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Ausgabe:

1915 Nr. 9

Spalte:

211

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stange, Carl

Titel/Untertitel:

Die Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott. Zwölf Predigten 1915

Rezensent:

Schian, Martin

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211

Theologifche Literaturzeitung 1915 Nr. 9.

212

Stange, Prof. D. Carl: Die Gemeinrchaft mit dem lebendigen

Gott. Zwölf Predigten, geh. im akadem. Gottesdienft
zu Göttingen. (V, 128 S.) 8°. Leipzig, A. Deichert 1914.

M. 2.50; geb. M. 3.30

Die früher hier von mir gegebene ausführliche Charak-
teriftik der Predigtweife Stanges (Theol. Lit.-Ztg. 1912,
Nr. 24) trifft in weitem Umfang auch auf diefe neue
Sammlung zu. Doch ift jetzt durch Schaffung häufigerer
Abfätze der Aufbau deutlicher herausgeftellt; auch hat
jede Predigt eine den leitenden Gedanken klar bezeichnende
Überfchrift bekommen. Faft will es mir fcheinen, als ob
damit eine leife Verfchiebung des Gefamtcharakters nach
Seite der Themapredigt hin erfolgt wäre. Zwar find
wieder faft durchweg altkirchliche Perikopen zugrunde
gelegt; und niemand wird fagen können, daß die Texte
nicht wirklich behandelt feien; aber bei manchen Predigten
ift das Thema kaum unmittelbar aus dem Text gewonnen
(z. B. Nr. 4 Text: Mt. 22, 34—36. Thema: Ift die Bildung
ein Erfatz für das Chriftentum?). Vielleicht hängt es mit
diefer Wendung auch zufammen, daß jetzt mehr große
und allgemeine, auch mehr ,zeitgemäße' Gedanken hervortreten
. Stärker als früher geht St. in diefen in Göttingen

fehaltenen akademifchen Predigten auf die modernen
timmungen ein. Das Verftändnis des Evangeliums, das
er ihnen entgegenfetzt, ift kein anderes geworden als vordem
; und eine Predigt wie Nr. 3 ,Wie gewinnen wir den
Glauben an das Wunder?' läßt eher mehr als manche
frühere erkennen, daß er die bekämpften Stimmungen manchmal
zu leicht nimmt, fie nicht voll von innen heraus
zu verliehen und zu überwinden vermag. Auch in Nr. 8
(Die Befreiung von der Macht des Teufels) tritt das zu
Tage; es fehlen da z. B. auf S. 83 Gedankenreihen, die
nicht fehlen dürften, wenn der Prediger fich wirklich ernft-
lich Fragende vor Augen hielte. Im übrigen fei auch anläßlich
diefer Sammlung wieder ausdrücklich ausgefprochen,
daß St. wichtige Evangeliumsgedanken in Anwendung
auf allerhand Fragen unferer Zeit gedankenreich und an-
faffend zugleich zu behandeln verlieht. Und wenigftens
eine Anzahl der Predigten wird nicht nur für folche Hörer,
die der Dogmatik St.s naheftehen, wirkfam gewefen fein.

Gießen. M. Schian.

Referate.

Olympiodori philosophi in Piatonis Phaedonem commentaria, ed. William
Norvin. (XII, 272 S. m. 1 Lichtdr.-Tafel.) kl. 8". Leipzig,
B. G. Teubner 1913. M. 5—; geb. M. 5.40

Seit dem Jahre 1847, als Finckh eine Ausgabe veranftaltete,
ift diefer Kommentar nicht wieder gedruckt worden. Eine Neuausgabe
war umfo wünfchenswerter, als Finckh nur jüngere Hand-
fchriften herangezogen hatte, die fämtlich auf einen uns noch erhaltenen
Marcianus des neunten Jahrhunderts zurückgehen. Hier
ift der Text zum erften Male auf diefem maßgebenden Kodex aufgebaut
. Nachweife der Zitate aus Plato und anderen Schriftftellern,
fowie ausführliche Regifter erleichtern die Benutzung.

Straßburg Elf. MaxV/undt.

Lohr, Prof. D. Dr. Max: Einführung in das Alte Teftament. (Wiffen-
fchaft und Bildung 102.) (125 S. m. 10 Abbildgn.) 8". Leipzig,
Quelle & Meyer 1912. M. 1—; geb. M. 1.25

Lohrs Einführung in das Alte Teftament will eine Ergänzung
zu der im gleichen Verlage erfchienenen Einleitung in das Alte
Teftament von Sellin fein. Im erften literaturgefchichtlichen Teil
verrucht L. ein Bild zu geben von den im A.T. fich findenden Literaturgattungen
, von ihrem erften Auftreten und ihren Wandlungen. Das
war nur dadurch möglich, daß er zu diefem Zwecke aus den
Büchern des A. T. einzelne Stücke aus ihrem Zufammenhange
herausnahm. Im zweiten Teil befchäftigt fich L. nur mit den Büchern
und fucht deren Entftehung verftändlich zu machen. Er behandelt
freilich hier nur die gefchichtliche und prophetifche Literatur,
während er einige der Probleme, welche die poetifchen Bücher
des A.T.'s betreffen, im erften Teil S. (30f.) kurz berührt hat.

