Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1914

Spalte:

150-151

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jüngst , Walter

Titel/Untertitel:

Das Verhältnis v. Philosophie u. Theologie bei den Cartesianern Malebranche, Poiret u. Spinoza 1914

Rezensent:

Lobstein, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

149

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 5.

Meinung, etwas Großes fchaffen zu können, zu ftark erfaßt
, als daß fein politifcher Glaube an Preußen durch
konfeffionelle Bedenken, wie fie ihm fein ultra-ultramon-
taner Freund Herrn. Müller im April 1848 auf die Seele
zu binden fuchte (S. 249), hätte erftickt werden können.
Seinen reinen Eifer hat er gerade 1848 aufs fchönfte gezeigt
. In Wiesbaden hielt er fich in den Märztagen klug
und wacker; er war dem jungen Herzog ein trefflicher
Berater. Sein Verfuch, die Regierungen für eine Reform
der Bundesverfaffung im Sinne deutfcher Einheit und im
freiheitlichen Geifte zu gewinnen, war zwar in bedeutendem
Maße durch die politifchen Gedanken Friedrichs v. G.
genährt, aber Max perfönlich hat doch in herzlicher Hingabe
an die Idee getan, was er zu ihrer Verwirklichung überhaupt
tun konnte. Als Führer der füdweftdeutfchen Ge-
fandtfchaft, die den preußifchen König dem neuen Deutfch-
land als Oberhaupt gewinnen follte, erfchien er im März
1848 fich und anderen faft wie der Führer zur deutfchen
Einheit. Wir können hier weder diefe Epifode näher betrachten
noch die fernere politifche Wirkfamkeit G.s berühren
. Es muß den nicht-theologifchen Zeitfchriften
vorbehalten bleiben, das wertvolle neue Material, das
Paftor vor uns ausbreitet, genauer zu kennzeichnen; nur
das fei bemerkt, daß die von Meinecke (Weltbürgertum
und Nationalftaat) gegebene Deutung der G.fchen Auf-
faffung des preußifch-deutfchen Problems jetzt urkundlich
bestätigt ift.

Bei G.s Austritt aus naflauifchem und Übergang in
öfterreichifchen Dienft haben konfeffionelle Erwägungen
mitgefpielt, aber weder hier noch dort in der einfachen,
klaren Bestimmtheit, wie die Legende von damals und
heute es glauben machen möchte. Die Behauptung, daß
G. wegen feiner katholifchen Gefinnung 1854 aus dem
nafiauifchen Dienfte habe weichen müffen, ift zuerft
namentlich durch den Limburger Bifchof und feine Umgebung
vertreten, fpäter durch G.s klerikalen Schwieger-
fohn verbreitet und nun auch von Paftor bereitwillig aufgenommen
worden. Mit den Tatfachen verträgt fie fich
fchlecht. G. hat das ihm angetragene Referat für katho-
lifche Schulangelegenheiten nicht als gekränkter Katholik,
fondern als gekränkter Edelmann und Exminifter abgelehnt
; feiner katholifchen Gefinnung nach hätte er das
Amt annehmen können, um nicht zu fagen müffen, aber
er hielt die Stellung, was begreiflich ift, für feiner unwürdig
und fühlte fich durch den naffauifchen Minifter-
präfidenten beleidigt. Seine Ausfprache mit dem Herzoge
(S. 341 ff), die von denkbar größter Offenherzigkeit war,
läßt keinen Zweifel darüber zu. Sie zeigt die Klarheit
und Energie des Herzogs und läßt zugleich die aufrechte
Mannhaftigkeit G.s hervortreten.

Der öfterreichifchen Regierung hat fich G. erft angeboten
(März 1855), als er fah, daß er in Preußen kein
Unterkommen finden konnte. Sonderlich fympathifch ift
fein Verhalten dabei nicht (vgl. namentlich S. 361 f.), und
der Verf. hätte weder fich noch dem Andenken Gagerns
etwas vergeben, wenn er das zugeftanden hätte. Wir
können hier die politifchen Wandlungen G.s und die
Tätigkeit feiner fpäteren Jahre überhaupt nicht berühren.
Zuletzt wandte fich G., der doch auch in „ fterreich das
was er fuchte nicht ganz gefunden hat, vornehmlich den
Werken der chriftlichen Charitas zu; fo paßt es in der
lat zu der Stimmung der letzten Lebensjahre des Greifes,
w?n>n tA"1 Bi°graPö fchließlich faft zum Hagiographen
AT r. • ügens beftat'gt das Werk, was fchon P.s Buch
u?er .P-eichensperger gezeigt hatte: die Fähigkeit, eine
wirkliche Biographie zu fchreiben, fehlt dem gelehrten
Verl. Aber die neue Arbeit weift auch die Vorzüge der
alteren in verstärktem Maße auf. Wertvolle neue Stoffmafien
, befonders zahlreiche, großenteils wichtige Briefe,
find mit großem Fleiße und unter umfaffender Verwertung
der Literatur durchgearbeitet, Sorgfältig geordnet und bequem
zugänglich gemacht. Der Verf. ftellt fich meift be-
lcheiden neben oder auch hinter den Stoff. In allem, was

kirchliche Dinge berührt, macht fich fein Urteil freilich
fehr deutlich und immer nur in einer Richtung bemerkbar.

