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Ausgabe:

1915 Nr. 11

Spalte:

254

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Windelband, Wolfgang

Titel/Untertitel:

Staat und katholische Kirche in der Markgrafschaft Baden zur Zeit Karl Friedrichs 1915

Rezensent:

Eger, Karl

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253

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. Ii.

254

Katechismen, Herftellung der Bibelüberfetzung, durch feine
Tätigkeit als Prediger und Ordinator der Geiftlichen eingehend
behandelt wird. Gerade in diefen Kapiteln tritt
zu Tage, wie eifrig Buchwald hier felber geforfcht und
das Ergebnis der Arbeiten anderer aus neuerer Zeit zu
verwerten verftanden hat. Ebenfo liebevoll ift das häusliche
Leben Luthers zur Darfteilung gebracht. Während
ich im allgemeinen feiner DarftelTung mit Zuftimmung
gefolgt bin, will mich der kurze Abfchnitt, den er dem
Ehehandel des Landgrafen Philipp gewidmet hat, nicht
befriedigen. Wenn er das Verhalten der Wittenberger
doch nur unter den Gefichtspunkt einer traurigen Nachgiebigkeit
und Schwäche, die hier Luther und Melanch-
thon .zweifellos' bewiefen hätten, zu ftellen weiß, fo fleht
diefe Betrachtung nicht auf der Höhe des gegenwärtigen
Standes der Forfchung, und ich bedaure, daß eine populäre
Arbeit, die in weite Kreife dringt und durch Buchwalds
Namen den Anfpruch erweckt, das fichere Ergebnis
der Lutherforfchung darzubieten, hier nicht klarer in den
Sachverhalt eingedrungen ift und unfern Gemeindegliedern,
die hier an Luther Anftoß nehmen, ein zutreffenderes Urteil
ermöglicht hat. Hier haben unzweifelhaft die Verhandlungen
der letzten Jahre Luther beffer verliehen und
würdigen gelehrt. — In der Kontroverfe über das Jahr
der Romreife tritt nun auch Buchwald — wie ich meine
mit Recht — für 1510 ein.
Berlin. G. Kawerau.

Voretzlch, Karl: Das Parifer Reformationsfpiel von 1524.

Ausgabe in Lichtdruck nach dem Exemplar der Marienbibliothek
zu Halle. Mit e. Einleitg. (8, 7 u. 4 S.) 8°.
Halle a. S., M. Niemeyer 1913. M. 1.50

Schon im 15. Jahrhundert behandelt das fatirifche
Drama der Franzofen auch kirchliche Fragen. Die wohlwollende
Haltung des franzöfifchen Hofes in den erften
Jahren der von Luther angefachten Bewegung hat naturgemäß
jene Literatur noch mehr in die Breite gehen laffen.
So ift es nicht unwahrfcheinlich, daß um 1523 oder 1524
in Paris — vielleicht gar vor dem Könige Franz I — auch
ein Reformationsfpiel aufgeführt worden ift, das wir zwar
nicht felbft befitzen, auf deffen Vorhandenfein wir aber
durch lateinifche und deutfche Inhaltsangaben fchließen
dürfen. Das Stück hat die allmählichen Fortfehritte der
reformatorifchen Bewegung gegenüber dem Papfttum dar-
geftellt. Vor dem von feinen Würdenträgern umgebenen
Papft Hegt ein Haufe glühender, afchebedeckter Kohlen
aufgehäuft. Nacheinander treten Reformatoren auf, erft
Keuchlin, dann Erasmus, als dritter Hutten, der die Kohlen
in neue Glut bringt, fchließlich Luther. Der von diefem
angefachte Brand ift in der ganzen Welt fichtbar. Nach
Angehender Beratung mit den Seinigen fpricht der Papft
den Fluch über den Miffetäter aus, ftürzt aber vom Schlage
getroffen zufammen, als er feine Ohnmacht einfieht.

Von den erwähnten, zum Teil in Neudrucken vorhegen-
den Inhaltsangaben befindet fich ein in deutfeher Sprache
abgefaßtes Exemplar in der Marienbibliothek in Halle,
voretzfeh hat fich das Verdienft erworben, es in Lichtdruck
wiederzugeben, wobei die Bilder des Originals nicht
fehlen. In feiner Einleitung gibt er eine Überficht über
dle bisherige Behandlung der kritifchen Fragen und macht
H wahrfcheinlich, daß die deutfehen Inhaltsangaben eine
hberfetzung der lateinifchen find und daß diefen wieder

fatirifches Drama in franzöfifcher Sprache zugrunde
"egt. Beigefügt hat Voretzfch zwei fpätere Nachbildungen
des Spiels, den kurzen Text der fog. ,Comoedia muta'
H7- Jahrhundert) und ferner Titel und Titelkupfer von
Heuers .Politifchen Fehlern des päbftlichen Hofes' (1718).
^eine Arbeit, die dem Hallenfer Romaniften Hermann
f K £er &ewidmet ift, fördert unfere Kenntnis der Gerichte
des franzöfifchen Calvinismus in erfreulicher Weife.

