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Ausgabe:

1914 Nr. 16

Spalte:

486-487

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hensler, Josef

Titel/Untertitel:

Das Vaterunser. Text und literarkritische Untersuchungen 1914

Rezensent:

Pott, August

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4§5

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 16.

486

Faches der Ntlichen Einleitung. Feine hat eine kurze,
gefchickte Darfteliung der Probleme gegeben, die die
Literarkritik des NT. ftellt, und der Löfungen, die fich
ihm als die richtigen ergeben haben, wobei er natürlich
auch andre mögliche Löfungen mit berückfichtigt. Seine
reichen Literaturangaben weifen dem Benutzer den Weg
zu weiterer Vertiefung.

Den bei weitem überragenden Hauptteil der Darfteilung
, S. 9—195, beanfprucht die befondere Einleitung.

Die Kanonsgefchichte, S. 196—204, und die Textkritik, S. 205—2ti,
nehmen fich ihr gegenüber nur als kurze Anhänge aus. Ich bedauere
diefe Kürze in der Darfteilung der Textkritik nicht gerade fehr, möchte
indelTen für die Kanonsgefchichte dem Verf. den Wunfeh ausfprechen,
er möge feine knappen Ausführungen über den grade für den Studenten
fo wichtigen und feffelnden Gegenftand erweitern.

F.s Ausführungen über die Entftehung der Ntlichen
Schriften bewegen fich, um zunächft ein zufammenfaffen-
des Urteil über das Ganze zu geben, auf einer guten
mittleren Linie der Kritik. Wenn man feine Ergebniffe
mit den Ergebniffen etwa vergleicht, die Jülichers Einleitung
bietet, fo find die Hauptunterfchiede, die diefe
beiden Darftellungen aufweifen, in der Beurteilung der
beiden Lukasfchriften und der johanneifchen Schriften zu
finden.

F. beginnt, wie von vornherein zu erwarten ift, mit
der Behandlung der Paulusbriefe (S. 9—77). Deißmanns
Beurteilung diefer Schreiben als kunftlofer und unlitera-
rifcher Gelegenheitsfchriftftücke fchränkt er ftark ein; ich
kann ihm dabei nur zuftimmen.

Als echt fieht er die Gemeindebriefe und den Philemonbrief an.
Doch verfchweigt er nicht die liedenken, die gegen die Echtheit von
Eph., auch von Kol. und II Theff. erhoben werden können. Den Teilungs-
verfuchen fleht er im Ganzen abweifend gegenüber. Nur die Loslöfung
von Rom. 16 (ephefinifche Adrelfe) hält er für wahrfcheinlich. In der
Reihenfolge der Briefe weicht er an einer Stelle ftark von der herrfchen-
den Meinung ab, indem er Phil, zwifchen I und II Kor. fetzt, ihn aus
Ephefus gefchrieben fein läßt, und zwar noch vor dem Demetriusauf-
ftande (Albertz 1910 in den ThStKr; Lisco, Deißmann und, mit Vorficht,
Dibelius). Eph., Philemon datiert F. aus der Gefangenfchaft in Cäfarea.
— In den Paft. findet er echtes paulinifches Gut, das hauptfächlieh die
perfönlichen und hiftorifchen Angaben umfaßt, von fpäterer Hand im
letzten Viertel des 1. Jhrh. überarbeitet.

Hebr. läßt F. von einem alexandrinifch gebildeten Chriften an eine
Hausgemeinde in Rom, Chriften fchlechthin, ohne Unterfchied der Nationalität
, vor 96 (I Clem.j gerichtet fein.

In der Behandlung der nichtjohanneifchen katho-
lifchen Briefe (S. 87—108) ift F. ziemlich kritifch: Wohl
mag in Jak. eine vorpaulinifche Schicht, Anfprachen des
Herrenbruders, die urfprünglich aramäifch waren, vorhanden
fein. Aber I Petr. ift nachpaulinifch, von Silvanus
vielleicht in der letzten Zeit vor 64 gefchrieben, Jud.
flammt aus nachapoftolifcher Zeit, und II Petr. ift ein
Pfeudepigraphon des 2. Jhrh.

