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Ausgabe:

1914 Nr. 16

Spalte:

492-493

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Goldfriedrich, Johann

Titel/Untertitel:

Ritter Grünembergs Pilgerfahrt ins Heilige Land 1486 1914

Rezensent:

Keller, Siegmund

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 16.

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nung von Rom, ja von dem feit dem 6. Juli 1439 geeinten
Rom und Byzanz nicht ausgeftorben war. Sie be-
ftanden mit einer Art von Hartnäckigkeit auf ihrem
Scheine, ohne zu fehen oder vielleicht ohne fehen zu
wollen, daß täglich die allgemeine Lage zu ihren Un-
gunften fich verschlechterte, ihrem Ringen wider Eugen IV.
und um die ausfchlaggebenden ftaatlichen Mächte fchließ-
lich nur der Mißerfolg befchieden fein konnte. Man weiß,
über ein Jahrzehnt hat diefer Kampf gewährt, nur daß
feine Beurteilung faft zu feiten dem Idealismus der Ver-
fammlung gerecht wird, der fie zum Ausharren anhielt,
ohne daß ihr Mut des Widerfpruchs gegen Rom, ihr
immer mehr wie Trotz anmutendes Beharren auf einem
verlorenen Poften vom Glück belohnt wurden, ohne daß
fie je einen anderen Platz erhielt als den am kürzeren
Arme des Hebels; den oft wiederholten Vergleich des Bafler
Konzils seit 1439 bzw. feit 1448 als dem Jahre feiner fjber-
fiedelung nach Laufanne — hier weilte feit 1442 fein Papft
— mit der Frankfurter Nationalverfammlung vom Jahre
1848 und ihrer Fortfetzung in Stuttgart möchten wir freilich
uns nicht zu eigen machen. In die Frühzeit des Kampfes
zwifchen Felix V. und Eugen IV., Bafel und Rom führt
das Manuale der Notare ein. Es offenbart die Vielge-
fchäftigkeit des Konzils, das Steine zu einem unmöglichen
Bau zufammentrug und fie nicht mit der Kraft des Zu-
fammenhalts zu erfüllen vermochte. SeineNotateerfcheinen
gefchäftsmäßig, nüchtern, trocken —, der Schein aber trügt,
da alle Aufzeichnungen zufammen für den eifrigen Lefer
fich mehr und mehr mit Leben füllen, da fie eben mitten aus
dem Leben heraus geboren find, Überrefte alfo jener bewegten
Tage in fich verkörpern. Ihrem forgfältigen Abdruck
hat der Herausgeber eine eingehende Einleitung vorauf-
gefchickt, die in ihrer Anlage an das Mufter der Einleitungen
zu den Bänden der Deutfchen Reichstagsakten
erinnert. Sie verbreitet fich über die handfchriftliche
Grundlage der Edition, über die Einrichtung der Protokolle
, befpricht einige Fragen, die fich aus dem Inhalt I
des Bandes ergeben — wir deuteten fie oben an — und
wertet fchließlich das Verhältnis der leider fo abfchreckend j
fchlecht veröffentlichten Chronik des Segovia zu den
Protokollen Hüglins. Es fei unterlaffen, an diefer Stelle j
allgemeine Erörterungen darüber anzuftellen, ob Einleitungen
diefer Art für Ausgaben fich empfehlen oder I
nicht; es mag nur betont werden, daß Herres Ausführungen
, bei Rückficht felbft auf den führenden Titel des
Gefamtunternehmens (,Studien und Quellen' ufw.), unfere
Bedenken nicht ganz zerftreut haben, die im Hinblick |
auch auf die parallelen Einleitungen der,Deutfchen Reichstagsakten
' uns erfüllen. Wir begreifen fie fehr wohl als
den Niederfchlag von Empfindungen, die bei jedem
Herausgeber hiftorifcher Überlieferungen gleichkam von
felbft fich einfinden, als Belege und Zeugniffe feiner
Kenntnis des Materials, deffen Zurüftung für Benutzer
allein recht große Entfagung von ihm fordert, und fürchten
zu gleicher Zeit, daß gerade fie den Kreis derer verringern
, die an fich willens fein möchten, die Edition
felbfttätig auszufchöpfen. Von diefen Erwägungen aus
könnte man zu einem Verdikt der Abfchnitte über den
Inhalt des Bandes und die Chronik Segovias (S. XX ff.,
LVff.) gelangen, brächten fie nicht wiederum derartig
wertvolle Fingerzeige, daß nur eben Herre fie liefern
konnte, wären fie nicht begleitet von den Abfchnitten
über die handfchriftliche Überlieferung und über die Einrichtung
der Protokolle (S. IX ff, XVI ff), die auf Schritt
und Tritt verraten, welche Aufmerkfamkeit und Sorgfalt
Herre feiner Vorlage angedeihen ließ und zu widmen
nur er imftande war. Wie dem immer fei, Herres Arbeit
erfchöpft fich nicht in der Einleitung, die ja auch
den Inhalt des Bandes nicht zu einem Nolimetangere für
andere Forfcher gemacht hat, und neben ihr foll nicht
vergeffen fein, welche Mühe auf die Drucklegung der
Protokolle und die Anfertigung des umfangreichen Re-
gifters verwandt wurde. So ift der fiebente Band der

