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Ausgabe:

1914 Nr. 13

Spalte:

403-405

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ruville, Albert von

Titel/Untertitel:

Der Goldgrund der Weltgeschichte. Zur Wiedergeburt der katholischen Geschichtsschreibung 1914

Rezensent:

Mirbt, Carl

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 13.

404

dann unausbleiblich einen fördernden oder hemmenden
Eingriff in die religiöfe Sphäre bedeutet.

Und weiter: Der moderne Säkularismus laboriert mit
einer fehr großen Schwierigkeit. Der Staat betrachtet
fich als vollkommen fouverän. Er ift dabei als Erbe des
mittelalterlichen univerfalen Kirchenreichs anzufehen, das
auch eine suprema potestas beanfpruchte. Diefe Souveränitätslehre
hatte aber im Mittelalter, von der Kirche
gebraucht, einen pofitiven Inhalt: die Kirche follte kraft
göttlicher Stiftung die Völker zu einem beftimmten Ziel
leiten. Die fäkulariftifche Souveränitätslehre dagegen ift
eigentlich nur ein formaler Machtbegriff; der Staatszweck
wird aus den Kulturbeftrebungen ergänzt. Das gibt kein
klares Ziel und dadurch auch keine klare Grenze gegen
Eigenmächtigkeit und Willkür des Staates, der kein all-
gemeingiltiges Recht über feiner eignen Gewalt anerkennt
. Die Religion befriedigt dies Bedürfnis; kann man
alfo wünfchen, daß ihre Rechtsanfchauungen ganz ausgemerzt
werden follen? Gewiß nicht — obgleich das
Verhältnis zwifchen diefen Anfchauungen und denen der
Souveränitätslehre ficherlich immer ein irrationales bleiben
wird.

Es bieten fich alfo unter den Schlagworten der fäku-
lariftifch begründeten Religionsfreiheit — .freie Kirche
im freien Staat', ,die Religion eine Privatfache', .Trennung
zwifchen Staat und Kirche' ufw. — fehr große und
fchwierige Probleme dar, die keine endgültigen Löfungen,
fondern nur relativ ftabile Ausgleiche unter zeitlich und
örtlich vielfach verfchiedenen Umftänden ertragen können,
fo gewiß als der Staat den Kreis feiner Aufgaben ftets
erweitert und die Kirchen immer für die Herrfchaft des
Chriftentums kämpfen müffen — das immer ,den Juden
ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit' bleibt.

Uppfala. Knut B. Weftman.

Ruville, Prof. Alb. v.: Der Goldgrund der Weltgelchlchte.

Zur Wiedergeburt kathol. Gefchichtsfchreibg. (XIII,
236 S.) 8°. Freiburg i. B., Herder 1912.

M. 2.40; geb. M. 3.20

Nachdem Ruville die Gründe zu feiner Konverfion
in der Schrift .Zurück zur heiligen Kirche' (1910) dargelegt
hatte, bemühte er fich um den Nachweis, daß der
Katholizismus die einzige wahre Religion ift (Das Zeichen
des echten Ringes, 1910). In dem vorliegenden Buch
verfucht er, ,die Stellung des katholifchen Glaubens in
der Gefchichtswiffenfchaft nach allen Richtungen zu erkunden
'.

