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Ausgabe:

1915 Nr. 10

Spalte:

223-225

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

De Labriolle, Pierre

Titel/Untertitel:

La Crise Montaniste 1915

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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223

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 10.

224

De Labriolle, Prof. Pierre: Les Sources de l'histoire du
Montan sme. Textes grecs, latins, syriaques, publies avec
une introduction critique, une Traduction frangaise
des Notes et des ,Indices' (Collectanea Friburgensia.
N. S. XV.) (CXXXVIII, 282 S.) gr. 8». Freiburg
(Schweiz), Univerfitätsbuchhandlung 1913. M. 8 —

— La Crise Montaniste. (XX, 607 S.) gr.8°. Paris, E. Le-
roux 1913. Fr. 15

Einer der verdienteften jüngeren Patriftiker hat hier
in 2 Bänden, deren Verhältnis zu einander die Titel klar
Hellen, eine erfchöpfende Verarbeitung des für die Ge-
fchichte des Montanismus vorhandenen Materials unternommen
, und fich dadurch jeden Kirchenhiftoriker zu
Dank verpflichtet. Nicht bloß feine auch für das fchein-
bar unbedeutendfte Schnitzelchen an Überlieferung in-
tereffierte, beinahe das Ideal einer vollftändigen Sammlung
erreichende Gelehrfamkeit macht dies Werk wertvoll,
mehr noch die Befonnenheit des Urteils und die Unbe-
ftechlichkeit des Hiftorikers, der nicht den kirchlichen
Richter über eine Ketzerei fpielen will, fondern unpar-
teiifch unterfuchen, um beide kämpfenden Parteien zu
verliehen. Das Objekt ift fo glücklich gewählt, daß fein
korrekt katholifcher Standpunkt den Verfaffer faft nur bei
Fragen der neuteftamentlichen Kritik (und Exegefe) gelegentlich
behindert.

Ob der Abdruck aller Quellen, von denen die wefent-
lichen leicht zugänglich find, für Mitforfcher erwünfcht
war, bezweifle ich: wenigftens hätte man dann mehr Ver-
befferung der bisweilen offenbar verdorbenen Texte erwartet
; die franzöfifche Überfetzung hat eigentlich nur
bei den Abfchnitten aus Tertullian den Nutzen, teilweis
einen Kommentar zu erfparen. Indeß wird diefer im 2.
Band für die entfcheidenden Partien doch gegeben, fo-
daß da ein Überfluß zu konftatieren ift, wie es auch fonft
an Wiederholungen fogar innerhalb der ,Crife' nicht fehlt.
Dagegen enthalten die Prolegomena zu den ,Sources' neben
etwas zu ausführlich expliziertem Einleitungsmaterial
fehr beachtenswerte neue Löfungsvorfchläge für literar-
gefchichtliche Probleme. Ich erwähne L.'s Stellung zu
dem Konvolut von Fragen, die mit Hippolyts Syntagma
zufammenhängen, zu dem Verhältnis zwifchen Ifidor von
Sevilla und Pfeudo-Hieronymus' Indiculus; v. Schuberts
Praedeftinatus-Thefen werden beftätigt, aber S. CXXIVfl
auch verbeffert. Die Vermutung, daß die anonyme Aiält&c,
zwifchen einem Montaniften und einem Orthodoxen (die
G. Ficker bekannt gemacht hat) von Didymus herrührt,
wird S. CI—CVIII nicht übel begründet; hoffentlich findet
L.'s Urteil über den Wert der Quellen des Hieronymus
und des Pacianus allgemeine Billigung.

In der gefchichtlichen Darftellung, der der 2. Band
gewidmet ift, legt der Verf. das Hauptgewicht auf das
Auseinanderhalten der verfchiedenen Stufen in der Entwicklung
des Montanismus. Buch I fchildert den urfprüng-
lichen orientalifchen Montanismus, II die erften Berührungen
der neuen Propheten mit dem Okzident a) Gallien,
b) Rom, III. Tertullian und den Montanismus, IV. das
Fortleben des Montanismus in Abend- und Morgenland.
In einem Schlußkapitel S. 539— 568 foll die kirchenge-
fchichtliche Bedeutung des Montanismus feftgeftellt werden
; ein Anhang beschäftigt fich mit der Chronologie
des Ur-Montanismus. Beiden Bänden find brauchbare Re-
gifter beigegeben. Die Bibliographien auf S. V—VII der
Sources und namentlich die auf S. VII—XX der Crise
verdienen auch die Aufmerkfamkeit des Fachmannes.

