Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1914 Nr. 2

Spalte:

42-44

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Weber, Hans Emil

Titel/Untertitel:

Bibelglaube und historisch-kritische Schriftforschung 1914

Rezensent:

Lobstein, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

41

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 2.

42

to and completions of the canonical books, nämlich das
Buch Baruch, Brief Jeremiae, Gebet Manaffes, Zufätze zu
Daniel und Zufätze zu Efther — davon sind bei K
,Buch Baruch, Brief Jeremiae' mit Sirach und Weisheit
Sah zufammen als 4 .Religiöfe Untervveifungen in lehrhafter
Form' zufammengeftellt. Die Verfelbftändigung
von Sirach und Weisheit Sah bei Ch. ift unbedingt der
Verbindung diefer beiden Bücher mit Buch Baruch und
Br. Jerem. bei K. vorzuziehen.

Bei den Pfeudepigraphen unterfcheidet Charles 6 Gruppen
. 1. Primitive history rewritten from the Standpoint
of the law (Jubiläen); 2. Sacred legends (Arifteasbrief,
Adam und Eva, Martyr. Jef.). Während ich nur billigen
kann, daß ,Adam und Eva', die bei K. unter den Apoka-
lypfen figurieren, von Ch. unter die Legenden aufgenommen
find, wohin fie dem Inhalt nach gehören, möchte ich
die Jubiläen nicht von den eigentlichen Legenden losreißen
, innerhalb deren fie freilich eine Sonderltellung einnehmen
durch ihren ftreng gefetzlichen Standpunkt. Ent-
fprechen Gruppe I und II bei Ch. den pfeudepigraphifchen
Legenden, die auch bei K. — abzüglich ,Adam und Eva'
— die Pfeudepigraphen eröffnen, fo läßt dann Ch. fofort
die Apokalypfen als Nr. III folgen. Es find bei Ch.:

1. Henoch, XII Patriarchen, Sibyll. Orakel, Ass. Mosis,

2. Henoch, fyr. Baruch, griech. Baruch und 4 Esra. Bei
K. finden fich die Apokalypfen an letzter, 4. Stelle unter
den Pfeudepigraphen und zwar fo geordnet: Sibyll.,

Funde von Elefantine wiffen wir nun, daß die Achiqar -
gefchichte fchon im 5. Jahrhundert v. Chr. literarifch bekannt
war, die Handfchrift ift zugleich — fie flammt aus
der Zeit ca. 500 v. Chr. — die ältefte, die wir für ein
altteftamentliches Pfeudepigraph befitzen. Im Ganzen und
und Großen wird man fagen dürfen: es ift derfelbe ernste
wiffenfchaftliche Geift, der bei dem Charles'fchen Unternehmen
, wie feiner Zeit bei dem Kautzfch'fchen zu Worte
kommt. Öfter konnten die Charles'fchen Kompagnons
fich auf beffere Handfchriften, die inzwifchen bekannt
wurden, ftützen als die Kautzfch'fchen Mithelfer. Das
gilt z. B. für das Buch Henoch. Es will mir auch Rheinen,
als ob bei Ch. mehr auf den zufammengefetzten literari-
fchen Charakter einzelner Werke eingegangen wird, als
da und dort bei Kautzfeh. Das ift z. B. bei 4. Esra der
Fall. Die von Box vertretene Salathielhypothefe Es.III, 1
ift mir durchaus plaufibel (vgl. meine Pfeudepigraphen
S. 248 Z. 28 ff.). Auch find die einzelnen Einleitungen
bei Ch. zu den verfchiedenen Schriften oft reichlicher
und präzifer als bei K. Das find alles Vorfprünge, wie
fie vernünftige Nachfolger guten Vorläufern gegenüber
voraus haben! Wir freuen uns von Herzen des fchönen
Erfolges der theologifchen Vettern über dem Kanal und
wünfehen ihnen viel Glück! Eine neue, hoffentlich einmal
möglich werdende 2. Auflage der Kautzfch'fchen Apokryphen
und Pfeudepigraphen wird dankbar den eng-
lifchen Konkurrenten berückfichtigen. Was wir. jetzt

Henoch, Ass. Mosis, 4. Esra, Baruch, XII Patr. und Leben | nötig hätten, wäre eine billige und handliche

Adams und Evas. Daß ,Adam und Eva' eigentlich gar
nicht unter die Apokalypfen zu rücken wären, ift oben
fchon bemerkt

Die andere Reihenfolge der Apokalypfen bei Ch. ift
vorzuziehen. Sie hängt zufammen mit der richtigeren Beurteilung
des Zeitalters der einzelnen Apokalypfen. Es
geht z.B. nicht länger an, wie das bei Kautzfeh II S.459t
noch gefchieht, die Teftamente der XII Patriarchen an das
Ende der apokalyptifchen Schriften zu Hellen und fie ins
i.oder 2. nachchriftlichejahrhundert, ihrem jüdifchenGrund-
ltock nach, zu verletzen! Sie gehören in die makkabä-
ifche Zeit, wie i c h das in meinem Artikel Pfeudepigraphen
des A.T7 1905 in R.E.3 XVI 255f, teilweife im Anfchluß
an Charles, näher ausgeführt habe. Die Aufnahme des
fogen. flavifchen Henoch (od. Henoch II) unter die Apokalypfen
kann ich nur billigen, vgl. meine Pfeudepigraphen
S. 242) — auch hier hat Ch. gegenüber K. einen Vor-
fprung.

