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Ausgabe:

1915 Nr. 1

Spalte:

406-408

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Friedensburg, Walter (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Archiv für Reformationsgeschichte. Texte und Untersuchungen. 11. Jahrg 1915

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 18/19.

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gehoben werden könne — fo hatte der Grobvater (vgl.
Schnitzers früheres Buch über ihn) und die Autorität des
Thomas von Aquino es ihn gelehrt. Die Wirkung feines
Auftretens, das bei den jüngeren Mönchen lebhafte Zu-
ftimmung fand, war zunächft die Loslöfung S. Marcos
aus dem lombardifchen Verbände 1493. Diefer volle Erfolg
brachte Savonarola aber zugleich Feindfchaft, vorab
die des P. Franz Mei, der in Rom die Rolle des Intriganten
fpielte. Er war es, der beim Papfte die Errichtung
einer neuen Kongregation verfügte, die als römifch-tuscifche
auch S. Marco in fich befaffen follte, und damit Savonarola
die Falle ftellte, entweder auf die Selbftändigkeit von
S. Marco zu verzichten oder fich dem Kirchenbanne aus-
zufetzen. Er wählte letzteres, und 1497 fiel der Bannftrahl,
und fein Schickfal vollendete fich alsbald. Er ift fchließ-
lich des Intrigenfpiels müde gewefen und hat fich felbft
aufgegeben d. h. zu den ihm in den Mund gelegten ge-
fälfchten Geftändniffen gefchwiegen. Daraufhin haben j
ihn auch feine Mönche verraten. Der von Sch. fehr an-
fchaulich und klar durchgefühl te Gefichtspunkt (man vgl. j
damit die kurzen Andeutungen bei Benrath RE;1 XVII
508) darf allgemeiner Zuftimmung ficher fein. — Zu der
Tat des Joachim Turriani, Savonarola das Ordenskleid
mit Schimpf vom Leibe reiben zu laffen, möchte ich auf
das analoge Verfahren bei der Hinrichtung der Dominikaner
im Jetzerprozeffe hinweifen. Murner berichtet:,Den I
Orden (den Ordenshabit) zog er (der Bifchof) ihm auch
ab, daß mancher hätt' ein Trauern drab (G. Schuhmann:
Die Berner Jetzertragödie S. 97). Es fcheint das Sitte
gewefen zu fein; wenn ja, dann würde die Rohheit des i
Schergen für das damalige Bewubtfein etwas verlieren.

Zürich. Walther Köhler.

Schlecht, Jofeph: Pius III und die deutfche Nation. Mit

e. Anh. ungedruckter Briefe und dem Lobgedichte
des Engelbert Funk. (III, 60 S. m. 1. Tafel) gr. 4°.
Kempten, J. Köfel 1914. M. 3 —

Diefes Heft enthält den Beitrag, den Schlecht zu der
Feftfchrift der Görres-Gefellfchaft zur Pflege der Wiffen-
fchaft im katholifchen Deutfchland für G. von Hertling
zu deffen 70. Geburtstage am 31. Auguft 1913 beigefteuert
hat; er ift vermehrt worden um eine Anzahl von Briefen
von und an den Kardinal Franz Piccolomini. Der Titel
ift irreführend; in Wirklichkeit ift nicht von Pius III. die
Rede; für deffen Deutfehfreundlichkeit kann nur angeführt
werden, daß fich in dem Heere feines Hofftaates
viele deutfche Namen finden; es wird von dem Kardinal
Franz Piccolomini, dem nachmaligen Papft Pius III., und
feinem Verhältnis zu dem deutfehen Reich und Volk,
zu feinen Fürften und Gelehrten gehandelt. Dies Verhältnis
wird aufgefaßt als ein durchaus freundfchaftliches,
es wurzelte in innerer Hochfehätzung und perfönheher
Liebe und Anteilnahme. Ich halte diefe Auffaffung nicht
für begründet, kann auch nicht finden, daß fie von dem
Verfafler erwiefen worden fei. Sie läßt fich nur ftützen durch
eigne Worte des Kardinals, die er in Briefen und Reden gebraucht
, durch die er etwas erreichen wollte,, die aber nichts
weiter find als galante Phrafen, und durch Äußerungen von
Stellen, die durch den Kardinal etwas an der Kurie erreichen
wollten. Es gibt keine Tat des Kardinals, die fich nicht aus
der päpftlichen Politik, zu der er verpflichtet war, erklären
ließe, die aus reiner Liebe zu Deutfchland erklärt werden
müßte. Er galt als Kenner deutfeher Verhältnifle, weil er als
Knabe in Deutfchland gewefen und der Neffe Pius' II.
war, deffen deutfche Freundfchaften er zu benutzen fachte.
Deswegen wurde ihm das Protektorat der deutfehen Nation
an der Kurie übertragen (das doch nicht ein ,Amt' ift).
Daß er fich mit den Deutfehen gut zu Mellen wünfehte,
mag außer durch die Politik durch die reichen deutfehen
Pfründen, die er befaß, veranlaßt fein. Sehr wenig zu
feinen GunMen fpricht das von Schlecht mitgeteilte

