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Ausgabe:

1914 Nr. 26

Spalte:

683

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eucken, Rudolf

Titel/Untertitel:

Der Wahrheitsgehalt der Religion. 3., umgearb. Aufl 1914

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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683

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 26.

684

reihen, um ihrer habhaft zu werden, um fie unferem Befitze
zu unterwerfen. Es können fünf Menfchen einen
Baum betrachten. Jeder fieht etwas anderes. Aber keine
diefer Auffaffungen ift wahr, keine falfch: jeder wirft mit
der Zauberlaterne feines Geiftes ein buntes Bild in den
— Nebel. Der Menfch fieht den Widerfchein und freut
fich. Der Genuß der Natur oder der ganzen Welt ift
eigentlich ein Genuß unferes eigenen Geiftes. Von diefem
Standort aus kritifiert Rathenau Zeit, Schickfal und Leben.
Er proteftiert gegen die Mechanifierung und weift immer
wieder auf das einzige, was am tiefften wirkliches Leben
hat: die Seele. Ihr Keim ift in allem Menfchlichen und
Göttlichen. Der feelenhafte Gehalt ift das Kriterium eines
Dinges. Die religiöfe Sehnfucht unferer Tage bedeutet
gar nichts anderes als intuitive Sehnfucht nach feelifcher
Gewißheit, die ihren /wahren Ausdruck' deshalb noch
nicht gefunden hat — fo meint der Verfaffer — weil
man immer wieder alles feelifche Sehnen an die Mythologie
und Dogmatik verwies. Die Religion ift eine Heimat
für die Erlebniffe der Seele____ Das find etwa die

Grundgedanken, die diefem feinem Buche das Niveau
geben.

Wien. Franz Strunz.

Eucken, Rudolf: Der Wahrheitsgehalt der Religion. Dritte,
umgearb. Aufl. (XIV, 422 S.) gr. 8°. Leipzig, Veit &
Comp. 1912. M. 9—•; geb. M. 10 —

Das Buch ift bei feinem erften Erfcheinen ausführlich
in der Theologifchen Literaturzeitung befprochen worden.
Der Name, den es trägt, der Erfolg, den es gehabt hat,
rechtfertigen ein paar kurze Bemerkungen über die dritte
Auflage.

Die Grundgedanken find natürlich diefelben geblieben.
Es handelt fich um ein Dreifaches, das fich unter abficht-
lich erftrebtem Verzicht auf die Euckenfche Terminologie
etwa folgendermaßen kennzeichnen läßt: 1. Begründung
des religiöfen Glaubens überhaupt durch den Hinweis
darauf, daß das geiftige Leben in der Welt ein Reich
überweltlicher geiftigerPotenzen vorausfetzt; 2.Begründung
der Notwendigkeit einer Erlöfungsreligion durch den
Hinweis darauf, daß das geiftige Leben in der Welt ange-
fichts der Kämpfe, in die es verwickelt wird, fich nicht
behaupten kann, wenn nicht aus jenem Reich neue Kräfte
in es einftrömen, die ihm in einem weltunabhängigen
Innenleben einen letzten feften Rückhalt gewähren; 3. Behauptung
des Chriftentums als der vollkommenen Erlöfungsreligion
unter nachdrücklichem Hinweis auf den
Unterfchied zwifchen der Subftanz des Chriftentums und
feiner zeitgefchichtlichen Erfcheinungsform.

Die vorgenommenen Veränderungen befteben wefent-
lich darin, daß der Verfaffer etwas genauer eingegangen
ift auf die Geftaltung des gefchichtlich gegebenen religiöfen
Lebens, daß er manches gekürzt und einiges etwas
deutlicher und beftimmter formuliert hat; das alles zum
Vorteil des Ganzen.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Sternberg, Dr. Kurt: Beiträge zur Interpretation der kriti-
Ichen Ethik. (Kantftudien Nr. 25.) (VIII, 55 S.) gr. 8".
Berlin, Reuther & Reichard I912. M. 2.50

Sternbergs Arbeit weift alle Vorzüge des Riehlfchen
Philofophierens auf und trägt darum ihre Widmung an
Riehl mit Recht. Vor allem erfreut die ungemeine Klarheit
in der Herausftellung der kritifchen Methode und
die bereitwillige Anerkennung kräftiger Kantifcher Irrtümer
. Kant felber hat nach dem Verf. zu allen Miß-
verftändniffen feiner Ethik die Veranlaffung gegeben. Er
felber läßt fich eine Vermengung von Form und Inhalt
der ethifchen Prinzipien zufchulden kommen, er felber