Chätelineau (Belgien). Carl Friesland.

Windelband, Dr. Wolfg.: Staat und katholifche Kirche in der
Markgraffch. Baden zur Zeit Karl Friedrichs. (VII, 171 S.)
gr. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1912. M. 5 —

Die forgfältige und gut lesbare Arbeit gewährt auf
Grund der Akten einen intereffanten Einblick in die
Schwierigkeiten, die Markgraf Karl Friedrich von Baden-
Durlach, der fpätere erfte Großherzog von Baden, zu
überwinden hatte, ehe es ihm gelang, die Katholiken der
1771 ihm erblich zugefallenen Markgraffchaft Baden-Baden
mit der neuen proteftantifchen Herrfchaft auszuföhnen,
und welcher Rückhalt der Agitation eines Axter und
Tfchamerhell, die auf Überweifung der landesherrlichen
jura circa Sacra gegenüber den Katholiken an eine rein
katholifche, auch dem Landesherrn gegenüber felbftändige
Kommiffion abzielte und das Mißtrauen gegen die pro-
teftantifche Regierung bei den katholifchen Untertanen
gefliffentlich nährte, infolge der Möglichkeit einer Appellation
an den Reichshofrat in Öfterreich gegeben war.
Was fich im Vertrauen auf diefen Rückhalt katholifche
Untertanen in jener Zeit des landesfürftlichen Abfolutismus
gegen ihren Landesherrn und feine Regierungsorgane
fachlich und formell herauszunehmen wagen durften, ift
lehrreich zu lefen. Verf. hat recht daran getan, dieSchrift-
fätze der beiden vor dem Reichshofrat ftreitenden Parteien
unter den Gefichtspunkt des Zufammenftoßes zweier
grundfätzlich verfchiedenen Rechtsauffaffungen, der des
kanonifchen Rechts und der der modernen ftaatlichen
Souveränetät, zu ftellen — vielleicht hätten hier ein paar
Linien noch mehr ausgezogen werden können.

Halle a. S. K. Eger.

Genfichen, Miff.-Dir. a. D. D. M.: Ein Schnitter nur____

Erinnerungen aus meinem Leben. (268 S. m. 10 Ab-
bildgn.) 8°. Hamburg, Agentur des Rauhen Haufes
(1914)- M. 3—; geb. M. 4 —

Es mag mir geftattet fein, der Anzeige diefes Buches
zwei perfönliche Bemerkungen voranzuftellen. Mit dem
Verf. habe ich während meiner Erlanger Studienzeit zwei
Semefter an demfelben Tifche im Verein mit noch vier
andern Kommilitonen gemeinfam gefpeift und über die
fchwerften theologifchen Fragen mit ihnen zu fprechen
Gelegenheit gehabt. Schon damals trat G. mir als eine
in fich gefchloffene, tief veranlagte Perfönlichkeit entgegen,
weicheeinen ausgeprägt lutherifchen Standpunkt theologifch
zu vertreten beftrebt war. Dann bin ich ihm noch einmal
im Leben begegnet, als ich mit einer Anzahl von
Studierenden das von ihm geleitete Berliner Miffionshaus
befuchte und er uns mit gewinnender Freundlichkeit über
das Arbeitsfeld diefer Anftalt daheim und in der Heidenwelt
belehrte. Es war noch der alte Moft in ihm, aber
diefer fchien mir milder geworden. Als eine abgeklärte
milde Perfönlichkeit tritt nun auch der Verf. diefer
Lebenserinnerungen dem Lefer entgegen, die ihren
lutherifch-kirchlichen Standpunkt nirgends verleugnet,
aber ihren Blick durch die Weite ihrer Aufgabe erweitert
und ihren Sinn durch das Befondere ihres Berufes weitherzig
gemacht hat. In fchlichter Weife erzählt uns G.
in diefem Buche feine Lebensgefchichte, indem er uns
durch die Tage feiner Kindheit, feiner Gymnafial-, feiner
Univerfitäts- und feiner Hauslehrerzeit hindurchführt, um
uns dann von feiner Wirkfamkeit als Prediger in Coffar
und Tefchendorf, fowie als Ephorus in Belgrad zu berichten
. In der zweiten Hälfte des Buches S. 133—268
fpricht er hauptfächlich von feiner Tätigkeit als Miffions-
direktor. Den wichtigften Abfchnitt in ihr bildet der
informative Bericht über feine Reife zum Befuche der
von der Berliner Miffion (I) gegründeten Gemeinden in
Südafrika. Schon um diefes Berichtes willen wird das
Buch bleibenden gefchichtlichen Wert behalten. Nicht
minder wertvoll ift der Inhalt des erften Teiles, in wel-