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Ausgabe:

1915 Nr. 1

Spalte:

383-385

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Cohen, Hermann

Titel/Untertitel:

Die religiösen Bewegungen der Gegenwart. Ein Vortrag 1915

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 16/17.

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individuellen Wefensgrundes darftellt'. Diefer Gedanke,
in dem der Verf. gipfelt, ift nicht völlig klar, denn wenn
der Seelengrund überindividuell ift, fo ift er doch unter-
fchieden von dem Ich und greift über dasfelbe über, zumal
Gott nicht bloß in einer einzelnen Seele fondern in
allen aktuell fein foll. Man könnte da ebenfogut fagen,
daß fich die überindividuelle Gottheit in den einzelnen
Seelen betätige — und das wäre metaphyfifch, wenn man
nicht das Überindividuelle nur in einem fubjektiven Ideal
oder Werturteil finden wollte. Im letzteren Falle würde
die Gottheit in fubjektiven pfychologifchen Vorgängen
untergehen. Das will weder die Myftik noch Kant.

Hiernach ift es ganz verftändlich, daß Schwarz auch
Luther den transzendenten Standpunkt vorwirft und nur
einen Fortfehritt bei ihm findet, fofern er die Ethik der
Gerinnung der Liebe an das konkrete natürliche Leben
anfchließt.

Der dritte Abfchnitt umfaßt den Gottesgedanken im
Beginn der neueren Philofophie und behandelt Gott als
das abfolute Differential bei Nicolaus Cusanus und Gior-
dano Brunos pantheiftifche Religiofität. Beide bemühen
fich Gott fo zu verftehen, daß aus ihm das Werden der Welt
und die Weltharmonie begreiflich wird. Den Höhepunkt
ftellt aber Böhme dar, weil er den immanenten Gott vertrete
, indem Gott je nach dem Entfeheiden der Seele wolle:
in den Guten das Gute, in den Böfen das Böfe. Wo
unfer Wille fich hinfehwingt, da werde Gott und Teufel.
Auch hier fei der auswärtige Gott verfchwunden. Nur
in menfehlichen Seelen fei göttliche Lebendigkeit. Daß
er noch der Natur gegenüber afketifch fei, tadelt Schwarz,
betont aber zugleich die Gefahr, fich im Naturleben zu
zerfplittern.

Es ift gewiß richtig, wenn Schwarz im Chriftentum
die ethifch beftimmte Gottmenfchheit fieht; auch das ift
im Allgemeinen richtig, daß die Bewegung zur Verinner-
lichung fortfehreitet. Aber man wird zugeben müffen,
daß eine fo einfeitige Betonung der Immanenz, die die
Unterfchiedlichkeit Gottes von der Seele leugnete und
eine objektive ontologifche Gottheit beftritte, über das
Ziel hinausfehießt. Für alle Seelen wie für die Natur
muß Gott die letzte Quelle fein, nicht kann Gott erft aus
unferer Gottanlage werden. Nicht die einfeitige Immanenz
(die übrigens nur Immanenz in der Seele fein foll
— bei Leibe nicht in der Natur, denn das wäre Pantheismus
) fondern das Ineinander von Transzendenz und
Immanenz ift es, worauf es ankommt. Wenn ich Schwarz
recht verftehe, würde nach ihm die Immanenz rein pfy-
chologifch, und die Gottheit fiele mit unferem Ideal oder
unferen Werturteilen zufammen. So gibt es denn freilich
keine Vergottung des Menfchen, die übrigens keineswegs
einen Untergang in Gott bedeuten foll; es gäbe nur eine
Vermenfchlichung Gottes, der kein Fürfichfein mehr hat,
d. h. im Grunde eine Auflöfung der Religion in einen rein
pfychologifchen Vorgang. Das hat aber weder Böhme
noch Eckart gewollt.

Königsberg i. Pr. Dorne r.

Cohen, Geh. Reg.-R. Prof. Dr. Herrn.: Die religiöfen Bewegungen
der Gegenwart. Ein Vortrag. (Schriften, hrsg. v.
der Gefellfchaft zur Förderung der Wiffenfchaft des
Judentums.) (31 S.) gr. 8°. Leipzig, Buchhandlung G.
Fock 1914. M. 1 —

