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Ausgabe:

1915 Nr. 14

Spalte:

327

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Grente, Georges

Titel/Untertitel:

Saint Pie V (1504 bis 1572) 1915

Rezensent:

Koch, Hugo

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327

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 14.

328

Grente, Dir. Dr. abbe Georges: Saint Pie V (1504 bis
1572). (,Les Saints') (X, 253 S.) kl. 8°. Paris,
V. Lecoffre 1914. fr. 2 —

Während bis ins 6. Jahrhundert die Päpfte alle im
Heiligenkatalog flehen, find es von da an nur mehr einzelne
und zwar immer weniger aus der Papftreihe, die
diefer Ehre gewürdigt wurden. Der letzte ift Pius V.
(1566—72), deffen Leben vorliegendes Bändchen der Sammlung
,Les Saints' gewidmet ift. ,A notre siecle trop
aisement epris de dangereuses nouveautes vous presentez
l'homme au genie puissant, mais aussi et surtout ä la foi
robuste, qui, simple religieux, grand inquisiteur, cardinal,
pape, fut toujours le champion intrepide des traditions et
du dogme catholiques'. Damit gibt der Bifchof von Cou-
tances und Avranches in feinem Approbationsfehreiben
den Hauptinhalt der Biographie und ihre Bedeutung für
die Katholiken der Gegenwart an. Sie ift im hagiogra-
phifchen Stile gehalten: wir lernen das fromme Elternhaus,
die Andacht des Knaben zu Maria, feinen Eifer im Rofen-
kranzbeten kennen. Mit Wundern ift nicht gefpart (S. 59f.
165, 170, 194, 229, 245, 250). Selbft das Wunder des den
Küffen des Heiligen fich entziehenden vergifteten Kruzi-
fixus wird erzählt ohne Reflexion darüber, wie das Gift
in das päpftliche Gemach kam und welches Licht damit
auf die Umgebung des Papftes fiele. Zum Proteftantismus
neigende oder übertretende Geiftliche find ,meineidig'
(S. 12, 42, 86), von der Aufhebung des Zwangszölibates
eine Befferung der damaligen kirchlichen Zuftände Erwartende
in ,tristes esperances' befangen (S. 207). Was
die in frühem Alter fterbenden Kinder Albrechts von
Brandenburg aus feiner erften Ehe, feine blinde Tochter
und fein geiftig anormaler Sohn aus zweiter Ehe (S. 87),
was die hagere knochige Geftalt, die blaffe Gefichtsfarbe
und die roten Haare der Königin Elifabeth von England
(S. 146) mit dem Leben des heiligen Pius V. zu tun haben,
ift nicht einzufehen. Aber man merkt die Abficht und

— bedauert den .Hiftoriker'. Anderfeits fieht er doch ein,
daß das Vorgehen eines Philipps II. von Spanien geeignet
war, den Katholizismus zu entleiden (S. 65), und daß der
,unheimliche Schein der Autodafes' dem Spanien des
16. Jahrhunderts einen ,aspect de barbarie farouche' verleihe
, zu dem freilich die Opfer der Religionskriege in
Deutfchland und Frankreich und der Gewaltpolitik Heinrichs
VIII., Eduards VI. und Elifabeths — Maria die
Katholifche wird dabei vergeffen — Seitenftücke feien
(S. 153), wie er auch die Art der Ketzerverfolgung Pius V.

— ,si differente de nos moeurs' — mit den ,Anfchauungen
der Zeit und den Graufamkeiten der Proteftanten' erklärt
und entfchuldigt (S. 162), wobei er nur überfieht, daß es
nicht Proteftanten waren, die diefe ,attitude' aufbrachten.
Echt franzöfifch ift die Erklärung, warum die Reformation
beim franzöfifchen Volke nur wenig Anklang gefunden
habe. ,Son bon sens naturel resista aux attraits des nou-
velles doctrines, qui avaient fascine l'AUemagne et dont
il soupconnait l'equivoque; son esprit d'independance
n'admit pas que l'autorite royale ou l'action des grands
seigneurs s'exercassent sur le terrain prive de sa con-
science' (S. 127). Eine Bemerkung dazu ift überflüffig.

Zum Schluß fei noch eine Äußerung des Verf. angeführt
, die in unferer Zeit von befonderem Intereffe fein
dürfte. S. 131 wird den Hugenotten befonders verübelt,
daß fie fich nicht mit der Hilfe des Fürften von Oranien,
des Herzogs von Zweibrücken und des Kurfürften von
der Pfalz begnügten, fondern ,implorerent honteusement
l'ennemi hereditaire de la France, lAngleterre'. Das Vorwort
ift datiert vom Mai 1914.

München. Hugo Koch.

Zwingliana. Mitteilungen zur Gefchichte Zwingiis und der
Reformation. Hrsg. vom Zwingliverein in Zürich. 1914.

