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Ausgabe:

1914 Nr. 2

Spalte:

598-599

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kade, Richard

Titel/Untertitel:

Rudolf Euckens noologische Methode in ihrer Bedeutung für die Religionsphilosophie 1914

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 20/21.

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Der rechtgläubige Nietzfcheaner Frehn will feiner-
feits jetzt, am .Sterbebette des Chriftentums' (162) das
Moralproblem, durch tätige Überwindung der chriftlichen
Moral, gelöft wiffen und damit N.s Bedeutung als Moral-
philofoph von einer Seite würdigen, ,wie es meines Wiffens
noch von keinem der ernft zu nehmenden Beurteiler geschehen
ift' (6). Diefer allein maßgebliche Beurteiler gibt
im wesentlichen ein Referat von N.s Morallehre. Er
fcheint indes die Philofophie des Sokrates nicht eben
aus der Tiefe begriffen zu haben (vgl. S. 6) und verlieht
von dem Kern der chriftlichen Anfchauung, zumal
in moderner Faffung, noch weniger (7 f. 17. 28. 50. 56.
58. 70). Er macht daher dem Chriftentum, indem er nur
zu getreu den Vorurteilen feines Meifters folgt, bereits
hundertmal widerlegte Vorwürfe, wie fie ein höher Gebildeter
fich heute kaum mehr erlauben darf. Aber auch
wenn er den pfychologifchen Parallelismus duich Wechselwirkung
zwifchen Leib und Seele erklärt, fo zeugt das
eben nicht von gründlicher pfychologifcher Durchbildung
(9)- Selbft der deutfche Ausdruck ift teilweife zu bemängeln
. (Vgl. S. 10. 11. ,Wir fangen' das Objekt auf,
ftatt: wir .faffen' es auf, ,fich dem Leben entwurzeln',
,das bedeutete der erfte Anftoß' ftatt: ,den'S. 53. Auch
gebraucht er das Zeichen =, um den Gegenfatz auszudrücken
S. 54. Er fpricht von: .auszurotten fich bemüht
war'(31). Im Übrigen bietet die Abhandlung wenig
Neues. Doch fcheint er aus ehrlicher Überzeugtheit N.s
Moral oder Immoral der Idee in eine folche der Tat
umfetzen zu wollen (75). Auch ift das Ziel, daß fich
Altruismus und Egoismus (als berechtigte Selbftliebe),
Individualismus und Sozialismus zu einem weitherzigen
Univerfalismus durchdringen follen, felbft vom Standpunkte
der geläuterten chriftlichen Sittlichkeit aus, gut
zu heißen. Leider muß fogar eingeräumt werden, daß
das praktifche Chriftnntum auch zu unferer Zeit noch
an bedeutenden Mängeln krankt; auf die N. mit Recht
den Finp-er leert.

Röfeners aus Vorträgen entftandene Brofchüre,
welche von genauer Kenntnis N.s und feiner Schriften
zeugt, behandelt das Verhältnis chriftlicher Religion und
Sittlichkeit zu dem, insbefondere N.fchen, Individualismus
, und die Notwendigkeit religiöfer Begründung und
httlicher Zielfetzung deffelben in feinfinniger Weife. Ohne
Aufnahme des Gemeinfchaftsgedankens muß fich der Individualismus
in einen unfruchtbaren Egoismus verengen;
daher müßte N.s Individualismus in der Konfequenz die
Gemeinfchaft zerftören (22). Denn für ihn wird der Wille
zur Macht, als angebliches Naturgefetz, zur Rechtfertigung
einer winzigen, exklufiven Ariftokratie, die, bei dem in-
ftinktiven Geltendmachen ihrer felbftfüchtigen und herrfch-
füchtigen Triebe, ein gutes Gewiffen bekommen foll (36)
Der Wille zum fozialen Wirken aber kann nur auf dem
Innewerden gleichartiger Beftimmung beruhen. Diefer
Glaube vermag dann die Inftinkte der bloß natürlichen
Selbfterhaltung und Selbftbefriedigung zu überwinden
(22f.). Die Überzeugung jedoch von der gemeinsamen
Beftimmung gehe unmittelbar aus der religiöfen Idee des
Chriftentums, nämlich aus dem Glauben an die Gottes-
kindfchaft, hervor. Hierin liegt zugleich die Erkenntnis
des Menfchen von feinem höheren Selbft. Demnach werden
durch folche religiöfe Erlebniffe neue Motive und Kräfte
in den Zufammenhang des feelifchen Gefchehens eingeführt
. Allerdings fetzt die feelifche Entwicklung voraus,
daß man fein wahres Selbft gefunden hat, das von vornherein
als ein zu entwickelnder Keim im Menfchen liegt.
Aber eben die chriftliche Religion löft diefe fittliche
Entwicklung aus, als den Anfang einer neuen, dem Ideal
hingegebenen Gemüts- und Willensrichtung. Denn das
Wefen des Menfchen liegt nicht, wie felbft N. wenigftens
7-hnt, in dem, was er ift, fondern was er fein foll; nicht
10 feiner empirifchen Befchaffenheit. fondern in feiner Beftimmung
(54ff.). So ift im Chriftentum der Wille zur
Idee: der Wille, fein höheres Selbft zu gewinnen, zu bewahren
(58f.). Die chriftliche Verneinung des bloß ani-
malifchen Ichs ift mithin bloß die Kehrfeite der Bejahung
des höheren Selbft (63 f.). So fchließt das Chriftentum
die Idee des Individualismus, die Ns Seele bewegt, in
ein höheres und heilfameres Ideal ein, nämlich in das
Ideal der Sittlichen Perfönlichkeit (64).

