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Ausgabe:

1914

Spalte:

69-71

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Budde, Karl

Titel/Untertitel:

Das Buch Hiob, übersetzt und erklärt. 2., neubearb. Aufl 1914

Rezensent:

Volz, Paul

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6g

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 3.

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Doch alle diefe Ausstellungen können meine Freude
nicht herabmindern, zwei im Ganzen fo ernft zu nehmenden
Arbeiten auf dem Boden des franz. Katholizismus begegnet
zu fein; behalten diefe jungen Kleriker in gleich
intenfiver Weife Fühlung mit der altteftamentlichen Wiffen-
fchaft, fo ift von ihnen noch Erfreuliches zu hoffen.

Straßburg iE. W. Nowack.

Budde, Karl: Das Buch Hiob, überfetzt und erklärt. Zweite,
neubearb. Aufl. (Göttinger Handkommentar zum Alten
Teftament, hrsg. von W. Nowack. IL Abt.: Die poeti-
fchenBücher. I.Band.) (LXIV,274S.) Lex.8°. Göttingen,
Vandenhoeck & Ruprecht 1913. M. 7.60; geb. M. 8.60

Unter den Erklärern des Buches Hiob nimmt B. eine
hervorragende Stellung ein, insbefondere dadurch, daß er
das ganze Buch als einen einheitlichen Aufbau zu verstehen
fucht. Zwar nimmt auch er die Vorlage eines Volksbuches
an (1,2—2, 10; 42, 10—17), in das derVerfaffer des Hauptwerkes
feine Dichtung einfchob. Aber die übrigen Stücke
Stammen nach ihm in der Hauptfache alle vom gleichen Ver-
fafier und enthüllen fortfchreitend den Zweck der Dichtung
unddenSinndes Leidens. Wir hören verfchiedene Antworten
auf die Frage vom Leiden des Gerechten: Die vom Dichter
felbft (nicht vom Volksbuch) eingeführten Freunde find
im Irrtum, denn fie kennen Hiobs Charakter nicht und
meinen, ein Leiden des Gerechten gebe es nicht; Hiob
felbft Steigert Sich immer mehr in das Bewußtfein feiner
Unfchuld und der göttlichen Ungerechtigkeit hinein ; Elihu
belehrt ihn und feine Zeitgenoffen in des Dichters Namen
über den wahren Zweck des Leidens; er klärt ihn dahin
auf, daß das Leiden zur Läuterung diene, vom geistlichen
Hochmut heile und die Frömmigkeit feftige. So wird
Hiob für die Demütigung durch Gott empfänglich, die
feine Frömmigkeit von dem ihr anhaftenden Hochmut
frei macht. Durch das Volksbuch ift der Lefer (im Unterschied
von den Freunden) darüber orientiert, daß hier ein
Frommer leidet, und kann fo erkennen, daß das Leiden
zur Bewährung des Gerechten und zur Verherrlichung
Gottes dient Im dichterischen Typus ift das große Werk
merkwürdig kompliziert; dem Inhalt nach didaktifchePoefie,
bekommt es durch die Einfügung in die alte Erzählung
eine Art epifcher Geftalt und ergeht Sich befonders in
den Reden Hiobs und der Freunde in ausgefprochen
lyrifcher Form.

In drei Punkten weiche ich von der Auffaffüng Buddes
ab. Die .Erfcheinung' Gottes und die Rede Jahwes cp. 38 fr.
beurteile ich anders. B. denkt, daß diefe Erfcheinung
vom Dichter real gemeint fei; er läßt z. B. die Elihu-
reden mit aus dem Grunde eingeschoben fein, damit der
trotzige Hiob nicht durch die Sofortige Erfcheinungjahwes
vernichtet würde (S. XLVIIf). Nun fchrieb der Verf. des
,Hiob' auch nach B. erft c. 400 v. Chr., alfo in einem .fortgeschrittenen
Zeitalter, in dem man nicht mehr mit vernichtenden
Erfcheinungen der Gottheit wie in alter Zeit
rechnete. Und nirgends im Hiobbuche ift das .Erfcheinen'
Gottes buchstäblich gemeint, fondern als dichterifche Form
und als geiftige Idee verwendet. Die in der ganzen
Dichtung angewendete Bilderfprache, der Vergleich mit
dem Gerichtsverfahren, dem gerichtlichen ,Fürfprecher',
dem .Erscheinen' (Auftreten) des .Löfers' ufw., müßte für
r u 1 is des großen Werkes weit mehr, als bisher
geschehen ift berücksichtigt werden. In cp. 3—31 ift das
Erscheinen Gottes' Bild für die Wiederherstellung des
Leidenden; Hiob hofft allem Augenfchein zum Trotz auf
Genefung; das würde für ihn die Wiederherstellung feiner
Ehre, die Anerkennung von feiten Gottes bedeuten und
das nennt er das .Erfcheinen Gottes', das ,Schauen Gottes'.
Etwas anders ift das .Erfcheinen Jahwes' in cp. 38ff zu
deuten; aber an eine wirkliche Erfcheinung der Gottheit
denkt der Verf. von cp. 38 ff ebenfowenig, vielmehr dient
fie ihm nur als plaftifches Mittel; indem er in bedeutender

