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Ausgabe:

1915 Nr. 24

Spalte:

507-511

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Elbogen, Ismar

Titel/Untertitel:

Der jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung 1915

Rezensent:

Staerk, Willy

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507 Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 24. 508

für die Entfcheidung der Frage ftark überfchätzt und
die von andern (Zeller, Natorp, Pohlenz) erhobenen Bedenken
zu wenig beachtet.

Königsberg i. Pr. Goedeckemeyer.

ElbogetT, Ismar: Der jüdifche Gottesdienft in feiner gefchicht-
ILhen Entwicklung. (Schriften, hrsg. v. der Gef. zur
Förderg. der Wiff. des Judentums.) (XVI, 619 S.) gr. 8°.
Leipzig, Buchh. G. Fock 1913. M. 12 —; geb. M. 13.25

Ref. muß die Anzeige diefes hervorragenden wiffen-
fchaftlichen Werkes mit dem Ausdruck des Bedauerns
darüber beginnen, daß fie fich wider feinen Willen unter
den derzeitigen unruhigen Verhältniffen von Monat zu
Monat verzögert hat. Es hätte der Bedeutung des Buches
für die theologifche Forfcbung entfprochen, wenn durch
eine ausführliche Befprechung möglichft bald nach feinem
Erfcheinen (vor etwa 1 l2 Jahren) die Aufmerkfamkeit
weiterer chrift.icher Gelehrtenkreife darauf gelenkt worden
wäre. Inzwifchen haben wenigftens jüdifche Gelehrte E.s ,
Arbeit in kürzeren Anzeigen nach Verdienft gewürdigt, ! glaubwürdigen Urteil von 1l Perles auch in jüdifchen
vgl. F. Perles in OLZ., 1915, 5, L. Blau in DLZ., 1914, I Kreifen nur feiten zu finden ift, wie wird es dann erft

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für den Ritus kennt, und weiß, daß in diefem ftarrköpfigen
Hängen an fpäten liturgifchen Traditionen die Unfähigkeit
der jüdifchen Laien — und auch zum großen Teil
der Gelehrtenwelt — zu gefchichtlichem Denken am deut-
lichften zum Ausdruck kommt, wird allein aus diefer
völligen Verfchiebung des wiffenfchaftlichen Intereffes
entnehmen können, daß der Grundzug von E.s Arbeit
eine in diefen Kreifen feltene Kraft gefchichtlicher Objektivität
ift.

Einer der jüdifchen Rezenfenten hat E.s Werk eine
gemeinverftandliche Arbeit genannt. Das kann indeffen
nur für die gefchichtliche Synthefe des 2. und für den
befchreibenden 3. Hauptteil gelten. Der 1. analytifche
Hauptteil, der die Darfteilung des jüdifchen Gottes-
dienftes nach den Gefichtspunkten: der tägliche Gottes-
dienft, der Gottesdienft an ausgezeichneten Tagen, Schnlt-
verlefung und Predigt und Piut bringt, fetzt bei dem
Lefer nicht bloß Kenntnis der Ordnungen des jüdifchen
Gebetbuches voraus, fondern darüber hinaus eine gewiffe
fachmännifche Vertrautheit mit den liturgifchen Texten
und der rabbinifchen Literatur. Wenn diefe nach dem

32 und S. Krauß in LZB. 1915, 9. Seit L. Zunz' ,Gottes
dienftlichen Vorträgen', mit denen eigentlich erft die

unter den chriftlichen Theologen beftellt fein 1 Den Formen
des fynagogalen Gottesdienftes haben fie m. W. bisher

Wiffenfchaft vom Judentum beginnt, ift über das fchwierige wenig ode . überhaupt keine Beachtung gefchenkt'. Zum

Thema der Entftehung und Entwicklung des jüdifchen
Gottesdienftes kaum etwas gefchrieben worden, was den
Unterfuchungen E.s ebenbürtig an die Seite geftellt werden
könnte, obgleich die Literatur über Gebet und Gottesdienft
im Judentum ziemlich umfangreich ift. Im Unter-
fchied von allen feinen Vorgängern ift E.s Arbeit gleich
ausgezeichnet durch umfaffende Kenntnis der Quellen,
bef. der h indfchriftlichen und gedruckten zu den Gebets-
fammlungen und Gebetsordnungen, und der einfchlägigen
Literatur, vorfichtige kritifche Benutzung der Tradition
und feines gefchichtliches Verftändnis der geiftigen Kräfte,
die durch die Jahrhunderte hin an der Ausgeftaltung des
gottesdienftlichen Ritus gearbeitet haben.