Freiburg i. Br. F. Vi gener.

Jiingft, Dr. Walt: Das Verhältnis v. Philofophie u. Theologie
bei den Cartefianern Malebranche, Poiret u. Spinoza.

Eine philofophiegefchichtl. Unterfuchg. (Abhandlungen
zur Philofophie u. ihrer Gefchichte. 22. Heft.) (94 S.)
8°. Leipzig, Quelle & Meyer 1912. M. 3 —

Das Problem, dem des Vf. Schrift gewidmet ift,
kann feine Formulierung von verfchiedenen Seiten aus
erhalten, je nach dem man den Urfprung, den fubjektiven
geiftigen Inhalt oder die objektiv-begriffliche Seite der
zu vergleichenden Größen berücksichtigt: Offenbarung
und Vernunft, Glaube und Wiffen, Theologie und Philofophie
, find drei verfchiedene Gesichtspunkte, unter welche
eine wefentlich gleiche Frage fich fubfumieren läßt.
Während Descartes, um feiner Philofophie freien Raum
zu fchaffen und fich felbft vor Beunruhigungen zu Schützen,
das ihm unbequeme Problem einfach auf die Seite fchob,
find einige feiner Schüler und Nachfolger mit verfchiedener
Orientierung an die große Frage herangetreten. Jüngft
ftellt die Löfungsverfuche Malebranche's, Poiret's und
Spinozas in einer wohl unterrichteten und lichtvollen
Unterfuchung dar.

Malebranche, der Rationalifl, und Poiret, der My-
ftiker, find bei aller Verfchiedenheit ihrer Abgrenzung
von Glauben und Wiffen darin einig, daß es fich bei
beiden um wefentlich gleichartige Dinge handelt, um Vermögen
, deren Aufgabe in gleicher Weife, wenn auch nicht
mit derfelben Sicherheit und Tragweite, darin befteht,
theoretifche Urteile über transzendente Gegenstände abzugeben
. Keiner von beiden kommt prinzipiell über die
Löfungsverfuche der Scholaftik hinaus. Malebranche will
fich der Autorität der Kirche unterwerfen und kann doch
bei feinem Wiffensdrang von dem Gebrauch der Vernunft
nicht lafien; feine Unficherheit und fein Schwanken erklärt
fich aus dem Beftreben, den Inhalt des mittelalterlichen
Denkens in die Formen der neuen rationalen
Forfchungsmethoden zu gießen. — Poiret, der Myftiker
unter den ffanzöfifch reformierten Theologen, ift nicht,
wie der Oratorianer Malebranche, durch die Autorität
einer unfehlbaren Kirche gebunden, und er huldigt nicht
dem einfeitigen Intellektualismus, der M.'s Syftem be-
herrfcht; aber auch bei feiner antirationalen Tendenz ift
es ihm doch nicht gelungen, fich von dem Bann der fcho-
laftifchen Fragestellung freizumachen. Er bewegt fich in
Kompromißverfuchen, indem er bald behauptet, der Vernunft
ihr Recht geben zu wollen, bald aber den Glaubensakt
dem Forum der Vernunft entzieht und die übernatürliche
Erleuchtung und die feiige Gelaffenheit der
Seele rühmt

Demgegenüber bedeutet Spinoza's Löfung die prinzipielle
Abkehr von der Behauptung der Homogenität
des Glaubens und Wiffens. Vom Bereich des theoretifchen
Urteilens und Erkennens auf immanenten und transzendentalen
Gebieten fchließt er den Glauben völlig aus;
die Frage nach dem .Wahren' überläßt er allein dem
Wiffen, der Vernunft. Damit ift die Superiorität des rationalen
Erkennens, folglich der Vernunftreligion über
die Offenbarungsreligion unzweifelhaft feftgeftellt. Der
Glaube hat es nur mit der praktifchen Seite der Sittlichkeit
oder, nach Spinoza's Gleichfetzung, mit der Frömmigkeit
, der Gottes- und der Nächstenliebe zu tun. — Anfätze
zu diefer durchaus felbftändigen, fowohl von Malebranche
als auch von Poiret ftark abweichenden Löfung findet
Jüngft auch in der Scholaftik, bei Albertus Magnus,
Duns Scotus und Occam. Eine weitere Analogie findet
er bei Luther, der an die Stelle des quantitativen Unterschieds
von Glauben und Wiffen den qualitativen Gegen-
fatz geftellt habe, durch Scharfe Betonung der Antinomie