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Ausgabe:

1914 Nr. 6

Spalte:

171-172

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Watkins, C. H.

Titel/Untertitel:

Der Kampf des Paulus um Galatien 1914

Rezensent:

Windisch, Hans

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i7i

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 6.

172

have attributedto baptism any magic efficacy' (107). Über
die korinthifche Taufe für die Toten fagt er noch in
dem Schlußkapitel, das uns hier nicht weiter intereffiert:
,it is true that Paul does not condamn the superstitious
custom of baptizing Sponsors for the dead; but his words
in regard to it slip out in the midst of an impassioned
controversy, when he cannot stop to look at the ethical
bearing of the custom' (235). Auch die Meinung, daß
Paulus beim Abendmahl an eine manducatio der Gottheit
gedacht habe, wird mit der Begründung abgelehnt: ,in
fact, in his time we cannot trace in any of the more
respectable forms of heathen religion a survival of the
practice of eating the deity' (121).

Die Efchatologie, von der das 6. Kapitel handelt, foll
infofern vom Myfterienwefen beeinflußt fein, als hier nur
für die Myften Seligkeit erwartet wurde und ebenfo nach
Paulus die Ungläubigen nicht auferftehen würden. Aber
das ift bekanntlich unficher.

Von den folgenden Kapiteln kommt für uns vor allem
noch das 9., das die Chriftologie behandelt, in Betracht.
G. fucht den übermenfchlichen Meffias auf einen Einfluß
der Myfterien zurückzuführen: das fcheint mir fchon deshalb
unmöglich zu fein, weil wir von folchen in denjenigen
Gegenden nichts wiffen, in denen die jene Anfchauung
vomMeffias vertretenden jüdifchen Apokalypfen entftanden
fein müffen. Von dem Glauben an den myftifchen Chriftus
fagt G. felbft nur: er is derived from, or at all events
parallel to, the beliefs of the Hellenistic Mysteries. Aber
auch diefer Parallelismus geht nicht weit und, foweit er
wirklich vorhanden ift, befteht er auch zwifchen dem
Chriftentum und andern als den Myfterien-Kulten.

Daß das Chriftentum, wie G. im vorletzten Kapitel
noch ausführt, in Äußerlichkeiten den myftifchen Sekten
des Hellenismus ähnelt, wird er felbft nicht hoch ver-
anfchlagen, und auch im übrigen unterfcheidet er fleh ja
in feiner Bewertung des Einfluffes der Myfterien zunächft
auf Paulus von manchen andern. Ich glaube, daß er darin
recht hat; ja ich meine hier und in meiner oben genannten
Schrift gezeigt zu haben, daß man in einigen Punkten
noch zurückhaltender urteilen follte.

Bonn. Carl Clemen.

Watkins, Paft. D. theol. C. H.: Der Kampf des Paulus um

Galatien. Eine Unterfuchg. (VIII, 121 S.) gr. 8«. Tübingen
, J. C. B. Mohr 1913. M. 3 —

Diefe intereffante, von Joh. Weiß angeregte Studie
will von neuem Einklang in die auseinanderftrebenden
Überlieferungen des Galaterbriefes und der Apoftel-
gefchichte bringen. Durch eindringende Stilunterfuchung
fucht der Vf. den Zeugenwert des Gal. einzufchränken. Es
ift das Schreiben eines leidenfehaftlich aufgeregten Mannes,
der mit Grimm und Härte, mit Entftellungen und Übertreibungen
feine Gegner niederfchlägt, der unwillkürlich
den fcharfen Gegenfatz, den er jetzt empfindet, auch in
die früheren Streitverhandlungen einträgt und fo zu einer
Darftellung gelangt, die die wirklichen Verhältniffe nicht
mehr richtig wiedergibt.

Mit großer Sorgfalt geht der Vf. der Frage nach, welche Ausführungen
und Wendungen des Gal. durch Behauptungen der Gegner angeregt
find, welche Paulus von fich aus aufgegriffen hat. Der Schlüffel
zu ihrer Stellung war die Befchneidung: hier waren fie exegetifch Paulus
gegenüber im Recht, fie galt ihnen als die Vollendung des judenchrift-
lichen Glaubens. Sie fchätzten den Tod Chrifti, aber er war ihnen nicht
die Grundlage für Glauben und Leben, fondern fie bewunderten auch
das Leben Jehl und begeifterten fich für die Lehre Jehl, betonten die
erfüllbaren Forderungen Gottes mehr als die Gnadenerlebniffe und faßten
den Glauben als Vertrauen auf Gott und die Werke als Ausdruck des
Glaubens (hier ift eine Heranziehung von Jac. 2 zu vermiffen). Paulus
hat alfo ihren Standpunkt karrikiert, wenn er ihnen jede Beziehung zum
Kreuz und zum Glauben abfpricht. Diefe F'eftftellungen find wichtig; der
Vf. hätte nur noch ausführen follen, welche Bedeutung fie für das Jefus-
und Paulusproblem haben.