[Bd. III.] (128 S. m. 2 Bildniffen.) gr. 8°. Zürich,
Zürcher & Furrer. M. 1.50

Mit fteigendem Intereffe verfolgt der Lefer die Fort-
fetzung der wichtigen Abhandlung von Oskar Farner über
Zwingiis Entwicklung zum Reformator nach feinem Brief-
wechfel bis Ende 1522, welche über die Hälfte der zwei
neuen Hefte einnimmt. Mit Freuden nimmt man wahr,
wie der Verfaffer den Stoff beherrfcht und fich in den
Geift des Humaniftenkreifes um Erasmus eingelebt hat,
aber ebenfo erfreulich ift fein unbefangenes Urteil und
der Wahrheitsernft, der offen ausfpricht, es müffe fich
zeigen ,ob ein unnützer Chauvinismus', wofür vielleicht
eher zu fagen wäre, Schweizerifche Voreingenommenheit —
oder die Wahrheit mehr Macht über einen habe. Zunächft
befchäftigt er fich noch mit Zwingiis Humanismus, zeigt,
wie feine Weltanfchauung rationaler Moralismus ift, wie
der Intellektualismus feinen Religionsbegriff beherrfcht,
wie die Religion ihm etwas Lehrbares ift und das Chriften-
tum doctrina Chrifti, deren Quelle die Bibel, d. h. fein
humaniftifches Schriftverftändnis bildet. Chriftus ift fitt-
liches Vorbild, auch Paulus wird als Moralift gewürdigt;
die Stellen betont Zw., welche fittliche Forderungen in fich
fchließen. Aus den Evangelien find ihm die Redeftücke,
befonders die Bergpredigt, am geläufigften. Die Chrifto-
logie und Gnadenlehre des Paulus ift ihm noch verfchleiert.
Vorausfetzung diefes Moralismus ift die Willensfreiheit.
Man kann die chriftliche Moral erfüllen, wenn man will,
und den herrlichen Lohn verdienen.

Die Folgen diefes Religionsbegriffs find 1. der Univer-
falismus, der auch hervorragende Heiden als Lehrinftanzen
und Vorbilder betrachtet und z. B. Plato den großen
Propheten zuzählt, eine Beobachtung, welche auch für die
fpätere Theologie Zwingiis wichtig ift. 2. fein Eklektizismus
, womit er Autoren lieft und benützt, die kirchlichen
und die profanen. Ziel der Bewegung ift Renaiffance des
Chriftentums, restitutio christianismi, im Sinn diefes rationalen
Moralismus, der an einen Bruch mit der Kirche
nicht denkt. Dazu ift feine Wurzel nicht tief genug, nicht
religiös genug. Er begnügt fich mit Kritik des Vulgärkatholizismus
, mit feinem komplizierten Kultus, der für
unnütze Dinge Kraft verzehrt, feinem Ablaß, feinem
Mönchtum und fchlecht gebildeten Klerus. So unkirchlich
Zwingli durch Erasmus geworden ift, fo wenig zieht
er praktifche Konfequenzen. Vor der Majeftät des kano-
nifchen Rechts macht der Humanismus noch Halt.
Echt humaniftifch und keineswegs fpezififch Zwinglifch ift
die Verurteilung des Kriegs und des Söldnerwefens und
der warme Patriotismus.

Am Schluß diefes Abfchnitts befpricht Farner auch
Theorie und Praxis des humaniftifchen Moralismus und
redet mit großem Ernft und voller Wahrhaftigkeit von
Zwingiis fittlichen Verfehlungen in Glarus und Einfiedeln,
und feinem Achtung fordernden Bekenntnis in feinem
Brief an Utinger. Mit Recht macht W. Köhler auf die
kirchenrechtliche Praxis aufmerkfam S. 128, welche den
anwidernden Satz in Zwingiis Brief verftändlich macht.

Ganz befondere Beachtung verdient das Verhältnis
Zwingiis zu Luther. Farner zeigt, wie Zw. zuerft durch
Beatus Rhenanus am 6. Dez. 1518 auf Luther aufmerkfam
gemacht wurde. Sehr wichtig ift, wie Farner aus
den Briefen von Ul. Zafius, den Antworten auf Zw.
verlorene Briefe, erfchließt, wie ftark Zwingli von Luther
beeinflußt war. Wenn Zwingli fpäter feine völlige Unabhängigkeit
und Selbftändigkeit gegenüber Luther betont
und ihrer beider Einftimmigkeit in Lehre und Tun mit
der Einhelligkeit des Gotteswortes erklärt, fo beweifen,
wie Farner zeigt, die Briefe ganz klar, daß Zwingli hier
einer Selbfttäufchung unterlag. Auch bei feinen Feinden
galten Zwingli und feine Freunde, wie fchon Frieda
Humbel an den Flugfchriften der Schweiz nachwies, als
Lutheraner. Es wird nötig fein, an Zwingiis früheften
Schriften den Einfluß Luthers nachzuweifen, der nach