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Ausgabe:

1914 Nr. 3

Spalte:

88-89

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eitle, J.

Titel/Untertitel:

Der Unterricht in den einstigen württembergischen Klosterschulen v. 1556 - 1806 1914

Rezensent:

Knoke, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 3.

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weife ein durch Vorftellungen und Gefühlserregungeu eingeleiteter Willensakt
. Wir bedürfen wegen der nun einmal nicht einheitlichen empirifchen
Erfcheinung folcher Prozeffe des doppelten Gefichtspunktes, und zwar zu
dem Zwecke, der Vollftändigkeit des empirifchen Weltbildes wirklich
Rechnung zu tragen. — Das gewichtigfte Hindernis des Vogtfchen Sy-
ftems eines abfoluten Realmonismus liegt aber, foweit wir auf die innerliche
Einheit felbft fehen, in der fort und fort empfundenen Nötigung
zur Annahme von zahllofen fpezififchen Konftellationen. Um der
moniftifchen Idee willen muß er zunächft feine Subftanz ganz einfach
denken, d. h. mit keiner Energie ausgefluttet als derjenigen, die den Anfang
aller Prozeffe ermöglicht. Diefe der Subftanz einwohnende Energie
war nun früher auch nach Vogt felbft eindeutig, nämlich die Verdichtung
, jetzt aber ift fie gedoppelt, nämlich in Verdichtung und Empfindung
auseinandergehend. Hier liegt fchon ein fchweres Bedenken
gegen Vogts fynthetifche Konftruktion begründet. Man könnte ja lediglich
einen umgewandelten Spinozismus in diefem Grundfchema finden, und
Verdichtung oder Volumenänderung und Empfindung find fchließlich nur
andre Namen für Ausdehnung und Denken; allein die Art, wie die In-
härenz der Empfindung in den Pyknoten proftuliert wird, erinnert zu deutlich
an die Haeckelfche Manier in den ,Lebenswundern', als daß bei
Vogt von Spinozismus gefprochen werden könnte. Demgemäß ift auch
die Duplizität der der Subftanz inhärierenden Energie keine Analogie zu
Spinozas reinem Abftraktionsverfahren, mittels deffen diefer nur verftandes-
mäßig die natura naturata oder die Erfcheinungswelt der Modi von der
abfoluten Subftanz, der natura naturans, trennt. Bei Vogt erfährt der
abfolute Charakter des Monismus eine empfindliche Störung durch die
Annahme der .Konftellationen'. Er bedarf folcher nicht bloß für die
Einleitung der organifchen Prozeffe, fondern auch für diejenige de;
anorganifchen. Denn auch der mechanifche Entwicklungsprozeß umfaßt ;
eine große Reihe verfchiedener Vorgänge, durch welche Dinge entliehen |
und Erfcheinungen ablaufen, die im Wefen der Subftanz — fo wie diefe [
nach Vogt vorzuftellen ift — gar nicht begründet find. Bewegung,
Wärme, Gravitation, Chemismus, Elektrizität ufw. entliehen, fie find Sekundäre
Erfcheinungen', die nur unter befonderen Konftellationen hervortreten
. Woher aber kommen diefe Konftellationen, wenn fie nicht auch
ihrerfeits fchon in der einzigen einheitlichen Subftanz, dem Einzig-Sei-
enden, im vorhinein angelegt find ? Woher, wenn es kein Prinzip außer
dieser Subftanz gibt? Woher, wenn es kein Agens gibt außer der Verdichtung
, die doch nicht aus fich felbft und durch den ihr allein wefen-
haften Prozeß die Konftellation fchaffen kann? In der Tat bringt der
Verf. keinen Erfatz für das fchaffende Prinzip. Stellt er in der Einleitung
in Ausficht, daß ,an der Hand des Entwicklungsprinzips unfer
fuchender Verftand zum erften Male imftande ift zu zeigen, wie ein folches
Prinzip, wie ein Gott, im Falle wir ihn brauchen, entlieht' (S. 4): fo
fcheint er uns mit feinem Konftruküonsverfahren vielmehr zu zeigen, wie
der grübelnde Verftand urfachlofe Konftellationen erdenkt, die er nun an
die Stelle aller brauchbaren Agentien der Natur fetzt. Es ift zudem auch
nicht einzufehen, wie fich folche Konftruktionen mit dem extrem fenfua-
liftifchen Grundfatz vereinbaren mögen, dem V. die Form gibt: ,Was
finnlich nicht vorftellbar ift, gehört in keinen realen Empfindungskreis'.
Welches ift die Konftellation für das Hervortreten der zur Subftanz an
fich gehörigen Empfindung? Warum ift fie nicht von felbft immer anzutreffen
? Auch darauf keine Antwort.