ganzen Sammlung nicht weniger gelungen als feine Vorläufer
, die feit dem Jahre 1896 J. Haller veröffentlichte,
ein würdiges Glied der ftattlichen Reihe, von der fchon
soviel Anregung zu monographifcher Behandlung einzelner,
mit dem Bafler Konzil zufammenhängender Fragen ausging
. Die Zahl folcher Studien mag in letzter Zeit etwas
rafch fich vermehrt haben, jedenfalls find fie insgefamt
Vorarbeiten zu einer umfaffenden Gefchichte der dritten
und bewegteften Kirchenverfammlung des 15. Jahrhunderts,
die alle kirchlichen und ftaatlichen Beftrebungen ihrer
Zeit auf fich einwirken fah: von ihr führten nach einem Worte
von J. Haller die Wege der gefchichtlichen Entwicklung
geradeaus nach Wittenberg und Worms (vgl. feinen
Äuffatz über die Kirchenreform auf dem Konzil zu
Bafel: Korrefpondenzblatt des Gefamtvereins der deutfchen
Gefchichts- und Altertumsvereine 1910, S. 9 ff 26).
Es erfreut, darauf verweifen zu können, daß die allgemeinen
Richtlinien der Gefchichte des Konzils jüngft zur
Anfchauung gebracht wurden (vgl. H. Hermelink bei
G. Krüger u. a., Handbuch der Kirchengefchichte für
Studierende II, Tübingen 1912, S. 222 ff), neben diefem
Abriß aber, den J. Haller durch feine Bemerkungen
förderte, wird dereinft ein eingehendes Bild der Ver-
fammlung willkommen fein, möglich freilich erft dann,
fobald die Sammlung des Concilium Basiiiense vollftändig
vorliegt und nach allen Seiten hin ausgebeutet ift.

Halle a. S. A. Werminghoff.

Ritter Grünembergs Pilgerfahrt ins Heilige Land 1486. Hrsg.
u. überf. v. Johann Goldfriedrich u. Walter Fränzel.
Mit 24 Nachbildgn. der Handzeichngn. Grünembergs.
(Voigtländers Quellenbücher Bd. 18.) (140 S.) kl. 8°.
Leipzig, R. Voigtländer (1912). Kart. M. 1.20

Unter den vielen verdienftlichen Editionen in Voigt -
! länders Quellenbüchern begrüßen wir die vorliegende mit
i befonderer Freude. Damals allerdings, als Ritter Grünem-
j berg fein Fahrt unternahm, war das literarifche Intereffe
an folchen Expeditionen bedeutend größer als heutigen-
j tags; in eben diefen Jahren ift z. B. des Nürnberger
Patriziers Hans Tucher Fahrt ins gelobte Land in Augsberg
, Nürnberg und Straßburg faft gleichzeitig im Druck
erfchienen, was in der Inkunabelzeit fchon etwas heißen
will. Von Grünemberg find zwei Handfchriften bekannt
j geworden: eine in Gotha, eine andere in Karlsruhe, von
! denen die erftere den Herausgebern als unmittelbare Vorlage
gedient hat. Nur hätte m. E. der Originaltext etwas
größere Schonung verdient.

Geändert, fagt Fränzel, ift ,alles wirklich Unverftändliche; Wörter
wie gluffen — Nadeln' ufw. Warum ift die .Erklärung' nicht einfach als
Anmerkung beigefetzt? Mancher fchwäbifche Lefer freute fich, das ihm
wohl bekannte ,Gluft hier wiederzufinden, wüßte auch fofort, daß es nicht
Nadel fchlechtweg bedeutet, fondern ftets Stecknadel (f. Fifchers
fchwiib. Wörterbuch!). So aber ift zu fürchten, daß noch manch andere
Verbefferungen zweifelhafter Art mit unterlaufen find.

Zu bedauern ift auch, wenn auch vom Koftenpunkte
aus verftändlich, daß die noch heute in frifchen Farben
ftrahlenden Bilder ohne Kolorit wiedergegeben find. Über
Gr.'s Quellen fprechen fich die Verf. nicht weiter aus. Es
Rheinen in Venedig damals bereits offizielle Reifeführer
kurfiert zu haben, z. B. der noch vielfach, zuletzt 1585,
aufgelegte, reich illuftrierte ,Viaggio da Veneria al santo
sepolchro', von dem die Kgl. Bibliothek in Berlin noch ein
Exemplar mit den eigenhändigen Eintragungen der Reiferoute
eines deutfchen Pilgers von 1585 befitzt. Es zeigt
u. a. genau dasfelbe Bild von Rhodos, das auch Gr. gezeichnet
hat, ebenfo find im Texte unverkennbar verwandt-
fchaftliche Partien. Aber nicht diefe anderwärts bezogenen
gelehrten Einftreuungen find es, die unfer Intereffe für
Gr. ftets wachhalten, auch nicht die peinliche Aufzählung
aller erdenklichen heiligen Erinnerungsftätten famt Ablaß,
vielmehr die überaus anfchaulicheSchilderung derGefell-
fchaftsreife alten Stiles, die nicht allein der Stadt und