Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1914 Nr. 1

Spalte:

521-522

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fulliquet, Georges

Titel/Untertitel:

Précis d‘histoire des Dogmes 1914

Rezensent:

Lobstein, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

521

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 17.

hat zu viel Züge mit der Pfingftgefchichte gemeinfam,
als daß an zufällige Übereinftimmung gedacht werden
könnte. Ich vermute fogar, daß der Pfmgfttermin nur
aus eben diefer Legende ftammt.

Der heutigen Pfingftbewegung gegenüber urteilt M.
gewiß richtig, daß fie mehr Schaden als Nutzen geftiftet
hat und mehr einen Rückfehritt als einen Fortfehritt im
religiöfen Leben bedeutet. Der relativen Achtung gegenüber
, womit Paulus und Lukas das urchriftliche Zungenreden
beurteilen, bemerkt er, daß Paulus nicht als moderner
Pfychologe fondern von feiner Geiftestheorie aus
urteilt und daß für jene Zeit paffend fein konnte, was
heute krankhaft erfcheinen muß.

Ich möchte doch noch etwas tiefer graben. Das
Zungenreden, namentlich das erfte, für die Gemeinde
felbft erfchütternd überrafchende, hängt doch zufammen
mit den Auferftehungsvifionen und den nachfolgenden
Jenfeits- und Zukunftsvifionen des Urchriftentums. Sie
find der gewaltige und gewaltfame Reflex, den die Er-
fcheinung der Perfon Jefu, fein Leben und fein Ende bei
den Menfchen, die mit ihm unmittelbar oder mittelbar
in Berührung kamen, ausgelöft haben. Hier ift ein innerfter
Lebensglaube aufgeweckt worden, der bei diefen Leuten
und in jener Zeit fleh notwendig in Ekftafen äußern
mußte. Nicht freilich diefe Erfcheinungen, aber das
darin wirkfame Lebensgefühl, das einer abfterbenden
Welt wieder aufgeholfen hat und von dem auch wir
noch leben, ift für uns ein wichtigftes Ereignis, deffen
fremdartigen Äußerungen wir darum auch ein mehr als
hiftorifches Intereffe entgegen bringen.

Zürich. Arnold Meyer.

Fulliquet, Prof. Dr. G.: Precis d'histoire des Dogmes.

(219 S.) kl.-8°. Geneve, Kündig— Paris, Fifchbacher
1913-

Nachdem der Vf. vor zwei Jahren den Entwurf einer
evangelifchen Glaubenslehre veröffentlicht hat (vgl. Th.
Lztg. 1913, Nr. 6), gibt er nun einen Grundriß der Dog-
mengefchichte heraus. Um diefer Schrift gerecht zu
werden, darf man nicht vergeffen, daß es fleh um einen
Leitfaden bandelt, der erft durch den mündlichen Vortrag
feinen eigentlichen Zweck erreichen kann. Aber
felbft: unter der Vorausfetzung einer fteten und eingehenden
Ergänzung, Erläuterung und Begründung ift diefe
Skizze der Dogmengefchichte eine recht dürftige. Anlage
und Durchführung des Grundriffes find nicht dazu
geeignet, dem Studenten, für den das Buch doch in
erfter Linie beftimmt ift, Anregungen zu felbftändiger
Arbeit zu geben. Nirgends wird der Verfuch gemacht,
den Lefer in die Quellen felbft einzuführen; die Literaturangaben
find fehr fpärlich, meiftens unmethodifch und
willkürlich. Mit den dreizehn Tabellen, auf denen die
Grundgedanken einzelner Lehren (7. 16. 18. 25. 41. 49.
6r. 101. 163. 177) oder Epochen (13. 90. 135) zur Darfteilung
kommen follen, ift kaum etwas anzufangen, da
die Überficht zwifchen dem hiftorifch-genetifchen und
dem logifch-dogmatifchen Schema unklar hin- und her-
fchwankt. Vor allem fehlt eine fefte und deutliche Auf-
faffung des zu behandelnden Gegenftandes, aus welcher
die Grenze zwifchen dem Dogma und der Gefamttheo-
logie erkennbar fein könnte. Welche Mängel diefe Prin-
ziplofigkeit nach fleh zieht, erhellt z. B. aus der Tatfache,
daß der Vf. das Tridentinum auf zwei Seiten erledigt,
während er dem Lebenswerk Franz v. Affifi's vier, der
Theofophie Swedenborgs fechs Seiten widmet. In dem
Aufbau des Ganzen (I. das griechifche Dogma 15—86,
II. die römifche Inftitution 87—149, III. die Reformation
151—206) ift Harnack's Einfluß unverkennbar; auch
Loofs und Seeberg find F. nicht unbekannt; es ift nur
fchade, daß er fie nicht gründlicher und umfaffender
verwertet. Ebenfo ift zu bedauern, daß alte längft überwundene
Vorurteile oder Irrtümer wieder aufleben. So
feiert die Legende von den Vorreformatoren eine künft-
liche Auferftehung: Claudius v. Turin, Arnold v. Buffin,
Petrus Valdo, Wiclef, Huß, Savonarola, Bradwardina,
Wefel und Weffel werden in der hier angegebenen bunten
! Reihenfolge kurz befprochen. Die angehängte Tafel, La
| protestation evangelique ä la fin du moyen-age,
wird durch ihre feltfame Zufammenftellung ficherlich
mehr verwirrend als fördernd und aufklärend wirken. —
Auf eine nähere Erörterung des Einzelnen einzugehen,
ift wohl zwecklos. Die Kapitel find lofe aneinandergereiht
, fo daß man zu einem Verftändnis der inneren Zu-
fammenhänge nicht weiter angeleitet wird. Daß es dem
Vf. zuweilen gelingt, einzelne glückliche Formeln zu
prägen, foll nicht in Abrede geftellt werden; doch hat
er fleh im Ganzen feine Arbeit viel zu leicht gemacht.
Stellt er fleh zur Aufgabe, bei der regelmäßigen Wiederaufnahme
feiner Vorlefungen, zunächft in feinen mündlichen
Ausführungen, die Lücken auszufüllen, die Verbindungslinien
herzuftellen, die Ungenauigkeiten zu korrigieren
, mit einem Wort feinen Grundriß umzugeftalten,
fo fleht zu hoffen, daß fleh vielleicht als Frucht einer
häufig vorgenommenen Revifion im Laufe der Jahre ein
den berechtigten Forderungen der ftudierenden Jugend
entfprechendes Kompendium ergeben wird.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Hörle, Dr. Geo. Heinr.: Frühmittelalterliche Mönchs- u. Klerikerbildung
in Italien. GeiftlicheBildungsidealeu.Bildungs-
einrichtgn. vom 6. bis zum 9. Jahrb.. (Freiburger theologifche
Studien. 13. Heft.) (XII, 87 S.) gr. 8°. Freiburg
i. B., Herder 1914. M. 2 —

