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Ausgabe:

1915 Nr. 2

Spalte:

36-38

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Palmieri, Aurelius

Titel/Untertitel:

Theologia dogmatica orthodoxa (ecclesiae graeco-russicae) ad lumen catholicae doctrinae examinata et discussa. Tomus II 1915

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 2.

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die, die das wirklich find, fondern auch Leute, die ihm
nur von feinem theologifchen Standpunkte aus als folche
erfcheinen — feien fchon einmal befiegt, da fie nichts
Neues böten, fondern das Alte in neuer Aufmachung.
Durch diefen Gefichtspunkt ift die gefchickt getroffene
Auswahl der Themen bedingt: Es werden folche Er-
fcheinungen der Vergangenheit gefchildert, zu denen
gegenwärtige, dem Chriftentum überhaupt oder dem orthodoxen
lutherifchen Chriftentum feindliche Strömungen in
Beziehung ftehen. Es ift nun zweifellos eine Tatfache,
daß es gewiffe Typen der Frömmigkeit und Weltanfchauung
gibt, die mehr oder minder durch die verfchiedenen Zeiten
hindurchgehen, und daß deshalb gegenwärtige Kämpfe
gewiffe Parallelen in der Vergangenheit haben. Aber es
darf dabei nicht überfehen werden, wie fehr diefe Typen
der Wandlung und Entwicklung unterliegen. Das aber
tut Laible. Sein Satz, daß die Angriffe gegen das alte
Chriftentum auf die Maffen blendend wirkten ,einmal
durch den Reiz der Neuheit, fodann durch den Anfpruch
des Geiftesfortfchritts, mit dem fie fich gaben', zeigt be-
fonders deutlich, daß er nicht genetifch denkt, fondern
eine Gefchichtsauffaffung vertritt, die, der offiziellen katho-
lifchen ähnelnd, unveränderliche, durch die Gefchichte
fchreitende Größen annimmt.

Von den Verfaffern der einzelnen Auffätze würden
ficher viele die extreme Formulierung des Herausgebers
ablehnen. Sagt doch Jordan ausdrücklich, der Nachweis,
daß es fich um aufgewärmte Gegengründe gegen das
Chriftentum handle, entkräfte noch keineswegs deren Beweiskraft
, und Seeberg betont, daß fich die Gefchichte
nicht wiederhole. Immerhin fcheint mir auch deffen Ausdruck
, daß die von der Gefchichte gefchaffenen Typen in
immer neuen Masken und Verkleidungen auf dem
Plane erfcheinen, den Gedanken des Werdens nicht genügend
zur Geltung kommen zu laffen.

Die Art, wie fich die einzelnen Verfaffer in den Dienft
der Gefamtaufgabe ftellen, ift verfchieden. Teils faffen fie
fie ganz im Sinne des Gefamttitels an; häufiger fchildern
fie zunächft mehr rein hiftorifch die gefchichtlichen Stoffe,
um dann auf Beziehungen zur Gegenwart kurz hinzuweifen;
Böhmer gibt überhaupt ausfchließlich eine fachliche Schilderung
feines Gegenftands und kommt dabei zu einem
Refultat, das in das Schema des Herausgebers nicht hineinpaßt
: nämlich, daß im Zeitalter der Kreuzzüge von Aufklärung
im eigentlichen Sinne noch nicht geredet werden
könne. Die meiften Auffätze find anregend und lebendig
gefchrieben und auf einige Hauptpunkte konzentriert.

Jordan tagt in feinem Auffätze über Celfus mit Recht, wie modern
deffen Kritik in vieler Beziehung anmute, und zeigt den Unterfchied
feines abfolut transzendenten Gottesbegriffs von dem lebendigen Gottesglauben
des Chriftentums als den Angelpunkt feiner Kritik auf. Daß
von des Celfus hiftorifch-kritifchen Anfchauungen heute vieles anerkanntes
wiffenfchaftliches Refultat fei, betont er ausdrücklich.

Kropatfcheck fchildert dieValentinianifche Gnofis mit Ausblicken
auf die Theofophie und auf Religionsphilofophen, die keine Gemeinden
zu organifieren vermögen.

Bezzel unterbricht die Auffitze über die Irrtümer durch einen
folchen über den Apologeten Tertullian, in dem er wegen feiner Betonung
der Autorität und der göttlichen Paradoxie des Chriftentums und feines
Meidens jeglicher Zugeftändniffe einen geradezu idealen Apologeten fieht.
Man müßte daneben doch auch von dem Fanatismus und der advoka-
torifchen Art reden, mit denen er feinen Standpunkt vertritt.

Bei Wohlenbergs Thema, dem Manichäismus, find Beziehungen
zur Gegenwart natürlich nur wenige zu finden.

Seeberg behandelt Auguftin und den Neuplatonismus. Er (teilt
den Neuplatonismus als Stimmungsreligion dar und arbeitet fein den
chriftlichen voluntariftifchen Gottesbegriff und das chriftliche Ergriffenfein
des Willens gegenüber diefer Religion des ewigen Seins heraus.
Doch fcheint mir das Moment der Autorität im Glauben Auguftins nicht
ftark genug betont zu fein.

Böhmers Auffatz ,Kreuzzüge und Aufklärung', der bei aller Kürze
das Problem umfaffend ins Auge faßt, wendet fich m. E. mit Recht gegen
die falfche Modernifierung des Zeitalters der Kreuzzüge. Nur das fcheint
mir nicht richtig, daß nur in der naturrechtlichen Theorie eine direkte
Linie zur Aufklärung vorhanden fei. Auch das Werden der felbftändigen
Laienkultur des Mittelalters bildet doch eine folche zu Renaiffance und
Aufklärung hin.

