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Ausgabe:

1915

Spalte:

413-415

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stephan, Horst

Titel/Untertitel:

Religion und Gott im modernen Geistesleben 1915

Rezensent:

Lobstein, Paul

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er ein mit dem Abfchnitte über den .rechtfertigenden
Glauben und das theologifche Syftem'. Folgerichtig
fchließt fich an .das Kreuz Grund und Maß für die
Theologie'. Darauf folgt in ftrengerer dogmatifcher Ausführung
.die Verföhnungslehre' und .der Gegenfatz gegen
Albrecht Ritfehl'. .Der Chriftus der Bibel und die Ge-
fchichte' behandelt dann fozufagen den andern Brennpunkt
des K'fchen Denkens. .Der lebendige Gott' und die Welt-
miffion machen den Schluß. Ohne Hervorhebung des
letzten Punktes würde etwas Wefentliches fehlen, und
auch die Betonung des .lebendigen Gottes' macht durchaus
den Eindruck, von der Verfenkung in K's Eigenart
gefordert zu fein. Jene mittleren Abfchnitte leiden wohl
ein wenig unter der ftarken Rückficht auf die Polemik.
Insbefondere in bezug auf Ritfehl Ichleichen fich Sätze
ein, die doch von jedem Standpunkt aus der Vergeffen-
heit anheimfallen dürften, fo die aus einem ungedruckten
Kollegheft K's flammende Verwandtfchaft des K'fchen
Gottesgedanken mit der Hegel'fchen Idee. Auch wird
man, wieder ohne Rückficht auf abweichende Stellungnahme
, fagen müffen, daß die bei K. felbft bemerkbare
Unficherheit bezüglich des offen anerkannten .Gott ward
nicht verföhnt' im Verhältnis zu dem Beftreben, die Wirkung
Chrifti auf Gott zu betonen, in Z's Darftellung
noch ftärker hervortritt. Sofern aber folche Urteile noch
immer kaum dem Streit der Richtungen entnommen
werden können, mag eine allgemeine Bemerkung Raum
finden. Z. würde der wirklichen und m. E. bleibenden
Bedeutung K's gerechter, wenn er mit dem von ihm in
dem grundfätzlichen erften Abfchnitt keineswegs ver-
geffenen Gedanken vollen Ernft machte, daß K. der ,Zu-
fammenfehau des Gefchichtlichen mit den Tatfachen des
darauf bezogenen inneren Lebens' zuftrebte, ,den Glauben
des Subjekts in englte Beziehung zu den objektiven Gründen
des Glaubens' fetzen wollte. Diefe Abficht war K's wirkliche
Größe; feine Schranke, wenn er diefe Abficht nicht
rein verwirklichen konnte, fei es in feinen dogmatifchen
Einzelausführungen über die Verformung, fei es in denen
über den .biblifchen Chriftus'. Hier liegt auch der innere,
nicht durch künftliche Harmonifierung fcheinbar herge-
ftellte Einheitspunkt der theologifchen Arbeit K's mit
der zukunftsreichen theologifchen Gefamtarbeit aller derer,
welche für das wirkliche Evangelium eintreten. Es wäre
zu bedauern, wenn diefe Zufammenarbeit durch die berühmten
einzelnen .Mehrforderungen' gefchädigt würde,
die den Blick auf die Hauptfache nur trüben. (Da Z. auf
meinen Auffatz über K. in Z.Th.K. 1913, S. 1 ff. hinge-
wiefen hat, darf ich betreffs diefes, wie mir fcheint, ent-
fcheidenden Punktes darauf verweifen, um Wiederholungen
zu vermeiden.)

Tübingen. Th. Haering.

Herrmann, Prof. D. W.: Die chriftliche Religion unferer
Zeit. I. Die Wirklichkeit Gottes. (48 S.) 8°. Tübingen,
J. C. B. Mohr 1914. M. — 75

Stephan, Prof. Lic. Horft: Religion und Gott im modernen
Geiftesleben. Zwei Vorträge. (IV, 95 S.) gr. 8».
Tübingen, J. C. B. Mohr 1914. M. 2 —

,Die Religion will dem Menfchen Rettung aus feinen
Nöten bringen, indem fie ihn mit Gott verbindet. Wahr
kann alfo die Religion nur fein, wenn Gott der Wirklichkeit
angehört, in der wir leben, leiden und kämpfen.
Wie werden wir deffen gewiß?' So formuliert Herrmann
das Problem, deffen Löfung er auf dem von ihm in
feinen früheren Schriften klar und kräftig dargelegten
Wege auch hier aufs neue darzutun fucht. — Wenn es
auch unmöglich ift, Gottes Wirklichkeit zu beweifen, fo kann
es doch für jeden Menfchen möglich fein, Gottes Wirklichkeit
zu finden. Diefe Wirklichkeit erleben wir in Tatfachen
, in deren Erfahrung wir uns frei und glücklich

