Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1914 Nr. 14

Spalte:

438-442

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlunk, Martin

Titel/Untertitel:

Das Schulwesen in deutschen Schutzgebieten 1914

Rezensent:

Mirbt, Carl

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

437

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 14.

438

Für feine Refultate fpielen die ,mit der Tatfache des |
geheimen Erkennens gegebenen Tatfachen' eine gewiffe
nicht unbedeutfame Rolle (S. 112, vgl. auch auf S. 139
die .geheimwiffenfchaftliche Kenntnis'). Und auf die Frage,
ob Jefus wohl Vegetarier war, haben wir — obwohl er fich
in den Evangelien kein einziges Mal mit deutlichen Worten
im vegetarischen Sinne ausfpricht (S. 184) — doch den
Anhalt zu einer bejahenden Antwort außer an dem ,Ge-
famteindruck, den das NT. vermittelt', auch an den Ge-
fichten der Anna Katharina Emmerich (S. 181). So wird
denn natürlich das Abendmahl als eine vegetarifche Feier
gefaßt.

Ein eigenartiges Beftreben, über die Vereinzelung bloßer beftimmt
gearteter Ernährungsforderungen zu einer umfaffenden Gefamtanficht der
Dinge und des Lebens zu gelangen, iß ja unverkennbar vorhanden. Es
äußert fich freilich fonderbar, z. B. in den ausführlichen ethymologifchen
Bemühungen, deren Refultat ift: ,Ein Vegetarier ift ein geweckt nach
dem Wackeren fich Bewegender, der feinem Leib fo gut wie aus-
fchließlich von Gewächfen ernährt und fich überhaupt an das lebendig
Wachfende als Vorbild hält' (S. 55). .Wörtlich und finngemäß ver-
deutfcht würde Vegetarier fowohl Gewächsler als Wackermann heißen'
IS. 58). Myftifcher wirkt fich dies Beftreben aus in Ausführungen wie
den folgenden (In dem Abfchnitt ,Die tiefen Geheimniffe in der Ernährung'):
.Der Hunger ift das Verlangen nach der unio mystika, der myftifchen
Einigung auf tierifcher Stufe. Aber dies Verlangen geht zunächft nur auf
dem breiten Weg. — Sobald Beftimmutig zu dämmern beginnt, pflegt eiDe
Art leifes Schuldbewußtfein — eine dumpfe Scham mit der Stillung des
Hungers verbunden hiu und wieder aufzutreten', nach welcher Voraus-
fetzung dann allerlei Gebräuche primitiver Yölker zu Beweisftücken gedeutet
werden (S. 72). ,Der Grund, warum Fleifch dem fittlichen Streben
des Menfchen Bleigewichte anhängt' ift der, daß ,in dem Tiere der Drang
zu einem neuen Tiere lebt, zu einem neuen Dafein tierifcher Luft' (S. 160)
und das ißt man eben mit. Die tieffte Erklärung für die fexuellen Anfechtungen
Fallender: ,1m Hunger werden minderwertige Gewebe ufw.
des Körpers (zwecks Ernährung) angegriffen, fozufagen das — unbewußt
gewordene Fleifch .... Dem entfpricht auf der Seite des Pfychifchen
die Heraufpumpung von altem einft mit irgend welcher fexuellen Erregung
verfenkten Gemütsmaterial' (S. 206;. — Der gute Gefchmack mancher
Pflanzen wird daher erklärt, daß fie fich gewiffermaßen freudig dem
menfchlichen Körper einverleiben. ,Da ift's aber doch dunkel? Nun fo
ftreben die Pflanzen an die Oberfläche des Körpers! Und wirklich haben
Pflanzeneffer die reinfte und frifchefte Haut' (S. 156). — Eine Äußerung
wahrhafter Mäßigkeit ift das tüchtige und lange Kauen (S. 204). Solche
wahrhafte Mäßigkeit ift ,nur möglich als ein Ausdruck tieffter innerlicher
Abgeklärtheit. Diefe . . . können wir nur verehren und anfchauen als
eine Begnadung' (S. 204). — Und welchen Tieffinn erfahren wir erft über
das Abendmahl 1 Hier ift ,jeder Vorgang reftlos Symbol': ,nicht der
Magen ißt das Lamm, foudern der ganze erwachte (nämlich zum Vege-
tarianismus mit feinen myftifchen Hintergründen erwachte) Menfch, und
der ganze Menfch ißt nicht bloß das Fleifch, fondern das ganze Lamm,
das heißt im Effen gibt er der im Lamme lebendigen Idee den feiigen
Tod, den ewigen Frieden'; für letzteres Hinweis auf Luk. 22, 16 (S. 227).

Nach diefen Beifpielen kann man fich von der Art diefer Philofophie
ein etwaiges Bild machen.

Gnadenfeld. Th. Steinmann.

Evangelium in Öfterreich. Ein Predigtbuch aus der Gegenwart
. Zum Gedächtnis an D. Friedrich Chriftian Meyer,
weiland Geh. Kirchenrat, Superintendent u. Pfarrer in
Zwickau. In Verbindg. m. vielen anderen, die er nach
Öfterreich gefandt, hrsg. v. Pfr. Hans Müller. (XVI,
416 S.m. 1 Bildnis.) 8°. Leipzig, P. Eger 1913.

