Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1915 Nr. 1

Spalte:

374-375

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hauß, Alb.

Titel/Untertitel:

Kardinal Oktavian Ubaldini, ein Staatsmann des 13. Jahrh 1915

Rezensent:

Levison, Wilhelm

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

373

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 16/17.

374

fich wohltuend von dem, wie ihn Baehrens bietet. Der
gr. Ausgabe gegenüber find eine ganze Reihe bemerkenswerter
Änderungen vorgenommen. Ich notiere einige,
befchränke mich aber auf de laudibus dei, das allein im
Interefienkreife der Lefer diefer Zeitfchrift liegt

I, 102 gr. Ausg. + in fulget praestare minas, jetzt mit Arevalo
indulget; 154 axe rotante solum, jetzt mit Keinwald polum; 234 vidit,
jetzt addit mit Eugenius; 352 miratur sc: quid sit homo, jetzt miratur; sed
quid sit homo; 550 fructus, jetzt fructum; II, 156 jetzt hinter 160; 174
miratur mutatum itiner, jetzt mit Arevalo mutatum miratur iter; 341 per
clara jetzt mit Arevalo praeclara; 463 ift Buechelers Konjektur spectanti-
bus wieder fallen geladen; III, 197 sinuato pectore jetzt mit lluecheler
munito pectore; 460 invenire jetzt mit Arevalo invenisse.

Auch die Interpunktion ift an manchen Stellen vorteilhaft geändert.
Nicht ganz konfequent fcheint mir V. in der Aufnahme der eigenen Konjekturen
zu fein.

Der kritifche Apparat ift durchaus zuverläffig, wofür
ja des Herausgebers Name bürgt, enthält in manchen
Teilen fogar mehr als der der gr. Ausgabe. So find im
Oreftes alle Varianten des cod. Ambrofianus mit Ausnahme
der orthographifchen aufgenommen. Neu hinzugekommen
ift ein Index nominum, der nach den angeflehten
Stichproben durchaus zuverläffig ift.

So kann man diefe handliche und wohlfeile Ausgabe
nur aufs wärmfte empfehlen.

Königsberg i/Pr. Kurt Cybulla.

Grupp, Georg: Kulturgefchichte des Mittelalters. IV. Bd.

2., vollftändig neue Bearbeitg. (VII, 524 S. m. 17 Ab-
bildgn.) gr. 8°. Paderborn, F. Schöningh 1914. M. 9.50
Die Erweiterung der neuen Auflage gegenüber der
erften 1875 erfchienenen ift fehr bedeutend; aus den ent-
fprechenden ca. 200 Seiten der erften Auflage ift ein
ftarker Band von über 500 Seiten geworden. Die große
Belefenheit des Verfaffers in den Quellen und der Literatur
kommt voll zur Geltung. Der Aufbau des Werkes hat
freilich eine wefentliche Veränderung nicht erfahren; nur
find eine Reihe von Kapiteln zerteilt und die Teile zu
felbftändigen Kapiteln geworden; durchfichtiger ift jedoch
der Aufbau dadurch nicht geworden. Die einzelnen
Kapitel flehen meift ohne Verbindung neben einander,
und warum diefes oder jenes Kapitel gerade an diefer
oder jener Stelle fleht, muß fich der Lefer in den meiften
Fällen felbft zurechtlegen. Der Gedanke ift wohl der
o-ewefen, daß in dem vorliegenden Bande in der Hauptfache
das ftaatliche und kirchliche Leben vom Ausgange
des 12. bis zum Anfange des 14. Jahrhunders gefchildert
werden foll, ohne daß freilich diefe Grenzen immer inne
gehalten werden. Vom Rittertume angefangen bis zur
Scholaftik werden eine Fülle von Tatfachen und Beobachtungen
mitgeteilt, die in den üblichen Darftellungen der
politifchen und der Kirchengefchichte nicht zu finden find.
Es ift gar keine Frage, daß durch die Mitteilung folcher
Züge der Lefer einen Eindruck von dem Reichtum des
Lebens im Mittelalter bekommt, und da der Verfaffer
Wert darauf gelegt hat, auch die großen Perfonlichkeiten
des Mittelalters genügend in der Vordergrund treten zu
laffen, wird diefer Eindruck noch verftarkt. Gleichwohl
kann ich dem Verfaffer nicht recht geben, wenn er meint,
durch feine Darftellung bewiefen zu haben, daß unfer
felbftbewußtes Jahrhundert keinen Grund hat, auf das
,dunkle' Mittelalter herabzufehen, und dies damit begründet,
daß die Sittlichkeit unferer Zeit im Allgemeinen gegenüber
der jener Zeit nicht größer geworden fei, während
allerdings die Bildung bedeutend zugenommen habe. Im
Übrigen ift der Verfaffer durchaus nicht ein einfeitiger
Lobredner des Mittelalters; er gibt fogar markante Bei-
fpiele dafür, daß fich ein höchft anftößiges Leben mit
vollendeter Kirchlichkeit vertragen konnte, und er bemüht
fich auch mit Erfolg, alt eingewurzelte katholifche
Vorurteile abzuftreifen, fo wenn er (S. 365) über die Volks-
fchule fich, allerdings fehr gemäßigt, ausfpricht: der Begriff
der Volksfchule ftand noch nicht feft. Wie mir

