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Ausgabe:

1914 Nr. 1

Spalte:

552-554

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gilbert, George Holley

Titel/Untertitel:

Jesus 1914

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Theologische Literaturzeitung 1914 Nr. 18/19.

552

der Gerechtigkeit befleißigen und, foweit wir genau
dasfelbe wie fie felber fagen, dies eben auch einfach zugeben
würden.

Ferner findet Sellin einen Hauptunterfchied der beiden
Richtungen darin, daß von mirj und E nicht fowohl als
Perfönlichkeiten, fondern mehr als Sammler gewürdigt
werden, während bei Prockfch nun allerdings J und E als
Perfönlichkeiten in den Vordergrund treten. Das, fo meint
Sellin, fei der Unterfchied einer .theologifchen' Behandlung
der Genefis von einer nur ,religionsgefchichtlichen'. Aber
auch hier muß ich widerfprechen. Denn ich kann hierin
durchaus keinen Unterfchied der Richtungen fehen, fondern
nur eine quaestio facti. Es ift einfach zu unter -
fuchen, welche diefer beiden Annahmen dem vorliegenden
Tatbeftande am beften entfpricht. Man erfchwert aber
das Auffinden der Wahrheit, wenn man eine beftimmte
Stellung zur Partei- oder Richtungsfache macht.

Ein tiefgreifender Unterfchied aber befteht allerdings
vielfach in der Höhenlage, in der die Religion der Genefis
dargeftellt wird. Freilich auch hier find wir in den Prinzipien
durchaus einverftanden. Auch mir ift es felbft-
verftändlich, daß die Erklärung der Religion die eigentliche
Aufgabe des Erklärers der Genefis ift, und auch
Prockfch will, wie es Sellin ausfpricht, auch auf diefem
Gebiete ,keine „erbauliche" Auslegung, fondern ein unerbittliches
, wiffenfchaftliches Forfchen' nach dem wirklich
vorliegenden Sinne. Nun aber meine ich, daß Prockfch
in dem Beftreben, die Religion und Sittlichkeit der Genefis
zu würdigen, fie fehr häufig viel zu fehr in chriftlichem,
modernem Geilte gedeutet und fich dabei gegen den antiken
Sinn verfündigt hat.

