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Ausgabe:

1914 Nr. 4

Spalte:

115-116

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Berthoud, Aloys

Titel/Untertitel:

Jésus et Dieu 1914

Rezensent:

Lobstein, Paul

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Seite 1

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H5 Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 4. 116

der gefchichtlichen Erfcheinungsform kritifch zu fcheiden
ift. Im erften Falle würde man dem Hiftorismus verfallen
, im zweiten Falle müßte man zugeben, daß die
Vernunft ein notwendiges allgemeingültiges Ideal der
Religion bilden kann, das im Prozeß der Gefchichte annähernd
verwirklicht wird. — Auch das Verhältnis von
Glauben und Wiffen ift nicht völlig klar dargeftellt. Die
Einheit beider foll darauf beruhen, daß auch das Wiffen
Glauben zur Vorausfetzung hat; der Glaube foll dagegen
nicht zu einer notwendigen Erkenntnis fich erheben laffen,
obgleich er felbft eine Betätigung der Vernunft fein foll;
nur eine gewiffe Wahrfcheinlichkeit fei theoretifch zu erreichen
. Ift dies der Fall, fo find wir doch wieder an
die fubjektiven Erlebniffe praktifcher Art gewiefen und
die Betonung des rationalen Charakters des Glaubens ift
ohne Bedeutung. Die Gotteserkenntnis könne immer nur
uneigentliche bildliche Bedeutung haben, die wiffenfchaft-
liche Reflexion fei nur regulativ, um die Irrthümer
der Bilderfprache abzuwehren. Wenn dem fo ift (eine
Anficht, die eher Lipfius vertritt), fo kann die Religion
wefentlich nur praktifch fein, und die Einheit der theo-
retifchen und praktifchen Vernunft wird gegen die fonftigen
Behauptungen in Frage geftellt, nach denen es doch ein
ganz anfehnliches Wiffen über Gott und göttliche Dinge
geben foll z. B. in bezug auf Schöpfung, Wefensverwandt-
fchaft Gottes und des Menfchen, wie er denn auch fagt,
daß in der Denknotwendigkeit der Gottesidee der Beweis
ihrer Wahrheit liege.

Sieht man aber von den erwähnten Unbeftimmt-
heiten und Schwankungen ab, fo hat der Verf. Pfleiderers
Anflehten gut zufammengeftellt und namentlich auch die
Extreme, zwifchen denen er durchzufteuern fucht, klar
fixiert, fo daß die Arbeit einer gewiffen Großzügigkeit
nicht entbehrt, wenn es ihm freilich auch nicht völlig
gelungen ift, die erkenntnistheoretifchen Schwankungen
zwifchen Skepfis und fpekulativem Erkennen völlig zu überwinden
und von dem Hiftorismus als Heilsprinzip ganz
loszukommen. Wie weit Pfleiderer felbft zu diefen Schwankungen
Anlaß gegeben hat, kann hier nicht weiter erörtert
werden.

Königsberg i. Pr. A. Dorner.

Berthoud, Prof. Aloys: Jesus et Dieu. (404S.) kl. 8°. Genf,
C. Kündig 1912. fr. 4 —

Zur 25. Jahresfeier feiner dogmatifchen Profeffur an
der r^cole de theologie der evangelifchen Gefellfchaft in
Genf' veröffentlicht der durch feine Apologie du Chri-
stianisme (Theol. Litztg. 1899, Nr. 2) bekannte Vertreter
des noch unter dem Einfluß des Reveil flehenden Biblizis-
mus eine Zufammenfaffung feiner Chriftologie und feiner
Gotteslehre, die, in der Trinitätslehre zwar heterodox ift,
aber ihren Standpunkt jenfeits der Frageftellungen Kant's,
Schleiermacher's und Ritfchl's einnimmt, und eine charak-
teriftifche Synthefe pietiftifcher Rechtgläubigkeit, atomi-
ftifchen Schriftbeweifes und kühner Spekulation darftellt.
Es wird genügen, in diefem Blatt eine gedrängte Inhaltsangabe
des als ,Glaubenszeugnis' (S. 4f.) gedachten, zuweilen
von rhetorifchem Pathos durchdrungenen Buches
zu entwerfen.

Da der Glaube zum vollen Bewußtfein feiner felbft durch Aneignung
feines göttlichen Inhaltes, Gott in Chriftus, gelangt, ift die anzuwendende
Methode die organifch-induktive, die von dem der Beobachtung und Erfahrung
zugänglichen Inhalt zu den Vorausfetzungen des chritllichen Heils-
befitzes auf regreffivem Wege fortfehreitet. Die Betrachtung der vollkommenen
Menfchheit Chrifli, feiner durch fein Selbftzeugnis verbürgten
Heiligkeit, feiner Ubernatürlichen Geburt (der Bedingung, nicht der L'rfache
feiner Sündlofigkeit) bildet den Ausgangspunkt der Ausführungen B.'s. Er
wendet fich dann der Erörterung der Meffianität Jefu zu, befchreibt feine
prophetifche Lehrtätigkeit, und ftellt feine untrügliche doktrinelle Autorität
fett. Das Erlöfungswerk konzentiert fich in dem Todesopfer, der
Urfache unfres salut integral et collectif (108). Die um drei Schriftaus-
fagen fich bewegende dogmatifche Erklärung (Joh. 3,16; Rom. 6,23;
2 Cor. 5, 21) ttrebt eine höhere Synthefe der juriftifchen und der ethifchen
Theorie an. Bei der Befprechung der Erhöhung Chrifli läßt fich der
Verf. wieder in die ehemals üblichen Unterfuchungen über die Befchaflen-