In den erften Büchern befindet fich L. faft fortwährend
in der Auseinanderfetzung mit gegnerifchen
Meinungen: es zeigt fich, daß er die einfchlägige neuere
Literatur ebenfo gründlich ftudiert hat wie die alten
Quellen, und daß ihn auch hier keine Autorität von der
Bahn befonnener Erwägung und von abfchließender Ent-
fcheidung zu Gunften des Einfachen und Naheliegenden abbringt
. Seine Auslegung der Orakel 1—3, 8, 10, 12, 14
ift vortrefflich, 18 finde ich weniger überzeugend, bei 9
und 15 wäre wohl zu überlegen, ob nicht das Verftändnis
Tertullians von dem des Propheten zu unterfcheiden ift.
Z. B. de pudic. 21: potest ecclesia donare delictum ,sed
non faciam ne et alii (überliefert: alia) delinquant braucht
keineswegs, was bei Tert. felbftverftändlich gemeint ift,
zu heißen: ich, der Paraklet, veranftalte folche donatio
dennoch nicht; da kann der Prophet (mit der Abficht,
daß alle Gläubigen es ihm nachmachen) erklären, trotzdem
werde er keine Sünde tun, ne et alii delinquant: alfo
unbefchadet des Vergebungsrechts der Kirche werde er
und folle man handeln, als ob jenes Recht nicht exiftierte.
Wenn Harnacks Konjektur verworfen und der handfchrift-
liche (?) Text alia, der keineswegs finnlos ift, fondern
wahrfcheinlich aus dem uns unbekannten Zufammenhang
feine Erklärung fände, beibehalten wird, verbleibt es allerdings
bei Tertullians Deutung. Zur Pfychologie Tertullians
enthält Buch III ausgezeichnete Beiträge; daß er
der Verfaffer der Akten der Perpetua ift, dürfte hier
S. 345 ff. beffer als je zuvor erwiefen fein. Daß jene Märtyrer
und Märtyrerinnen von montaniftifchem Geift noch
nicht ergriffen gewefen feien, hat mir dagegen de L.
durchaus nicht plaufibel gemacht. Sie flehen, wie eine
moderne ,Gemeinfchaft' und wie ihr Wortführer Tertullian
damals noch in der Kirche, aber mit dem Gefühl
etwas Befferes als die Maffe zu fein.

Der chronologifche Anhang plädiert für 172 als Jahr
des Auftretens von Montanus; ich halte es nach wie
vor mit Epiphanius, fchon — aber nicht bloß — weil der
Anonymus von 192 deutlich zu erkennen gibt, daß er
eine zweite Generation von Montaniften fich gegenüber
hat. Seltfam ift, daß de L. S. 517 an der von Schwartz
ihm mitgeteilten Deutung des — erft von Ufferius verun-
ftalteten — Textes von Sozomenus 7, 18, 14 überhaupt
zweifeln kann; allerdings ift der 14. Nifan ein Tabu für
den antiken Ofterdatumfabrikanten; das Ofterfeft foll nach
dem 14. Nifan gefeiert werden, am erften Sonntag nachher
, alfo früheftens am 15., fpäteftens am 21.: haben die
Montaniften ein für alle Mal 14. Nifan und 6. April gleichgefetzt
, fo können ihre Ofterfonntage, was Sozomenus
auch wirklich klar genug fagt, nur vom 7. bis zum 13. April
hin fallen. S. 406 n. 1 widerfpricht de L. der Deutung von
caris Dei adgeniculari in de paenit. 9 auf die viduae in
de pudic. 13. Meinetwegen, aber de L.'s Frage: mais alors
pourquoi ce masculin ,cari'? wird seinen Gegner Adam
nicht überwältigen; denn kann caris nicht ebenfo gut
Dativ zu carae wie zu cari fein?

Zwei Mängel vermindern den Wert des trefflichen
Werkes. Eine Fülle von Druckfehlern vorzüglich in grie-
chifchen und deutfchen Zitaten, doch auch in Zahlen, Namen
, lateinifchen und franzöfifchen Wörtern verunftaltet
es; die Vorliebe für lateinifche Ziffern ftatt der arabifchen
ift ja eine erfahrungsgemäß reiche Quelle für folche. Ein
opulentes (ft. opulentas), das in den Text Sources 180
eingedrungen ift, erhält fich ftandhaft auch Sources XCIII
und Crise 24. Gerade bei dem auf S. LIV behandelten Ge-
genftande ift die heillofe Verwirrung in den Notenziffern
recht ärgerlich.

Sodann vermiffe ich eine zufammenfaffende Darfteilung
der von de L. vertretenen Erkenntnis von Wefen und
Entwicklung des Montanismus im Gegenfatz zu bzw. Un-
terfchied von der bisherigen Forfchung, alfo etwa zu
Ritfehl, Harnack, Bonwetfch, Voigt. Das Schlußkapitel
reicht für diefen Zweck nicht aus. Es hätte fchon zu
Anfang hingewiefen werden follen auf die von den früheren
Forfchern nicht befeitigten Anftände, die Aufmerkfamkeit
des Lefers war von vornherein auf die entfcheidenden
Punkte zu lenken, dann mußte am Ende gezeigt
werden, wie nunmehr den Quellenberichten ihr Recht
gefchieht und zugleich die Anfprüche der Kirchenge-
fchichte befriedigt werden. De L. fcheint einige Abneigung
gegen die Tübinger Schule zu empfinden, der er auch