Studium diefes 1. grundlegenden Kapitels von E.s Werk
muß alfo der Lefer mindeftens ein jüdifches Gebetbuch
zur Hand haben und fich damit etwas vertraut gemacht
haben. Das Ziel der analytifchen Behandlung der liturgifchen
Texte ift überall ein doppeltes: E. will durch
die Wildnis der jetzt gebräuchlichen Formen bis zu ihrem
Urbeftande vordringen bzw. ihnen die Stelle in der Entwicklung
anweifen, die ihnen nach hiftorifch-kritifchem
Urteil zukommt, und er will ihren älteften Wortlaut und
feine Wandlungen gefchichtlich verftehen lehren. Hier
führt E. natürlich z. T. weit über Zunz hinaus, weil ihm
viel mehr Material zur Gefchichte der Texte zur Verfügung
fteht. Von befonderem wiffenfchaftlichen Werte find feine

Als Aufgabe hat fich E. geftellt, eine gefchichtliche j Ausführungen über den früh zurückgedrängten palafti-
Darftellung des jüdifchen Gottesdienftes zu geben, wie er ! mfchen Ritus. In diefem erften Teil hat E. die Ergeb-
fich hin und her in den Gemeinden entwickelt hat. Da- i mffe feiner früheren monographifchen Unterfuchungen,
bei bleibt aber fein Blick nicht auf den deutfchen Ritus j über das Achtzehngebet (1902) und,Studien zur Gefchichte
befchränkt, obwohl er ihm, feiner kirchlichen Bedeutung ! des jüdifchen Gottesdienftes'(1907) gefchickt eingearbeitet,
entfprechend, belondere Aufmerkfamkeit widmet. E. hat j erftere übrigens mit fehr beachtenswerten Änderungen,
vielmehr das gefamte Judentum der alten und neuen ! vgl. dazu die Anm. auf S. 516 Nr. 5. Als einen formalen

Welt berückfichtigt. Mit flaunenerregender Stoffkenntnis
hat er alle wichtigen Gebetsordnungen, alle einigermaßen

Mangel diefer großzugigen Analyfe, die ein Drittel des
ganzen Werkes ausfüllt, möchte ich es bezeichnen, daß

wichtigen Ritusgruppen herangezogen. Trotzdem bleibt j E- eine Menge rabbinifcher Belegftellen ohne jede nähere
er nie an den Einzelheiten hängen, fondern hat es ver- ! Andeutung ihres Inhaltes bringt. Er hat dabei vergehen,
(landen, feine Darftellung in allen Teilen der Aufgabe I daß nur fehr wenige nichtjüdifche Theologen lmftande
dienftbar zu machen, den jüdifchen Gottesdienft als ge- ; fein werden, diefe unpunktierten Zitate zu lefen, vielleicht
fchichtlich einheitliche Größe in die Erfcheinung treten ! gerade diejenigen am wenigften, für die feine meifterhafte
zu laffen. Arbeit von größter Bedeutung ift, die praktifchen Theo-

Unter jüdifchem Gottesdienft verfteht E. ausfchließ-
iich den fynagogalen. Er hat alfo mit Abficht aus
feiner Darftellung die altteftamentliche Vorftufe des Opferkults
und das große Gebiet der Privatandacht und der

logen.

Im 2. Hauptteil hat E. die Ergebniffe feiner Kritik der
Que len zu einer klar und fchön gefchriebenen Gefchichte
des jüdifchen Gottesdienftes verarbeitet. Ohne einige

Privatkulte ausgefchlofien. Diefe Begrenzung des Stoffes ! Wiederholungen geht es dabei natürlich nicht ab, doch
ift nur zu billigen. Ohne fie wäre das Buch fehr zu i wird der den Stoffen ferner flehende Lefer diefen kleinen
feinem Schaden zu einem unförmigen Handbuch an- j Schönheitsfehler gern mit in Kauf nehmen. E. verteilt
gefchwollen. Ein großer Vorzug des Werkes ift es auch, die ganze gefchichtliche Entwicklung auf drei Perioden:
daß E. mit feinem religiöfen und gefchichtlichen Verftänd- i Di« Zeit der Stammgebete (bis etwa Mitte des 6. Jahr-

nis die Entftehung und Entwicklung des Kerns des jüdifchen
Gebetsritus, nämlich der großen Hauptgebete Schma
und Tefilla,. Privatgebet, Kedufcha, Priefterfegen u. a.,
fn den Vordergrund geftellt, dagegen das faft unüberfeh-

hunderts), die Zeit des Piut (bis Ausgang des 18. Jahrhunderts
) und die Neuzeit. Es liegt in der Natur der
Sache, daß für die nichtjüdifchen Forfcher E.s wiffen-
fchaftliche Ergebniffe bez. der erften Periode und im

bare Gebiet der fynagogalen religiöfen Gebetspoefie, den befondern hinfichtlich der Anfänge des fynagogalen Gottes-

Piut, nur foweit berückfichtigt hat, als er für die Ent- dienftes das größte Intereffe haben, weit über die Kreife

wicklung des Gottesdienftes beftimmend geworden ift. i--

Wer die Vorliebe des Judentums, auch noch des modernen, I , r> Be! Rietfch<7 b 23'ff- wird von Beziehungen der chriftlichen

f.- j:„ U,.„ ». _ i r 1 „ /~„u„4. 1 u • , zur fynagogalen Liturgie überhaupt nicht gefprochen. Drews in RGG.

für die Entartungen des fynagogalen Gebetslebens in der | „ yJQl ^kennt fie wenigftens grundfätzlich an: .der Wortgottesdienft

riutpoelie und die verhängnisvolle Bedeutung diefer Poefie | der Chriften eine Fortfetzung des Synagogen-Gottesdienftes'.