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Ausgabe:

1915 Nr. 10

Spalte:

232-234

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Aufseß, Otto Frh. v. u. zu

Titel/Untertitel:

Ein Herr und ein Glaube 1915

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 10.

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denn was Z. an diefen intereffiert, find ihre fittlichen
Ideen, bei Humboldt mit der Beziehung auf fein kurzes
Wirken als oberfter Leiter des preußifchen Schulwefens,
bei Morus (Infel Utopia) mit Bezug auf die foziale Frage,
die für Z. auch felbft jederzeit ein Problem gewefen ift.

Was noch übrig bleibt in diefem Bande, find folgende
Reden und Auffätze: Gutenberg und fein Werk
(1900: zum ,fünfhundertften' Geburtstag des Mannes);
Schiller (Gedächtnisrede zum hundertften Todestag), Freiheit
und Notwendigkeit in Schillers Dramen (ebenfalls
aus dem Jahre 1905: Z. fieht in Schiller natürlich den
Dichter, aber in erfter Linie den dichterifchen Vertreter
von Ideen, den Philofophen); die Leipziger Schlacht, 1913;
Zwei Bismarckreden, 1891 und 1895 (diefe letzten Stücke
zeigen Z. befonders als politifchen Denker). Zum Schluffe
des Bandes finden wir ,Zwei Kritiken' a) Paul Heyfes
Maria von Magdala 1903, b) Zum Lärm über Gernart
Hauptmanns Feftfpiel 1913. Die erfte zeigt, wie jedes
Stück des Bandes, Z.s gefundes fittliches Urteil, die zweite
fein kräftiges nationales Empfinden und feinen politifchen
Freimut.

Das Buch ift natürlich nicht dazu beftimmt, in einem
Zuge gelefen zu werden. Auch nicht dazu, nur ,gelefen'
zu werden. Aber daß man in ihm fo anmutig belehrt
wird, ganz unmittelbar in allerhand Probleme (auch wenn
es ja noch gar keine Probleme behandeln will) mit hineingezogen
wird, ohne doch den Eindruck zu verlieren,
daß man nicht fowohl ftudiere als ,lefe', das macht das
Werk fo reizvoll. Es ift weniger für Eachgenoffen des
Verfaffers beftimmt (fo vieles auch ihnen darin bedeut-
fam erfcheinen kann), als für den großen Kreis von Gebildeten
, den wir doch in Deutfchland haben. Z. ift
durch und durch Schwabe. Seine Liebe zu Schwaben,
den Menfchen, dem Leben dort, ift fchier unbegrenzt.
Nicht als ob er keine Kritik daran übte. Im Gegenteil,
er nimmt kein Blatt vor den Mund und weiß wohl, was
fchwäbifche ,Verbohrtheit' und ,Verknopftheit' ift. Aber
ich möchte fagen, er hat felbft daran feine Freude, und
das kann man natürlich auch — als Äfthetiker. Ihm
felbft ift zum Bewußtfein gekommen, wie viele Schwaben
unter den .Menfchen' find, die er in diefem Bande behandelt
. Er meint, die kenne und verftehe er doch nun
mal am bellen, und das laffe ich gelten. Er fügt hinzu:
,Ein Partikulariftifches liegt darin nicht, höchftens, daß
es nun einmal Tatfache ift, daß das kleine Württemberg
befonders viele bedeutende und originelle Menfchen hervorgebracht
hat'. Das ift ja nun naive fchwäbifche Selbft-
verliebtheit. Sind die Württemberger, die er behandelt,
wirklich lauter .bedeutende und originelle Männer"? Natürlich
ein Schiller, ein Hegel (Z. führt feine Anficht vom
Krieg vor), Melanchthon, wenn er .Württemberger' heißen
darf. Aber gehört Guftav Binder zu der Kategorie?
Edmund Pfleiderer? Selbft Eduard Zeller und Chriftopf
Schrempf? Erfterer ift zweifellos als Gelehrter bedeutend.
Aber bedeutender als fehr viele andere Gelehrte? Und
.originell' ift er doch wahrhaftig nichtl Über Schrempf
möchte ich nichts Abfchätziges fagen. Seine Entwicklung
ift unterbunden worden. Vielleicht wäre er wirklich
bedeutend geworden. Gewiffenhaftigkeit hat er fo
ernftlich in feiner Weife bewährt, daß er ficher unfere
Hochachtung verdient. Aber daß er zugleich .verbohrt'
und .verknöpft' war, hebt Z. felbft hervor. Bleibt alfo
etwas .Originelles' in einer Form, die doch nicht mehr
.bedeutend' ift. Ob Fr. Th. Vifcher wirklich in höherem
Sinn bedeutend und originell war? Ich würde dies alles
gar nicht zur Frage ftellen, wenn Z. nicht die Stimmungsmacherei
für ihre Landsleute, die die Schwaben
oft üben, fo zuverfichtlich mitbetriebe. Denn nun will ich
ausdrücklich dies fagen, daß ich feine Charakteriftiken
auch all derjenigen Schwaben bei ihm, die ich unmöglich
ganz fo hoch einfchätzen kann, als er felbft, mit viel
Intereffe gelefen habe. Keiner ift unter diefen Männern,
von dem man lagen dürfte, er verdiene es nicht, durch

ein ,In Memoriam' ausgezeichnet zu werden. Sind fie
nicht fo bedeutend, wie Z. iie einfchätzt, fo find fie doch
noch lange nicht .unbedeutend'. An einem Schulmann
wie G. Binder, Strauß' bis ans Grab in Ernft und Freudigkeit
treuem Freund, kann man auch außerhalb Württembergs
fich nur erfreuen.