Sehr gefchickt ift weiter die Behandlung der Synoptiker
. F. legt das Problem und feine Löfungsverfuche dar,
trägt die Zweiquellenhypothefe vor, datiert Mt, bei dem
der Name von dem Verf. der Redequelle herftammt, aus
der Zeit nach 70, fetzt Mk. um 70, Luk., vom Paulusbegleiter
gefchrieben, nach 70 an. — Die Apoftelgefchichte,
das zweite Werk des Lukas, ift auf Grund von fchriftlichen
Quellen verfaßt, deren wichtigfte das Reifetagebuch des
Lukas felber ift. Ihre Abfaffungszeit mag um 90 fallen.

Die johanneifchen Schriften behandelt F. in einem
eigenen Abfchnitte, ficher eine durchaus zu billigende
Zufammenfaffung.

Die Reihe beginnt mit der Apok.; dies Buch hat der
Zebedäusfohn Johannes in den letzten Jahren Domitians
gefchrieben; diefe Anfchauung trägt F. freilich fehr vor-
fichtig vor. Von dem gleichen Manne, dem Apoftel Johannes
, flammen auch die drei Briefe und das 4. Ev. Und
hier beim Ev. wird die johanneifche Frage erwogen, mit
dem Ergebnis, daß der Zebedäusfohn und Ürapoftel
Johannes Verfaffer des Ev. fei. —

Den Unterfchied zwifchen dem 4. Ev. und den drei erften betont F.
ftark, doch fieht er die Theologia Christi fchon in der fynoptifchen Überlieferung
deutlich herausgearbeitet, während bei Joh. die Glaubens- und
Heilserfahrungen der alten Gemeinde in die Darfteliung des Lebens Jefu

bereits mit einbezogen feien, — zwei Urteile, gegen die fchließlich in
diefer vorfichtigen Faltung nichts gefagt werden kann, — nur muß das
zweite Urteil, wenn fchon befchränkt, auch auf die Syn. ausgedehnt
werden. Und kann man wirklich fagen, daß der Jefus der johanneifchen
Gefchichtserzählung eine menfehliche Perfönlichkeit fei, deren alles überragende
Größe in der Einheit mit Gott und der Ausrüftung zur Vollführung
des Willens Gottes auf Erden beftehe (S. 188)? Ift nicht das
Thomaswort: .mein Herr und mein Gott1 das Leitwort des ganzen Evangeliums
?

Wenn ich noch ein paar Einzelheiten hervorheben
foll, zu denen ich mir bei der Durcharbeitung des Buches
Fragezeichen gefetzt habe, fo weife ich auf folgendes hin:

Sehr aufgefallen ift mir das große Zutrauen, das F., altliberaler
Überlieferung folgend, zur Urfprünglichkeit der Mk.-reihenfolge hat (S. 129).
S. 145 wird die Kritik beanftandet, die mit andern als gefchichtlicheu
Gründen die Legendenhaftigkeit von Stücken der Apgfch. wie 1,9fr.;
5, iff.; 9; i2,6fT.; 16,25fr. beanftandet; aber wie fleht es mit Stellen,
die in diefer Reihe nicht aufgezählt find: 5, 15f.; 19, uff.? Und ift es
ein ,hiftorifcher Grund', wenn F. fortfahrt: ,Denn diefe Stoffe flehen und
fallen mit einem großen Teil der Uberlieferung auch der Evangelien,
welche als legendenhaft anzuerkennen wir nicht bereit find'. S. 155
drückt fich F. über den profetifchen Charakter der Apok. in einer Weife
aus, der ich nicht zu folgen vermag. Und darf man wirklich fagen, daß
es zum Wefen chriftlichen Glaubens gehöre: ,dem Ende geht eine Empörung
der gottfeindlichen Mächte und eine Zeit der Drangfal, Verfolgung
und Trübfal voraus'. Zu F. Ausführungen, die das 4. Ev. behandeln,
können felbftverftändlich viele Einwände erhoben werden, aber das hieße
natürlich, die johanneifche Frage befprechen. S. 185 teilt F. mit, Benndorf
habe ihm f. Z. erklärt, auf Grund der ephefinifchen Ausgrabungen
erfcheine es ausgefchloffen, zwei ephefinifche Johannes anzunehmen: es
wäre fehr wiffenswert, wenn F. noch genauer mitteilen könnte, womit B.
feine merkwürdige Meinung begründet hat.