Abraham, der fein Weib als feine Schwefter ausgibt, wird —- fo
meint Prockfch — von J ,gebrandmarkt' (S. 95); aber die Gefchichte
nimmt für den Erzvater eben doch ein gutes Ende, und Jahve felber
fchützt ihu vor den Folgen eines Tuns, das Prockfch für ,ichändlich'
erklärt. Salbungsvoll fetzt Prockfch hinzu: ,Auch diefer Menfch trägt
nicht in fich, in feiner Natur die Segenskraft' (S. 95). Sollte es nicht
richtiger fein, hier alle Salbung bei Seite zu laffen und einfach feft-
zuftellen, daß diefe Gefchichte allerdings eine niedere Sittlichkeit hat,
daß aber andere Erzähler desfelben Stoffes fchon verfucht haben, fie
glimpflicher zu geftalten? In derfelben Erzählung fetzt Prockfch dem
Worte Pharaos: ,ich nahm fie (Sara) mir zum Weibe' hinzu: ,ohne
daß er fie berührt hätte'; der Text fagt darüber nichts. An anderen
Stellen behauptet er, daß für J ,der Altar mehr Denkftein als Opfer-
ftein' fei (S. 92) und daß J dem heiligen Baum von Sichern ,keinen behinderen
Heiligkeitswert zufchreibe' (S. 93); woher weiß er das alles?
Den Segensfpruch über Abraham ,ich will fegnen, die dich fegnen ufw.'
erläutert er fo: ,weil Jahve feinen Gefchichtsplan an Abrahams Perfon
bindet, hängt der göttliche Segen und Fluch der Menfchheit von ihrer
inneren(I) Stellung zur Glaubensgeftalt Abrahams ab' (S. 91); ich meine,
die Worte bedeuten einfach: Jahve ftellt fich zu den Menfchen in Gutem
und Böfem fo, wie fie Abraham behandeln. Das bekannte llj'nns Gen. 12,3
überfetzt Prockfch, ohne auf meine Gegengründe einzugehen, paffivifch
und meint, daß ,die Völkerwelt in feiner Perfon ihre geiftige und religiöfe
Einheit wiederfinde'. Aus dem Worte: ,ich will deinen Namen großmachen
ufw.' folgert er: ,nicht der Turm von Babel ift Ovj (11,4) für
die Völker, fondern Abram; der göttliche Plan ift anders als der menfch-
liche'. Kann man noch ftärker eintragen ? Das höchft anftößige Lachen
Abrahams bei Gottes Veiheißung 17, 17 (P) wird ohne eigentlichen
Grund für unecht erklärt (S. 478). Bei dem Betrüge Jakobs an Ifaak
redet Prockfch mit falfchem Bezug auf den zu einer andern Gefchichte
gehörigen Orakelfpruch Gen. 25,23 von einem .göttlichen Gefchichtsplan
' und einem .göttlichen Schickfalswillen', der Jakob ,in den Mittelpunkt
der weiter wirkenden Religionsgefchichte (!) Hellt' (S. 164); die
Erzählung felber aber redet einfach von einem Betrüge, durch den
Jakob das beffere Land und die Herrfc ha ft über die Brüder gewinnt
. Ebenfo ift es eine .Überhöhung' diefer dem Stoff nach fo kindlichen
Erzählung, wenn Prockfch von dem .Tragifchen' darin redet:
traurig für Efau gewiß, aber nicht .tragifch', da Efau die Größe fehlt.
Demnach wundern wir uns auch nicht, wenn wir bei Prockfch von Jakobs
.fittlicher Läuterung' hören (S. 18), einem Gedanken, der den alten Jakob-
Gefchichten fo fern wie möglich fleht. Das Bethel-Geficht ist nach
Prockfch ,von friedlicher Majeftät und Schönheit' (S. 329); nach dem
Texte darf man es nur .fchauerlich und furchtbar' nennen; und ganz
modernifierend ift es, wenn Prockfch meint: was Jakob hier erlebt hat,
das foll jeder Jakobsfbhn an der gleichen heiligen Stätte erleben (S. 329).
Natürlich muß fich befonders die graufige Pnuel-Gefchichte allerlei
Umdeutungen gefallen laffen: ,die Angft des Menfchen vor der Gottheit,
die ein religiöfes Urgefühl ift, kommt zwar wundervoll zum Ausdruck,
aber der Segensfpruch und das Aufatmen von Jakobs Seele läßt das
Geiftige, Sittliche gegenüber dem Naturhaften, Mythifchen im Wefen der
Gottheit in der Vordergrund treten' (S. 187); ich wüßte wirklich nicht,

worin fich hier das ,G eidliche und Sittliche' äußerte. Noch ftärker ift die
Umdeutung in der von Prockfch fehr willkürlich zufammengeftellten Rezen-
fion derfelben Gefchichte bei E: ,der in Aram zum halben Heiden gewordene
Jakob, dem jede fittliche Weihe fehlt', — allerdings noch mehr als die
.Weihe'! —, erfährt beim Eintritt in die LIeimat einen Umfchlag ange-
fichts Gottes, dem er fich in Angft unterwirft' (S. 362). Eigentümlich
ift, wie der Stil des Verfaffers, der fonft ganz natürlich fchreiben kann,
bei folchen Höhepunkten feiner Erklärung dunkel und fchwülftig wird:
,der Baum der Erkenntnis offenbart den Menfchen im Gewiffen das Ethos
der Religion, das nicht ungeftraft verletzt werden darf (S. 19). ,An Stelle
eines fittlichen Gottesgefühls wird ein naturhaftes, mythifches Gottesgefühl
in ihr (dem Weibe) wach. Ein folches mythifches Gottesgefühl
ift aber mit der Sinnlichkeit auf engfte verbunden, wie die Religionsgefchichte
lehrt; darin liegt der Zufammenhang mit der Sinnlichkeit, den
das folgende entfaltet' (S. 33). ,Die Ahnung das Gefchlechtslebens hat
das Weib im Moment des verbotenen Fruchtgenuffes empfangen mit der
Scham (3, 7). Da(l) ihr Gefühl nicht mehr rein ift, wird es in den
Schmerzen gerichtet' (S. 37); von diefer Begründung weiß der Text nichts.
,Der Menfch war unfchuldig im Unbewußtfein feiner felbft. Er fühlte die
Unfchuld, fo lange er fie nicht kannte, als er fie kannte, fühlte er fie
nicht mehr. Dies Unbewußtfein feiner felbft gehört zum Wefen der Sittlichkeit
. Die Schuld liegt im Verlangen nach göttlichem Bewußtfein, das
in der Erkenntnis von Gut und Böfe beftehen foll. Dies Verlangen der
Gottähnlichkeit ift aber finnlich, nicht fittlich. In dem mythifchen Gottesgefühl
erhofft er Auffchluß über die göttlichen Geheimniffe. Der Zufammenhang
zwifchen diefem Gefühl und Sinnlichkeit ift in dem Ertrag, der
fchalen Erkenntnis der Nacktheit, furchtbar wahr gefchildert. Das My-
thifch-Sinnliche fchwindet nun, das Bewußtfein von Gut und Böfe ift für
die Region des Menfchen das Gewiffen, das Gewiffen aber ift Zeichen
der Schuld, der Schuld folgt aber der Tod, dem nunmehr das ganze
Menfchengefchlecht anheimfällt'.

