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Ausgabe:

1915 Nr. 13

Spalte:

295-297

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heintze, Werner

Titel/Untertitel:

Der Klemensroman und seine griechischen Quellen 1915

Rezensent:

Bousset, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 13.

296

St. dann weiter es als das eigentliche Problem bezeichnet,
,wie es kam, daß gerade das Chriflentum, anderes fich
anbildend und oft fich felbft anderem anbildend, aus dem
weltgefchichtlichen Ringen der Geifter damals fiegreich
hervorgegangen ift', fo ftimme ich dem Wort für Wort
bei; wir haben mit unferen Kenntniffen und mit den neuen
Mitteln der Aufgabe zu dienen, die Droyfen fich einft in
der erften Auflage feines großen Werkes ftellte, deren
Löfung erft jetzt wieder von Bouffet in der Einleitung
feines Kyrios-Buches als dringendft.es Bedürfnis proklamiert
ift. Die Darftellung der urchriftlichen Askefe und ihrer
Entftehung ift nicht der unwichtigfte Teil diefer Aufgabe.
Daß St. fein Thema in diefen Zufammenhang ftellt, laßt
hoffen, daß er im zweiten Teil die Übergänge und Abgrenzungen
mehr berückfichtigen wird, deren Erkenntnis
er jetzt durch feine Dispofition gehindert hat. Möge der
zweite Band dann auch wieder die Vorzüge aufweifen, die
diefem erften nachzurühmen find: unbefangenes Anfaffen
der Probleme, befonnenes Urteil beim Verhandeln vieldiskutierter
Fragen und lebhafte, flüffige Darftellung 1

Heidelberg. Martin Dibelius.

Heintze, Dr. Wem.: Der Klemensroman und leine griechifchen
Quellen. (Texte u. Unterfuchungen zur Gefchichte der
altchriftl. Literatur. 40. Bd., 2. Heft.) (VI, 144 S.) 8°.
Leipzig, J. C. Hinrichs 1914. M. 5 —

Die vortreffliche Schrift von Werner Heintze gibt
einen neuen und fehr wertvollen Beitrag zu der Erforfchung
des Clemens-Romans und der eminent verwickelten
Frage nach der Entftehung der klementinifchen Schriften,
die die Forfcher feit langem befchäftigt. Im Ganzen und
Großen ftellt fich auch H. auf das Fundament, das durch
die bisherige Forlchung, namentlich durch die glänzende
Unterfuchung von Waitz, feftgelegt wurde und baut von
hier aus weiter. Auch H. nimmt an, daß die Homilien
(H) und die Rekognitionen (R) auf eine gemeinfame Grund-
fchrift (G) zurückgehen, die hüben und drüben in ver-
fchiedener Weife, jedoch im Großen und Ganzen felb-
ftändig bearbeitet wurde. — Was H. als Neues und
Eigenes hinzu bringt, befteht vor allem darin, daß er be-
ftimmte Partien, an deren Zugehörigkeit zu G bisher
kein Zweifel beftand, diefer Schrift abfpricht. Es handelt
fich hier in erfter Linie um den Schluß des Romans, um
die allerdings recht burleske Szene von der Verwandlung
des Fauftus durch Simon und der Widerrufung der Lehre
des Simon in Antiochia durch Fauftus in der Simonsmaske
.

