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Ausgabe:

1914 Nr. 2

Spalte:

591-592

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schairer, I.

Titel/Untertitel:

Das religiöse Volksleben am Ausgang des Mittelalters nach Augsburger Quellen 1914

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 20/21.

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angeführten wenigen Stellen zu finden find. In den deut-
fchen Schriften allerdings findet er mehr Myftik, weil er
wefentlich mehr Schriften dem David zufchreibt als ich
getan habe. Auf die Feftftellung der ächten Schriften
Davids kam es S. in feinem Buch in erfter Linie an, und
es wäre deshalb wohl richtiger gewefen, diefen Teil vor-
anzuftellen. Bei den Novizentraktaten gebe ich meine
früheren Bedenken preis, da die neuen Manufkripte in der
Tat neues Licht und neue Sicherheit gebracht haben, wie
ich das auch erwartet hatte. Dagegen in Betreff der
deutfchen Traktate möchte ich mich noch vorfichtiger
und zurückhaltender ausfprechen als S.

Die äußere Bezeugung der Autorfchaft Davids ifl bei faft allen eine
fehr fchwache. S. verlegt fich darum hauptfächlich auf die inneren Gründe,
befonders den Nachweis, daß die Gedanken und die Ausdrücke hier weithin
übereinftimmen mit den Gedanken und den Ausdrücken in den ächten
Traktaten. Allein da ift zu bedenken, daß, wie S. felbft weiß und zugibt
, die ächten Traktate Davids fehr häufig benützt und von vielen nachgeahmt
wurden; auch müßte man die ganze myftifche Literatur jener Zeit
kennen, Um beurteilen zu können, wie weit jene Gedanken und Ausdrücke
Gemeingut waren oder als Sondergut und charakteriftifch.es Merkmal der
Davidifchen Schriften angefprochen werden dürfen. Auch reichliche Anklänge
find mir darum noch nicht ein durchfchlagender Beweis, ohne daß
ich die Möglichkeit leugnen wollte, daß S.'s Meinungen annähernd das
Richtige treffen.

Die gründliche und erfreuliche Arbeit hat mich im
ganzen doch beftärkt in der Meinung, die ich einft am
Schluß meiner Studie ausgefprochen habe: ,Um Davids
ganze Wirkfamkeit und Bedeutung kennen zu lernen ....
müßte man feine Legende und vor allem feine Predigten
wieder auffinden'.

Stuttgart. Lempp.

Schairer, Dr. I.: Das religiöfe Volksleben am Ausgang des
Mittelalters nach Augsburger Quellen. (Beiträge zur
Kulturgefchichte des Mittelalters, Heft 13.) (VII, 136S.)
8°. Leipzig, B. G. Teubner 1914. M. 4 —

Ein glücklicher Gedanke, an der Hand der reichen
Augsburger Quellen die völlige Abkehr des Volks von
der alten Kirche verftehen zu lernen, aber zugleich die
Beurteilung der Reformation als bloßer Negation abzu-
weifen und die neuen eigenartigen religiöfen Werte, welche
das Volksgemüt in feiner allmählichen Löfung von der
kirchlichen Bevormundung gewonnen hatte, herauszuftellen.
Dem Verf. ift es gelungen, ein reiches Material darzubieten
. Aufbau und Gliederung dürften einfacher fein,
damit nicht Manches an drei Orten, z. B. das Ablaß-
wefen S. 45. 98. 113 behandelt würden. Die Überfchrift
des erften Hauptteils ,Die formale Verfelbftändigung des
religiöfen Volkslebens' ift zu abftrakt gefaßt. Glücklich
ift das Zitat aus Zink gewählt jederman wollt gen himl',
um am Schluß die Zeit als ,eine ringende', auch religiös
fliehende . . voll Andeutungen und Vorbereitungen' zu
kennzeichnen. Man ftaunt, wie früh die Kirche als Fremdkörper
empfunden wird, wie kühn Rat und Bürger fich
gegen Bann und Interdikt wehren, wie der Rat 1421 allen
freundlichen Verkehr mit den Geiftlichen, Annahme ihrer
Gefchenke, Spielen und Zechen mit Mönchen und Pfaffen
verbietet. Ein tiefer Haß lebt in der Augsburger Sing-
fchule, die geradezu fagt, die Geiftlichkeit widerftrebe der
Chriftenheit, und bitter vom ,Almofen', d. h. geftifteten
Pfründen fingt. Ergreifend ift die Klage des kirchentreuen
im Dienft der Stadt bewährten Kaufmanns Mülich: unfer
thumherrn und unfer pfaffen waren zu allen zeiten unfers
fchadens fro (S. 26). Zu ideal ift die Erwartung S. 95: Es
ift wohl möglich, daß, wenn Luther nicht gekommen wäre,
es der Kirche auf dem Weg der fchriftlichen Propaganda
am Ende hätte gelingen können, die jahrhundertelang
zurückgeftellte Volksmiffion, die Durchdringung des Volksganzen
mit tieferer Frömmigkeit, nachzuholen und eine
Erziehung der breiten Schichten noch zu erreichen. Als
ob Schriften ohne die geifteskräftige Perfönlichkeit ausrichten
könnten, was bisher Konzilien, Staats- und Kirchenmänner
nicht erreichen konnten. Wenn S. 86 und 102

