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Ausgabe:

1915 Nr. 24

Spalte:

520-521

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Scheiner, Martin

Titel/Untertitel:

Die Sakramente und Gottes Wort 1915

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 24.

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Zentrum gruppiert werden, fo daß es zu einem organifchen
Ganzen kommt. So fordert die ,Zerlegung des menfch-
lichen Lebens als Ergänzung eine Betrachtung, die Teile
und Teilprozeffe auf das Ganze des Menfchenlebens bezieht
, das gegliederte Ganze eines Menfchenlebens heißt i
Perfon'. Werden die Teile auf die Perfon bezogen, fo
ftufen fie fich je nach ihrer Bedeutung für das Ganze der ;
Perfon ab, und wenn man die Einheit der Perfon für j
wertvoll fetzt, ,fo erfcheint diefe Abftufung als Verpflich- |
tung'. Je mehr aber der Menfch alle Glieder dem Ganzen j
unterordnet, um fomehr muß das Einheitsprinzip über- j
perfönlich fein und als überperfönlich gewußt werden, j
weil er fonft in der leeren Sorge um Erhaltung feines
vergänglichen Lebens aufgehen würde. ,Eine Perfon mit
überperfönlichem Zentrum nennen wir Perfönlichkeit.' Die !
Naturwiffenfchaft ift abftrakt und verzichtet auf Leben,
die Gefchichtswiffenfchaft ftrebt nach Kenntnis des individuellen
Lebens.

Während der Rationalismus abftrakt bleibt und die
zerlegten Elemente nach mechanifchen Gefetzen zufammen-
fügt, aber das Individuelle auflöft, erkennt die organifche j
Anfchauung das konkrete Leben an, indem fie ein Ganzes
mit feinen Gliedern fetzt, die von dem Zentrum gliedlich
zufammengehalten werden. Die moderne Kultur erftrebt j
alfo eine vollbewußte freie Perfönlichkeit, die mit überindividuellem
Inhalt erfüllt ift. ,Das Zentrum wird zur
befonderen Aufgabe für das einzelne Ich, es befondert fich
felbft gemäß der Sonderart gerade diefes Ich, und indem
die Eigentümlichkeiten des einzelnen Menfchen auf das j
überindividuelle Zentrum bezogen werden, erfcheinen fie j
als Anlagen zum Wertvollen oder Wertwidrigen, die ge- j
pflegt oder unterdrückt werden follen.' Der Verfafler
durchläuft nun die verfchiedenen Verfluche, für die befreite j
Perfon eine solche Erfüllung überindividueller Art zu finden,
die immer umfaffender wird, zunächftim Beruf, dann in den
Gemeinfchaften. Der Menfch kann feine Erfüllung nur
finden, wenn er nicht als Einzelner künftlich ifoliert wird,
fondern in Gemeinfchaft tritt. Diefe Gemeinfchaft kann
Gefühlsgemeinfchaft fein: diefe für fich ift aber zu unftät, j
oder Zweckgemeinfchaft: diefe für fich aber ift rein ab- I
ftrakt fachlich und hat kein inneres Verhältnis zu der
Perfönlichkeit, oder fie kann beides verbinden: als Einheit
von Zweckgemeinfchaft und Gefühlsgemeinfchaft ift fie
Lebensgemeinfchaft.

Keine Lebensgemeinfchaft kann beftehen ohne lebendige
Form; wo immer das gemeinfame Leben feinen Inhalt
zu unmittelbarer Erfcheinung bringt, ift lebendige Form; 1
fie ift die Form unferes Handelns, die als lebendige niemals
völlig abgefchloffen ift. So ift die Sprache, die Sitte
lebendige Form. Sie hat in fich den Widerftreit zwifchen
dem wechfelnden Leben, das die Fettigkeit der Form
zerftört, und der Enge der Form, die das Leben einfchränkt.
Durch das befreite Bewußtfein kommt diefer Zwiefpalt zu
Tage. Der Verftand untergräbt kritifch die Selbftverftänd-
lichkeit der lebendigen Formen, während auf der anderen
Seite derfelbe Verftand diefe Formen fyftematifiert und
zu juriftifcher oder priefterlicher Erftarrung bringt. So
kommt es darauf an, zu prüfen, in den lebendigen Formen
zu ftehen und doch zugleich über ihnen, weil fie felbft j
mit dem Leben fich ändern. Freiheit und Hingabe ift zu
einigen. Über die Ziele hat der technifche Verftand nicht
zu entfcheiden, aber über die Mittel. Man foll in den
lebendigen Formen leben, ohne fie für abfolut berechtigt
zu halten, foll unterfcheiden, was in ihnen lebendig, was
abgeftorben ift. ,Die Formen müffen elaftifch, gefchmeidig
werden.'