Das vorliegende Buch behandelt die Gefchichte der
frühmittelalterlichen Mönchs- und Klerikerbildung in Italien
vom 6. bis zum 9. Jahrhundert. Es ift dies ein Abfchnitt
der italienifchen Gefchichte, über den wir nur ein dürftiges
Quellenmaterial befitzen, fo daß fleh kein abgerundetes
Bild zeichnen läßt, fondern vielfach nur Richtlinien gezogen
werden können, nach denen fleh die Mönchs- und Klerikerbildung
in diefer Zeit bewegt hat. Hörle hat mit
Gefchick und Scharffinn den vereinzelten Notizen alles
abgewonnen, was ihnen mit der Hilfe von zum Teil hypo-
thetifchen Deutungen abzugewinnen war. Er geht von
Caffiodors Bildungsideal aus, das auf den Gedanken Au-
guftins ruht. Das Studium der artes liberales wollte er
in den Dienft der Theologie d. h. der Exegefe der heiligen
Schrift ftellen, und diefes Ideal hatte er in feinem
Klofter Vivarium zu verwirklichen verfucht. Seine Geiftes-
arbeit ging aber zunächft für Italien verloren, erlangte aber
für die aufblühende Geifteskultur nördlich der Alpen ent-
fcheidende Bedeutung. Erft im karolingifchen Zeitalter
im 9. Jahrhundert, alfo nach 3. Jahrhunderten, kommt dies
Bildungsideal auf weitem Umwege nach Italien zurück. In
der Zwifchenzeit vom 6. bis 9. Jahrhundert laffen fleh aber
in Italien die beiden großen Bildungskreife, der römifche
und der norditalifch-langobardifche, deutlich getrennt von
einander unterfcheiden. In den Langobardenkriegen war
die Bibliothek Caffiodors in Vivarium vermutlich zwifchen
600—612 nach dem Norden gebracht und, foweit fie nicht
verloren ging, nach Bobbio und Verona verteilt. In Rom
trat an die Stelle der weltlichen Gewalt die geiftliche des
Papfttums, und Papft Gregor der Große entwickelte ein
Bildungsideal, das fleh lediglich auf das Studium der
Väter und die heilige Schrift befchränken und die profane
Bildung durch eine rein geiftliche erfetzen follte. Zur
Verwirklichung diefer feiner Beftrebungen fchuf er die
schola cantorum, in der die Päpfte der Folgezeit zum
großen Teil ihre Ausbildung genoffen haben. In den
Gebieten jedoch, die unter langobardifcher Herrfchaft
ftanden, erhielt fleh im Gegenfatz zu Rom die alte
römifche Grammatikerbildung und verband fleh mit der

**