Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1914 Nr. 14

Spalte:

427-428

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Norden, Walter

Titel/Untertitel:

Erzbischof Friedrich von Mainz und Otto der Große. Zur Entwicklung des deutschen Staatsgedankens in der Ottonenzeit 1914

Rezensent:

Vogt, Ernst

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

427

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 14.

428

Satze: ,Als die von Chriftus, demErlöfer der Welt, getriftete I
Heilsanftalt hat die Kirche die Gnade Gottes allen Völkern |
zu vermitteln'. Und zu den ,Urfachen der fchnellen Verbreitung
des Chriftentums' werden ausdrücklich ,Wunder
und Zeichen' gezählt, die ,für die Wahrheit der neuen
Lehre Zeugnis ablegten'. Trotzdem der Vorwurf .natura-
liftifchen Geiftes'! Sollte diefer mit der kritifchen Beftrei-
tung des Konftantinwunders durch Funk zufammenhängen?
Auch der Jefuit Savio kennt (in der Civiltä catholica 1913
III, 3 ff.) außer der Annahme eines Wunders für die Kon-
ftantinserzählung nur noch .naturaliftifche', nicht etwa
.natürliche', Erklärungen, und Schrörs tut gut daran, fich
gegen einen folchen Vorwurf zu verwahren (S. 4SI Ob
er damit Erfolg haben wird, ift freilich eine andere Frage.
Auffallend ift fchon der Umftand, daß keine kirchliche
Approbation beigedruckt ift, wie es die Beftimmungen
Pius' X. verlangen. Gewiß hat die ganze Frage an fich mit
dem kirchlichen Dogma rein gar nichts zu tun. Aber auch
die Frage nach dem Urfprung der füdfranzöfifchen Kirchen
hat mit der Dogmatik nichts zu tun, und doch fchrieb
der Kardinalftaatsfekretär Merry del Val im Auftrag
Pius' X. am 22. April 1913 an den Erzbifchof Pucet von
Rouen im Zufammenhang mit diefer Frage von der ,Ver- |
teidigung des reinen wahren Glaubens' einerfeits, von den |
.Seitenfprüngen einer anmaßenden Kritik', den .anftecken- i
den Wirkungen des mehr oder weniger feinen Giftes des
Modernismus', den .Behauptungen einer verwegenen Wiffen-
fchaft', der .falfchen Weisheit der Zeit' andererfeits, und er
findet dort ,die Fundamentalprinzipien und Regeln der 1
wahren hiftorifchen und apologetifchen Methode' in vorbildlicher
Weife befolgt, ja den ,Geift Gottes' und .Liebe |
zur Wahrheit' betätigt, wo man es fertig bringt, allen
gefchichtlichen Zeugniffen zum Trotz den Urfprung jener
Kirchen in die apoftolifche Zeit zu verlegen und direkt
von den Apofteln herzuleiten (Acta apost. Sed. IV [1912]
Nr. 9 p. 355sq., vgl. Das Neue Jahrhundert 1912, 385 ff.).
Selbftverftändlich bezwecken diefe Ausführungen nicht
etwa eine Denunziation — dazu wäre diefe Zeitfchr. nicht
das Organ —, fondern lediglich eine Beleuchtung der im
heutigen Katholizismus herrfchenden Spannungen und
Gegenfätze, fowie der Klippen, die das Schiff lein eines wiffen-
fchaftlich arbeitenden katholifchen Theologen bedrohen.

München. Hugo Koch.

Norden, Walt: Erzbüchef Friedrich v. Mainz u. Otto der

Große. Zur Entwickig. des deutfchen Staatsgedankens
in der Ottonenzeit. (Hiftorifche Studien. Veröffentlicht
v. E. Ebering. 103. Heft.) (109S.) gr.8°. Berlin,
E.Ebering 1912. M. 3 —

Norden möchte die Quellen zur Gefchichte Ottos I.
zwingen, ihm klare Antwort zu geben auf die Frage nach
den Motiven, die Friedrich von Mainz geleitet haben, als
er fich fowohl im Aufftand von 939, wie in den 50 er
Jahren in das Lager der Feinde des Königs begeben hat.
Er hält es für unrichtig, wenn-man alles Tun und Laffen
des Erzbifchofs auf ein Grundmotiv zurückführt, auf eine
regulative Idee, wie etwa die Oppofition gegen die Poli-
tifierung der höheren Geiftlichkeit oder gar die Oppofition
gegen das fächfifche Herrfcherhaus überhaupt; aber
er glaubt doch felbft, hinter den Differenzen über einzelne
Fragen einen Grundunterfchied zu erkennen in der poli-
tifchen Auffaffung Ottos und Friedrichs über die Königsgewalt
, ihre Stärke und Tragweite. Während der König
die Staatsraiion zur oberften Richtfchnur des Handelns
machte, vertrat der Erzbifchof nach N. wiederholt, im
Gegenfatz zu Otto, die Anfprüche anderer Parteien, die
ihm gleichberechtigt neben dem Königtum fchienen,
und erft am Ende feines Lebens unterwarf er fich völlig
und bedingungslos dem königlichen Willen, fo wie fein
Nebenbuhler Bruno von Köln es in richtiger Würdigung |
der Machtverhältniffe fchon zuvor getan hatte.