verfällt in den Rigorismus, das Sittliche als Kampf gegen
die Neigung zu verftehen, er felber endlich verfteigt fich
ins Metaphyfifche, wenn er anfängt, die Realität des
ethifchen Prinzips überhaupt nachweifen zu wollen. Was
fchwebte Kant denn eigentlich vor? Eben das, was man
als Refultat der kritifchen Methode findet: die Gefetzmäßigkeit
des Sittlichen rein aus Begriffen oder der
Nachweis der objektiven Gültigkeit des Sittengefetzes.
St. bemüht fich, das Recht des ftrengften Parallelismus
zwifchen der Methode der theoretifchen und praktifchen
Vernunft nachzuweifen. Wie in der theoretifchen Vernunft
der finnliche Inhalt des Gegebenen durch die Kategorien
der Erfahrung feine gefetzliche Form erhält, fo
,beruht die reale Gültigkeit der bloßen Form des Sittlichen
darauf, daß inhaltlich beftimmte Willensmaximen durch
fie geordnet und in den gefetzlichen Zufammenhang des
Sittlichen aufgenommen werden'. (S. 30.) ,Ohne Sinnlichkeit
keine Sittlichkeit.' (ib.) Kants tieffte Intention foll
alfo fein, daß ,das Sinnliche dem Sittlichen nicht entgegengefetzt
, fondern nur, daß die fittliche Beurteilung von der
finnlichen durchaus unabhängig ift' (S. 32), im übrigen
aber an einem Material erfolgt, das immer ein finnlich
beftimmtes Wollen vorausfetzt.

Zu diefer Interpretation' der kritifchen Ethik gelangt
man freilich nur, wenn man allen lebensvollen Adern
der Kantifchen Ethik fo lange das Blut ausgefaugt hat,
bis das fchemenhafte Gebilde einer der Kritik der reinen
Vernunft entnommenen kritifchen Methode übrigbleibt.
Mir fcheint folche ,Reinigung' Kants aber weder feinen
| eigentlichen ethifchen Intentionen gerecht zu werden,
j noch auch uns felbft zu einem vollkommenen Verftändnis
des Sittlichen zu führen. Vielleicht zeigt gerade St.s
fcharffinniger Verfuch, die Alleinherrfchaft der an der Erkenntnistheorie
orientierten kritifchen Methode durchzuführen
, wie notwendig dadurch die andern Funktionen
unferer Vernunfttätigkeit, fpeziell hier die fittliche, vergewaltigt
werden müffen. Denn was ift das Sittliche, das
fchlechterdings für jedes, ganz gleich durch welchen
Beftimmungsgrund motivierte, Handeln zum Gefetz werden
kann? — ein eigentümlicher pfychologifcher Zwang,
aber keine fpezinfche Vernunfttätigkeit.

Bafel. Heinzelmann.

Chappuzeau, Paft. A.: 0 Ihr Kleingläubigen! Predigten.
(V, 119 S.) 8°. Hannover, Wolff & Hohorft Nachf.
1914. M. 2.40; geb. M. 3 —

Von Chappuzeau erfchienen früher 4 Predigten, die
4 neue Altarfenfter feiner Kirche zum Ausgangspunkt
nahmen; fie zeigten einen homiletifchen Eigencharakter
von kräftigem Gehalt. Die neue Sammlung, zu der 8 allgemeinere
und 3 Zeitpredigten (Silvefter 1911, Neujahr
und Reformationsfeft 1913) gehören, verftärkt den Eindruck
der Befonderheit. Äußerlich genommen, befteht
diefe in knapper Gedrungenheit des Ausdrucks und Satzbaus
, in ftrenger Vermeidung alles Allzuüblichen, alles
Archaiftifchen, aber auch alles auffallend Modernen; kurze
Themata, textlich gut, aber nicht ausführlich motiviert,
werden ohne feierliche Teilungsangaben vielfeitig durchgeführt
. Dabei wird der Zufammenhang der Sätze zuweilen
undeutlich; manchmal wirkt die Knappheit geradezu miß-
verftändlich (z. B. S. 24 Z. 10 f.). Auch der Gedankenaufbau
ift keineswegs leicht überfchaubar. Vielleicht hat
der Vortrag durch nähere Ausführung nachgeholfen; fonft
müßte fchlichteren Hörern nicht bloß Einzelnes, fondern
öfter die eigentliche Abficht verloren gegangen fein. Inhaltlich
läßt fich die Sonderart am beften bezeichnen: es
find ganz innerliche, religiös und fittlich tiefe, pfycho-
logifch häufig recht feine, manchmal geradezu zugefpitzte,
biblifche Wahrheit mit praktifchem Leben in Verbindung
bringende, fchwierige Einzelprobleme forglich wägende
Predigten, die das dogmatifche Gebiet meiden, der Pole-