z. B. der elften Predigt über den Prolog im