Ebenfo bedeutfam ift die Behandlung des Jerufalemer
Streits, wenn ich hiergegen freilich mehr Bedenken habe.

Paulus übergeht im Gal. den 2. Befuch, von dem Apg.
11,30 geredet wird, und die Bedingungen des Apoftel-
dekrets. W. findet die Nichterwähnung"jenes Befuchs
nicht verwunderlich, weil Paulus nicht fage, daß er eine
vollftändige Lifte geben wolle und weil es fich um eine
Kollektenangelegenheit handelte. Diefe Beurteilung kann
ich nicht gutheißen: Vielmehr liegt m. E. entweder ein Irrtum
auf feiten der Apg. vor oder eine bedenkliche, das Gedächtnis
oder die Genauigkeit belaftende Übergehung auf
feiten des Paulus. Das ritualiftifche Apofteldekret hat
Paulus nach W. mit übernommen, alfo im Gal. verfchwiegen,
entweder abfichtslos — es war ihm ohne fundamentale
Bedeutung — oder mit Abficht, weil es ihm peinlich war
und jedenfalls jetzt nicht mehr von ihm befolgt wurde.
Beide Auskünfte find m.E. nicht haltbar. Das ritualiftifche
Dekret war die Löfung einer Hauptfrage, es follte den
Verkehr von Juden- und Heidenchriften ermöglichen.
Wenn Paulus es wirklich auf fich genommen hätte, dann
müßte man davon in feinen Briefen etwas merken, dann
hätte er es im Gal. erwähnen müffen, wenn er nicht
lügen wollte, dann wäre auch der Streit in Antiochien
nicht möglich gewefen. Hier fcheint mir die Pofition
der Kritik unanfechtbar. Sonft gebe ich zu, daß Paulus
mehrfach den Streit famt feinem Ausgleich pointierter darfteilt
als er tatfächlich verlaufen ift und glaube, daß W.
mit feiner pfychologifchen Analyfe des Gal. das Problem
erfreulich gefordert hat.

Die Literatur ift reichlich benutzt; ich vermiffe u. a.
Lietzmann's Erklärung des Gal. und Moftatt's Introduction.

Leipzig. H. Windifch.

The Epistles and Apocalypse from the Codex Harleianus

(z [Wordsworth's Z2]), numbered Hark 1772 in the British
Museum Library. Now first ed. with an Introduction,
Description of the MS. and its Correctors by E. S.
Buchanan, M. A., B. Sc. (Sacred Latin Texts: No. L)
(XXXII S. u. 142 Doppels, m. 4 Lichtdr.) gr. 8°. London
, D. Nutt 1912. s. 21 —

Mit der vorliegenden Publikation eröffnet B. eine neue
Reihe von Textdrucken aus der lateinifchen Bibelüberlieferung
. Er hat bereits zu der älteren Serie der Old
Latin Biblical Texts zwei Hefte beigefteuert, kündigt auf
dem Vorfatzblatt der neuen Veröffentlichung einen Abdruck
des Codex Laudianus der Paulinen an und fcheint ent-
fchloffen zu fein, fein Leben diefer ebenfo dankenswerten
wie entfagungsvollen Arbeit zu widmen, um das Material für
eine Textgefchichte der Bibel zugänglich machen zu helfen.

Der Codex Harleianus 1772, der durch Diebftahl und
Verkauf von Paris nach England gelangt ift, figuriert bei
Tifchendorf als hark, bei Wordsworth-White als Z unter
den älteften Vulgatahff., ift aber in Wahrheit einer jener
die allmähliche Einführung der Vulgata fpiegelnden Mifch-
texte, den man mit gleichem Recht einen abgefchwächten
Vertreter der altlateinifchen Überfetzung nennen könnte.
B. bezeichnet den Text von Z für Paulus und Apokalypfe
als Vulgata mit vielen altlateinifchen Lefungen, für Hebr.
und Catholica als durchaus altlateinifch. Dies Urteil würde
ich zu modifizieren geneigt fein, weil ich in dem fog.
Vulgatatext des Apoftolos fchon eine fehr ungleichfarbige
Größe von fragwürdiger hiftorifcher Einheitlichkeit fehen
zu müffen meine. Doch bietet eine Anzeige nicht Raum,
| darüber zu diskutieren.

Wie bei feinen früheren Arbeiten (über OLBT VI
f. ThLZ 1913, 3) befchränkt fich B. auf einen diplomatifch
genauen Abdruck der Hf. mit Angabe der Korrekturen.
Der Abdruck ift fo eingerichtet, daß jede Druckfeite einer
Seite der Hf. entfprieht; am Fuß derfelben^erfcheinen die
Angaben der Rafuren und Korrekturen. Große Buch-
ftaben, Kürzungen, Punkte, Striche und dergl. find mög-
lichft getreu wiedergegeben. 4 Lichtdrucktafeln reproduzieren
drei Text- und eine Bildfeite der Hf. Über die