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Ausgabe:

1914 Nr. 2

Spalte:

623-627

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ritschl, Otto

Titel/Untertitel:

Dogmengeschichte des Protestantismus. II. Bd. Orthodoxie und Synkretismus in der altprotestantischen Theologie 1914

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 22/23.

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fancebau. Zum Provifor und 1513 gar zum Provifor-
Regens der Bruderfchaft emporgeftiegen (die erfte Eintragung
Sanders als Rektors ift S. 85 mit der falfchen
Jahreszahl 1543 ftatt 1513 abgedruckt), hat er fich des
weiteren große Verdienste um den Neubau der Anima-
kirche erworben. Auch über den Sacco di Roma erfahren
wir neue und intereffante Einzelheiten.

Leipzig. Hermann Barge.

Ritfehl, Otto: Dogmengerchichte des Protertantismus. II. Bd.

Orthodoxie u. Synkretismus in der altproteftant. Theologie
. 1. Hälfte. Die Theologie der deutfehen Reformation
u. die Entwicklung der luther. Orthodoxie in
den philippift. Streitigkeiten. (VI, 500 S.) gr.8°. Leipzig,
J. C. Hinrichs 1912. M. 12—; geb. M. 13 —

Das große Werk fchreitet gut voran. Nicht vier Jahre
nach dem erften Bande hat der Verfaffer einen zweiten
folgen laffen, der freilich nur als ,erfte Hälfte' des beab-
fichtigten zweiten Bandes erfcheint. Auch der Titel ift
jetzt etwas anders geworden, als der Verfaffer urfprüng-
lich wollte. Der Spezialtitel der zur Verhandlung gebrachten
Materie ift verfelbftändigt und in den Vordergrundgerückt
; vielleicht ift das nur aus buchhändlerifchem
Intereffe gefchehen. Vor allem ift der Nebentitel des
erften Bandes: .Grundlagen und Grundzüge der theolo-
gifchen Gedanken- und Lehrbildung in den proteftanti-
fchen Kirchen' weggefallen. Dafür hat Bd. II für diefe
1. Hälfte noch einen Untertitel erhalten: ,Die Theologie
der deutfehen Reformation und die Entwicklung der
lutherifchen Orthodoxie in den philippiftifchen Streitigkeiten
'. Gehörten denn ,Biblicismus und Traditionalismus
in der altproteftantifchen Theologie', denen Bd. I gewidmet
war, fo wenig zur .Theologie' der beiden deutfehen
Reformatoren (Luther und Melanchton traten doch auch
dort in den Vordergrund — felbftverftändlich!), daß jetzt
erft .eigentlich' mit der .Theologie der deutfehen Reformation
' begonnen würde? Die formalen Unftimmigkeiten,
die die Titel der beiden Bände bieten, deuten auf gewiffe
Verfchiebungen in der hiftorifchen Orientierung des Ver-
faffers. Daß folche eintreten würden, war mir wahrfchein-
lich. In meiner Anzeige des I. Bandes (Th. Litztg. 1910,
Nr. 1) habe ich angedeutet, daß ich glaubte, Ritfehl
werde das Schema, das er fich zurechtgelegt, wohl nicht
ganz innehalten können. Man kann es nur anerkennen,
daß er fich dadurch nicht hat vinkulieren laffen, fondern feine
Dispofition nach Bedürfniffen, die die weitere Befchäfti-
gung mit dem Stoffe erweckt hat, einigermaßen geändert
hat. Wer eine fo große hiftorifche Aufgabe ergreift, wie
Ritfehl es getan, darf ruhig zugeben, daß der Stoff ihm
unter den Händen gewachfen fei und eine Kompliziertheit
offenbart habe, die er im Überblick nicht fofort erkannt
habe. Sein Werk wird fachlich nur umfo wertvoller,
wenn er fich nicht pedantifch an Schranken hält, die er
fich etwas voreilig gefetzt hatte. Der Gedanke einer
.Dogmengefchichte' des Proteftantismus ift und bleibt
für R. leitend, ift aber zu neu, um praktifch fofort zweifelfrei
im einzelnen gehandhabt zu werden. Kommt es
im allgemeinen darauf an, die .leitenden' Gedanken des
Proteftantismus, diefes natürlich als einer Geftalt des
Chriftentums, infofern als .Kirche', in ihrer Entftehung und
ihrer Entfaltung vorzuführen, fo kann man zum Teil darum
ftreiten, welche Gedanken aus der Fülle folcher, die die
Reformation in Bewegung gefetzt, herauszugreifen feien.
Natürlich kann man dann vollends auch darüber ftreiten,
wie weit fie in ihren Ausprägungen, zumal ihren individuellen
Verzweigungen bei einzelnen Theologen und
innerproteftantifchen Streitigkeiten, zu verfolgen feien.
Jeder von uns, der die Gefchichte der proteftantifchen
Theologie zu eigenem Studium gemacht hat, wird da
Sonderideen hegen und es wird noch recht vieler For-
fchungen und Verhandlungen bedürfen, ehe die .Dogmengefchichte
' des Proteftantismus in ihren .Grundlagen und
Grundzügen' in einer communis opinio ihre Urnriffe erhalten
wird.