Z. ift mit feinem Herzen in Schwaben, in Tübingen,
im Stift immer geblieben, auch wenn er nur außerhalb
Schwabens amtlich hat wirken dürfen. Aber fein Herz
ift weit genug, um Alldeutfchland, felbft Preußen mit
zu umfaffen. Er ift wirklich nicht nur mit dem Verftande
politifch ftets für Preußen als führenden Staat in Deutfchland
eingetreten. Bismarck befitzt feine volle warme Be-
geifterung. Eigentlich nur als Theolog, vielleicht nicht
einmal als Philofoph, hat er fich in feiner Liebe zu
Tübingen und was von ihm ausgegangen, abgefchloffen.
Sein ,Held' ift Strauß, er gerade als Theolog. Oder ift
das zu viel getagt? Ift es nicht vielleicht nur der Leben-
Jefuforfcher, der es ihm fo befonders angetan hat? Er
kündigt in der Vorrede an, daß er über Schleiermacher
noch reden werde und daß er von ihm nicht übel reden
wird, kann man aus vielem erkennen. Neben Strauß
fteht ihm zu oberft F. Chr. Baur. Gelegentlich verrät er,
daß er durch ihn noch bis heute der Theologie die
eigentlichen Grundlinien gezogen fehe. Er wird ja wohl
an die Erforfchung des Urchriftentums denken. Da ift
er ein bischen der ,alte' Theolog, will fagen der Philofoph
, der mal Theolog .gewefen'. Über Ritfehl und feine
Schule ftreite ich nicht mit ihm. Er hat fich fchwerlich
je genauer damit befchäftigt, etwa fo genau, wie mit
feinen fchwäbifchen theologifchen und philofophifchen
Lehrern. Es würde mich gefreut haben, wenn er es fich
abgewonnen hätte, über Ritfehl und die Ritfchlianer überhaupt
keine Bemerkungen zu machen, nötig war es nirgends
, es find immer nur, Seitenblicke'. Oder ich kann
auch das fagen: es mag einen immerhin freuen, daß Z.
als Philofoph fo fehr für die Theologie intereffiert geblieben
ift, daß er ihr gern .nebenher' noch Winke gibt.
Wir wollen es auch garnicht verfchmähen, daß er z.B. überall
merken läßt, fein ceterum censeo für die Theologie fei,
philosophiam esse tractandam. Er hat da vollkommen
recht. Mein lieber Freund Max Reifchle hat immer (als
Ritfchlianer) diefe Parole verfochten, und ich kann nur
zuftimmen. Fragt fich nur, wie man als Theolog die
Philofophie recht treibe und nütze.

Ich will mit Mutmaßungen dem nicht vorgreifen,
was wohl die .zweite Reihe' von Z.s .Reden, Vorträge
und Auffätze' bringen wird. Es ift ja nicht fchwer, auch
fchon an den .Menfchen', die er behandelt, an der Weife,
wie er fie beleuchtet, zu erkennen, welche Probleme ihm
vor andern am Herzen liegen, und wie er fie ,löfen' zu
können meint. Aber ich will das den Lefern diefer
.erften Reihe' zu merken felbft überlaffen. Zumal möchte
ich auch Theologen einladen, Z's anfehauliche, immer feine,
fo ethifch wie äfthetifch wohltuenden Ausführungen auf
fich wirken und durch fie fich zeigen zu laffen, wie mancherlei
man von und an feinen,Menfchen', alle feine Schwaben
eingefchloffen, lernen kann. Soll ich noch fagen, welche
Stücke bei Z. wohl die eigenartigften, bedeutendften feien,
fo meine ich, es feien die beiden ,Nietzfche und Hölderlin
' und .Nietzfche und Sokrates'.

Halle. F. Kattenbufch.

Auffeß, Priv.-Doz. Dr. Otto Frhr. v. u. zu: Ein Herr u. ein

Glaube. Ein Beitrag zum Frieden unter den chriftl. Kon-
feffionen. (32S.)8°. München, P.Müller 1914. M.—75
Menge, Gisbert: Die Wiedervereinigung im Glauben. Ein

Friedensruf an das deutfehe Volk. 1. Bd. Die Glaubenseinheit
. (XX, 273 S.) 8°. Freiburg i. B., Elerder
1914. M. 3.80; geb. M. 4.60