Zu beachten ift, daß Verf. trotz feiner fcharfen Betonung
der Alleingültigkeit des mechanifchen Weltge-
fchehens eine heftige Polemik gegen die .vulgären Me- l
chaniften' aufnimmt, die den groben Fehler begehen,
,den Geift, den fie zuerft für unergründlich und unantaft-
bar erklärt hatten, nun plötzlich fpielend aus ihren phyfi- |
kalifch-chemifchen Prinzipien neu erftehen zu laffen'
(S. 309). Er wendet fich auch ganz beftimmt dagegen, I
daß der Gedanke ein Stoffwechsel- oder ein Oxydationsprodukt
fei, und er meint, zu diefer Oppofition gegen
den .Vulgärmechanismus' durch eine eigene neue Theorie
des Lebens berechtigt zu fein.

Der abfolute Monismus verlange eine .wiffenfchaftliche Mechaniftik',
welche den LTfprung des Lebens in der Region des unendlich Kleinften
als die Bildung der Biofe oder des LTgehirns (,mit demfelben Aufnahme-,
Variations- und Entladungsapparat wie das Gehirn ausgerüftet'l begreift.
Die für die erfte Entftehung des Lebens anzunehmende befondere Konftellation
ift .erftens nur in Einem Zeitpunkte, alfo nur einmal möglich ge-
wefen, das Leben kann nur einmal entftanden fein, und zweitens ift fie
nur an der Oberfläche eines Planeten möglich' (S. 317; womit vereinbart
werden muß S. 499: ,ein einheitlicher Stammbaum bedingt die Voraus-
fetzung eines einheitlichen Entftehungsortes des Lebens, eine Vorausfetzung,
die wir von unferem Standpunkte aus entfchieden zurückweifen muffen').

Verf. denkt fich nun die Ausbildung der Lebewelt
fo, daß in der Biofe der ,Organintellekt' etwa in der
Weife des Gehirns als Baumeifters tätig ift, um, infolge
von Schmerzempfindungen oder Emotionen Verfuchs-
reihen erfinnend, organifche Mittel zu erzeugen. ,Die
Biofe muß ganz genau wiffen, welches Mittel fie zur Entladung
ihrer Emotionszentren verwenden will' — natürlich
ein rein mechanifcher Prozeß. Er befpricht fodann
die Fortpflanzung und Entwicklung des Lebens (unter

fcharfer Kritik des Kampfes ums Dafeins als treibenden
Paktors), die Potentialquelle des Lebens, den Rhythmus
des Stoffwechfels und die Lebensdauer, die mechaniftifche
Grundlage der ameliatorifchen Entwicklung, das Sinken
der Albedo, die Einwirkung der tellurifchen Umwälzungen
auf die organifche Entwicklung, die Eiszeit, die äußeren
und inneren Bedingungen für das Schaffen des Organintellekts
, die Mechanik der ameliatorifchen Entwicklung
und die gefchlechtliche Fortpflanzung. Man wird gern
zugeftehen, daß eine fo zielbewußte Einftellung der bio-
logifchen Hauptfrage in den allgemeinen phyfikalifch-
kosmifchen Zufammenhang fehr bedeutfam ift. Das Bedürfnis
nach Orientierung der Lebenserfcheinungen von
allgemeinem Zufammenhang des Gefchehens ift längft
empfunden, aber der kühne Verfuch, diefe Betrachtung
wirklich durchzuführen, war bisher in gleichem Umfange
noch nicht gemacht. Die Prüfung der Einzelheiten unter-
fteht der fachlichen Kritik. Hier möge ein wichtiges
Moment hervorgehoben fein. In den Vordergrund der
Darlegung tritt der Begriff der Organogenkonftante als
der mechanifchen Konftellation, aus der die organifche
Entwicklung ihren Urfprung nimmt — wobei angemerkt
werden muß, daß von einer Konftanz der organogenen
Stoffe, ihrer Aggregatzuftände und der Intenfität ihres
chemifchen Verhaltens felbftverftändlich nur approximativ
gefprochen werden kann. Das rechte Verftändnis des
.Organintellekts' jedoch wird durch folgenden Satz ermöglicht
: ,Der mechanifche Zwang treibt und peitfcht