Schreiben an Kaifer Friedrich III., in dem ich nicht einen
edlen Freimut, fondern den Ärger über die entzogene
Pfründe finde. Wenn ich fo in der Beurteilung des Ver-
hältniffes des Kardinals zu den Deutfehen nicht mit
dem Verfaffer übereinMimme, fo halte ich doch die Zu-
fammenMellung des Stoffes und die Mitteilung neuen
Materials für fehr dankenswert. Im Anhange werden
27 Schreiben von und an den Kardinal, das Lobgedicht des
Engelbert Funk auf ihn und ein Schreiben der Stadt Nürnberg
an den PapM Pius III. abgedruckt. Fünf Schreiben an
die Stadt Breslau Mammen aus der Roppanfchen Sammlung
im Archiv der Stadt Breslau, 9 Schreiben aus der Hand-
fchrift 1077 der Biblioteca Angelica in Rom, die andern
aus der Münchener Hofbibliothek, dem Archiv des Stiftes
Admont, dem Kreisarchiv Nürnberg. Das beigegebene
Fakfimile ermöglicht eine Prüfung; fie fällt nicht durchweg
erfreulich aus. In dem 4. Brief Meht im Original
Z. 6 nicht minore, fondern minori, Z. 7 nicht Bea, fondern
Be, S. 24 Z. 1 njeht dicemus, fondern dicamus, Z. 6 nicht
xpo, fondern xpo (= ChriMo); in der Anmerkung b darf
es nicht heißen: aus eius verbeffert, fondern aus eum ver-
beffert. Warum die Sigla für Sanctitas, Sanctiffimus ufw.
im Drucke nicht aufgelöM, fondern dem Original nachgebildet
werden, iM nicht einzufehen, ebenfowenig warum
den einzelnen Briefen nicht eine kurze Inhaltsangabe vorgefetzt
wird, wie es doch jetzt allgemein üblich iM.

Kiel. G. Ficker.

Archiv für Reformationsgelchichte. Texte u. Unterfuchgn. In
Verbindg. mit dem Verein f. Reformationsgefchichte
hrsg. v. D. Walter Friedensburg. 11. Jahrg. (320 u.
IIIS.) gr. 8°. Leipzig, M. HeinfiusNachf. 1914. M. 15 —

Eine ganze Reihe der im ARG dargebotenen Arbeiten
befchäftigt fich mit Luther, feinen Freunden und Gegnern.
Von hervorragender Bedeutung iM die Abhandlung von
Kalkoff ,Luthers Antwort auf Kajetans Ablaßdekretale
30. Mai 1519', wie feine früheren Arbeiten über Luthers
römifchen Prozeß und die von Kajetan verfaßte Ablaßdekretale
. Jetzt zeigt er die auch fonM bemerkte Unnahbarkeit
des KurfürMen Friedrich für Miltiz und felbM für
Kajetan, die unwillkürlich an die Erfahrungen von P. P.
Vergerius mit dem KurfürMen Ludwig von der Pfalz erinnert
.

Der Verlauf der Dinge, die Verdienflc Spalatius, feine ftete Fühlung
mit Luther, der über alle Kundgebungen des Papftes, feines Legaten und
Kommiflars fogleich unterrichtet wird, Luthers Kritik an der Ablaßdekretale
treten jetzt in klareres Licht. Die richtige Einreibung und Datierung
der Schriftftücke zeigt Fortfehritte auch in der Auseinanderfetzung mit
Lockeinann. Vgl. die Anfetzung des liriefes De W. i, 575. Enders 1. 368
auf Ende Mai 1519 und die wertvolle Kekonftruktion des verloreuen
1 Schreibens Kajetans S. 166. Zwei dunkle Stellen in Luthers Briefen find
jetzt verftändlich. Gewöhnliche Flunkerei von Miltitz ift es, wenn Luther
am 30. Mai 1519 fchreibt: Dicitur mihi papyraceus Martinus in Campo
| Florae publice combustus, execratus, devotus. Erft am 12. Juni 1521
I wurde fein hölzernes Standbild mit feinen Schriften auf der Piazza Kavona
verbrannt (S. 166). Die maior tentatio, von welcher Luther am 6. Juni
1519 nur mündlich mit Joh. Lang reden wollte, ift der Zufammeubruch
feines bisherigen Refpekts vor der pletiitudo poftestatis des Papftes gegenüber
von Gott und Gottes Wort.

R. Jung teilt einen Brief eines jungen in Wittenberg
Mudierenden Frankfurters Joh. v. Glauburg vom i. Okt.
1523 mit, der zeigt, mit welcher Geringfehätzung die Schrift
von Cochläus ,Adversus cucullatum Minotaurum Witten-
bergensem' in Wittenberg aufgenommen wurde als Unfinn

| und Schmeichelei gegen die Frankfurter, gegründet auf
unhaltbare Gründe, eingegeben von Geldgier. Eine Lücke
in der Gefchichte KarlMadts füllt W. Friedensburg aus

I durch Mitteilung des Briefs von KarlMadt vom 8. Juni
1521, worin er dem KurfürMen mitteilt, daß er nicht nur
auf die Pfarrei Orlamünde, fondern auch auf das Archi-

I diakonat in Wittenberg verzichte, da er fich Gewiffens

i halber nicht am MeßgottesdienM beteiligen könne. Er
wollte dies perfönlich in Wittenberg erklären, aber Hoch-

I waffer hinderte ihn am Weiterreifen. Der KurfürM aber