Als 4. Gruppe der Pfeudepigraphen folgen alsdann
bei Ch. die poetifchen Hagiographen d. h. die Pfalmen
Salomos — wohlweislich find die ,Oden' Salomos nicht
zu der jüdifchen Literatur gezogen! Nr. 5 wird gebildet
durch Ethics and Wisdom Literature d. h. 4. Makkabäer
— Pirqe Abhoth und die Gefchichte Achiqar's. Ob es
berechtigt ift, P. Abhoth und Achiqar unter die alttefta-
mentlichen Pfeudepigraphen einzureihen, laffe ich dahin-
geftellt, freuen wir uns, daß wir beide Stücke in trefflichen
Bearbeitungen, P. Abhoth von Herford, und Achiqar
von Harris, Lewis und Conybeare befitzen. Und
ebenfo ift dankbar zu begrüßen,'daß Charles felbft —
unter History — als letztes Pfeudepigraph das durch
qchechter bekannt gewordene Fragment eines zadoki-
tifchen Werkes uns vorführt. Auch hier mag gefragt
werden, ob diefes Fragment in eine Pfeudepigraphenbibel

Ausgabe der Originaltexte, bezw. der wichtigften
Verfionen, der altteftamentlichen Apokryphen
und Pfeudepigraphen. Das füllten die Herrn
Engländer beforgen, die haben außer den
Kräften auch das Geld dazu! Oder füllten nicht
auch in Deutfchland fich Akademien für ein
folches Unternehmen mobil machen laffen? Nur
tue man nicht zweimal die Arbeit, um Kräfte für
andere Zwecke zu fparen!

Heidelberg. Georg Beer.

Weber, Prof. Lic. Dr. E.: Bibelglaube u. hiftorifch-kritifche
Schriftforfchung. Ein Beitrag zur Auseinanderfetzg. u.
Verftändigg. (79 S.) 8°. Gütersloh, C.Bertelsmann
I9T3- M. 1.50

Diefer /Beitrag zur Auseinanderfetzung und Verftän-
digung' ift ein erheblich erweiterter Vortrag, der im Oktober
1912 auf der theologifchen Paftoralkonferenz der
Graffchaft Mark in Unna gehalten wurde. Das dem Verf.
urfprünglich geftellte Thema war die Frage: ,Wie gewinnen
wir eine innere Glaubensftellung zur Heilgen Schrift
bei hiftorifch-kritifcher Schriftbetrachtung ?' Letztere foll
ausdrücklich fowohl prinzipiell' anerkannt als praktifch
angewandt werden. Der Verf. fagt fich nicht nur von
der altorthodoxen Theorie der Verbalinfpiration los (9.
21. 24.u. öfter); er will die Spannung zwifchen Wiffenfchaft
und Glauben nicht gewaltfam löfen, etwa nach dem in den
orthodoxen Kreifen und dem Gemeinfchaftschriftentum
empfohlenen Rezept (8); er zollt der ,von dem alten
Offenbarungsglauben mehr oder minder ganz gelöften
theologifchen Kritik, nicht zuletzt der log. religions-
gefchichtlichen Schule' warme Anerkennung und dankt
hineingehört. Bei Kautzfeh begegnen außer den fchon j ihr für ihre .großartige Arbeit um die gefchichtliche Ergenannten
2 Gruppen unter den Pfeudepigraphen nur forfchung der Bibel' (49. 65). Trotzdem lehnt er die in

noch .Dichtung" d. i. Pfalmen Salomos und .Lehrfchrift'
d. t 4. Makkab.

Es kann nicht meine Aufgabe fein, in diefer Anzeige
abzuwägen, worin bei den ca. 30 Schriften der Fortfehritt

Andeutungen find darüber oben fchon gemacht. Wäre

diefen Kreifen gepflegte Arbeit ab und zwar auf Grund
allgemeiner Erwägungen, die den Kern des gehaltreichen,
leider fehr fchwerfällig gefchriebenen (vgl. z. B. Seite 45,
und andere!) .Beitrags' bilden.

im einzelnen näher in der neuen Geftalt liege. Einige Verfuchen wir diefen Gegenfatz fcharf herauszuarbeiten

und im Sinne des Verf.s zu formulieren. Die dogmatifche

ein rein hiftorifcb.es Prinzip für die Behandlung der Apo- I Bedingtheit der hiftorifch kritifchen Forfchung ift nicht
kryphen und Pfeudepigraphen aufzuftellen, fo müßte der j nur eine Tatfache, fie ift eine Notwendigkeit, die für die
Achiqarroman den Reigen eröffnen. Denn durch die theologifche Linke nicht minder gilt als für die Konfer-

**