Wer folche und ähnliche Stellen lieft, die dem hifto-
rifch gerichteten Lefer mehr als ein nur äfthetifches Unbehagen
bereiten, wird allerdings Sellins Urteil Recht
geben müffen, daß hier Franz Delitzfch wieder aufgelebt
iftl Sicherlich liegt hier das Beftreben vor, in die Tiefen
der Religion einzudringen, zugleich aber — man erlaube
mir, deutfeh zu reden — eine falfch geleitete Pietät, die
nicht im Stande ift, die fchlichten Farben des Altertums
zu erkennen, und alles mit moderner unechter Gold-Imitation
übermalt. Die letzte Aufgabe des Erklärers alfo,
die wirkliche althebräifche Religion in ihrer Befonder-
heit zu erkennen und dabei von allem, was unferm Ge-
fchlecht fchön oder tief klingt, entfchloffen abzufehen:
diefe Aufgabe ift den modernen ,Pofitiven' einftweilen
noch unerreichbar. Sie find immer noch Delitzfch ähnlicher
als Wellhaufen, und ihre Wiffenfchaft bleibt auf
Zuwachs berechnet, fo reiche Gelehrfamkeit fie auch aufbieten
. Aber, nachdem fie fchon fo manches von ihren
Gegnern gelernt haben, warum foll nicht auch diefer Zuwachs
noch kommen?

Gießen. Hermann Gunkel.

Loisy, Alfred: L'tvangile selon Marc. (503 S.) kl. 8°.
Paris, E. Nourry 1912. fr. 5 —

Weinel, Prof. D. Dr. Heinr.: Jefus. (Die Klaffiker der
Religion. 1. Bd.) (V, XXVI u. 149 S.) Berlin-
Schöneberg, Proteftantifcher Schriftenvertrieb 1912.

M. 1.50; geb. M. 2 —

Gilbert, George Holley, Ph. D., D. D.: Jefus. (XII, 321 S.)
8°. New York, Macmillan Co. 1912. s. 6.6

Von den hier angezeigten drei Büchern über die
Evangelien oder das Evangelium ift das Werk von Loify
am wenigften für weitere Kreife beftimmt. Es ift ein
Kommentar zum Markus-Evangelium mit Überfetzung
und Einleitung. In diefer werden die z. T. fchon bekannten
kritifchen Anfchauungen des Verf. über die Ent-

[ ftehung der Evangelien fkizziert, im Kommentar wird
auf ihnen aufgebaut. In zahlreichen Punkten ftimme ich
mit der Kritik des Verfaffers überein, fo befonders in der
Skepfis gegenüber dem Zufammenhang des Evangeliums
mit Petrus. Und auch an Stellen, wo man Widerfpruch
erhebt, ift Loifys literarifche und hiftorifche Kritik höchft
intereffant; ihr energifches, fich kühn durch allerhand
Schwierigkeiten den Weg zu dem intuitiv erfaßten Ziele

! bahnendes Vorgehen könnte man oft mit Wellhaufens