aus dem Druck von 14 vorlutherifchen hochdeutfehen
Bibeln, darunter 9 in Augsburg, und den Ermahnungen
zum fleißigen Bibellefen gegen die bisherige Anfchauung
Einwand erhoben wird, daß Luther erft dem deutfchen
Volk die Bibel gegeben habe, fo ift das nicht ftichhaltig.
Den beften Beweis für die Tatfache, daß die Bibel erft
durch Luther zum Volksbuch geworden ift, liefern die
beiden Flugfchriften Seb. Lotzers ,Ain heilfame Ermanung
an die ynwoner zu Horw' und ,Ain chriftlicher Sendbrief
. . an feinen lieben vatter, burger zu Horw' Bl. f. w. KG.
1887, 27ff. Wäre die Bibel fchon vor Luther fo verbreitet
und gelefen worden, wie nachher, dann wäre fchon damals
öfter, als durch Erzbifchof Berthold von Mainz und Seb.
Brant, die Warnung ergangen: der Laie foll der Schrift
müffig flehen, er verliehe fie doch nicht. Peutingers Verkehr
mit Luther fällt ins Jahr 1518 nicht 1526 (S. 62).
Stuttgart. G. Boffert.

Jahrbuch für Brandenburgifche Kirchengelchichte. Ilrsg. im
Auftrage des Vereins f. Brandenburgifche Kirchen-
gefchichte v. Geh. Oberkonfift.-Rat Prot. D. Dr. Guftav
Kawerau u.Priv.-Doz. Prof. Lic. Leopold Zfcharnack.
9. u. 10. Jahrg. (XI, 430 S.) gr. 8°. Berlin, M. Warneck
1913. M. 9 —
Wenn in den Veröffentlichungen der ,partialkirchen-
gefchichtlichen'Vereine bisher die Reformationsgefchichte
prävalierte, fo fcheint das allmählich anders zu werden,
wie ja überhaupt prophezeit werden kann, daß die der
Erforfchung der Reformationszeit dienende Produktion bis
1917 noch einmal anfchwellen, dann aber abflauen und
dafür das Studium des Pietismus und befonders der Aufklärungszeit
in der Vordergrund treten wird. Diefe Wandlung
kündigt fich in dem vorliegenden Bande an. Denn
diejenigen Auffätze daraus, die die meiften Lefer finden
werden, fcheinen mir die drei zu fein: von Hans Petri über
den Pietismus in Sorau N.L. — hier handelt es fich
befonders um die durch Mag. Joh. Gg. Böfe hervorgerufene
Erregung —, von Karl Aner über Frdr. Nikolai als Zeugen
des kirchlichen Lebens in Berlin zur Zeit der Aufklärung
und von Walter Wendland über die praktifche Wirkfamkeit
Berliner Geiftlicher (die beiden Sack, Spalding,
Teller) im Zeitalter der Aufklärung (1740—1806). Da der
letztere Auffatz auch als Gießener Differtation erfchienen
und in diefer Form bereits von Horft Stephan oben
Sp. 272 f. befprochen worden ift, brauche ich nur über die
Abhandlung von Aner kurz zu referieren: Er zeigt, daß,
wie Nikolais Werke überhaupt auf den folideften Studien
beruhen und eine Fülle von Auffchlüffen darbieten, desfelben
,Befchreibung der Kgl. Refidenzftädte Berlin und Potsdam'
(1. Aufl. in 1 Bd.: 1769, 2. in 2 Bänden: 1779, 3. in 3
Bänden: 1786) auf die beften Informationen fich gründet
und tiefe Einblicke in das kirchliche Leben Berlins, die
Theologie und amtliche Tätigkeit der hervorragenderen
Geiftlichen und die großartige Wohltätigkeit gewährt. Die
beiden Arbeiten zeigen, daß es hohe Zeit ift, die leichtfinnig
-wegwerfende und mit ein paar Schlagwörtern operierende
Beurteilung der Auf klärungszeit, wie fie im kirchen-
gefchichtlichen Unterricht und in Vorträgen noch üblich
ift, durch etwas Befferes zu erfetzen.

Daß die Reformationsgefchichte gleichwohl nicht zu
kurz kommt, dafür bürgt fchon der Name des erften der
beiden Herausgeber, die fich nach dem Tode des auch
um das Jahrbuch hochverdienten Nikolaus Müller in die
Redaktionsgefchäfte geteilt haben. Kawerau felbft hat (aus
Enders' Nachlaß) aus einer Handfchrift der Trierer Stadtbibliothek
fehr wertvolle Nachträge und Verbefferungen
zu den Briefen Melanchthons an den Berliner Propft Georg
Buchholzer und deffen Söhne Noah und Abraham und
ferner u. a. aus einer Abfchrift in der Fürft Solmsfchen
Bibliothek in Schloß Wehrau (Schienen) einen Brief Luthers
an den Rat zu Croffen vom 13. April 1527 mitgeteilt.
Zwickau a. S. O. Clemen.