Geb. in Leinw. M. 5 —

Zum Gedächtnis des Zwickauer Kirchenrates D. Meyer
haben die von ihm nach Öfterreich gefandten Pfarrer ein
.Predigtbuch aus der Gegenwart' herausgegeben, das mit
einem guten Bild Meyers gefchmückt und auch fonft fehr
gut ausgestattet ift. Eine Einleitung über Meyer von
Blanckmeifter aus dem Toten-Jahrbuch der Meißener
Fürftenfchule ift vorangefetzt. In der Vorrede fucht der
Herausgeber Hans Müller die Herausgabe und feine Arbeit
daran zu rechtfertigen. Das Erfcheinen eines folchen
Predigtbuchs hätte er kaum zu rechtfertigen gehabt, denn
wen wird es nicht intereffieren zu beobachten, wie in dem
evangelifchen Neuland die Pfarrer ihres Amtes walten?
Und daß fie in Öfterreich gehalten find, brauchte kaum
fo betont zu werden, denn fie fagen es felbft deutlich genug.
Die Arbeit des Herausgebers ift gewiß im Ganzen mühfam

| und entfagungsreich gewefen, nur will mir fcheinen, er
hätte beffer getan, feine Fußnoten und die Einfchaltungen
der Textftellen wie ähnliches zu unterdrücken, da man
hierdurch von feiner Tätigkeit einen fchulmeifterlichen
Eindruck empfängt. Wertvoll ift das durch knappe
Lebensdaten erweiterte Verzeichnis der 46 Mitarbeiter am
Schluffe.

Das Buch enthält 6 Weihnachtspredigten, 3 Neujahrs-,
6 Paffions-, 1 Öfter- und 1 Himmelfahrts- wie 3 Pfingft-
predigten. Der folgende Abfchnitt ift überfchrieben: Vom
Alltag und bietet unter A: Lehre 6 Predigten, darunter
eine über den Freidenkerbund, die Abteilung B: Frömmigkeit
9 Predigten, darunter über die Kraft Gottes (Rom.
1, 16, wo das Radium in ausgedehntem Maße zur Verdeutlichung
herangezogen wird). Eine andere handelt von der
Sprache der Berge (Pf. 121), eine andere ift überfchrieben:
Nach Feuersnot, und zwei Predigten handeln von Paulus
im Anfchluß an Apg. 9, 1—2 Ein ehrlicher Fanatiker und
ein Wahrheitsfucher. In der Abteilung C: Betätigung findet
fich eine Predigt über den Selbftmord, eine andere über
Jugendpflege (beffer Kindererziehung), eine andere über
Trinkerhilfe und endlich eine über Joh. 6, 11 —12 Jefus
und die ' foziale Frage. In den beiden folgenden Ab-
fchnitten: Gelegenheiten und Reformation flehen die Predigten
, die man in folchem Predigtbuch wohl zuerft fucht:
Vor der Gemeinderatsfitzung (Phi 2, 5—10) Konfirmation,
Guftav Adolf-Feft, Kirchweihfeft, Betfaalabfchied, eine neue
Predigtftation (1 Mof. 28, 16), Kircheinweihung und Reformationspredigten
mit den Themen: Helden des Gewiffens
(Apg. s, 29), Kampfes Ernft und Glaubens Troft (Pf.46,2—8),
Autorität und Freiheit (Gal. 5, 1), Unfehlbarkeit (Mk. 10,
17—18), Wenn der Pfarrer predigt (2 Kor. 1, 24) und
Kirchentum (Rom. 10, 13—14).

Der Herausgeber macht felbft im Vorwort daraut
aufmerkfam, daß das Buch reich fei an Reizen ,harmonifcher
Diffonanzen', es ift daher auch unmöglich, ein zufammen-
faffendes Urteil darüber zu fällen. Es find fehr tüchtige
Arbeiten darunter, die man mit innerer Zuftimmung und
Freude lieft, es find aber auch fehr wenig gelungene darin
zu finden, die nicht allein homiletifch formlos find, fondern
bei denen manches ernüchternd, ja abflößend wirkt. Was
foll z. B. diefen Gemeinden eine Pfingftpredigt, die das
Thema hat: Der Glaube an den heiligen Geift, eine gemein-
fame ideale Grundlage des Nationalismus, des Sozialismus
und des Proteftantismus?

Ich möchte meinen, daß es auch beffer fei, praktifch
aufzubauen und weniger Polemik gegen die Kirche, aus
der die Gemeindeglieder gekommen find, zu treiben, denn
niemand lebt von der Negation. Man kann auch fagen,
es müßte ihnen mehr Evangelium gepredigt werden, denn
darin find fie doch zuerft zu fördern, nicht in theoretifcher
Erkenntnis, die fich zu fehr vordrängt.

Im Allgemeinen fcheidet man mit dem Wunfeh von
dem Buche, es möchte weniger von der Peripherie, als
vom Zentrum des Glaubens, von der Erlöfung von der
Sünde durch Chriftus, gerade in diefen Gemeinden gepredigt
werden.

Ahlden/Aller. E. W. Bussmann.

Schlunk, Miffions-Infp. Mart: Die Schulen für Eingeborene
in den deutfehen Schutzgebieten am 1. 6.1911. Auf Grund
e. ftatift. Erhebg. der Zentralftelle des hamburg. Kolo-
nialinftituts dargeftellt. (Abhandlungen des hambur-
gifchenKolonialinftituts. i8.Bd.) (XVI, 365 S. m. 1 Taf.)
Lex.-8°. Hamburg, L. Friederichfen & Co. 1914. M. 12 —

— DasSchulwerenindeutlchenSchutzgebieten. (15öS.) gr.8°.

Ebd. 1914. M. 3 —

Für die eingeborne Bevölkerung beliehen in unfern
deutfehen Kolonien zur Zeit fall 4000 Schulen, die von
mehr als 200000 Schülern befucht werden. Das find fehr be-