Preuß vergleicht Nietzfche und die Renaiffance, beginnt mit den
Unterfchieden, fieht das Gemeinfame vor allem in der Lehre vom Über-

menfehen, ferner in der Hochfchätzung der Antike, Verachtung des
Deutfchen, Wertung des Krieges, des Lachens, des Tanzens und der
Fefte. Der Auffatz leidet darunter, daß er fich zur Aufgabe nur ftellt,
das Chriltentumsfeindliche in der Renaiffance und bei Nietzfche hervorzuheben
, und dann doch auch fo allgemeine Fragen wie die Gründe des
Untergangs der Renaiffance anfehneidet. Das muß zu verfchobenen Bildern
führen. Die Renaiffance ift zu ausfchließlich mit den Farben Jacob
Burckhardts gemalt.

von Walter fchreibt über ,Die Ja- und Neintheologie des Erasmus
'. Er ftellt richtig dar, wie Erasmus hinter der Reformation zurückblieb
; aber die modernen Züge in ihm kommen nicht genügend zu
ihrem Recht.

Wilhelm Walther kritifiert ,die fchwärmerifche Bewegung der
Reformationszeit' mit Hinblicken auf extreme Gemeinfchaftskreife der
Gegenwart vom Standpunkt eines befonders ausgefprochenen Lutheraners
aus. Selbft Luthers Urteil, daß Zwingli und die Schweizer zu den
Schwärmern gehören, wird im ganzen zugeftimmt. Schon der ausfchließ-
liche Gebrauch des Wortes ,Schwärmer' zeigt, daß Walther pofitive
Leiftungen des Täufertums und des Spiritualismus nicht anerkennt.

Glawe fchreibt Uber ,den Subjektiviften des Reformationszeitalters
Sebaftian Franck', an dem er vieles Gute findet, ohne ihm doch voll
gerecht zu werden. (Siehe W. Köhlers Anzeige des auch feparat er-
fchienenen Auffatzes ThLZ 1912, Nr. 24 )

Richard Grützmacher berichtet von pantheiftifchen und atheifti-
fchen Richtungen fchon im Zeitalter der Orthodoxie. Daß er den Blick
auf den Laienfkeptizismus der Zeit richtet, ift verdienftlich. Man darf
über den Theologen die Laien nicht vergeffen, wenn man fich die Frömmigkeit
einer Zeit vergegenwärtigt. Aber Grützmacher hätte mehr beachten
müffen, wieviele Anfchauungen damals mit dem Worte Atheismus belegt
wurden, die von wirklichem Atheismus weit entfernt waren.

So fehr der wiffenfehaftliche Sinn der Verfaffer die
j Grundanfchauung des Buches kompenfiert, die Auffätze
! leiden doch daran, daß die behandelten Größen nicht
j mit liebevoller Verfenkung in ihre Eigenart, fondern nur
als Irrtümer gefchildert find. Es fehlt in der Anfchauung
des Buches das Wahrheitsmoment des Gedankens, den
Gottfried Arnold in die Kirchengefchichtsfchreibung hineingebracht
hat. Es ift nicht fo, daß an einer Stelle der
abfolute Wahrheitsbefitz, überall fonft nur Irrtum ift.
Faffen wir z.B. die Reformation und ihre Nebenftrömungen
ins Auge! Ich bin mit den Verfaffern infoweit einig, daß,
auf den religiöfen Kern gefehen, wir uns an die Reformatoren
zu halten haben. Aber Renaiffance, Täufertum,
Spiritualismus find doch nicht nur Verirrungen, fondern
fie haben in vielen Beziehungen recht gehabt. Der
neuere Proteftantismus hat erfreulicherweife auch von
ihnen gelernt und wird dauernd Momente von ihnen aufzunehmen
haben. Ebenfo enthält das, was nachher gekommen
ift, von der Aufklärung an, unablehnbare Er-
kenntniffe. So einfach liegen die Dinge nicht, wie es
Laible vorausfetzt, daß eine theologifche Richtung im
ftolzen Bewußtfein des Wahrheitsbefitzes alle gegnerifchen
Strömungen als Aufwärmungen längft widerlegter Irrtümer
betrachten kann, fondern auch in jenen Jrrtümern'
der Vergangenheit ftecken Wahrheiten, und neuen Zeiten
find neue Probleme und Aufgaben geftellt, die es in
heißem Ringen zu bewältigen gilt.

Bern. Heinrich Hoffmann.

Palmieri, Aurelius, O. S. A.: Theologia dogmatica ortho-
doxa (ecclesiae graeco-russicae) ad lumen catholicae
doctrinae examinata et discussa. Tomus II. Prole-
gomena. (III, 198 S.) gr.8°. Florentiae, Libreria Edi-
trice Fiorentina 1913-

— Nomenclator litterarius theologiae orthodoxae russicae ac
graecae recentior. Vol. I, fasc. 1. (Operum Acad. Veleh-
radensis tom. 3.) (158 S.) gr. 8°. Prag, Academia
Velehradensis 1910. M 5.60

Im Jahrgang 1911, Nr. 15, Sp. 464—469 habe ich vier
Werke von Palmieri befprochen, darunter den Tom. I
desjenigen, das oben zuerft notiert ift. Das Werk ift —
oder vielmehr war — gedacht als eine große, möglichft
allfeitige polemifche Auseinanderfetzung der römifchen
Lehre mit der orthodoxen morgenländifchen. Es wird
mit dem verhältnismäßig kleinen Tom. II (der Tom. I
umfaßte 815 Seiten! beabfichtigt waren nicht weniger als