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Ausgabe:

1915

Spalte:

9-11

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Edmundson, George

Titel/Untertitel:

The Church in Rome in the first Century 1915

Rezensent:

Bauer, Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. r.

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Leider vermag ich nicht zu einer Kundgebung des
Dankes an den Verf. aufzufordern. Ich habe fein Buch
mit einem Gefühl ftarker Enttäufchung aus der Hand
gelegt. Ich hatte ganz anderes von ihm erwartet.
Zunächft eine quellenmäßig unterbaute Darlegung der
römifchen Rechtsverhältniffe und fonftigen Einrichtungen,
auch der geiftigen Strömungen römifchen Urfprungs oder
Charakters in den Gegenden, in denen Paulus groß geworden
und in die ihn das Leben geführt. Sodann eine,
auf eine Reihe von Einzelunterfuchungen gegründete,
Behandlung der Frage, ob und wie weit diefe Dinge den
Apoftel beeinflußt, auf feine Gedankenwelt und Ausdrucksmittel
abgefärbt haben.

Aber Quellen werden bei M. fo gut wie gar nicht
zitiert — was Kap. 4 über römifche Rechtsverhältniffe
zur Zeit des Paulus ausführt, reicht fchlechthin nicht aus,
diefe Feftftellung umzuftoßen —, nur englifche, oder doch
ins Englifche überfetzte, Literatur, vor allem die Werke
Ramfays, über deffen Anflehten M. eingehend referiert.
Statt Einzelheiten wiffenfehaftlich gründlich zu prüfen
und die gemachten Beobachtungen dann in Beziehungen
zu anderen zu fetzen, um dadurch womöglich ein Gefamt-
bild zu gewinnen, ergeht fich Verf. in Erörterungen
allgemeiner Natur und behauptet vielfach, ftatt einen
Beweis zu verfuchen oder vorzulegen. Dabei ftört weniger
die Kritiklofigkeit der neuteftamentlichen Tradition gegenüber
, die es ihm geftattet, der Apoftelgefchichte in allen
Stücken zu folgen und die Meinung des Paulus auch aus
den Paftoralbriefen zu erheben, als die unmethodifche Art.

Wir lefen in dem Buche mancherlei, auf das wir nicht gefaßt
find. Was foll z. B. in unferem Zufammenhang die Kap. 8 angeflellte
lange Erörterung der Gründe, weshalb die paulinifche Gefetzeslehre
einen folchen Grad jüdifcher Feiudfchaft entfefleln mußte? Anderes,
Unentbehrliches fcheint uns dafür wiederum zu fehlen. So finden wir
nirgends klar und entfehieden die Frage nach dem Verhältnis von jüdi-
fchem und römifchem Rechtsleben geftellt bei der Behandlung juriftiieher
Gedankengänge und Ausdrucksformen des Apoftels. Und was heißt überhaupt
römifcher Einfluß? Ift folcher wirklich dann zu konftatieren, wenn
Paulu= termini gebraucht, die der antiken Institution der Sklaverei entlehnt
find, oder wenn floifch anmutende Gedanken bei ihm auftauchen?

Manches kommt uns gefucht und wenig überzeugend vor. So foll
fich Rom 8,17 die Verbindung von Leiden und Herrlichkeit für die Chriften
als Miterben des Herrn aus dem römifchen Gefetz erklären, das dem
Erben nicht nur Vorteile zufpricht, fondern auch Verbindlichkeiten auferlegt
. Hätte uns Verf. lieber der Löfung der Streitfrage enWegengeführt,
wie fich die erbrechtlichen Beflimmungen Gal 4, 2 zum römifchen Rechte
verhalten. Aber hier, und nicht nur hier, verfagt fein Buch.

So fehe ich den Wert des Werkes von M. vor allem
darin, daß er unfere Aufmerkfamkeit auf einen wichtigen
und intereffanten Gegenftand gelenkt hat. Möchte ihm
bald eine gründliche Bearbeitung zuteil werden.

Breslau. Walter Bauer.

Edmundson, George, M. A.: The Church in Rome in the
first Century, An Examination of various controverted
Questions relating to its History, Chronology, Litera-
ture and Traditions. Eight Lectures, preached befors
the University of Oxford in the Year 1913 on the
Foundation of the late Rev. John Bampton, M. A.
(XIII, 296 S.) gr. 8°. London, Longmans, Green and
Co. 1913. s. 7. 6

Der Inhalt der Vorlefungen ift in großen Zügen der
folgende. E. beginnt mit einer kurzen Befchreibung
Roms und feiner Bevölkerung im erften Jahrhundert
unferer Zeitrechnung und ftellt auf Grund des Römerbriefes
feft, daß die chriftliche Gemeinde der Welthauptftadt
neben einer heidenchriftlichen Majorität eine judenchrift-
liche Minderheit umfaßt hätte. Gründer der römifchen
Kirche ift Petrus. Paulus erwähnt das in feinem Briefe
nicht. Jedoch wollte er auch nicht den Wiffensdurft der
Gelehrten des 20. Jahrhunderts befriedigen; den Römern
aber war jene Tatfache natürlich bekannt. Die Apoftelgefchichte
fchweigt gleichfalls über die Stiftung der

römifchen Gemeinde. Nicht weil fie den Dingen zeitlich
und räumlich fchon fern geftanden wäre. Ift fie doch
von Lukas a. 62 während der erften Gefangenfchaft des
Paulus verfaßt, und zwar in Rom, vorab für die römifchen
Chriften. Trotzdem darf ihre Zurückhaltung nicht befremden
. Die Gründung der römifchen Kirche war einer
der Gegenftände, die der beabfichtigte dritte Band des
Lukas behandeln follte.

