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Ausgabe:

1915 Nr. 13

Spalte:

293-295

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Strathmann, Hermann

Titel/Untertitel:

Geschichte der frühchristlichen Askese bis zur Entstehung des Mönchtums im religionsgeschichtlichen Zusammenhange. 1. Bd 1915

Rezensent:

Dibelius, Martin

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293 Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 13. 294

Zufatz, der in fo vielen lat. Handfchr. fich findet, aus dem
Diateffaron (lamme, und daß die lateinifche wie die fyrifche
Evangelienüberfetzung mit der Harmonie beginne.

Dagegen meint van Kafteren, daß ,Der Lanzenftich
bei Mt 27, 49' nicht aus dem Diateffaron herrühre, fondern
in Mt echt fei — eine Anficht, zu der auch von Soden(f)
neigte (S. 32—34).

Der Sachkritik dienen von Artikeln, die auch für
Proteftanten Wert haben, ein Auffatz von Daufch: ,Neue
Studien über die Dauer der öffentlichen Wirkfamkeit Jefu'
(S. 158—167) und Fahnenbruch Zu 1 Kor. 7, 36—38
(S. 391—401), der für ,Syneifaktentum' eintritt und yafjiC,eiv
mit Lietzmann ,heiraten' überfetzen will. Endlich nennt
K. Kaftner altteftam. Parallelen zu zwei neuteft. Texten;
zur Samariterparabel II Chron. 28, 15 fr. (vgl. hierzu auch
Orth Prot. Monatshefte 1914 S. 406—411) und zurjünger-
fendung des Täufers (Mt 11, 1 ff.) IV. Reg. 2, 16—18.

Leiden. Hans Windifch.

Strathmann, Priv.-Doz. Lic. H.: Gefchichte der frühchrift-
lichen Askefe bis zur Entftehung des Mönchtums im
religionsgefchichtlichen Zufammenhange. 1. Bd.: Die
Askefe in der Umgebg. des werd. Chriftentums. (XIII,
344 S.) gr. 8°. Leipzig, A. Deichert Nachf. 1914.

M. 8.40; geb. M. 9.60

Wer an den religionsgefchichtlichen Problemen des
Urchriftentums intereffiert ift, wird das Unternehmen, eine
Gefchichte der frühchriftlichen Askefe zu fchreiben, mit
Freude begrüßen. Denn wir haben das Fehlen einer
neuen religionsgefchichtlichen Monographie zu diefem
Thema oft fchmerzlich empfunden. Daß eine folche Unter-
fuchung auf breitefter Grundlage aufgebaut fein muß, ift
bei einer religionsgefchichtlichen Erfcheinung wie der
Askefe überhaupt felbftverftändlich; in befonderem Maße
ift es notwendig bei der Einflellung des Themas auf die
frühchriftliche Askefe; denn die chriftliche Askefe entftand
nicht, weil das Urchriftentum neue asketifche Lotungen
hervorgebracht hätte, fondern indem es in eine Welt
hineinwuchs, die voll war von asketifchen und halbas-
ketifchen Motiven. In diefem Sinne hat auch St. das
Thema angefaßt; fo widmet er den erften umfangreichen
Teil feiner Arbeit der ,Askefe in der Umgebung des
werdenden Chriftentums'.

Auch angefichts diefes bisher einzig erfchienenen
Bandes muß ich zunächft meiner Freude darüber Ausdruck
geben, daß der Gegenftand in diefem Rahmen
behandelt wird und daß der Autor den Mut befeffen hat,
die beiden grundfätzlichen Bedenken gegen eine folche
Behandlung zu überwinden. Das eine Bedenken ergibt
»eh aus dem gegenwärtigen Stande der Forfchung; fie
fcheintfich in ftarker, wenn nicht entfcheidender Bewegung
zu befinden, wenn wir etwa die Probleme: Philo, Myfterien,
Neupythagoreismus, ins Auge faffen. Der Autor muß zu
zahlreichen Einzelfragen Stellung nehmen, die er doch
n'cht in aller Ausführlichkeit behandeln kann; fo wird er
bei dem Lefer bald hier, bald da Widerfpruch erregen,
ohne diefen doch durch ausgeführte Einzeldiskuffion entkräften
zu können.

So empfinde ich den Abfchluß des Philokapitels als Yerfehlt. Neben
ganz, fchiefen Bezeichnung Philos als eines Moral(!)-Profefibrs lieht
dort der Satz: .alles, was an die Myfterienreligion erinnert, ift rhetorifche
* nrafe' (S. 147). Zu diefer gelinde gefagt ftarken Übertreibung wird St.
durch die richtige Beobachtung geführt, daß der dualiftifchen Theorie
Philos keine radikal-weltflüchtige Lebenshaltung entfpricht. St. felbft
tuhrt die Motive diefer Halbheit an: ererbte jüdifche Weltbejahung,
ftynkretiftifche' Geiftesverfaffung, eudämoniftifches Ideal — alle drei
™omente könnten übrigens auf das fich im ftärkften Maß akkomodierende
e"eniftifche Diafporajudentum zurückgeführt werden. Aber eine Fröm-
M'gkeit, deren letztes Ziel die Gottesfchau ift, die als Weg zum Ziel den
.'hufiasmus kennt, follte die dnzixf/ t-niozyftr] nur als Ballaft, die zahl-
'e'chen Termini myftifcher Frömmigkeit nur als rhetorifchen Aufputz mit
>ch fchleppen? Gewiß entfpricht Philos Lebenshaltung, entfpricht auch
eWe ethifche Unterweifung nicht feinem Ideal; ja man kann nicht einmal
von ihm fagen, daß er fich .immer ftrebend bemüht'; aber wenn er
auch nicht als Fauftnatur erfcheint, fo ift er deswegen noch lange kein
Wagner 1

