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Ausgabe:

1914 Nr. 15

Spalte:

466-467

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lehmann, Edvard

Titel/Untertitel:

Sören Kierkegaard 1914

Rezensent:

Hoffmann, Raoul

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 15.

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Gojim' nicht hineingehen könnten (S. 335). Auffallend für die durch
ihren Reichtum von jeher bekannte Stadt find die Eingaben des P.-M.s
an den Rat um läefferftellung der luth. Pfarrer. Noch 1803 begegnet
uns eine folche Klage, die iu den Sätzen gipfelt: ,der Ausländer, welcher
mit dem Namen eines Frankfurter lutherifchen Prediger (sie!) einen
glücklichen Mann zu bezeichnen pflegt, follte wohl kaum feinen Augen
trauen, wenn er deffen Schickfal in der Nähe zu betrachten Gelegenheit
fände. Ift gleich unfer Mangel noch nicht allgemein fichtbar, und erhält
Schaam und Hoffnung noch einen Schein von Wohlftand unter uns, fo
kann es doch nicht lange mehr verborgen bleiben, wie unglücklich, vorzüglich
die jüngern find' (S. 37).

Dem wertvollen Buche ift eine recht fleißige Benutzung
zu wünfehen.

2. Dechent, der bereits eine Reihe von Auffätzen
aus der kirchlichen Vergangenheit Frankfurts teils mehr
wiffenfehaftlicher, teils volkstümlicher und erbaulicher
Art veröffentlicht hat, verflicht in feinem Buche, einen
Gefamtaufriß der Frankfurter Kirchengefchichte feit der
Reformation zu geben, und zwar in dem bis jetzt vorliegenden
erften Bande bis zum Vorabend des dreißigjährigen
Krieges. Für das Mittelalter befchränkt er fleh
in Ermangelung von Vorarbeiten auf einen kurzen Abriß,
um die Verhältniffe der Reformationszeit wenigftens ver-
ftändlich zu machen. Um in feiner Darftellung ent-
fchwundene Verhältniffe und Perfonen für den Lefer
wiederzubeleben, bietet er viel Milieufchilderungen, eingehende
Charakterbilder und eigenartige Einzelzüge.
Mehr Wert als auf die dogmatifchen Streitigkeiten und
die Verfaffungsfragen legt er auf die Entwicklung des
religiös-fittlichen Lebens, und deshalb zieht er auch die
Kultur-, Kunft- und Literaturgefchichte in feine Darfteilung
herein. Die Gliederung des Stoffes ift durch den Gang
der Dinge felbft gegeben, und die Ausführung gewährt
im Wefentlichen einen richtigen Blick auf den Verlauf
der Frankfurter Reformation, doch find die für das volle
Verftändnis und eine zutreffende Beurteilung der Frankfurter
Reformationsgefchichte wichtigften Punkte — nämlich
die Kirchenpolitik des Rates und der dogmatifche
Charakter der Frankfurter Reformation vor der Entftehung
der Fremdengemeinden — nicht mit der wünfehenswerten
Beftimmtheit herausgearbeitet. Weder die Abendmahlsordnung
der Prädikanten von 1530 (S. 130), noch die
Frankfurter Concordia von 1542 (S. 158) darf als ,in der
Hauptfache' lutherifch angefprochen werden; es handelt
fleh in Wirklichkeit um einen Unionstypus, bei dem neben
dem Geifte Luthers auch die Schweizer und dann die
Straßburger Einflüffe bei näherer Prüfung ganz unverkennbar
find. Die Bemühungen Geltners, das reine Luthertum
zur Geltung zu bringen, fanden in Frankfurt keinen
Anklang. Erft als die beiden Zwinglianer Ambach und
Lullius .baufällig' geworden waren, hat es Beyer als
Frankfurter Bürgerfohn durch die Stürme des Interims
und gegen die Wallonen und Niederländer zum Siege
geführt. Die Erklärung, welche Poullain für die aus
England vertriebenen Wallonen dem Rat abgab, daß
,wir euerer Religion find', ift durchaus bona fide gegeben,
fie bezieht fich auch nicht nur auf den .Gegenfalz gegen
die römifche Konfeffion' (S. 204), fondern auf den Geift
Bucers, der bis dahin in den offiziellen Verlautbarungen
Frankfurts ebenfo wirkfam gewefen war wie bei den
Wallonen. Die Behauptung, daß Poullain bei Betreibung
der Aufnahme feiner Exulanten .vielleicht etwas zu di-
plomatifch vorging' (S. 203), follte heute nicht mehr auf-
geftellt werden. Die Vertriebenen hätten fich, nachdem
fie einmal bis an den Niederrhein gekommen waren, an
manchem andern Orte niederlaffen können. Auf Frankfurt
waren fie in Köln durch den Patrizier Claus Bromm
aufmerkfam gemacht worden, der fich offenbar von dem
Zuzug der Fremden einen Autfchwung feiner Vaterftadt
und ihrer Induftrie verfprach. Der Hiftoriker muß fich
bei der Feftftellung des Frankfurter Bekenntnisftandes
zu jener Zeit vor dem fchon von Steitz gerügten Fehler
der Früheren hüten, die den Konfeffionsftand,, welchen
fie fpäter vorfanden, unbedenklich bis in den Anfang der
Reformation zurückdatierten. Poullain, der 1554 nach

Frankfurt kam, ift übrigens von feinem Amte dafelbft
natürlich nicht 1553 (S. 214) zurückgetreten, fondern 1556.