heit des Auferftehungsleibes Chrifli (165 f.) ein. Mit großer Energie tritt
B. für die wefenhafte Gottheit Chrifli ein, die felbflverftändlich auch die
Präexiflenz des Sohnes Gottes vorausfetzt. Die Präexiftenzkategorie ift nicht
ein aus der zeitgefchichtlichen Gedankenwelt zu erklärendesTheologumenon,
fie ift als Offenbarungswahrheit zu betrachten. Der zweite Teil der Schrift
(223—401) handelt von Gott an fich, Gott für uns (oder die Prädeftination),
Gott mit uns (oder die Inkarnation), Gott in uns (oder der Heilige Geift).
Hier verläßt B. die zum Ausbau der Chriftologie angewandte Methode
des regreffiven Gangs von unten nach oben, und fcheut fich nicht, zu-
nächft das Wefen Gottes an fich zum Gegenftand feiner Betrachtungen
zu machen. In der Unterfcheidung des Vaters und des Sohnes in dem
Einen Wefen Gottes findet er die Vermittelung zwifchen dem Deismus
und dem Pantheismus. Die Selbftentzweiung des innergöttlichen Wefens
ift kein zufälliger und vorübergehender Akt, der an einem beftimmten
Moment begonnen hätte, denn die innergöttliche Tätigkeit ift über Zeit
und Raum erhaben (239). Auch fonft liefert die Verfenkung in das Wefen
Gottes (,lorsque rien ne vivait, sauf l'Eternel' p. 256) den Schlüffel zur
Löfung vielumftrittener Probleme. Die zwifchen Thomas und Duns Scotus
verhandelte Frage nach dem Verhältnis des göttlichen Willens zum ab-
folut Guten läßt fich durch die Unterfcheidung des aktiven göttlichen Ich
und des reflexiven göttlichen Ich beantworten (259). Den wahren Knoten
des Erwählungsproblems bildet die Beftimmung des Verhältniffes der Prädeftination
Gottes zu feiner Präscienz. Die Prädeftination ift allgemein,
aber bedingt; die Präfeienz Gottes ift eine bloß relative: Gott hat die
Wirklichkeit des Böfen nicht vorhergefehen, weil er fie nicht gewollt hat
(310). Wie das Geheimnis der Erwählung, fo erfchließt fich auch das
Geheimnis der Inkarnation dem Gläubigen, der als Theologe die ,orga-
nifche Methode' zur Anwendung bringt (322). Das Problem der zwei
Naturen findet feine Löfung darin, daß man die Naturen nicht räumlich
neben einander ftellt, fondern fie zeitlich auf einander folgen läßt (335),
in andern Worten: B. nimmt wieder feine Zuflucht zur Kenofe, deren
Theorie er nicht ohne Gefchick vorträgt, wenn auch weder feine Apologetik
noch feine Polemik neue Gefichtspunkte geltend zu machen weiß
(335—358). Das letzte Kapitel der Gotteslehre B.'s, Gott in uns oder
der heilige Geift, bietet ein befonderes Intereffe infofern, als der Verf.
durch eine genaue und rühmlich unbefangene Exegefe zu dem Schluß
kommt, daß die Kirchenlehre von der Perfönlichkeit des heiligen Geiftes
und von der ontologifchen Trinität nicht fchriftgemäß ift. Auch die prinzipielle
Kritik der Auffaffung von der metaphyfifchen Hypoftafierung des
heiligen Geiftes ift von einer Schärfe, die man in andern Teilen des Buchs
vergeblich fuchen würde. Er fpricht von den aberrations du dogme eccle-
siastique (322), von einer deformation de la pensee apostolique (375), wobei
er fehr treffend den Nachweis zu führen unternimmt, daß durch eine
vom kirchlichen Dogma verfchiedene Formulierung die chriftliche Frömmigkeit
keinen Schaden leidet. Warum hat der Verf. in andern Teilen
feiner Unterfuchung (z. B. 179 f.) nicht diefelbe Unbefangenheit und metho-
dologifche Klarheit bewiefen?

In Summa, B. gelangt zu einem metaphyfifchen Di-
theismus, der fowohl dem kirchlichen Dogma als dem
philofophifchen Denken zuwiderläuft. Seine Schlußworte
enthalten wertvolle Bemerkungen über den religiöfen Gehalt
und das innere Leben der Dogmen, die ihren Zu-
fammenhang mit der Frömmigkeit zu bewahren wußten,
fowie über das religiöfe Anfehn der heiligen Schrift. Auch
hier darf man das Bedauern ausfprechen, daß B. diefe
Grundfätze in feinem Buch nicht konfequenter und um-
faffender zur Anwendung und Geltung gebracht hat.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Simpson, J. G.: Great Ideas of Religion. (XXXII, 315 S.)
8°. London, Hodder & Stoughton (1912). s. 6 —

This volume of papers and sermons by the Canon
and Precentor of St. Paul's, London, is the work of a
great preacher, perhaps the greatest in the English Church
today. Truths and principles of the Christian faith are
set forth in the atmosphere of contemporary thought.
The author assumes that, while the atmosphere is subject
to change from age to age, the preacher must set forth
the truth in the lights and shadows of his own time. His
point of view is represented by Tdeas in action'. On
the one hand, he holds that life, although in process of
evolution, is not a mere record of changes; on the other
hand, consciousness, purpose, and reason have equally
valid claims to our recognition. Thus a place is made
for both personality and phenomena, for freedom and
necessity. His thesis runs, 'Personality makes itself in
action and purpose perfects itself in history'. His six
first papers are on experience, creation, sin, grace, the
Christ of history, and the real presence. Experience has
the same value in religion as in other human affairs. The
Christian doctrine of creation is, that Christ is the religious