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Ausgabe:

1914 Nr. 1

Spalte:

556-557

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Franziskanische Studien. Quartalschrift. 1. Jahrg. 1914. 1. Heft 1914

Rezensent:

Lempp, Eduard

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 18/19.

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Schriften; indeffen dauert der Kampf noch länger fort, vgl. Jülicher Einl. [
in d. N.T. 362fr.' (alfo eine veraltete Auflage!). Wie muß der Refe- |
reut Jülicher gelefen haben, um diefe Summe von Verkehrtheit produzieren
zu können; hätte er ftatt deffen lieber die vermißten bibliogra- ]
phifchen Angaben gemacht! Dann wird von Itala und Vulgata ge-
fprochen, wieder ohne irgendeine Textausgabe oder fonfliges Hilfsmittel
zu nennen. Die Verweife auf Stählins Neubearbeitung von Chrift, auf
Schanz, auf Jordan nutzen doch dem Studenten für feine Orientierung
nichts: denn die erften Hilfsmittel und wichtigften Ausgaben foll ihm
ja eben Lübker an die Hand geben. Zu monieren ift aber auch bei
diefen Generalverweifen, daß das allgemein anerkannte Nachfchlagebuch,
Bardenhewers Patrologie, foweit ich fehe, nie genannt wird. Statt deffen
ift, nicht zum Vorteil der Sache, Jordans Gefch. d. altchriftl. Lit ftändig
zitiert, über deren wiffenfchaftliche Qualität Jülicher in den Gott. Gel.
Anz. 1913, 708ft. das Nötige gefagt hat, die aber auch bei belferen
Eigenfchaftcn infolge ihrer ganzen Anlage fich nicht zum Nachfchlagebuch
eignen würde. Völlig wertlofe Artikel finden ftch s. v. Evangelien
, Apoftelbriefe, Apoftelgefchichte (,von Lukas' ,nach Harnack zwifchen
79 — 93 gefchrieben. Berühmt die bekannte Wirquelle 16,10') Paulus —
wenn man nichts anderes zu fageu hat, als was dort fleht, follte man
lieber fchweigen. Über Clemens Romanus heißt es: ,nach katholifcher
Überlieferung einer der erften Nachfolger des Petrus auf dem römifchen
Bifchofsftuhl, Verfaffer des fogen. Clemensbriefes an die Korinther, der
als Brief fingiert fcheint. Ausgabe von Knopf T. U. 20, 1, 1889' ufw.
Das foll eine klare Orientierung des Studenten fein! Von den Clementinen
ift kein Wort gefagt. Ignatius fehlt ebenfo. Brauchbar find die
Artikel über Eufebios und Origenes. Dagegen verfagen die meiften
übrigen Patriftica wieder völlig. Bei einer Reihe von großen Kirchenvätern
wird der Lefer nur auf die Mignefehen Nachdrucke hingewiefen
und die zu benutzende ,Ausgabe' gar nicht genannt. Bei Tertullian und
Auguftin werden in laDger Reihe die Titel der einzelnen Schriften aufgezählt
, aber nicht vollftäudig — wozu alfof Man wird fich fagen:
damit der Student abgekürzte Zitate auflöfen kann, und das wäre —
wenn konfequent durchgeführt — vielleicht zu billigen. Wenn nur nicht
bei Auguftin nachher zahlreiche neue Schriftentitel kämen, die abgekürzt
und nicht ohne weiteres verfländlich find! Bei beiden Autoren wird