Nachtrag. Die Befprechung ift gefchrieben, ehe in der ThR die
Nachweife BultmaDns über F.s Abhängigkeit von Jülicher und F.s Erwiderung
erfchieuen. Ich habe an der Befprechung nichts geändert, auch
der oben gebrachte Vergleich von F.s Buch mit Jülichers Einleitung hatte
fich mir von felber aufgedrängt. Zur Sache felber ift wenig mehr zu
fagen. Daß die modern-pofitive Theologie, foweit fie hiftorifch-kritifch
arbeitet, nur eine Spielart der kritifchen Theologie ift, von der fie Probleme
, Methode und Löfungen hat, weiß jeder Kundige, und das läßt fich
auch noch an andern Büchern als an F.s Einleitung oder feiner Ntlichen
Theologie zeigen. Die wörtliche Anlehnung F.s war durch das Kollegheft
vermittelt, was auch von vornherein zu vermuten war. Leider hat
nun F. felber (Einleitung S. 7) Jülichers Buch von oben herab als .gefällig
, faft feuilletoniftifch gefchrieben' gekennzeichnet, während er durch
fein tatfächliches Verhalten, auch durch feine Erklärung (ThR. 1914, S.
122), er habe nur eine Einführung in" die Einleitungen von B. Weiß, Holtz-
mann, Jülicher ufw. fchreiben wollen, die große Überlegenheit von Jülichers
Leiftung anerkennt.

Bonn. Rudolf Knopf.

Hensler, Dr. Jofef: Das Vaterunler. Text- u. literarkri-
tifche Unterfuchgn. (Neuteftamentliche Abhandlungen
IV. Bd, 5. Heft.) (XII, 96 S.) gr. 8°. Münfter i. W.,
Afchendorff 1914. M. 2.80

Die Arbeit, eine Differtation an der katholifchen
Fakultät Straßburg, führt trefflich in den gegenwärtigen
Stand des Problems ein; erfreut felbft im textkritifchen
Teil durch klaren Stil und gibt patriftifch.es Material in
bisher kaum gebotener Fülle. Neues darf man nicht erwarten
. Die beiden Fragen: ift das V.-U. in der üblichen
Form textkritifch urfprünglich und ift es original, werden
natürlich bejaht. Einzelne altfyr. Lesarten fehlen (Mt. 6,10;
Lc. 11,3; ,und' vor der 2. 3. 4. Bitte.) Dem Verf. ift die
Geiftesbitte nicht urfprünglich in Lc; Marcion las fie als
Randnotiz zu xa&mq xai icoavvrjg söiöagev und Hellte fie
als willkommenen Erfatz für die erfte Bitte ein. Daß fie
im Johanneskreis üblich gewefen, verfucht aber Verf. gar-
nicht zu beweifen trotz Erwähnung von act. 19,2. Gregor
von Nyfia habe die Geiftesbitte als Beleg für das Trini-
tätsdogma angenommen (warum ift fie dann nicht in vg
gekommen, wie 1. Joh. 5, 7?). Weiterhin wird der vor-
kanonifche Lucastext nicht mehr erwähnt. ,Literarkritifch'
ift im 2. Teil nur der erfte Abfchnitt, welcher Mt. und
Lc. vergleicht (Mt. im Wortlaut, Lc. im Anlaß original)
und ntliche Parallelen zu den einzelnen Bitten fucht Der
2. und 3. findet gefchichtskritifch vereinzelte Spuren in
der altchriftlichen und jüdifchen Literatur. Das Ergebnis
ift: die kurze Gebetsanrede (Lc. xazeQ) findet fich fonft