dichterischer Kraft den majeftätifchen Gott felbft auftreten
und fprechen läßt, macht er die göttliche Überlegenheit
gewiffermaßen fichtbar und handgreiflich. Dadurch, daß
man dem Dichter die Meinung einer realen Erfcheinung
Jahwes zufchreibt, Stellt Sich das Mißverständnis ein, als
wolle er in cp. 38 fr. im Unterfchied von den übrigen
Kapiteln Worte Jahwes mitteilen, während die Kp. 3—37
von Menfchen geredet feien, und als bringe gerade die
.Erfcheinungjahwes', buchstäblich verstanden, den trotzigen
Dulder dazu, fich zu beugen und Gottes MajeStät anzuerkennen
.

Für B. fällt ferner das Schwergewicht auf die Eli-
hu-Reden. Der Dichter hat zwar den Jammer Hiobs mit
feinem Herzblut beschrieben, aber er felbft will nicht mit
,Hiob', fondern mit ,Elihu' identifch fein und die ergreifende
Schilderung des Leidens beruht auf feiner tiefen Empfindung
und Mitempfindung. Ausführlich weift B. nach,
wie die Elihureden zum Ganzen des Werks gehören,
wie gut fie Sich innerlich und äußerlich, auch durch die
Sprachliche Übereinstimmung einfügen, wenn man einige
fpätere Zutaten ausfcheide und Textverderbmffe berücksichtige
. Diefe Wertfehätzung Elihus macht B. zu einem
ausgezeichneten Interpreten der Kapitel 32 ff, deffen wertvolle
theologifche Gedanken er wie kaum ein anderer
herausholt. Für mich fällt das Schwergewicht auf cp. 3—31.
Zwar möchte ich nicht daran fefthalten, daß der Verfaffer
j und der Leidende diefelben Perfonen waren, denn ein
Schwerkranker hätte kaum ein folches Werk verfaffen
und fich im Wechfelgefpräch mit den Freunden fo aus
fich felbft hinausfetzen können. Aber es ift mir unmöglich
anzunehmen, daß der Dichter zwar im Mitgefühl, aber
doch in Mißbilligung den trotzigen Hiob gezeichnet hätte,
um ihn dann durch Elihu von der höheren Warte aus
belehren zu laffen. Ähnlichkeiten im Sprachfehatz, Zusammenhänge
im Gefüge der Dichtung mögen zwifchen
3—31 und 32—37 beftehen, aber im übrigen trennt diefe
1 beiden Stücke eine unüberbrückbare Kluft von Stimmung,
von religiöfen und menfehlichen Gemütswerten. Das geben
i gerade diejenigen neueren Erklärer ftillfchweigend am
j meisten zu, die annehmen, daß fich der Verf., mit zunehmendem
Alter ängstlicher geworden, fpäter felbft
korrigierte. Warum hätte der Dichter, der doch nach B.
auf den Zweck des Leidens in cp. 32fr. losfteuerte, das
Wechfelgefpräch fo in die Länge gezogen, wenn ihm dies
nur Mittel zum Zweck war; warum hätte er das 19. Kapitel
gefchrieben, in dem nichts von felbftgerechtem Trotz,
nur hilflofes Elend zu fpüren ift?

Endlich möchte ich mich noch einmal mit der Auffaffüng
des Ganzen als eines .Lehrgedichtes' auseinanderfetzen
, obwohl B. fich über meine Anfechtung diefes
Ausdrucks wundert. Daß B. das Werk dem Inhalt nach
als .Lehrgedicht' bezeichnet, wird jedermann verstehen.
Wenn ich, der ich eine ganz andere Auffaffüng habe, den
gleichen Ausdruck wählen würde, fo wäre das befremdlich
. Für B. war der Verfaffer des Hiobbuches ein Mann
wie Elihu, alfo ein Lehrer, der fchrieb, um feine Zeit an
dem Beifpiel des Hiob über den Zweck des Leidens zu
unterweifen; er wußte aus der Erfahrung feiner Zeit, daß
mancher fromme Mann über die Schwere des Unglücks
feufzte, aber er felbft Stellte fich über die Leidenden und
Murrenden. Ich glaube, daß der Dichter aus einem
andern Grunde fchrieb. Er kannte allerdings aus der
Erfahrung, vielleicht aus eigener Erfahrung, die Tatfache,
daß mancher fromme Mann fchweres Unglück Schwer
erträgt. Aber er identifizierte fich mit den Leidenden,
Hoffenden, Fordernden. Er behauptete das Recht der
Unfchuld auf Klage, das Unrecht der pharifaifch zurecht-
weifenden Frommen und hoffte, daß Gott fich Schließlich
auf die Seite des Unfchuldigen Stelle. So fchrieb er nicht
ein Lehrgedicht, fondern ein Dokument des Lebens. Die
alte Gefchichte mit ihrem verföhnenden Schluß verbürgte
ihm, daß Gott den vom Unglück Betroffenen Schließlich
wieder glücklich mache. Der Verfaffer des Buches Hiob