Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1914 Nr. 2

Spalte:

668-669

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Vogel, Paul

Titel/Untertitel:

Beiträge zur Geschichte des Kölner Kirchenstreites 1914

Rezensent:

Vigener, Fritz

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

667

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 24/25.

668

der Kirche aber folgt weiter, daß keine irdifche Größe
Macht über das Evangelium hat, weil fie fich fonft an
die Stelle der unüchtbaren Kirche fetzt. — Meine letzte
damit zufammenhängende Beanftandung trifft die Auslegung
der Ausfprüche Luthers über die Trennung der
beiden Gewalten oder Schwerter. ,Lediglich, daß juri-
ftifches, weltliches Regieren nicht Aufgabe des Predigtamtes
fei, wollten fie befagen'. Nein, auch das, daß die
weltliche, d. h. phyfifche Gewalt nicht Macht und Recht
habe über Lehre und Glauben — eine Erkenntnis, die
allerdings bei Luther durch den Einfluß des mittelalterlichen
Staatsbegriffs und vor allem durch die Überzeugung von
der jedem Willigen klaren Eindeutigkeit des Wortes Gottes
beeinträchtigt wird. Daß Luther vom Landesherrn die
Ausrottung der Meffe veranlagt hat, hängt damit zufammen,
daß er darin eine öffentliche Gottesläfterung fah, die das
Amt der custodia u. t. nicht dulden dürfte; gegen
die Berufung Sehlings auf Karl Müllers von
Sohm abweichende Interpretation der Vifitatio ift zu
vgl. Holl's Nachweis, daß Luthers Vorrede als Proteft
gegen die vom Kurfürften beanfpruchte Teilnahme an
der geiftlichen Gewalt zu betrachten ift (Z. f. Th. u. K.
1911 1. Ergänzungsheft. S. 54).

I;ch habe meine abweichenden Meinungen zum Ausdruck
gebracht, weil Sehlings Anfchauungen in nahezu
allen befprochenen Punkten die der herrfchenden
kirchenrechtlichen Richtung und deshalb fo einflußreich find,
während die theologifchen Forfcher, Seeberg und Rietfchel
wie Karl Müller und Holl den dort faft ganz abgelehnten
Ergebniffen Sohms viel näher Rehen.

Um fo mehr möchte ich nun zum Schluß meine große
Dankbarkeit bezeugen für die im Kernftück von Sehlings
Schrift gelieferte Darftellung von den Anfängen und dem
Abfchluß der Lutherifchen Kirchenverfaffung. Hier konnte
der befte Kenner der proteftantifchen Kirchenordnungen
das Bild durch viele Einzelzüge beleben und fein Urteil,
auch wo es von andern abweicht, begründen. Ich hebe
die überzeugende Einfchränkung der Thefe Riekers hervor
, daß es fchon vor der Reformation in Deutfchland
Landeskirche und Landesherrliches Kirchenregiment gegeben
habe.

An Druckfehlern notiere ich S. 5, Z. 2: Das ftatt daß, S. 44, letzte Z.:
pactum ftatt pactam.

Frankfurt a. M. Erich Foerfter.

Referate.

Ohle, Pfr. Lic. Dr. Rudolf: Die BeHedelung der Uckermark u. die j
Gefchichte ihrer Dorfkirchen. Ein Beitrag zur Heimatkunde. j
(Mitteilungen des Uckermärkifchen Mufeums- u. Gefchichts-
Vereins zu Prenzlau. V. Bd. 2. Heft.) (VI, 154 S. m. Abbildgn.)
gr. 8". Prenzlau, A. Mieck 1913. M. 1.50

Bei Gelegenheit ärztlich vorgefchriebener Wanderungen ftu-
dierte Ohle eingehend die Baudenkmäler der Uckermark und
vereinte damit kirchen- kunft- und kulturgefchichtliche Studien.
Und fo bietet er in diefem — übrigens brillant gefchriebenen —
Sonderabdruck ein Gefamtbild der politifchen, kirchlichen und
Kulturentwicklung der Uckermark, mit feiner Verbindung von
Unterfuchung und Darftellung vorbildlich für ähnliche Monographien
. So fchildert er die mittelalterliche Rückwanderung der
Deutrehen nach dem Olfen, die Befiedelung der Uckermark,
deren Klöfter, Dörfer und Kirchen, das Schickfal der Dorfkirchen
bis zum 30jährigen Kriege und endlich die Gefchichte der dörflichen
Bevölkerung und ihrer Kirchen. Geiftesgefchichtliche
Probleme kommen natürlich an dem Anfchauungsmaterial, das
die Uckermark bietet, wenig zur Darftellung. Die unvermeidlichen
wirtfehaftspolitifchen Fragen betreffend uckermärkifchen Lati-
fundienbefitz behandelt Ohle mit Mäßigung in der Urteilsformulierung
, aber fachlich nach der nationalökonomifchen Weisheit
Friedrich Wilhelms l.:,Menfchen halte vor den größten Reichtum'.
Die ,Monatsblätter', hrsg. v. d. Gefellfchaft für Pommerfche Gefchichte
und Altertumskunde, 1914, Nr.7, berichtigen einige kleine
archäologifch-hiftorifche Verfehen des Verfaffers.

Stettin. J. Jüngft.