3- Der Dechentfche Vortrag, der nicht nur auf der
Gießener theol. Konferenz, fondern auch in der hiftor.
Sektion des freien deutfehen Hochftifts in Frankfurt
gehalten wurde, ift ein Nachweis der Literatur, welche
dem Verfaffer für feine Frankf. K.-Gefch. vorlag. Als
terminus a quo der Berichterftattung hat Dechent das
Todesjahr des um die Frankfurter Kirchengefchicht-
fchreibung verdienten Seniors Dr. Steitz gewählt (1879),
in dem er die damals vorliegende Literatur regiftrierte.

Entgangen ift ihm — abgefehen von der Angabe des jetzigen
Verlags des Endersfchen Briefwechfels Luthers (Verein für Ref.-Gefch.)

— daß die Boglerfche Arbeit über Hartmut von Crouberg auffallender
Weife die Steitzfche Datierung der Ibachfchen Predigten nicht berück-
fichtigt. Ob man wirklich fagen darf, daß Cochläus uns feit dem Buche
Spahns in einem günftigeren Lichte erfcheint, ift doch recht zweifelhaft.
Ich mache darauf aufmerkfam, daß — was m. W. noch nicht beachtet
worden ift, obwohl das Tatfachenmaterial dafür auch bei Spahn vorliegt,

— die Schwenkung des Cochläus vom lutherfreuncflichen Humaniften
zum eifrigen Parteiführer des Papftes genau von dem Zeitpunkte herrührt,
als ihm bei Einrichtung der Frankfurter Gelehrtenfchule trotz feiner Bemühungen
der der Reformation zuneigende Wilhelm Nefen vorgezogen
worden war. Von den Gelegenheitsfchriften, die über die Gefchichte
der reformierten Gemeinden vorliegen, hätten einzelne doch wohl be-
fondere Erwähnung verdient, da fie ein Aktenmaterial verarbeiten, das
fonft noch nicht verwertet ift. Dr. Beflers ,Gefchichte der Frankfurter
Flüchtliugsgcmeinden 1554—1558'ift nicht auf Grund ,der'Akten (S. 19)
gefchrieben, fondern hat nur das Material des flädtifchen Archivs benutzt
, außer dem aber auch die Beftände der reformierten Gemeindearchive
in Betracht kommen. — Sehr wünfehenswert wäre übrigens eine
kritifche Ausgabe von Ritters Evang. Denkmal, das eine wertvolle, aber
feiten gewordene Quellenfchrift für die Frankfurter K.-Gefch. bildet,
und von dem überdies der zweite Teil überhaupt nur handfehriftlich
exiftiert.

Donauefchingen. K. Bauer.

Lehmann, Prof. D. Dr. Edvard: Sören Kierkegaard. (Die
Klaffiker der Religion. 8. u. 9. Bd.) (295 S.) 8°. Berlin
-Schöneberg, Proteftantifcher Schriftenvertrieb 1913.

M. 3 —; geb. M. 3.50

Im vorliegenden Band der .Klaffiker der Religion'
gibt Prof. Edv. Lehmann Fragmente aus S. K.s Werken
heraus, welche bezwecken, die Grundgedanken und -Tendenzen
des dänifchen Denkers in ihrer organifchen Verbindung
, das Woher und Wohinaus feiner Entwicklung
zu zeigen. Er läßt in dem Buche K. felbft reden. Doch
es verfteht fich von felbft, daß die Art, wie er die Auswahl
traf, von der fubjektiven Auffaffung abhängt, die
er fich von S. K.s Philofophie gebildet hat. Andere haben
fie anders zu verftehen geglaubt. Und die Differenzen
find fo große, daß wir nicht erwarten können, und der
.Herausgeber' am allerwenigften, daß mit der vorliegenden
Sammlung von Auszügen jedermann zufrieden fein
wird. Was uns perfönlich angeht, fo find wir freudig
mit ihr einverftanden. Und wenn uns hie und da etwas
zu fehlen fcheint, fo wiffen wir gar wohl, daß es eben
nicht anders ging. Die Befchränkung war hier ein heikles
Problem. Freuen wir uns, daß dies Problem fo glücklich
gelöft wurde.

Die Fragmente find in fünf Abfchnitte gruppiert,
welche fich übereinander aufbauen: zu allerunterft des
Vaters geheimnisvolle Schwermut, zu oberft, als Krone,
des Sohnes teuererkaufter chriftlicher Glaube, mit feiner
Milde und feinem Gottvertrauen; dazwifchen ein Men-
fchenleben reich an inneren Schmerzen und inneren Taten.

Der erfte Abfchnitt, .Erlebtes in Stimmung und Dichtung
' überfchrieben, ift das perfönliche Erleben der
Schuld, und was alles damit zufammenhängt. Dies Erleben
ift ja als der Ausgangspunkt für K.s religiöfe Entwicklung
anzufehen. Die .Stadien auf dem Lebensweg'
geben, obgleich dichterifch umfehrieben, die wichtigften
Daten dazu.

.Entweder-Oder' und das eben genannte Buch liefern
im 2. Abfchnitt das Material zur Charakterifierung des
äfthetifchen .Stadiums', der äfthetifchen Lebensauffaffung