Ich bemerke das alles, um daran den Wunfeh zu
knüpfen, daß man mit Bezug gerade auf den vorliegenden
erften Wurf einer Dogmengefchichte des Proteftantismus
im Urteile nicht allzu fehr hängen bleiben möge bei
methodifchen Fragen und gewiß nicht überflüffigen,
aber vorerft noch unfruchtbaren Kontroverfen formaler
Art. Man möge fich deffen, was Ritfehl wie im erften,
fo auch in diefem zweiten Bande geboten hat, freuen,
wenn es auch noch fo viele .Anftöße' diefer oder jener
Art gewährt. Die Anzeige des erften Bandes fchloß ich
(a. a. O. Sp. 22) mit der Bezeugung meines Totaleindrucks
von ihm, daß er ein .Bürge' fei dafür, daß R. auch
weiterhin .bedeutendes' leiften werde. Der zweite Band
widerfpricht diefer meiner Erwartung nicht. Im Gegenteil
zeugt er dem Inhalte nach von noch gewachfener
Fähigkeit der Stofferfaffung und -Verarbeitung. Befon-
ders mit Bezug auf Luther. Es ift der Gedanke vom
rechtfertigenden Glauben (mit der zu ihm gehörenden
Umgebung), in deffen (und Melanchthons) .theologifcher
Entwicklung', dem Ritfehl im 1. Buche S. 5—226 (325)
nachgeht. Die Schwierigkeit, Luthers .Werden' wirklich
zu belaufchen und richtig zur Anfchauung zu bringen,
ift nicht gering, denn es ift ja nicht das Werden eines
Theologen als Zunftmannes. So klar es ift, daß Luther
auch eine eminente Fähigkeit fyftematifchen Denkens befaß
, fo ift ihm doch das .Syftem' das unwichtigfte und
gleichgiltigfte. Er ift, nicht der Gabe aber dem Intereffe
nach, ein Widerfpiel zu allem was .Scholaftiker' heißen
dürfte. Vielfach gelehrt und doch kein .Gelehrter', zu
fchärffter Gedankenzergliederung und zu kühnfter Gedankenverknüpfung
, zu genauefter Nahbeobachtung des
einzelnen und weitefter Fernfchau in Bezug aufZufammen-
hänge befähigt, hat er kein Bedürfnis je einmal ein
,Ganzes' der Ideenwelt, die ihm aufgeftiegen, zu entwerfen.
Immer wieder im Ausdruck wechfelnd, ftets bereit einen
neuen zu probieren und unter Umftänden gewiffermaßen
zu Tode zu hetzen, entwickelt er doch auch eine typifche
eigene Terminologie, nur eben mit immer neuem Gerichte
. Ich finde, daß Ritfehl diefer genialen, unftet-
einheitlichen Art Luthers, feine Gedanken zu entwickeln,
recht gut nachzugehen und fich ihr nachempfindend an-
zufchmiegen weiß. So ift feine Darftellung nirgends langweilig
; wiewohl fie recht breit ift. Die fachliche Haupt-
fchwierigkeit, Luthers Gedanken zufammenzufaffen und
ihr Neues, zumal in der Werdezeit, richtig zu ergreifen,
liegt in dem doppelten, 1) daß Luther eigentlich immer
als .Kritiker' feine eigenen Ideen entwickelt; lernend lehrt
er und umgekehrt, er ift immer in .Auseinanderfetzungen'
begriffen; er bleibt, wenn man fo will, nur zu fehr in der
gewohnten, kirchlichen, auguftinifchen, nominaliftifchen
Terminologie hängen, füllt fie nur mit neuen Ideen an,
ift faft immer mit .Umdeutungen' befchäftigt. Das kommt
größtenteils daher, daß er 2) fich eigentlich nur alsExeget,
als Interpret biblifcher Sprüche in feinem Elemente fühlt.
In oft fich überftürzenden, fich gegenfeitig beengenden,
ja verdrängenden Ideen-Affoziationen, die ein .Wort
Gottes', ein Ausdruck der Bibel, bei ihm weckt, bringt er
vor, was er zu fagen hat. Die .Fülle der Gefichte', die
ihn umringt, wenn er fich mit dem Römerbrief, den
Pfalmen, dem Galaterbrief befchäftigt, läßt ihn nach den
paradoxeften Formeln greifen, um fich verftändlich zu
machen. Er fühlt fich unbedingt an die Bibel gebunden,
an jedes einzelne Wort, jeden Spruch. Und nichts gilt
ihm ihr gegenüber, wenn er etwas zu .entdecken' meint.
Wer eine .Theologie Luthers' fchreiben will, muß dem
allem gerecht werden können. Und ich meine, Ritfehl
habe das fehr wohl vermocht. Das foll keineswegs heißen
, daß mir alles bei ihm einleuchte. Aber ich halte
fein Buch für eine recht brauchbare Einführung in
Luther. Von Köftlin überhaupt zu fchweigen, ift Ritfehl