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Ausgabe:

1914 Nr. 2

Spalte:

599-600

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hobhouse, L. T.

Titel/Untertitel:

Development and Purpose. An Essay towards a Philosophy of Evolution 1914

Rezensent:

Roy, S. C.

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599

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 20/21.

600

wird, der Eigenart des religiöfen Lebens, wie es tatfächlich
befchaffen ift, nicht gerecht; oder aber fie wird, wie das
Beifpiel Troeltfchs lehrt, in unklarer Weife mit andern Ver-
fahrungsweifen verquickt. Folgt eine Charakteriftik der
noologifchen Methode Euckens und feiner Art zu philo-
fophieren überhaupt, und fchließlich eine kurze Befprechung
und Wiedergabe der Grundgedanken des Werks über
den ,Wahrheitsgehalt der Religion'. Kade wendet fich
kritifch namentlich gegen die Unterfcheidung von ,uni-
verfaler Religion' und ,charakteriftifcher Religion', die in
der Tat nicht eindeutig ift. Im übrigen ftimmt er der
Hauptfache nach zu und bekämpft die Einwände
Bornhaufens.

Das Buch ift nicht die fchlechtefte Darftellung der
Euckenfchen Religionsphilofophie, die wir befitzen. Bemängeln
möchte ich nur, daß es fich, wie fo manche
andere einfchlägige Schrift, zu ängftlich an die Terminologie
des Meifters hält, befonders in dem vorletzten Ab-
fchnitt. Wenn es einmal Kommentare zu Euckens Werken
geben foll, fo tun folche not, die fich nicht fcheuen, deffen
Gedanken zu ,überfetzen' auf die Gefahr hin, dabei auch
einmal zu irren. Sie leiften dem Lefer einen größeren
Dienft als diejenigen, die, weil fie es nickt wagen, von
dem eigenen Sprachgebrauch des Jenenfer Philofophen
fich zu entfernen, fchließlich nichts oder nicht viel erläutern.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Hobhouse, Prof. L. T.: Development and Purpose. An

Effay towards a Philofophy of Evolution. (XXIX,
382 S.) gr. 8n. London, Macmillan & Co. 1913.

Wie die Einleitung zeigt, gibt diefes Werk die Vollendung
eines Planes, mit welchem der Verfalfer fich
während 26 Jahren beschäftigt hat und welcher in feinem
,Mind in Evolution', ,Morals in Evolution' und ,Theory
of Knowledge' nacheinander durchgeführt worden ift,
obgleich der Plan felbft inzwifchen fich verändert und
erweitert hat.

Der Zweck diefes Buches ift, das Wefen des Geiftes
und feine Stellung und Funktion in dem Syftem der
Wirklichkeit darzulegen.

Der Geift, feiner F'eftftellung nach, ift ein in der
Wechfelwirkung oder ,Correlation' beftehende Tätigkeit,
die die verfchiedenen Elemente und unterliegenden Kräfte
des Lebens fynthetifiert oder in ein Verhältnis zu einander
bringt.

Zunächft ftellt er die gefchichtliche Entwicklung des
Geiftes von den früheften ermittelbaren Zuftänden bis
auf die letzte Phafe dar. Die Richtung des geiftigen
P'ortfchritts ift eine zweifache; 1. auf Selbfterkenntnis
durch die Entwicklung des Gedankens und 2. auf Selbft-
bcherrfchung durch die Entwicklung des Willens gerichtet.

Das Ziel der el fteren befteht darin, daß unfere Vernunft
die ganze Welt als ein harnionifches Syftem der Kräfte
und Prinzipien begreifen will, die alle äußeren Plrfcheinungen
zufammenfaffen und bedingen; während der Zweck der
letzteren in einer fozialen Harmonie befteht, die nur
durch die Überwindung von mechanifchen Bedingungen
der Natur und durch die Erfüllung der Lebensmöglichkeit
der Menfchheit und auch durch die Entfaltung ihrer eigenen
mannigfaltigen Tätigkeiten erreicht werden kann. Die
Funktion des Geiftes ift es alfo eben, diefe Harmonie,
die theoretifche fowohl, wie die praktifche, zu verwirklichen.