Im dritten Kapitel befpricht L. die Literatur des A. T. im Lichte
der Literaturen Vorderafiens und Ägyptens. Er erkennt die
Tatfache uralter prophetifcher Literatur auf ägyptifcher Seite
an, weift aber die Hypothefe einer direkten literarifchen_ Entlehnung
ifraelitifcher prophetifcher Anfchauungen von den Ägyptern
mit Recht ab: wie die ifraelitifche prophetifche Literatur qualitativ
grundverfchieden ift von der ägyptischen infolge ihrer hohen
religiösfittlichen Motivierung, fo unterfcheidet fie fich auch infofern
von der ägyptifchen, daß für fie jenes Schema: Bedrückung —
meffianifche Zeit keineswegs eine charakteriftifche meffianifche
Eigenart ift, denn die meffianifchen Weisfagungen hängen, fo weit
fie als echt gelten können, mit den Drohweisfagungen gar nicht
zufammen, fondern bilden eine Kategorie prophetifcher Verlautbarungen
für fich. Anders ift das in Bezug auf die affyrifch-baby-
lonifche Literatur: hier treten wie im Kultus fo in den Rechts-
anfchauungen und Gefetzen überrafchende verwandtfchaftliche
Beziehungen hervor. Israel hat fich eben dem Einfluß diefer
Länder, der zuerft durch die Kanaaniter vermittelt und fpäter
direkt ausgeübt wurde, nicht entziehen können. Das letzte, vierte
Kapitel befchäftigt fich mit der Gefchichte des Kanons und behandelt
die Entwicklung der Schrift und die des Textes.

Das Buch ift trefflich geeignet den Zweck, dem es dienen
will, zu erfüllen: gewandte Darftellung, gründliche Kenntnis der
vorhandenen Probleme und befonnenes Urteil zeichnen es aus.
Straßburg i. E. W. Nowack.

Guttmann, Prof. Dr. Michael: Zur Einleitung in die Halacha.

(2. Heft.) (S. 55—93.) gr. 8°. Budapeft, A. Alkalay & Sohn 1913.
G. bietet hierdieFortfetzungfeiner Halachaftudien und handelt
zunächft von der Verfchiedenheit der religiöfen Praxis nach Ort-
fchaften und Wirkungskreifen der Gelehrten, dann von denjenigen
Fällen, in denen ein Gelehrter feine Anficht geändert hat.
Intereffant ift, daß die Gelehrten gegenfeitig das geographifch
beftimmteGebiet ihrerKompetenz refpektieren. In einem weiteren
Abfchnitt unterfucht G. dann das Wefen der ,Dezifion', des ,Minhag'
und einiger Termini, die eine mehr individuelle Stellungnahme
zu einer Lehrmeinung ausdrücken. Über Kontroverfen, die fich
an ,Dezifionen' anfchließen, handelt S.83ff.inalphabetifcher Reihenfolge
. Wünfchenswert wäre, daß G. feine weiteren Arbeiten einer
genauen Revifion in Bezug auf ihre deutfche Form unterzöge;
denn undeutfch find folgende feiner Ausdrucksweifen: S.55 durchwegs
' ftatt: durchweg; ,es fcheint zu obwalten' ftatt: es fcheint obzuwalten
; S. 56: ,es fehlt an ein Streben nach Einheit nicht' ftatt:
an einem Streben; S. 57: ,die Diafpora unterordnete fich' ftatt:
ordnete fich unter ufw.
Gotha. Fiebig.

Menzies, Prof. Allan, D. D.: The second Epistle of the Apostle
Paul to the Corinthians. Introduction, Text, English Tran-
slation,and Notes. (LV1II, 11 lS.)gr.8°. London, Macmillan & Co.
1912. s. 6 —

Wie in feinem Kommentar zu Markus (The earliest gospel,
1901) gibt der Vf. den griechifchen Text mit ganz wenigen Varianten,
gegenüber eine eigne englifche Überfetzung und darunter einen
Kommentar, der gleichzeitig für Laien berechnet ift, die kein
Griechifch verliehen. Das hierdurch gefteckte Ziel ift trefflich
erreicht. Den Entfcheidungen des Vfs. kann Ref. meift zuftimmen,
und man merkt überall, daß die vollftändige wiffenfchaftliche Aus-
rüftung im Hintergrund fleht. Für die Bedürfniffe des Gelehrten
und des Studenten der Theologie freilich bedeutet die Anpaffung
des Kommentars an das Verftändnis und den Intereffenkreis der
Laien eine ziemliche Einfchränkung. Die Zahl der,Stellen, wo
auf abweichende Auslegungen hingewiefen wird, ift nicht allzu
groß, und die Gründe für und wider können auf fo engem Räume
naturgemäß nicht mit ihrem ganzen Gewicht zur Geltung kommen.
Auch fonft läßt der Gefamteindruck die Schwierigkeiten des
Textes öfters nicht fo hervortreten, wie fie es verdienten. Sehr
mit Recht ift 7,8 das Partizip ßHnwv, von dem man bei v. Soden
kein Wort erfährt, obgleich es bei Weftcott und Hort auf Grund
des videns der Vulgata unter die suspected readings aufgenommen
ift, einfach in den Text gefetzt; fo überaus nahe liegende Konjekturen
dagegen wie tö val ov xal td nv val 1,17 oder Tv nXa&v
octQxiraii 3,3 (wozu xaQ&lai^ eine Randerklärung war) hat fleh
der Vf. entgehen laßen. Aus der verhältnismäßig ausführlichen
Einleitung fei nur dies hervorgehoben, daß er jede Zerlegung
des Briefs in Stücke aus verfchiedener Zeit oder von verfchie-
denen Händen ablehnt.
Zürich. Paul W.Schmiedel.