Wenn fo die Lebensgemeinfchaften in beftimmten
Lebensformen fich ausleben, fo befpricht er nun im Einzelnen
die Lebensgemeinfchaften der Freundfchaft, der
Ehe, der Familie, der Kunft, des nationalen und ftaat-
lichen Lebens, des internationalen menfchheitlichen, endlich
des religiöfen Gemeinfchaftslebens, die fich von engeren
zu immer umfaffendereri Gemeinfchaftskreifen erweitern.

Wenn fo die Kultur zu einer allumfaffenden Einheit
hinftrebt, fo find ihm doch die letzten Gegenfätze nicht
zu einer Einheit zurückzuführen; hier kommt die Religion
als Erfüllung des befreiten Geiftes in Betracht, fofern fie
die Einheit, die der Zielpunkt alles befonderen Strebens
ift, ,in diefem Streben erlebt'. Im Zeitalter des befreiten
Geiftes ift die Religion in zwei Richtungen möglich, indem
fie einmal das Endliche durch Verbindung mit
der Gottheit weiht, indem fie aber zweitens zur Gottheit
allein über das Endliche hinausftrebt, da das
Endliche die Vollendung nie erreicht. So ergibt fich
Religion der Weihe und der Abkehr. Das Chriftentum
hat beide Seiten. Hier ift auch der Zwiefpalt Zwilchen
der heiligen Gefchichte als einzigartig göttlicher und der
hiftorifchen Kritik. Der befreite Geilt kann nicht mehr
das Göttliche in einer endlichen Geltalt fehen, fondern diefe
nur als auf das Göttliche hinzielend. ,In der Richtung
auf Gott haben wir Gott, und eben, weil es nur Richtung
auf Gott ift, haben wir Gott nicht'

DerVerfaffer fuchtvonden empirifch aufgenommenen
Kulturwerten zu einer umfaffenden Einheit vorzudringen.
Aber zu einem befriedigenden einheitlichen Abfchluß
bringt er es nicht. Alle menfchliche Kultur haftet an der
Perfönlichkeit und foll doch überindividuell fein, fie ftrebt
nach der Totalität eines organifchen Lebens gegenüber
dem Mechanismus und erreicht fie nicht, fie foll ethifch
wertvoll fein und bleibt doch im Relativen ftecken, auch
die Religion kommt über den Dualismus zwifchen Endlichem
und Unendlichem nicht hinaus. Auch den Dualismus
zwifchen Verftand, der zerfetzt und den Mechanismus
erzeugt, und der organifchen Vernunft vermag er nicht
zu löfen. Nicht aus der Einheit heraus fucht er die einzelnen
Werte als Glieder des Organismus zu verftehen,
fondern nimmt fie empirifch auf, indem er die Kreife
immer umfaffender zieht. Die Totalität befteht nur als
Ideal der Frömmigkeit, Gott felbft ift aber zugleich wieder
unfagbar, allem Konkreten abgewandt. Nur die Annäherung
an die Idee kommt im religiöfen Leben zum
Bewußtfein. Der Verf. kann fich nicht von dem Dualismus
Kants losmachen. Eine Kulturphilofophie kann nur
zu einem widerfpruchslofen Refultat kommen, wenn fie
von einer ethifchen Konftruktion ausgeht, wie fie u. a.
Schleiermacher verflicht hat. Hiermit will ich aber nicht
in Abrede ftellen, daß diefe Schrift im Einzelnen viel
Beachtenswertes enthält, unter dem das über die nationale
und internationale Gemeinfchaft Gefagte das meifte aktuelle
Intereffe bieten dürfte.

Königsberg i/Pr. Dorn er.

Scheiner, Pfr. Mart: Die Sakramente u. Gottes Wort. (XII,
220 S.) 8°. Leipzig, A. Deichert Nachf. 1914. M. 5 —

Die vorliegende Arbeit ift aus den,Nöten' entfprungen,
in welche die evangelifch-lutherifche Kirche Siebenbürgens
durch ihre Berührung mit der modernen liberalen Theologie
Deutfchlands geraten ift. Wie in feiner Schrift ,Die
Auferltehung Jefu', Hermannftadt 1912, fo will Sch. auch
diesmal, nach feinem Widmungswort an feine Eltern, den
Nachweis liefern, ,daß der evangelifch-lutherifche Glaube,
wie er in unferm fiebenbürgifch-fächfifchen Volke lebte
und wirkte, noch immer den feften Grund Matthäus 7, 24fg.
hat, deß fich Niemand zu fchämen, von dem keiner abzuweichen
braucht'.

,Wie in Luthers Tagen, fo wogt auch heute der
Kampf am heißeften um die Bedeutung der Bibel und
der Sakramente für unfern Glauben'. Als »moderne
Schwarmgeifterei' bezeichnet Sch. die durch die hiftorifch-
kritifchen Schulen vertretene Richtung. Mit derfelben
fetzt er fich in feiner Schrift auseinander. Der erfte Teil
handelt von der Taufe (4—62), der zweite vom heiligen
Abendmahl (63—120), der dritte vom Sakramente als
Gnadenmittel (121 —169), der letzte ,von der heiligen