nämlich am Ende des Artikels angegeben, welche Einzelfchrifteu im
Wiener Korpus erfchienen find (dafür 23 Zeilen bei Auguftin): das ift
wirklich Raumverfchwendung! Wenn aber ein Mann wie Johannes
Chryftoftomus mit feinen 12 Foliobänden Opera einen nichtsfagenden
Artikel von ganzen 8 Zeilen (inkl. Literaturangaben) erhält, fo wird das
der Raummangel entfchuldigen füllen! Im Auguftinartikel begegnen
auch die üblichen Übertreibungen: ,ftürmifche Jugend (vgl. feine Con-
fessiones)' ,ließ fich . . . durch Ambrofius, dem er näher getreten, taufen'
— der Referent möge einmal in Conf. VI 3 und IX 5,13 nachlefen,
wie dies ,Nähertreten' befchaffen war. Gregorios von Nazianz (S. 424)
wird charakterifiert als ,Verfaffer zahlreicher und verfchiedeuartiger
Schriften, von Predigten, Homilien, Redeu z. B. über die Theologie
, aber auch Brandmarkungsreden gegen Kaifer Julian, Briefen,
namentlich Gedichten, fo z. B. Uber fein Leben, über allerhand mora-
lifche Themen, von Epigrammen, rhytmifchen Liedern'. Wer die
?.6yoi {heoÄoyixoi einem Studenten mit ,Reden über die Theologie' ver-
dolmetfcht, kennt ihren Inhalt nicht. Und war es wirklich nicht möglich
nach den glänzenden Darlegungen von Wilamowitz und Wendland
dem philologifchen Lefer mehr zu bieten als diefe matte Limonade f
Gregor von Nyffa erhält als einziges charakterifierendes Prädikat das
Beiwort .Gegner der Arianer': das foll ihn wohl von dem Nazianzener
und Bafileios unterfcheiden ? Von Athanafios erfährt der Student (S. 130):
,Vertreter der Homoufie des Sohnes mit dem Vater, fetzte er im Jahre
325 auf der Synode zu Nicäa diefes Dogma für das Bekenntnis durch'.
Und für diefe elementare Uuwiffenheit wird dann ruhig auf Eduard
Schwartz Athanafiusftudien verwiefen: möge dem Referenten Schwartzens
Antwort erfpart bleiben. Wenn der Studiosus philologiae gelegentlich
lieft, E. Schwartz gebe die Konzilienakten heraus, fo wird er im Lübker
s. v. Concilia nachfchlagen. Er findet da (S. 239) allerlei Notizen über
ältere Konzilien vom fälfchlich fogenannten Apoftelkonzil an bis zu .dem
berühmten C. von Nikaia (325)', wo ,der Zwift des Arius und Atha-
nafius (I)' beraten wurde: alles entweder wertlos oder falfch. Von den
großen Konzilien, deren Akten wir befitzen und deren Bearbeitung wir
von Schwartz erwarten, keine Silbe; kein Hinweis auf Hardouin oder
Maufi. Auch die Artikel Canones apostolorum (S. 19S) und Constitu-
tiones apostolorum (S. 245) laffen jede Spur einer Kenntnis von
Schwartz pfeudoapoft. Kirchenordnungen (1910) vermiffen. Von Hippo-
lytos Romanus (S. 469) heißt es, er fei ,Noetianer'. Was foll fich der
Lefer dabei denken? Ein aufklärender Artikel s. v. X. fehlt. Aber
wiefo ift Hippolyt .Noetianer'? Vermutlich, weil der Referent irgendwo
gelefen hat, Hippolyt habe contra No'ctum gefchrieben, und Damafus
nenne ihn fälfchlich einen Novatianer! So etwas kann beim flüchtigen
Exzerpieren unbekannter Dinge leicht mal vorkommen.