Ich hatte feiner Zeit darauf hingewiefen (G. G. Anz. 1905, 425 fr.),
daß diefe Szene in ihrer gegenwärtigen Form zu der Darftellung am
Schluß der Rekognitionen durchaus nicht paßt, daß fie vielmehr fo nur
in H. urfprünglich ihren Platz gehabt haben könne, wo die Vorausfetzung
gegeben fei, daß Simon bereits in Laodicea weilt und Fauftus feine
Freunde Anubion und Apion bei ihm treffen kann. Ich ftellte demgemäß
die Vermutung auf, daß der Schluß von R aus H erft durch den Über-
fetzer Rufin nachgetragen fei, der ausdrücklich vermerkt, daß er zwei
F.xemplarc des Klemens-Romans (nach meiner damaligen Meinung H
und R) vor fich gehabt habe, in deren einem jener Schluß gefehlt habe.
Nach dem berechtigten Zweifel, den Heintze gegenüber diefer Rolle, die ich
Rufin zuerteilte, erhoben hat, möchte ich meine Vermutung meinerfeits
dahin modifizieren, daß Rufin zwei R-Texte vor fich hatte, in deren einem
der Schluß noch fehlte, in deren anderem er dann (nach H) um einige
Zutaten vermehrt hinzugefügt wäre. In diefer meiner Meinung befeftigt
mich weiter die Bemerkung Rufins, daß er in beiden Exemplaren den
Abfchnitt de ingenito deo genitoque gefunden habe, einen Abfchnitt, der
fich nur R. III 2—11 findet und entfchieden als Eigentümlichkeit der Rekognitionen
, übrigens auch nach dem Urteil von H, angefehen werden muß.
Ich kann deshalb die Meinung des Verf. kaum gelten laßen, daß die Bemerkung
Rufins über die beiden Exemplare fich auf G (Grundfchrift von H und R)
und R beziehe, und daß der in Betracht kommende Schluß nach Rufin
fchon in G gefehlt habe. H. aber baut darauf weiter feine Hypothefe auf,
daß das in Frage flehende Stück tatfächlich in G garnicht geftanden habe
und erft von H hinzugefügt fei. Es ift nun freilich Heintze zuzugefteheu,
daß unfer Stück in der gegenwärtig überlieferten Form zur Grundfchrift,
die wir hier mit Sicherheit noch konftruieren können, nicht recht paßt,
denn nach G kann Simons Anwefenheit in Laodicea nicht vorausgefetzt
werden, fondern ift ein völliges Novum. Es erhebt fich aber die Frage, j

ob, wie ich feiner Zeit verfucht habe uachzuweifen, nicht jenes Stück
mit leichter Hand fo abgeändert werden könnte, daß es zu G paßt.
Davon wird weiter unten noch die Rede fein. Jedenfalls kann ich aber
Heintze darin nicht Recht'geben, daß er auf Grund eines allgemeinen Ge-
fchmacksurteils jener burleske Schluß paße nicht zu Art und Charakter
von G' diefen G a priori abfpricht. Uber Gefchmack und Eigenart von
G wird fich fchwer im allgemeinen ftreiten laßen, im allgemeinen tritt
er uns doch als ein Kompilator entgegen, der die Elemente feiner Schrift
von allen Seiten herholte. War ihm jenes Schlußftück irgendwo, vielleicht
in einer Simonslegende gegeben, fo konnte er es ohne Zweifel
übernehmen und fich aneignen.

Damit in engem Zufammenhang fteht nun aber eine
weitere Thefe des Verf. Er ift der Meinung, daß das ge-
famte zehnte Buch der Rekognitionen erft fpäter zu G hin-
zugewachfen fei. Hier handelt es fich nun hauptfächlich,
abgefehen von jenem Schlußabfchnitt, um jene große
1 Auseinanderfetzung über die Mythologie und Allegorefe
der Griechen, die fich auch und zwar in urfprünglicherer
Form in den Büchern H IV—VI, und zwar hier als Disputation
des Klemens mit Apion, findet und die man auf
Grund der Übereinftimmung von R und H bisher allgemein
G zugewiefen hat. Diefe Apion-Quelle aber fteht
nun in einem größeren Zufammenhang, den es zunächft
fich zu vergegenwärtigen gilt, ehe wir weiter kommen
können.