die Organismen ins Dafein..... Vorläufig liegt alles Leben

in der Hand der Sonne, und es ift gut, daß es fo ift,
die Sonne kennt keine Launen, wie die Götter der Men-
fchen' (S. 413). Die Entwicklung der Lebewelt, die nicht
eine zunehmende Exiftenz- und Anpaffungsfähigkeit bedeutet
, foll erftlinig als reichhaltigere Differenzierung der
Empfindung verftanden und rein mechaniftifch vorgeftellt
werden, fofern die an und für fich nach Vogt von der Sonnen-
ftrahlung unabhängige Organogenkonftante allmählich finkt
und durch diefes Sinken der ,Organintellekt' zu umfangreicherer
Betätigung feiner Erfindungsgabe angeregt wird.

Bei diefer biologifchen Konftruktion fucht V. ähnlich wie in feiner
Subftanzlehre unter Hervorhebung eines antimaterialiftifchen Zuges eine
mechaniftifche Theorie aufzuftellen, die das geiflige Prinzip in der Subftanz
felbft begründet finden will. Allein eben in diefer Wendung ift
ein grundfätzlicher Unterfchied vom Materialismus nicht zu gewahren.
Ift auch nach V. das Leben nicht durch das zufällige Zufammentreffen
anorganifcher Faktoren entftanden zu denken und der Zufall überhaupt
als Moment in der kosmifchen und biontifchen Entwicklung unannehmbar,
fo ift doch Ablehnung des Zufalls noch nicht gleichbedeutend mit Anerkennung
von zweckmäßigem Gefchehen — ein Begriff, den der Verf.
aufs heftigfte bekämpft — und die Annahme einer Koinzidenz von Subftanz
und Empfindung keine Erklärung oder Behauptung des gciftigen
Seins. Der Erzeuger der organifchen Welt, der Organintellekt, deffen Einführung
letztlich demfelben Zwecke dient wie die Einführung der Ente-
lechie in Driefch' .Philofophie des Organifchen', foll zwar ,in Analogie'
zum meufchlichen Perfonalintellekt verftanden werden, würde jedoch den
letzteren nie erklären und fchwebt als ein mechanifcher Spirit in der Luft.
Daß ,die Empfindung in ihren unzähligen Manifeftationsformen, in denen
das Leben allein glüht und pulfiert', als das Entwicklungsprinzip des
Organifchen bezeichnet wird, hat gewiß einen brauchbaren Sinn. Aber
das Syftem des abfoluten Monismus ift dadurch nicht gefichert, daß dies
Prinzip kurzerhand in die Subftanz verlegt wird. Auch der Ausgang der
ganzen Unterfuchuiig von der Vielheit urfprünglicher Wefenheiten be-
fchafft dadurch, daß diefe nicht als Monaden oder Atome fondern als
Pyknoten gedacht werden, kein gefchloffeneres Bild des Werdens, da
nicht erhellt, wie diefe identifchen Einheiten miteinander in Zufammenhang
getreten find, und zwar in einen folchen, der nicht nur eine beliebige
, fondern unfere geordnete Welt, unfern Kosmos, entftehen ließ.

Wien. K. Beth.

Eitle, Ephorus Dr. J.: Der Unterricht in den einfügen würt-
tembergifchen Klofterfchulen v. 1556—1806. Beiträge zur
Gefchichte der Erziehg. u. des Unterrichts in Württemberg
. (Beihefte zu der Zeitfchr. f. Gefch. der Erziehg.
u. des Unterrichts. 3.) (84S.)gr. 8°. Berlin, Weidmann
1913. M. 1.40

Nachdem der Verf. in feiner Schrift: Die einftigen
Klofterfchulen etc. in Württemberg. Berlin 1906 die Or-