Ein geiftvoller Verfuch, der zur Vertiefung der Frage-
ftellung anregt und darum wohl Nachahmung verdiente,
von dem aber gefagt werden muß, daß er in diefer Durchführung
nicht überzeugt. Ich hebe nur zwei Bedenken
gegen die entfcheidenden Stellen hervor.

Nach N. hielt fich 939 Otto aus ftaatsmännifchen
Erwägungen für verpflichtet, den Vertrag, den Friedrich
als fein Beauftragter mit dem Frankenherzog Eberhard
gefchloffen hatte, nicht zu ratifizieren, und Friedrich
empfand diefe Kränkung fo fchwer, daß er die Partei
wechfelte, ganz ähnlich (N. legt auf die Parallele ftarkes
Gewicht) wie Konrad der Rote es 952 tat. Otto aber
Poll fo wenig an dem felbftverftändlichen und unbedingten
Gehorfam Friedrichs gezweifelt haben, daß er
ihm zumutete, fich felbft zu desavouieren, und daß es für
ihn eine völlige Überrafchung war, als Friedrich, der fich
nach diefer Interpretation müßte meifterhaft haben ver-
ftellen können, hinging und ihn verriet. Die Konfequenzen,
die fich aus diefer Auffaffung für Ottos Staatsklugheit
wie für Friedrichs Rechtlichkeit ergeben, machen die
Deutung mindeftens nicht wahrfcheinlicher als die bisherigen
Erklärungsverfuche.

Auf Ottos italienifchem Zug von 951 hat dann der
König dem Erzbifchof wieder ein Zeichen seines Vertrauens
gegeben, ihn mit dem Bifchof von Chur zu Alberich
gefchickt, damit fie die Aufnahme Ottos in Rom erwirkten
. Dies haben die Gefandten nicht erreicht, nach
ihrer Rückkehr fiel aber nur Friedrich in Ungnade, während
Hartbert von Chur durch Huldbeweife ausgezeichnet
wurde. Es hatte alfo Meinungsverfchiedenheiten unter
den Gefandten gegeben über die Art der Erledigung des
Auftrages, und der König ließ erkennen, daß er Friedrichs
Verhalten mißbilligte. Wieder ging der Erzbifchof gekränkt
zu Ottos Feinden über. Aber zwifchen dielen
Ereigniffen und dem Aufftand von 953 liegt die Augsburger
Synode, auf der König und Erzbifchof einträchtig
zufammenwirkten, und wenn N. Gründe anführt, die die
anderen Verbündeten nach einer .augenblicklichen Be-
feitigung der Verftimmung' wieder zu Gegnern Ottos
werden ließen, fo unterläßt er es doch völlig, dies Auf
und Ab in den Beziehungen des Erzbifchofs zu Otto
zu erklären, und überzeugt daher auch in diefem Ab-
fchnitte nicht.

Von Kleinigkeiten erlaube ich mir anzumerken, daß
im erften Satze unter den Schriftftellern Widukind fehlt,
daß der auf S. 73 zitierte Auffatz von Karnbaum im
Bande 37 des Neuen Archivs fteht, und daß es leider
kein Druckfehler zu fein fcheint, wenn man auf S. 83 das
Wort ,Abmeierung' lieft.

Gießen. Ernft Vogt.

Schuhmann, Geo.: Die Berner Jetzertragödie im Lichte der
neueren Forichung u. Kritik. (Erläuterungen u. Ergänzungen
zu Janffens Gefchichte des deutfchen Volkes.
Hrsg. von L. v. Paftor. IX. Bd., 3. Heft.) (XI, 152 S.)
Freiburg i. B., Herder 1912. M. 4 —

Über die Berner Jetzertragödie, die fo viel Staub aufwirbelte
und in der Publiziftik der Reformationszeit weidlich
ausgefchlachtet wurde, hat in diefer Zeitung zuletzt
G. Boffert 1905 Sp. 237 fr. gehandelt. Es ift bekanntlich
Nik. Paulus gewefen, der die Revifion des Jetzerhandels
zuerft in die Wege leitete und die Schuld von den Dominikanern
, die das Leben laffen mußten, auf Jetzer als Betrüger
abfchob; ihm fekundierte dann Rud. Steck in Bern durch
feine umfangreiche Aktenpublikation (1904). Soviel haben
die Arbeiten des katholifchen und proteftantifchenForfchers
erzielt, daß allgemein Jetzer als der Hauptfchuldige erkannt
ift; die Streitfrage nur ift, ob daneben nicht doch auch
den Dominikanern eine partielle Mitfchuld zufällt. Dafür
fprachen fich u. a. Boffert, H. Haupt und W. Öchsli aus.
So ift eine Neubearbeitung der ganzen Frage in der Sache