Ich hatte feiner Zeit die Vermutung ausgefprochen, daß in G. eine
große Disputationsmaße helleniftifcher Herkunft verarbeitet fei. Es handelt
fich um drei Disputationsftücke. 1. über die helleniftifche Mythologie,
2. über die Vorfehung, 3. über den aftrologifchen Fatalismus, und um drei
Träger diefer Disputation von der griechifchen Seite — derselben Reihenfolge
nach: Apion, Mctrodoros, Anubion. Zu meiner großen Freude
bringt mir H.s Schrift den gründlichen und abfchließenden Nachweis für
meine Vermutung. Nur an einem Punkt geht H. über die von mir aus-
gefprochene Erkenntnis hinüber, indem er glänzend und überzeugend
nachweift, daß es fich hier um eine jüdi8Ch-apologetifche, ftark vom
Hellenismus berührte Schrift handelt. Namentlich in einer breiteren
Unterfuchung der Apion-Disputation hat H. diefe feine Meinung von dem
jüdifchen Grundcharakter der Schrift erhärtet. Aber auch das Disputations-
ftück über den aftronomifchen Fatalismus bietet intereffantes Beweismaterial
. Eine befonders breit angelegte und wertvolle Unterfuchung hat
H. dann dem zweiten Stück über die Vorfehung gewidmet. Er weift in
ihm eine helleniftifche Quelle nach, die wiederum aus zwei Stücken befteht
, von denen das eine, das eigentliche Kernftück über die Vorfehung
auf Pofeidonios zurückgeht (Beweis: die maßenhaften Berührungen mit
Cicero), während das andere über die Weltentftehung in diefer unorgani-
fchen Verbundenheit mit dem erfteren fchon dem Verfaßer von G vorgelegen
haben muß. Diefes letztere Stück enthält eine für die Zeit-
beftimmung des Ganzen wichtige doxographifche Notiz, die nach dem
Urteil von Diels etwa auf die Zeit zwifchen Seneca und den Antoninen
hinweift. Noch zu bemerken ift, daß H., in Anlehnung an die letzten
auf diefem Gebiet erarbeiteten Refultate, die Disputation über den aftrologifchen
Fatalismus, als die gemeinfame Quelle dt. Bearbeitungen in R,
dem Buche von den Gefetzen der Länder und der uns bei Eufeb erhaltenen
betreßenden Partie G anfleht, doch fo, daß zwifchen G und den beiden
letzteren Quellen noch eine Mittelquelle, ein Dialog des Bardefanes-
Schülers Philippus, angenommen werden muß. Als Zeit der gefamten
Disputationsmaffe fetzt H etwa das Jahr 200 an. Mir will freilich die fo
fpäte Datierung einer umfangreichen, rein jüdifch-apologetifchen Schrift
fehr unwahrfcheinlich vorkommen; ich fehe auch gar keinen Grund ein,
weshalb man nicht mit der Datierung der Schrift, etwa um ein Jahrhundert
zurückgehen könnte. Denn der Hinweis auf die ganz allgemeine
Behauptung von Wilamowitz', daß Apion und Anubion (Perfonen der
frühen römifchen Kaiferzeit) in ihrer literarifchen Verwendung erft im
Zeitalter der zweiten Sophiftik auftauchen, und anderes, was Heintze beibringt
, fcheint mir wenig beweiskräftig zu fein.

Nun aber fpricht eben H. von diefer Disputationsmaffe das Apions-
ftück G durchaus ab. Es ergibt fich dabei aber folgender, von ihm
felbft zugeftandener Tatbeftand: Schon G kannte nach H. jene apologetifche
Disputationsmaffe, denn zwei von diefen Disputationsftücken erfcheinen
in R IX (nach dem Verf. => G) allerdings in der Umarbeitung, daß
hier Fauftus auf der einen Seite, Niketas, Aquila und Klemens auf der
anderen Seite als Disputations-Gegner erfcheinen. Auch hat G das
Gefchick feines Helden (des Klemens) am Anfang oßenbar auf Grund der
Erzählung des Apionftückes geftaltet, kannte alfo auch diefes dritte Stück.
Aber auch der Verfaßer der Homilien wußte diefelbe Quelle, die bereits
G benutzte, noch einmal aufzufinden, und er nahm aus ihr Buch IV—VI
feiner Schrift. Und endlich wiederum war auch dem Verfaßer von R
jene Quelle zugänglich, da er fie in die Darfteilung am Schluß von
Buch X von neuem verarbeitete. Das ift jedenfalls ein fehr merkwürdiger
und fchwer als Zufall zu begreifender Tatbeftand, wie H. felbft zugibt.
Viel einfacher würde die ganze Situation, wenn wir annehmen dürften,
daß die ganze Quelle, und zwar in ihrer urfprünglichen Form, noch in
G geftanden habe, und zwar fo, daß hier nach der Wiedererkennung
des Fauftus und der hier vollzogenen Auseinanderfetzung mit dem aftrologifchen
Fatalismus ganz äußerlich und mit ftarkem Kompofitions-
ungefchick, eben auf Grund einer älteren Quelle, die ganzen Disputations-