Auch Sodeurs Schrift hat es mit dem Individualismus
zu tun. Und zwar mit dem Individualismus N.s einer-
feits, und des Chriftentums anderfeits; das hier freilich
durch die Perfönlichkeit Kierkegaards vertreten wird.
Hierdurch gewinnt er natürlich eine eigenartige Färbung.
Ich übergehe die fonft anregende Schilderung deffen, was
beiden großen Einfamen gemeinfam ift, und was fie unter-
fcheidet, und deute nur einiges über das Verhältnis der
beiderseitigen Lehren an. Einzig, indem das Ich in demjenigen
ift, ,der an und für fich felbft ift', wird es ein
.Einzelner', nach K. So entbindet das Chriftentum die
Pulle und Kraft perfönlichen Lebens (16). N. anderfeits
erwartet, daß, wie das Leben in der Natur vom Niederen
aufgeftiegen ift, auch der Menfch durch ein Höheres überwunden
, durch den Übermenfchen erfetzt werde (20).
Diefer kann einzig dadurch entliehen, daß der Wille zur
Macht in dem Menfchen, aufs höchfte gesteigert, ein vollendetes
Heldentum hervorbringt, welches über gut und
böfe, Leid und Schickfal erhaben ift. — Beiden Persönlichkeiten
ift ein vernunftfeindlicher Voluntarismus gemeinfam
. Doch entscheidet Sich der Wille bei Kierkegaard
für die theiftifche, bei N. für die atheiftifche Welt-
auffaffung. Da nun die Erkenntnis auf das Allgemeine,
der Wille auf das Befondere gerichtet ift, fo ergibt Sich
hieraus für beide der perfönlichkeitsfrohe, aber gefell-
fchaftsfeindliche Grundzug (30). Näher glaubt K. an die
Selbständigkeit geistigen Lebens. N. kennt nur eine körperhafte
Welt (33). Wie nun K. in Gott die fittliche Perfönlichkeit
der allmächtigen, allumfaffenden, heiligen Liebe
erblickt, muß Sich der Menfch aus dem natürlichen zum
J geiftig-fittlichen Dafein erheben; woraus zugleich der unendliche
Wert jeder einzelnen Menfchenfeele erhellt (34 f.
1 37). Aber gerade dies mußte das ariftokratifche Unab-
i hängigkeitsgefühl N.s aufs höchfte verletzen. Denn ,wenn
es Götter gebe, wie hielte ich es aus, kein Gott zu fein!'
! (36). N.s Machtwille erhält vielmehr das Gepräge ritck-
| fichtslofer Selbftfucht (407). Schließlich hat das Leben
für K. den Sinn, der Einzelne zu werden; für N., daß der
Übermenfch .werde' (41). Pur K. ift des Einzelnen Ge-
I bundenheit an Gott: die Übereinftimmung mit dem im
j Menfchen angelegten höchften Sittlichen Gedanken, näm-
1 lieh gerade der Freiheit Wenn dem gegenüber N. euer-
' gifch den Gottesglauben ablehnt, fo ift diefe Ablehnung
| in Wahrheit eine Fiktion. Fiktionen aber können keine
echte Kraft Schaffen, vielmehr nur mindern. So vermag
die Weltanschauung Ks im eigentlichen Sinne zu erbauen.
N. hingegen hängt, in feiner übertreibenden Verherrlichung
des Lebens, bei innerer Armut der Gottlofigkeit, im Grunde
an einem Traum, deffen Erfüllung weder möglich noch
wünschenswert ift (48).

Wernigerode. Paul Schwartzkopff.

Kade, Pfr. Richard: Rudolf Euckens noologifche Methode

in ihrer Bedeutung für die Religionsphilofophie. (VIII,
145 S.) 8°. Leipzig, Veit & Comp. 1912. M. 2.40

Eine Erläuterung und Apologie der Religionsphilofophie
Euckens. Der Autor behauptet zunächst im Gegenfatz
gegen W. Herrmann die Notwendigkeit einer philofophi-
fchen Begründung der Religion. Er verwirft dann eine bloß
pfychologifche Methode als ungenügend: fie reicht nicht
einmal aus zur Beantwortung der quaestio facti, das heißt
zur P'eftftellung des Tatbestands: eineThefe, der ich widersprechen
möchte. Aber auch die transzendentale Methode
leiftet nicht, was fie will und foll; fie wird entweder, wie
in einer Auseinanderfetzung mit Windelband nachgewiefen