Ein zweites Bedenken, das von Lolchen Unterfuchungen
abhalten könnte, liegt in der Notwendigkeit begründet,
ganz verfchiedene Gebiete zu bearbeiten, auf deren jedem
heimifch zu fein dem einzelnen nicht gegeben ift. Auch
durch folche Erwägungen hat fich St. nicht abhalten laffen,
und er hat zweifellos den beften Beweis für folche Unbekümmertheit
geliefert, den es gibt, indem er durch
fleißige Zufammenftellung des von anderen erarbeiteten,
von ihm gerichteten und unterfuchten Materials fowie
durch eine auch formal gefchickte Darftellung feine
eigene Belefenheit zeigt und bequeme Orientierung des
Lefers auch über die neueften Forfchungen ermöglicht.

Auch die richtige Einfchränkung der Unterfuchung auf die Umwelt
des jungen Chriftentums hat fich dabei als nützlich erwiefen. Wenn es
aber auch weder nötig noch möglich ift, die Askefe der Primitiven und
der außerchriftlichen Weltreligionen in diefem Zufammenhang zu behandeln
, fo empfinde ich doch am Anfang fchmerzlich das Fehlen eines
Kapitels aus der Phänomenologie. Denn die trockene Herausarbeitung
des Begriffs Askefe als .Verzichts auf Betätigungen und Beziehungen die
an fich fittlich berechtigt find', läßt diefen Mangel nicht vergeffen. In
diefem fehlenden Abfchnitt müßte von den wichtigften religionsgefchichtlichen
Beziehungen der Askefe, von ihren Arten und Möglichkeiten gehandelt
werden, fodann auch von dem Unterfchied zwifchen der Askefe einer
Volksfrömmigkeit und der asketifchen Leiftung des Heiligen, Büßers,
Propheten. Wenn diefe Vorfragen am Anfang erledigt wären, würde
innerhalb der Unterfuchung mancher Exkurs entbehrlich werden, fo die
Anmerkung über den Animismus S. 49, fo der viel zu kurz geratene Abfchnitt
über die Heiligkeitsaskefe, auf die St. die asketifchen Leiftungen
der Effener zurückführt.

Ein fchweres Bedenken gegenüber der ganzen Anlage
des Werkes kann ich allerdings nicht unterdrücken.
Die Dispofition: paläftinenfifches Judentum, helleniftifch-
römifches Judentum einfchließlich Philos und der Therapeuten
, römifche Religion, griechifche Religion, orienta-
lifches Myfterienwefen, Stoa, Neupythagoreismus, Neu-
platonismus — empfiehlt fich wirklich nur unter dem von
St. S. 159 genannten, mir fehr fragwürdigen Gefichtspunkt:
vom Einfachen zum Komplizierten; im übrigen ift fie
nicht nur unpraktifch (Philo vor der Stoa, Hellenismus
teils vor den Myfterien, teils hinterher), fondern gefchicht-
lich angefehen ein Unding. Das Evangelium kommt aus
dem Often, alfb mag mit Religionen des Oftens begonnen
werden, mit dem Judentum (nur nicht dem helleniftifchenl)
und dem, was zum Verftändnis der Myfterien aus den
orientalifchen Religionen beizubringen ift. Dann könnte
die griechifche Religion zu Worte kommen; ob und inwiefern
an diefe Stelle die römifche, wäre eine Sache rein
praktifcher Erwägung. Unbedingt aber muß gefordert
werden, daß zufarnmenbleibt, was zufammengehört, daß
die Welt, in die das Chriftentum eintritt, zufammenhängend
gefchildert wird, um einheitlich begriffen zu werden. Das
hieße alfo: helleniftifche Myftik, helleniftifche Myfterien,
Stoa, Neupythagoreismus und helleniftifcb.es Judentum
dürfen nicht von einander getrennt werden. Auf die Zu-
fammenfchau diefer Erfcheinungen kommt alles an, weil
es gilt, Übergänge und Abgrenzungen zu fehen, Originalität
und Abhängigkeit zu erkennen. Nachdem wir in
der Theologie die Methode der Lehrbegriffe glücklich
überwunden haben, wollen wir fie doch in der Religions-
gefchichte nicht wieder einführen I

Daß der Verf. felber die Notwendigkeit der in feinem
Werke vermißten Linienführung erkennt, zeigt aufs deut-
lichfte eine ausgezeichnete Anmerkung S. 228. Dort betont
er im Anfchluß an Krolls Artikel (bei Pauly-Wiffowa),
daß die entfcheidenden Motive in der hermetifchen Literatur
,aus orphifch-platonifch-ftoifch-pofidonifchem Erbgut
ftammen, deffen große Bedeutung für die geiftige
Gefchichte des Hellenismus hier aufs neue ftark hervortritt
. Für den Übergang ift befonders Philo von Bedeutung
, der mehr und mehr aus der Einfamkeit, in die er
jüngft verfetzt war, in eine neue, weite Gefellfchaft rückt'.
Das ift gerade der Zufammenhang, deffen Berückfichtigung
man in der Anlage des Buches fchmerzlich vermißt. Wenn