Es mag genug fein. Männer wie Ufener, Dieterich,
Norden, Schwartz, Reitzenftein, Wendland, Wilamowitz
und noch manche andere haben die theoretifche Forderung
zur Wirklichkeit gemacht, daß die Philologie auch
die chriftliche Literatur umfaffen müffe: Gercke-Nordens
Einleitung hat dem vollauf Rechnung getragen. Geffcken
und Ziebarth fagen in der Vorrede ,Endlich konnte auch
dem chriftlichen Schrifttum nur ein kleiner Raum zugebilligt
, und vollends durfte über die Entwickelung der
Kirche nur das Allernötigfte gefagt werden'. Nun: das
zweite ift überhaupt nicht ausgeführt worden — ich habe
wenigftens dies ,Allernötigfte' nirgends gefunden — das
erfte — die Raumbefchränkung — ift ein Rückfehritt
gegenüber Gercke-Norden. Beides ließe fich jedoch ertragen
. Aber daß das Gebotene fo fchlecht ift, das
muß hart getadelt werden.

Jena. Hans Lietzmann.

Palacios, Miguel Asin: Abenmasarra y su escuela. Origines
de la Filosofia hispano-musulmana. (Discurso de in-
greso en la Real Academia de Ciencias Morales y
Politicas). (167 S.) 40. Madrid, Imprenta Iberica
E. Maestre 1914.

In ibn Mafarra 93if, dem Asketen der Sierra de Cor-
doba, fließen die verfchiedenartigften geiftigen Strömungen
des Islam zufammen: plotinifche Lehren, die unter dem
Namen des Empedokles gingen, liberal-theologifche Ein-
flüffe (von Gähiz und Nazzäm), befonders aber myftifche
(von dun-Nün, Gunaid ufw.). So ift alfo das Bild der
höheren Geifterkultur in Spanien (ca. 850) ein treues Abbild
derfelben Kultur des islamifchen Oftens, befonders
auch in dem Punkte, daß der Ariftotelismus noch völlig
zurücktritt und der Neuplatonismus vorherrfcht — eine
Entwicklungsreihe, die auch das chriftliche Abendland
in ähnlicher Weife durchläuft. Afin Palacios, feit ca. 16
Jahren als Forfcher in der Islamifchen Myftik bekannt,
hat fich die dankenswerte Aufgabe geftellt, diefen Zu-
fammenhängen nachzugehen und hat fie in meifterhafter
Weife gelöft.

Nicht nur der islamifche Orient — bis nach Indien
find durch ibnal Arabi die Einflüffe des i. Mafarra gelangt
, — fondern auch das Judentum — ibnGebirol ist von
ihm abhängig — und Chriftentum werden in den Kreis
der Betrachtung gezogen. Die pantheiftifchen Regungen
eines Amalrich von Benes, befonders aber eines David
von Dinant, werden nun verftändlich. Die Lehren des
letzteren weifen auf die Wichtigkeit der Vorftellungen
einer geiftigen Hyle hin, die von Plotin unter der Interpretation
des Porphyrius (S. 62) ausgehen, in i. M. fefte
Geftalt gewinnen und in der pantheiftifchen Weiterbildung
des i. Arabi in Umlauf kommen. In der auguftinifchen
Schule finden wir daher die Lehre einer Materie der
geiftigen Subftanzen. Eine noch größere Bedeutung hat
i. M. (vielleicht unter gleichzeitigem direkten Einflüffe des
Neuplatonismus) durch feine Erleuchtungslehren (das
Erkennen wird durch eine Lichtemanation aus der himm-
lifchen Welt, d. h. durch das Emanieren der fertigen
Erkenntnisformen bewirkt) auf das Abendland gewonnen
(von Gundifalvus bis Raymundus Lullus). So werden
durch diefe forgfältige und tiefeindringende Studie Afins
die weitreichendften Kulturzufammenhänge zwifchen
Morgenland und Abendland neu beleuchtet.

Bonn. Horten.

Little, A. G., M. R. James, H. M. Bannifter: Collectanea
Franciscana L (V, 163 S. m. 3 Tafeln.) gr. 8°. Aber-
deen, University Press 1914.

Franziskanifche Studien. Quartalfchrift. 1. Jahrg. 1914.
1. Heft. (136 S.) gr. 80. Münfter, Afchendorff.

Der Jahrg. M. 6 —

Neerlandia Franciscana. Vol. I. 1914. 4 Nrn. (No. 1
134 S.) gr. 8°. Iseghem, Bureaux de Neerlandia
Franciscana. Der Jahrg. frs. 5 —

Die britifche Gefellfchaft für franziskanifche Studien,
deren Hauptförderer A. G. Little ift, bietet in diefem
5. Band als Hauptarbeit eine genaue von Little gegebene
Befchreibung eines Franziskanifchen Manufkripts, das