Wenn ein fo bedeutender und charaktervoller Denker
wie Hermann Cohen das Wort zur Religionsphilofophie
ergreift, fo weiß man von vornherein, daß es viel zu lernen
gibt. Es ift zugleich um fo interefianter, als hier der Denker
einmal nicht von chriftlichen, fondern von jüdifchen Erziehungsgrundlagen
und Lebensverbindungen herkommt
und in feinem Refultat auch diefe Erfahrungsgrundlage
nachdrücklich zu behaupten fich wiffenfehaftlich berechtigt
fühlt. Dabei ift aber doch auch er der Religions-

philofoph, der den Ausgangspunkt von der Zufälligkeit
der perfönlichen Lebenszufammenhänge befreit, das Refultat
aus allgemeingiltiger d. h. wiffenfchaftlich-philo-
fophifcher Begründung herausarbeitet und deshalb bewußt
das Judentum ,idealifiert', d. h. nach der Seite feines all-
gemeingiltigen Ideengehaltes betont und dementfprechend
den jüdischen Gemeindeglauben umformt; er ift nicht
Theologe, der den Gemeindeglauben als irgendwie göttlich
legitimierte Autorität behauptet und daher dogmatifche
Autoritätsfätze entfaltet. Aus diefer Stellung zum Gegen-
ftand folgt, daß er nicht bloß zum Zweck des wiffen-
fchaftlichen Verftändniffes und der wertenden Kritik jede
Religion nach Möglichkeit idealifiert d. h. das in ihr enthaltene
Moment der Idee herausholt, fondern daß er auch
den gefchichtlichen Entwickelungsvorgang, in welchem
diefe Idee famt ihren hiftorifchen Formen geworden ift,
im Sinne einer hiftorifch-pfychologifchen Kritik auffaßt,
alfo die Bibelkritik anerkennt, die auch nach feiner
Meinung in allem wefentlichen ein Werk der proteftan-
tifchen freien Bibelforfchung ift; ferner, daß er den gegebenen
Kultus und das gefetzliche Zeremoniell lediglich
pfychologifch und foziologifch, aber nicht fupranatural
verlieht. Es ift ihm diefes Verfahren die Folge der
modernen Wiffenfchaft. Vor ihr gab es ,Lehren von
Gott' auf autoritativer Grundlage, die dann auch die
Lehren vom Menfchen zu beherrschen fuchten und mit
diefen in den unvermeidlichen Gegenfatz von Theologie
und Philofophie hineingerieten. Das wiffenfehaftliche Zeitalter
baute dann aber die ,Lehre vom Menfchen' rational
aus bis zur kritifchen Lehre von der menfehlichen Vernunft
, aus der die Bedingungen der Natur- und der Moral-
wiffenfehaft hervorgehen, und entdeckte nach vorübergehenden
atheiftifchen Velleitäten und pantheiftifchen In-
differenzierungen beider Vernunftrichtungen die unumgängliche
Ausmündung der Wiffenfchaft vom Menfchen
in die damit überall verbundene von Gott. Erft damit wurde
dann die Einheit der Vernunft und der Kultur ftabiliert und,
da Einheit das eigentliche Wefen der Wiffenfchaft ift,
auch die Notwendigkeit der Ausmündung der Wiffenfchaft
in den Gottesbegriff. Das heißt m. a. W.: der im Sinne
Cohens verftandene Kantifche Kritizismus ift die Grundlage
der Religionsphilofophie und mit diefer das wiffenfehaftliche
Mittel zur Abfchätzung des relativen Ideengehaltes
der pofitiven Religionen; die letzteren haben
alle nur einen relativen Ideengehalt, in hiftorifchen Formen
und Befonderheiten erwachfen; aber fie unterfcheiden
fich durch das Maß der Annäherung an die reine, von der
Ethik aus die Welt umfpannende Einheit eines theiftifch-

| ethifchen Gottesgedankes, der immer Idee bleibt und niemals
wieder metaphyfifche Scholaftik werden darf wie im

! Mittelalter.

Diefen Kanon eines tranfzendental-ethifchen Gottes-
1 begriffes wendet C. auf die religiöfen ,Bewegungen' der
Gegenwart an, von denen er freilich ein fehr wenig an-
fchauliches Bild gibt. Es find allerhand Richtungen in
Literatur, Kunft und Philofophie, unter denen er ins-
befondere den Neukatholizismus Bergfons und die pantheiftifche
Verfälfchung der Gottesidee durch Spinoza beklagt
. In der Hauptfache aber hält er fich an die idea-
lifierte d. h. möglichft rationalifierte proteftantifche Theologie
, die er wesentlich nur als Theologie Herrmanns zu
! kennen oder wenigftens anzuerkennen fcheint, und an die
j jüdifche Theologie. In ausführlicher Polemik weift er be-
! treffs der erfteren die Bindung aller Religion, Gotteser-
j kenntnis und Erlöfung an ein Verhältnis zu Chriftus, dem
idealen und gotteinigen Menfchen, zurück und bekämpft
er vor allem die dunkle Kategorie des ,Erlebens'> in der
die Notwendigkeit der Idee mit der Tatfächlichkeit
pfychologifcher Einflüffe verbunden fei. Der Konfequenz
1 einer kritifchen Religionsphilofophie entfpreche nur der
reine prophetifche Theismus ohne alle pantheiftifche Ver-
mifchung aber auch ohne alle vernunftwidrige Verbindung
mit einem hiftorifchen Einzelmenfchen und die spezififch