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Ausgabe:

1914 Nr. 1

Spalte:

567-568

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pariser, Ernst

Titel/Untertitel:

Einführung in die Religionspsychologie 1914

Rezensent:

Wobbermin, Georg

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Seite 1

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567

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 18/19.

568

darauf befteht, daß wir durch wiffenfchaftliche Unter-
fuchungen nur folche Fragen prüfen dürfen, die in den
Bereich der Wiffenfchaft fallen. In Kap. I erwägt er, bevor
er den radikalen Skeptizismus verwirft, die Frage, wie
es fich mit ihm verhält, mit Gefchick und geübter dia-
lektilcher Kraft. ,Wahrheit um der Wahrheit willen' ift
nicht die letzte Vorfchrift für das Denken; fowohl Wiffen
wie Moral beruhen im Grunde auf dem Nützlichkeitsprinzip
. ,Es ift denkbar, fchreibt er, daß wir eines Tages
zwifchen wefentlichen Beftandteilen unferes Glaubens und
dem klaren Zeugnis der Vernunft zu wählen haben werden;
aber es follte für uns ein Hauptftück unferes Glaubens
fein, uns nie in folch einem Zuftande felbft finden zu
müffen' (52—53). Das ift ein charakteriftifcher Satz.
Später erörtert er den Determinismus als der Freiheit
im wahren Sinn des Wortes durchaus nicht entgegengefetzt
, aber feine Beweisführung über Beweggründe
läßt, wie es fo oft bei diefem altehrwürdigen Problem
gefchieht, die Tatfache außer acht, daß ein Beweggrund
nur durch die freie Wertung des Seibit zum Beweggrund
werden kann, und der freie Wille, den er verwirft, ift um
nichts beffer als Laune. Nachdem er einen ruhigen und
maßvollen Optimismus, gleich dem Goethes, ftatuiert hat,
geht er zum Problem der Schönheit über und meint,
daß wir ohne falfchen Anthropomorphismus Gott Liebe
zur Schönheit zufchreiben können. In einem Schlußkapitel
über das höchite Gut, das beftimmter theologifch ift als
das Übrige, behauptet er, daß manche große Schwierigkeiten
vermieden werden, wenn wir aufhören, auf Gott
den undenkbaren Begriff von Vollkommenheit ohne
Grenzen anzuwenden. Den teleologifchen Beweis formuliert
er dahin, daß ein Kosmos nie — allmählich oder plötzlich
— aus den Umwandlungen eines Chaos hervorgehn
könne. Diefes Kapitel enthält einige vortreffliche Seiten,
in Wordsworthfchem Geilt, über das Fühlen der Gegenwart
eines göttlichen und unendlichen Wefens in der Welt.

Das Buch ift voll von klugen und eindringenden
Bemerkungen, die auf alte Anfchauungen mit fchöpferifcher
Phantafie oder philofophifchem Geilte Licht werfen. Die
Ausführung auf S. 182 löft Verwunderung aus, warum
Verf. für feine Beweisführung nicht mehr Material aus
der Tatfache des Chriftus entnommen hat.

Edinburg. H. R. Mackintofh.

Parifer, Ernft: Einführung in die Religionspfychologie. Beiträge
zu e. krit. Methodenlehre der Religionswiffen-
fchaft. (III, 56 S.) gr. 8". Halle a. S., M. Niemeyer
1914. M. 1.50

Die kleine aber gedankenreiche Schrift beabfichtigt,
die .einzigartige Bedeutung' der Religionspfychologie für
das Ganze der Religionswiffenfchaft, infonderheit der Re-
ligionsphilofophie, aufzuzeigen. So greift fie in den fo
akut gewordenen Kampf um die Methodenfrage der re-
ligionspfychologifchen Arbeit ein und fördert die Ver-
ftändigung über diefelbe in ebenfo einfichtiger wie fcharf-
finniger Weife. Es handelt fich ja in diefem Streit letztlich
darum, ob und wie .religionspfychologifche' Arbeit
für die zentralen Aufgaben der Religionswiffenfchaft und
Theologie fruchtbar gemacht werden kann, mit anderen
Worten, ob fie in den Dienft der Aufgabe geftellt werden
kann, das fpezififch Religiofe der empirifch als Religion
bezeichneten Äußerungen des menfchlichen Seelenlebens
aufzudecken, und dann ebenfo die korrefpondierende
Frage nach dem fpezififch Chriftlichen der empirifch-
hiftorifch als .chriftlich' bezeichneten Erfcheinungen des
religiöfen Lebens zu beantworten. Der Verfaffer ftellt
nun gegenüber der an diefem entfcheidenden Punkt vielfach
herrfchenden Unklarheit und Begriffsverwirrung klar
heraus, daß eine im Sinne empirifcher Pfychologie betriebene
Religionspfychologie an jene Aufgaben rechtmäßig
nicht heranreicht. Ünd er fordert demgemäß die