| fühlen. Überall, wo der Ernft und die Güte treuer Menfchen
uns dazu bringt, uns zu demütigen und ihnen wirklich
j zu vertrauen, ift der Boden vorhanden, aus welchem die
Pflanze des Gottesglaubens ihre Nahrung fchöpft. In der
I herzlichen Hingabe an die perfönliche Kraft der Gerechtig-
1 keit und Güte find wir uns einer Wirklichkeit bewußt,
deren wir uns nicht mehr erwehren, weil wir uns ihr frei
überlaffen, einer Wirklichkeit, die das Lebenselement des
j Menfchen ift. Daß diefe den Sinnen verborgene, aber
jedem Menfchen fich offenbarende Macht ailein der le-
| bendige Gott ift, ging in dem Monotheismus Ifraels der
I Menfchheit auf. Wie das zuging, daß die Religion If-
raels die Religion der Menfchheit wurde, ift für uns nicht
| die Hauptfache; aber das müffen wir wiffen, wie wir felbft
dazu kommen können, daß Gott uns ebenfo in der von
uns durchlebten Wirklichkeit als eine anfehauliche Macht
j gegenwärtig ift. In dem, was er an uns wirkte, ift er uns
erfchienen, doch nur dann, wenn wir das, was wir erleben,
nicht zerflattern laffen, fondern uns den Wirkungen er-
fchließen, die von dem Allmächtigen und Unfichtbaren
ausgehn. So kann jeder Menfch in der von ihm felbft
erlebten Gefchichte den auf ihn wirkenden Gott finden.
Hat er ihn gefunden, fo kann ihm in der neuteftament-
lichen Überlieferung die Perfon Jefu begegnen, und er
wird daher in ihr mit Frohlocken den Erlöler begrüßen,
deffen gerade er von nun an bedarf.

Man erkennt in diefen Ausführungen die Gedankengänge
, die H. öfters, befonders in feiner Ethik, ausführlich
entwickelt und begründet hat. Den unerfchöpf liehen Reichtum
der von ihm unermüdlich vertretenen Grundanfchau-
ungen weiß der Vf. auch in diefer Schrift nach verfchiede-
nen Seiten hin zur Getung zu bringen. Man lefe z. B. den
Nachweis, wie Sittlichkeit, Kunft und Wiffenfchaft in be-
fonderer Weife zur Religion gehören und wir fie in gleicher
Weife der Religion bedürfen, S. 17 f. Auch die vielum-
ftrittenen Eigentümlichkeiten H.'s, feine Stellung zurfogen.
natürlichen Religion, zur Religionsphilofophie, zur Myftik
kommen wieder zum Ausdruck: .Wenn diefe Wiffenfchaft
ftirbt, die fich Religionsphilofophie zu nennen wagt, wird
der Glaube auf feine eignen Füße gebracht (9)'. .Wenn
wir an Gott glauben, fo werden wir im Gewiffen feine
Stimme hören, aber durch das Gewiffen allein hat kein
Menfch Glauben an Gott (16)' — ,Daß in der heutigen
evangelifchen Kirche der uneingefchränkte Lobpreis der
Myftik nicht verdummen kann, ift begründet in dem allgemeinen
Rückzug auf katholifche Auffaffungen der Religion
' (36). — H.'s Schrift über die Wirklichkeit Gottes
bildet das erfte Heft einer umfaffenderen Arbeit, die den
Titel führt: ,Die chriftliche Religion unferer Zeit'.

Die zwei Vorträge Stephan's, die während des
Winters 1913—19(4 einzeln an verfchiedenen Orten gehalten
wurden, find an fich nicht auf einander abgeftimmt;
vielmehr gehörte der zweite ,Gott im modernen Geiftesleben
' als Schlußglied einem Zyklus an, in dem vorher
Herrmann über die Wirklichkeit Gottes, Rade über Gott
in der Natur und Eck über Gott in der Gefchichte ge-
fprochen hatten. Immerhin ergänzen fich beide Vorträge
| gegenfeitig, und ihre Veröffentlichung ift eine dankenswerte
Einführung in die Fülle des religiöfen Suchens, die
die Gegenwart kennzeichnet.

In dem erften Vortrag über ,das religiöfe Suchen
unferer Zeit' entwirft St. zunächft eine Skizze des religiöfen
Suchens, wie dasfelbe bei den Führern auf dem Gebiete der
Kunft, der Dichtung, der Wiffenfchaft und der Philofophie
hervortritt und gelangt dabei zu dem Ergebnis: ,Die Religion
ift heute, auch neben dem kirchlichen Befitz, trotz des irre-
ligiöfen Charakters unferer Kultur eine Lebensmacht'.
(14). Hierauf fetzt er fich mit der doppelten Störung
auseinander, die er in der religiöfen Bewegung unferer
Zeit wahrnimmt. Die eine ftützt fich auf die asketifche
Seite des Menfchengeiftes (17—27). Ihre Unzulänglichkeit
ift darin begründet, daß fie keine Inhalte erzeugen
kann, und deshalb die religiöfe Sehnfucht beftenfalls le-