Geelhaar, Pfr. Rieh.: Das oftpreuBifche evangelifche Pfarrhaus in
Kriegsnöten. (Schriften der Synodalkommiffion f. oftpreußifche
Kirchengefchichte, 16. Heft.) (165 S.) gr. 8». Königsberg i. Pr.,
F. Beyer 1913. M. 2.75

Die Kenntnis der Heimatsgefchichte durch Ermittelung und
Veröffentlichung des bisher noch unbekannt gebliebenen Quellenmaterials
zu fördern, ift eine noch immer dankenswerte Aufgabe
der Gefchichtsfchreibung. Einen beachtenswerten Beitrag in diefer
Beziehung, und zwar für die Gefchichte der evangelifchen Kirche
in Oftpreußen, bietet der Verfaffer in feiner oben genannten Schrift
dar. Er faßt darin bereits veröffentlichtes und in der Hauptfache
noch nicht veröffentlichtes Material zufammen. Er bringt Auszüge
aus Pifanski, Einfall der Tartaren in Preußen 1764, Hafenkamp,
Unter dem Doppelaar, fowie aus verfchiedenen gelegentlichen
Veröffentlichungen. Ganz befonders wertvoll find die Auszüge
aus den Kirchenchroniken von 71 Kirchengemeinden. Die Anordnung
ift nach geographifchen und zeitgefchichtlichen Gefichts-
punkten getroffen worden. Alle damals vorhandenen Kirchfpiele
find dabei nicht in Betracht gekommen. Auch wäre es vielleicht
nicht ohne Intereffe gewefen, die Kirchfpiele der Kreife Rofen-
berg und Marienwerder mit in den Rahmen des Buches hineinzuziehen
, da diefe Kreife früher mit zu Oftpreußen gehört haben
und in ihren noch ungedruckten Chroniken viel Material aus
den in Frage kommenden Zeiten enthalten. Indeffen erhält der
Lefer auch fo einen eingehenden und intereffanten Einblick in
fchwere Zeit, welche das oftpreußifche evangelifche Pfarrhaus in
der Zeit der Tartareneinfälle, 1656, des 7jährigen Krieges durch
die Ruffen und dann in der Franzofenzeit 1807—1813 durchzumachen
hatte. Leider wird eine einheitliche fyftematifche Darfteilung
der Leiden und der Bewährung des oftpreußifchen evangelifchen
Pfarrhaufes in der Zeit der Kriegsnöte — der Titel läßt
zunächft darauf fchließen — nicht gegeben. Es lag das nicht in
der Abficht des Verfaffers. Wir bekommen nur das Quellenmaterial
und ein zu kurzes Schlußwort. Im Schlußwort zitiert Verfaffer
ein Wort Bismarcks im Reichstage über das evangelifche Pfarrhaus
in der Zeit des unglücklichen Krieges. Leider hat Verfaffer
für diefes jetzt mehrfach zitierte, aber auf feine Richtigkeit auch
angezweifelte Wort die Belegftelle nicht angegeben. Das Buch
kann warm empfohlen werden.
Oftrowo. Naunin.

Vogel, Dr. Paul: Beiträge zur Gefchichte des Kölner Kirchenftreites.

(Studien zur rheinifchen Gefchichte, 5. Heft.) (XIV, 125 S.)
gr. 8». Bonn, Marcus & Weber 1913. M. 3 —

Die forgfam gearbeitete Schrift bietet neue Auffchlüffe über
Verlauf und Wirkungen des Kölner Kirchenftreites. Der Ab-
fchnitt über die Haltung der Öffentlichkeit ift der inhaltreichfte
und wertvollfte. Nur einiges kann hier kurz hervorgehoben
werden. Das dreifte, zugleich verfchlagene und angriffsluftige
Verfahren derer um Drofte fteht jetzt deutlicher am Lichte; dabei
bleiben natürlich von den Fäden, die nach Rom und nach Belgien
führten, viele verborgen. Willkommen ift die Überfleht über
| die Stimmen der rheinifchen Preffe, wichtig auch die Erkenntnis
j (vgl. S. 75 ff., auch 124), daß nicht fo die Verhaftung des Erzbifchofs
als vielmehr die päpftliche Allokution vom 10. 12. 37 die Gemüter
gegen den preußifchen Staat aufgepeitfeht hat. Nicht das Spätjahr
37, fondern die Jahre 38 und 39 find die Zeit der ftärkften
Erregung und Unruhen. Dabei hat neben der Abneigung gegen
die Regierung auch Abneigung, felbft Haß gegen die Proteftanten
gewirkt, nicht weniger aber die Erbitterung über die ,lauen' Katholiken
. Pöbelfzenen gegen das Domkapitel, das dem Eifer der
Kurie fo kühl gegenüberftand wie dem des Erzbifchofs, enthüllen
nicht nur die Stimmung jener Leute, die gern handgreiflich
werden. Auch in das ausgebildete Geheimberichtsfyftem der
rheinifchen Kurialiften läß uns der Verf. hineinblicken. Polizei-
und Verwaltungsberichte erzählen von den Umtrieben des regierungsfeindlichen
Klerus, deren Quellen bis in die nächfte Umgebung
des Erzbifchofs, ja bis zu diefem felbft (dem Zweifel V.s.
S. 89 fehlt die Begründung) zurückführen; die geheimen Gänge,
die für derartige geiftlich-weltliche Arbeit immer zu Gebote flehen ,
find hier einmal teilweife aufgedeckt. Befonders Binterim war
einer der tätigften geiftlichen Kämpen; es war für die Regierung
günftig, daß ihr feine Entlarvung gelang. Geiftliche neigten
felbft zum nackten Hochverrat und waren in diefem Sinne tätig
(S. 94f.). Unter den rheinifchen Freunden Preußens zeichnete
fleh neben Benzenberg befonders (S. 81 f.) Matzerath aus. Im Beamtentum
der Provinz vermag V. manche tüchtige Verteidiger
der Regierung nachzuweifen; erfreulich ift die Feftftellung, daß
die wirkungsvolleSchrift ,Die katholifche Kirche in der preußifchen