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Ausgabe:

1915 Nr. 3

Spalte:

53-55

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ramsay, W. M.

Titel/Untertitel:

The Teaching of Paul in Terms of the present Day 1915

Rezensent:

Vischer, Eberhard

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 3.

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Luk.Joh., der zweite die apokryphen Nachrichten. Der dritte
ift überfchrieben: Kritik der Quellen. Der vierte zeichnet
den vermutlichen Verlauf des Frozeffesjefu vor Pilatus auf
Grund der Quellen in juriftifch-hiftorifcher Betrachtung1.

Einwandfrei ift, was K. im zweiten Teile und auch
fonft über die apokryphen Traditionen ausführt. Er
fieht die Tendenzen, von denen ihre geiftigen Väter be-
herrfcht waren und Bellt feft (S. 115): ,daß der Prozeß
Jefu vor Pilatus fchon in frühefter Zeit von einem
Legendenkranz umwoben wurde, ift leicht begreiflich'.
Aber die fo erworbene Einficht bei Betrachtung der
kanonifchen Berichte zu verwenden, bringt er nicht fertig.

feiner Lehre verwirren. Das erfte ift gewiß richtig. Aber
auch das zweite? Kann man wirklich ein zutreffendes
Bild der paulinifchen Gedanken über Gott, die Welt und
den Menfchen geben, wenn man alles, was uns heute
zeitgefchichtlich bedingt erfcheint, als bedeutungslos beifeite
fchiebt? Wie hier die Unterfcheidung zwifchen der
Aufgabe des Biographen und der, die er fich felber gefleht
fieht, dem Verfaffer ermöglicht, charakteriftifche
Gedankengänge wegzulaffen, fo ift es an andern Steilen
die zwifchen dem bildlichen Ausdruck und dem wahren
Inhalt. Nun ift gewiß zuzugeben, daß man in vielen
Fällen zu falfchen Folgerungen gelangt, wenn man den

Ift es doch ein verabfcheuenswertes Merkmal liberaler i bildlichen Charakter mancher Äußerungen uberfieht, und
Bibelkritik, den Unterfchied zwifchen infpirierten und ■ daß man bei Paulus fo wenig als bei Jelüs jeden einzelnen
profanen Schriftftellern zu verwifchen (S. 142). K. ift von j Zug eines Gleichniffes ausdeuten darf. Aber wenn Ramfay
der Irrtumslofigkeit der kanonifchen Evangelien fchlecht- j fagt (S. 149): Whether, or how far, Paul considered Satan
hin überzeugt. Sie widerfprechen fich nicht, harmonieren j as literally and strictly a personal being, must remain
vielmehr aufs befte. Wir hören wieder einmal (S. 104), uncertain. He had not entirely ffeed himself from a
daß die 6. Stunde Joh. 19, 14 keine andere ift als die ' lingering belief in ,principalities and powers' intermediate
3. Stunde Mk. 15, 25. So wundern wir uns denn auch j between God and man, fo würde man gerne hören, wo
nicht, vermitteln; des fo oft geübten Additionsverfahrens ' in den Äußerungen des Apoftels fich auch nur die Spur
aus den Berichten der vier Evangelien eine einheitliche ; eines Verfuches nachweifen ließe, fich von diefem Glauben
Darfteilung des Prozeffesjefu vor Pilatus gewonnen zu fehen. 1 frei zu machen. Der Verfaffer glaubt jedoch, nicht nur
Gewiß hat jeder Forfcher das Recht, die Ergebniffe die paulinifche Angelo- und Dämonologie vollftändig linder
Bemühung feiner Mitarbeiter auf ihre Haltbarkeit hin beachtet laffen zu können. Wir erfahren auch nicht ein
anzufehen^ und fie gegebenenfalls abzulehnen. Und K.s Wort über feine Eschatologie und foviel wie nichts über
geringe Neigung z. B, die zur Verfpottungsfzene ange- charakteriftifche chriftologifche Vorftellungen. Dafür aber
führten Parallelen und neuerdings verflachten E-rklärungen : ,überfetzt' Ramfay paulinifche Überzeugungen und Er

gelten zu laffen, möchte ich teilen. Aber feine Zurück
weifung aller und jeder Kritik an den Evangelien ver-
fperrt ihm den Weg zu befriedigenden Refultaten.

An Einzelheiten merke ich an, dali die Spitzfindigkeit die 3. 32
OxXoq mit ,das niedere Volk' im Gegenfatz. zu leinen edleren Beftüld-
teilen wiedergibt, angefichts des Sprachgebrauchs der Evangelien, die
das Wort an zahlreichen Stellen verwenden, deplaziert erfcheint. s' 148
Z. 15 v.u. ift ein fmnftürender Druckfehler flehen geblieben: Wichtigkeit
für Nichtigkeit.

Breslau- Walter Bauer.