Neubegründung der religionspfychologifchen Arbeit aus
.transzendentalen Prinzipien', d. h. fo, daß fie an der der
Religion ureigenen Erfahrungsbedingung orientiert wird.

i Das ift alfo vom philofophifchen Ausgangspunkt her genau
diefelbe Pofition, die ich felbft im theologifchen
Intereffe vertrete. Auf diefer Bafis erheben fich dann
die weiteren Erörterungen des Verfaffers, die er an die
Begriffe der religiöfen Perfönlichkeit, der perfonifizierenden
Kaufalität und der transfubjektiven Energien knüpft.
Auch in diefen Darlegungen find wertvolle Einfichten

I enthalten, die nur infolge der philofophifch-fchulmäßigen
Sprache und Gedankenführung nicht recht allgemeinver-
ftändlich zur Geltung kommen.

Allen aber, die vor einer fchwierigen Lektüre nicht
zurückfchrecken und die für die heute fo heiß umftrit-
tene Methodenfrage der religionspfychologifchen Arbeit
Intereffe haben, ift das Studium der verdienftvollen Schrift
nachdrücklichft zu empfehlen.

Breslau. Georg Wobbermin.

Seeberg, Reinhold: Der Geburtenrückgang in Deutichland.

Eine fozialeth. Studie. (VII, 76 S.) 8°. Leipzig, A. Dei-
chert Nachf. 1913. M. 1.80

Der Geburtenrückgang ift die brennendfte NotDeutfch-
lands. Seine unheimlichen Folgen werden zwar durch
den Rückgang der Sterblichkeit, der ihm zur Seite geht,
noch für eine Weile hintangehalten; aber die Sterblichkeit
kann nur bis zu einem gewiffen Grad abnehmen,
während bei den Geburten mit einer unbegrenzten Rück-

i gangsmöglichkeit gerechnet werden muß. Die Zahl der
Todesfälle hat in Deutfchland auf 1000 Einwohner im
Jahre 1872 30,62 und im Jahre 1912 16,12, die Zahl der
Geburten im Jahre 1876, dem Jahr ihres höchften Standes,
42,61 und 1912 29,12 betragen; der Geburtenüberfchuß
ift von 15,63 im Jahre 1902 auf 12,70 im Jahr 1912 ge-
funken. Am klarften kommt die Wirkung des Geburtenrückgangs
in folgender Gegenüberftellung zum Ausdruck:
1878 find von 1000 Einwohnern 27,84 und 1912 nur noch
16,42 geftorben; trotzdem war der Bevölkerungszuwachs
1912 nur um 0,09 größer als 1878. Befonders bedrohlich
ift die Plötzlichkeit des Geburtenrückgangs. Von 1881
bis 1899 hat der Rückgang nur 1,48 auf 1000 Einwohner
betragen; feit 1900 finkt die Linie unaufhaltfam, in einem
einzigen Jahr, von 1909 auf 1910, um 1,28. In abfoluten
Zahlen ausgedrückt, waren es von 1898 bis 1909 jedes
Jahr mehr als 2 Millionen Geburten gewefen; diefe ftolze
Zahl liegt hinter uns und wird vermutlich nie wieder
erreicht werden. Von 1909 bis 1912 lauten die Zahlen:
2038357, 1982836, 1927039, 1925883. Erfchreckend wirkt
auch folgender Einzelfall: in Frankfurt a. M. haben die
429000 Einwohner des Jahres 1912 weniger Kinder hervorgebracht
als die 320000 Einwohner des Jahres 1904. An-
gefichts diefer Tatfachen war es höchfte Zeit, daß fich
neben den Volkswirtfchaftlern und Ärzten nun auch die
theologifchen Ethiker der Frage des Geburtenrückgangs
zugewandt haben. Die Sittlicheitsvereine hatten fchon
feit Jahren auf die drohende Gefahr aufmerkfam gemacht,
und im .kirchlichen Jahrbuch' hat J. Schneider 1904 und
dann wieder 1912 eine Fülle wertvollen Materials zufammen-
geftellt. Sonft ift dem Unterzeichneten außer der Ab-

1 handlung, die er felbft in der .Evangelifchen Freiheit' 1913,
S. 100—in und 132—141, veröffentlicht hat, und dem

I .Notfignal' des greifen Elias Schrenk an theologifchen
Schriften über den Geburtenrückgang nur Seebergs Vortrag
auf der kirchlich-fozialen Konferenz in Barmen bekannt
. Seeberg hat fich mit der Erweiterung und Drucklegung
diefes Vortrags ein großes Verdienft um das
deutfche Volkstum und um die, auf dem Sexualgebiet
noch fehr weltfremde und unfichere, theologifche Ethik
erworben. Wer das ftatiftifche Material gründlich kennen
lernen will, wird ja wohl auf die von Seeberg angeführten