Petrus war mehrfach in Rom. Nach der Auferftehung
blieb er mit feinen Gefährten einem Befehl des Herrn
folgend zwölf Jahre in Jerufalem. Dann machte er fich
auf zur Wirkfamkeit in der Heidenwelt. Die Verfolgung
(Act. 12) befchleunigt nur die Ausführung eines längft
entworfenen Planes. Mit ihm zugleich verl'chwinden die
anderen Apoftel aus Jerufalem; jeder begibt fich in das
ihm zugefallene Miffionsgebiet. Sommer 42 erfcheint
Petrus in Rom. In feiner Begleitung befand fich Markus,
der 44/45 fein Evangelium zum Gebrauch für die von
Petrus Gewonnenen ichrieb. Bald darauf verlaffen beide
die Welthauptftadt wieder. Frühling 46 finden wir das
Haupt der Apoftel in Jerufalem, bald darauf in Antiochien
, das für fieben Jahre den Mittelpunkt feiner Miffions-
tätigkeit bildet. Nach Abfchluß diefer Periode — Claudius
war geftorben — bricht er erneut nach Rom auf.
Barnabas begleitete ihn nach Korinth, gleichfalls In der
Abficht, Rom zu erreichen, traf jedoch bereits einige
Monate vor feinem Gefährten am Ziele ein.

Der Genoffe der erften römifchen Reife des Petrus,
Markus, hatte fich nach dem Abfchied von jenem einige
Zeit in der Begleitung des Paulus befunden, dann jedoch
auch von ihm getrennt. Bis zu ihrer Wiedervereinigung
in Rom, wo Paulus gefangen lag, hielt Markus fich in
Alexandria-Ägypten auf. Aus Col. 4, 10 wird ein ganzer
Roman herausgefponnen, wie es Markus gegangen ift
(S. 107). Die Gefangenfchaft des Paulus endigte nicht
mit feinem Tode. Sein Zeitgenoffe Clemens beweift, daß
er wieder frei wurde, nach Spanien reifte und erneut in
Haft geriet.

Während feiner Abwefenheit kam Petrus, der feiner
Zeit die Welthauptftadt wieder verlaffen hatte, zum dritten
Mal nach Rom, a. 63. Hier fchrieb er den I. Petrusbrief
an Gemeinden von Gegenden in denen er zuvor einige
Tahre gearbeitet hatte. Dabei verrät er Bekanntfchaft
mit dem Römer- und Epheferbrief. Er fiel als ein Opfer
der neronifchen Verfolgung, die eingehend behandelt wird.
Anderthalb Jahre nach feinem Tode erreichte der Hebräerbrief
, wahrfcheinlich abgefaßt von Barnabas, feine Lefer,
die Judenchriften von Rom. Ungetähr zur gleichen Zeit
kam auch Paulus wiederum hierher, nachdem er vorher
außer Spanien auch Kleinafien und Griechenland befucht
hatte. Das beweifen die Paftoralbriefe. Gegen Ende der
Regierung Neros wurde auch Paulus Märtyrer. Eine hervorragende
Quelle für die fchweren Gefchicke der römifchen
Chriften in jener Epoche ift die Johannesapokalypfe.

Das Wachstum und die innere Kräftigung der römifchen
Gemeinde ließen fich durch folche Schläge nicht
unterbinden. Im Jahre 70 geht das erfte offizielle Dokument
von diefer Kirche aus, der 1. Clemensbrief. Von
Clemens ift er in fofern, als diefer Mann — damals noch
nicht Bifchof, fondern Gemeindefekretär — den kirchlichen
Inftruktionen das literarifche Gewand gab. Wahrfcheinlich
war der Schreiber ein jüngerer Bruder des
Konfuls M. Arrecinus Clemens. — Die letzte Vorlefung
behandelt den Ausgang des erften Jahrhunderts, befon-
ders die domitianifche Verfolgung. Eine Hauptquelle für
diefe Zeit ift der Hirte des Hermas.

Die Inhaltsüberficht zeigt den Charakter des Buchs
wohl zur Genüge. Es offenbart mehr Gelehrfamkeit als
kritifchen Sinn. Vieles ift auch darin enthalten, was fich
mit der römifchen Kirche nur lofe berührt. Das Beftreben,
die Werke der urchriftlichen Literatur möglichft früh an-
zufetzen, ift auf die Spitze getrieben. Eine Ausnahme
macht nur die Didache, die nach E.s Meinung dem vierten