Ramsay, W. M.: The Teaching of Paul in Terms of the

present Day. (XI, 450 S.) gr. 8°. London, Hodder &
Stoughton 1913. s. 12_

Wenn derLefer diefes neueften Buches des verdienten
Paulusforfchers einen fehr temperierten Paulinismus kennen
lernt und fehr oft nicht fowohl das zu hören bekommt,

was der gefchichtliche Paulus gefchrieben hat, als viel- ! noch linherm Maße als die Briefe Dokumente der pau

Wartungen in moderne Gedanken, die zum Teil in direktem
Widerspruch dazu flehen. Oder ift es wirklich ein pau-
linifcher Gedanke, daß man fich augenblicklich nicht gegen
die römifche Obrigkeit auflehnen dürfe, weil in the lapse
of time with the elevation of public opinion the law
would be raised to a higher Standard. The raising of
public opinion is an object to work for; that is the Kingdom
of God ufw.?

Ein zweiter Grund, warum der Verfaffer einen Paulus
zeichnet, dem die Ecken und Kanten abgebrochen find,
ift feine Stellung zu den Quellen. Er fieht nicht bloß
nicht die geringlte Schwierigkeit darin, mit der Überlieferung
fämtliche Briefe für paulinifch zu halten, auch
den Epiieferbrief wirklich nach Ephefus gerichtet fein zu
laffen, fondern es lieht ihm auch die abfolute Zuverläflig-
keit der lukanifchen Berichterltattung fo feft, daß für ihn
die Reden der AG genau fo wie, ja in Wirklichkeit in

mehr, was ein akademifch gebildeter, viel gereifter, bei
allem Konfervatismus doch weltoffener Brite des 20. Jahrhunderts
in feiner Lage fchreiben würde, fo liegt das vor
allem an zwei Urfachen.

Zuerft einmal an der Stellung, die der Verfaffer zu
Paulus einnimmt. It is not part of our pourpose to
defend Pauls teaching (for it can defend itself), not yet
to compare it with modern speculative theories; but it
is involved in my design to show that his teaching is
reasonable and consistent with modern philosophic views
(S. 134). Was hier von dem Gedanken der göttlichen
Uroffenbarung, der Rom. 1, 19 fr zum Ausdruck kommt,
gejagt ift, gilt offenbar nach Sir Ramfay von der pauli-
nilchen Lehre überhaupt. Zwar fcheut er fich nicht,
wenigftens an einer Stelle — da, wo er auf I Kor. 11, 8 ff zu
mod ommt — nicht nur auf den Widerfpruch zwifchen
auchniem Und Paulinifchem Denken hinzuweifen, fondern
fifchen möghch zu erklären, daß Paulus in zeitgenöf-
fei Abet-erganglich^ Vorftellungen befangen geblieben
und w.T rot' 1 zöffernd rechnet er mit diefer Möglichkeit,
meint er £n eÜt er über Solche Fälle hinwegl Wohl
fnrochen' werH n°,ch andere Beifpiele angeführt und be-
VortZZln n 4'önnten- die den Einfluß volkstümlicher
%T u"d Meinungen auf Paulus nachweifen
Abbruch H?£ C 4rCn der Größe des Apoftels keinen
fgewS Verweilen bei ihnen würde jedoch
lediglich unfer Verftändnis für den wahren Charakter

linifclien Gedankenwelt find. Nun ift gewiß die Skeplis,
die von vornherein die acta unbeachtet läßt, an fich nicht
wiffenfehaftlicher als der Wille, nur unter dem Zwange
ficherer Beweife ihrer Darfteilung den Glauben zu verweigern
. Ja es ift, befonders nach den neuern Unter-
fuchungen, nicht bloß das Recht, Ibndern die Pflicht des
Forfchers, immer wieder zu unterfuchen, ob nicht die
Darftellung der AG in höherm Maße Zutrauen verdient,
als gewöhnlich zugegeben wird. Und manches, was
Ramfay zugunften der Glaubwürdigkeit der acta fagt,
gehört zu den wertvollften Partien des Buches und verdient
hohe Beachtung. Wie wenig aber auch ihm gelingt,
überall die Darfteilung der AG feilzuhalten, möge ein
Beifpiel zeigen. Ramfay vertritt fchon längft die zuletzt
von J. Weiß entwickelte Anficht, daß Paulus nur deshalb
Jefus in der Vifion vor Damafkus erkannte, weil er ihn
fchon früher, als er noch lebte, gefehen hatte und nun
den Mann wieder erkannte, den er gekannt hatte. Wie
kann nun aber Ramfay gerade an diefer Stelle ftrafend
von denen reden, die nur da an der Darftellung der AG
feilhalten, wo fie ihnen paßt, fie aber fonft auf der Seite
laffen? Sagt doch die AG in fämtlichen drei Berichten
(9, 5; 22, 8; 26, 15) ausdrücklich, daß Paulus Jefus vor
Damafkus nicht erkannte! An andern Stellen führt die
Abficht, die Darfteilung der acta um jeden Preis zu retten,
den Verfaffer dazu, dem Inhalt der Briefe nicht gerecht
zu werden, fo wenn er Paulus den Galaterbrief aus Rück-