Nun ift die Frage, wie weit ift eine folche Harmonie !
dem menfchlichen Geift möglich? Die Antwort fchließt |
die Beftimmung der Stellung des Geiftes in dem Syftem 1
der Realität ein, und der Verfaffer beweift fowohl durch I
ernpirifche Betrachtungen als auch durch philofophifche
Analyfe, daß die Wirklichkeit nicht ein blindes, me-
chanifches, fondern ein teleologifches oder ,purpofive'
Syftem ift, daß der Geift nicht ein ,Epiphenome»on'
der Materie, fondern eine wirkliche Urfache ift, die einen |

Zweck oder ein Ideal verwirklichen kann. Zwar ift
die Realität, feiner Feftftellung nach, ein Prozeß der
Entwickelung des Geiftes, und deshalb ift der menfch-
liche Geift nicht nur einer vollkommenen innerlichen
Harmonie fähig, fondern es mag auch die Zeit kommen,
wenn er die Bewegung der Erde regulieren wird, oder,
wenn nötig, nach einem anderen Planet zu wandern vermag.
Hier treffen wir ein fehr wichtiges und für die religiöfe
Welt höchft bedeutfames Zugeftändnis, indem H., um die
vergangenen Leiftungen und die künftigen Möglichkeiten
der Menfchheit zu erklären, einen ,Central Mind' fordert,
der den ganzen Weltprozeß leitet. Er will jedoch diefen
zentralen Geift weder mit dem allmächtigen Gott', noch
mit dem unbedingten Abfoluten identifizieren, weil die
Vermifchung von Gut und Böfe in der Welt und auch
die moralifche Gleichgültigkeit der Natur fich keineswegs
erklären laffen, ohne anzunehmen, daß der oberfte Geift
von mechanifchen Bedingungen befchränkt ift. ,The real
as such' fagt er ,is not spiritual, but the spiritual is an
dement in Reality', und es ift der endliche Zweck, diefes
geiftige Element vollkommen überwiegend zu machen.

Diefe Abhandlung über die Philofophie der Entwicklung
ift hauptfächlich dadurch wertvoll, daß fie das ganze
Gebiet der menfchlichen Erfahrung, fowohl das theoretifche,
wie das praktifche fyftematifiert und die verfchiedenen
Stufen, Gefetze und Bedingungen der Entwickelung des
Geiftes offenbart, und weil fie die Unzulänglichkeit des
Materialismus und Naturalismus überzeugend feftftellt.
Aber der Schluß des Buches, der das Verhältnis des Geiftes
zu dem Syftem der Wirklichkeit beftimmt, ift nicht
befriedigend. Derfelbe gibt uns gar keine Kunde über
das Wefen des zentralen Geiftes und fein Verhältnis zu
dem menfchlichen Geift, fondern erhebt in inkonfequenter
Weife den Geift der Menfchlichkeit (theSpirit of humanity)
zur Gottheit, wie der Pofitivismus Comtes es tut. Er
nimmt ohne Unterfuchung an, daß die Gegenwart des
Böfen in der Welt der Allmacht Gottes widerfpricht,
daß die Natur moralifch gleichgültig ift, und das die
mechanifchen Bedingungen, als die von Gott felbft feft-
geftellten Mittel zur endlichen Harmonie fich nicht erklären
laffen. Hätte er diefe Vorausfetzungen ausführlich betrachtet
, fo wäre feine endgültige Stellung ein theiftifcher Spiritualismus
, der alle Tatfaclien, der ganzen Tendenz feines
Gedankens nach, unter einer fynthetifchen Einheit konfe-
quent darftellen könnte.

Kiel. S. C. Roy.

Villtoft, Johs: Forsoningslaeren. En Fremstilling af dens
historie tilligemed et Bidrag til dens skriftmaessige ud-
formning. (VIII,417 S.) gr. 8°. Kobenhavn, J. Frimodt 1911.

Vf. ift überzeugt, daß Jefus und die biblifchen Autoren
eine einheitliche Verföhnungstheorie hatten, daß
diefe fich ohne weiteres feftftellen läßt und noch heute,
ohne daß der Unterfchied der Zeiten und Verhältniffe
wefentliche Bedeutung beanfpruchen kann, alles wirkliche
Glaubensleben trägt und tragen muß. Vor Jefus hat es
darum feiner Meinung nach auch keine wirkliche Verhöhnung
mit Gott gegeben, auch Abrahams Glaube
reichte nicht zu. Wer diefe Vorausfetzungen nicht teilen
kann, ift dem Buche gegenüber in Verlegenheit. Man
refpektiert den Fleiß, die Belefenheit und Sorgfalt, die
in den 417 Seiten ftecken, und kann doch mit dem Ganzen
nichts anfangen.

Vf. nennt feine Theorie Perfonaltheorie. Er grenzt
fie damit nach zwei Seiten hin ab: gegen die Lehre von
einer objektiven Verformung und die Anfchauungen der
neueren Theologie, die nach ihm nur von fubjektiven
Vorgängen in der Menfchenfeele etwas weiß. Perfonaltheorie
heißt fie deshalb, weil alles ankommt auf das
perfönliche Vertrauen zu der Perfon des Gottesfohnes,
der nicht Gottmenfch ift im Sinne des Dogmas, aber