fcheint, faßt er das Mittelalter viel zu fehr als eine einheitliche
Erfcheinung auf; S. 481: das Mittelalter gab fich
immer mit naiver Unmittelbarkeit und frifcher Begeifterung
dem Glauben hin und hielt ihn unentwegt feft, es lebte
in einer überfinnlichen Welt, in der fich Phantafie mit
Wahrheit mifchte, und erlebte das Wunderbare und Un-
ausfprechliche täglich. Der Verfaffer hat aber felbft in
zwei intereffanten Kapiteln (94 und 95) auf Rationalismus,
Zweifel und Unglauben im Mittelalter hingewiefen. Man
wird den noch ausftehenden 5. Band äBwarten müffen,
um feine Anfchauung voll würdigen zu können.

Kiel. G. Ficker.

Haufl, Alb.: Kardinal Oktavian Ubaldini, e. Staatsmann des
13. Jahrh. (Heidelberger Abhandlungen zur mittleren
u. neueren Gefchichte. 35. Heft.) (VIII, 114 S.) gr. 8°.
Heidelberg, C. Winter 1913. M. 3 —

Die vorliegende Schrift gehört in eine Reihe von
Arbeiten, die auf Anregung von Karl Hampe entftanden
find und fich das Ziel fetzen, Perfönlichkeit und Wirk-
famkeit bedeutenderer Männer aus dem Kreife Friedrichs II.
und der letzten Staufer wie ihrer Gegner durch Sonderbehandlung
genauer erkennen zu laffen, als es im Rahmen
einer umfaffenderen Darftellung möglich ift. Oktavian
Ubaldini (1214—72) hat als Kardinal feit 1244 unter fünf
Päpften eine große Rolle gefpielt, ,il Cardinale', wie ihn
Dante ohne Nennung des Namens den Zeitgenoffen
deutlich genug bezeichnen konnte, einflußreich vor allem
unter Alexander IV., aber fchon unter Innocenz IV. mit
wichtigen Legationen betraut, von deren einer (1252) uns
eine größere Zahl von Stücken aus feinem Briefregifter
eine reichere Anfchauung gewährt (herausgegeben von
G. Levi in den Fonti per la Storia d'Italia: Registri dei
cardinali Ugolino d'Ostia e Ottaviano degli Ubaldini, 1890),
als Politiker mehr erfolgreich denn als Feldherr, indem
er die Sache der Kurie namentlich in der Romagna nicht
ohne Glück geführt hat, durch feine Herkunft aus einem
der mächtigften Gefchlechter des Mugello im Norden von
Florenz und durch die Intereffen feines Haufes an den
Parteikämpfen Toskanas nicht minder beteiligt als durch
die Aufgaben der päpftlichen Politik. Dabei hat er es
verftanden, trotz feines Kardinalats Verbindungen zu der
Gegenfeite zu unterhalten, fodaß er den Zeitgenoffen als
Gönner und Anhänger des Ghibellinentums und als des
Doppelfpiels und Verrats verdächtig erfcheinen konnte,
ftets bemüht, die Machtftellung feiner Familie und den
perfönlichen Reichtum zu mehren, voll Prachtliebe und
Genußfucht, wie er denn Koftbarkeiten gefammelt und
die Liebe nicht nur befangen, fondern auch genoffen hat,
kurz ein Mann, der durch die Art feines Wefens wie fo
mancher Zeitgenoffe fchon an die Geftalten der italieni-
fchen Renaiffance gemahnt. Hauß ift bemüht gewefen,
die Nachrichten über den Kardinal möglichft vollftändig zu
fammeln und in den Rahmen der Zeitgefchichte hineinzu-
ftellen, und hat diefe Aufgabe mit Erfolg gelöft. Den
äußeren Lebensgang des Mannes kann man im einzelnen an
der Hand feiner Erzählung genauer und gleichmäßiger verfolgen
als in dem Auffatze von Levi (Archivio della
R. Societä Romana di Storia Patria XIV, 1891, S. 231 ff),
der wohl auch mehr als Einleitung zur Ausgabe der fich
anfchließenden urkundlichen Quellen gedacht war. Daß
die Darftellung nicht feiten kaum über wenig zufammen-
hängende Regelten hinauskommt und tiefere Einblicke
in die Abfichten Oktavians oft verfagt bleiben, liegt in
der Unzulänglichkeit der Quellen begründet; wenn Hauß
zum Schluffe in kurzen Worten zufammenfaffend ein Ge-
famtbild der Perfönlichkeit des Kardinals zeichnet, fo
war zu erwarten, daß es mit der anfchaulichen Charakte-
riftik von Davidfohn (Gefchichte von Florenz II, 1, S. 327k)
übereinftimmt. Die Darftellung der erften Legation
(1247—51) wird vorausfichtlich bald teilweife ein Gegen-