.Goldadern' d. h. Wahrheiten übernatürlichen Charakters
, wie z. B der Glaube an das Dafein Gottes, finden
fich in der Gedankenwelt vieler Völker, in der niederften
Kultur wie im Buddhismus und Islam, und fie haben fich
überall als lebendige Kräfte erwiefen. Aber es haften
an ihnen große Unvollkommenheiten, denn fie erfcheinen
als Einzellehren, es befteht für fie kein Schutz gegen Entartung
oder Zerftörung, es fehlt ihnen die übernatürliche
Glaubensgewißheit und die Möglichkeit, fie zu gewinnen.
— Der .Goldtempel' d. h. die wahre Religion ift der
Katholizismus. Ihm kommt diefe einzigartige Einfehätzung
zu, denn er enthält die göttliche Wahrheit; die Verknüpfung
feiner Glaubenslehren zu einem Syftem ift von
Gott felbft gefetzt, der Beftand und Inhalt feiner Glaubenslehre
genießt durch das unfehlbare Lehramt (Stuhl Petri)
und durch die unfehlbare heilige Schrift göttlichen Schutz,
die Gewißheit des Glaubens ruht auf dem Altarfakrament
und der intellektuellen Forfchung, die zur Überzeugung
von der ewigen Wahrheit der Kirche führen muß. ,Der
Gelehrte, der die Wahrheit braucht und daher erkunden
will, ob die katholifche Lehre die Wahrheit fei, der muß
Chrift, der muß Katholik werden.' — Im Laufe der Zeit
kam es zu Verfuchen, für diefen .Goldtempel' Erfatz zu
fchaffen und aus menfehlichem Geift .Nachbildungen' erflehen
zu laffen. Unter ihnen ift die gefchichtlich be-
deutfamfte der Proteftantismus, der von dem Verfaffer
definiert wird als: die religiöfe Richtung, die dahin zielt,
eine Weltanfchauung aus dem Geifte Jefu Chrifti heraus
zu fchaffen, in der die Glaubenssouveränität des Papftes
ausgefchloffen ift. Das Verhältnis des Proteftantismus zu
dem .Goldtempel', dem Katholizismus wird dahin beftimmt,
daß er zwar Wahrheitselemente enthält, aber fie aus der
katholifchen Kirche übernommen hat, daß ihm die Verknüpfung
feiner Lehren zu einem Syftem unter göttlicher
Einwirkung fehlt, daß er keine Schutzwehr des Glaubens
befitzt, da er keine abfolute Lehrautorität kennt, daß die
perfönliche Glaubensüberzeugung nicht gefichert ift, weder
durch den Intellekt noch durch die religiöfe Erfahrung.
Dabei kommt Ruville auf moderne Doktrinen, den Individualismus
und die Annahme einer zeitlichen Bedingtheit
der religiöfen Wahrheit zu fprechen. — Die Verbindung
zwifchen der Welt des Glaubens mit dem Gebiet
der wiffenfchaftlichen Wirklichkeit erfchließt fich dem
Forfcher, wenn er die .Goldbrücke' betritt. Ihr erfter
Pfeiler ift die perfönliche Glaubensüberzeugung (Vereinigung
mit Chriftus und der Kirche), ihr zweiter ift eine
Gefamtanfchauung des Gefchehens von katholifcher Grundlage
aus, die allein ,für den Gefchichtsforfcher in Frage
kommen darf, vorausgefetzt, daß es ihm um die reine
Wahrheit zu tun ift'. Daß die katholifche Weltanfchauung
die richtige ift, zeigt ihre .einzig lange Bewährung' und
,die Möglichkeit, daß fich der Forfcher von ihrer Wahrheit
übernatürlich überzeugt'. Das Verftändnis der Ge-
fchichte wird vor allem erfchloffen durch die Gnadengabe
der Euchariftie. — Den Kern der Weltgefchichte erkennt
der Forfcher, wenn er das .Goldgerüft', die eine wahre
Religion, die das gefamte Gefchehen durchzieht, verfteht.
Sie verknüpft Vergangenheit und Gegenwart, fie erfchließt
den Blick für das Innenleben früherer Menfchen, und fie
lehrt Irrtum und Wahrheit unterfcheiden. Nur der katholifche
Forfcher vermag daher auch das innerfte Wefen
aller Religionen d. h. foweit fie ewige Beftandteile aufweifen
, zu erkennen. — Wo diefes .Goldgerüft' nicht geachtet
oder nicht verstanden wird, find .Verzeichnungen'
unvermeidlich. Das zeigt vor allem die im 18. Jahrhundert
mit der Erhebung der Gefchichtsfchreibung zum .wiffenfchaftlichen
Syftem' einfetzende Säkularifierung der Ge-
fchichtsforfchung. Hier fetzt fich Ruville mit Loofs,
Harnack, Lindner auseinander und untersucht das Verhältnis
des proteftantifchen Historikers zur katholifchen Kirche
und zur Reformation. — Was bei diefer Sachlage unter
wahrer Gefchichtsfchreibung zu verstehen ift, zeigt der
Schlußabfchnitt, das .Malen im Goldgrunde'. Sie hat das
Walten Gottes in der Gefchichte zu zeigen, denn fie ift
ein Werk Gottes, und Jefus Chriftus ift der Mittelpunkt
der Gefchichte. Der Forfcher muß eine fittlich geläuterte
Perfönlichkeit fein und dabei ,das katholifche Glaubens-
fyftem als Grundlage wählen'.

Diefe Unterfuchung über das Wefen der Gefchichts-
wisfenfehaft leidet unter der Vorliebe des Verfaffers für
bildliche Redeweife; das Gold hat es ihm angetan. Er
fpricht von Goldgrund, von Goldadern, vom Goldtempel,
von der Goldbrücke, vom Goldgerüft, vom Goldnetz, von
der Goldkrone, ufw. und zwar durchziehen diefe Wendungen
das ganze Buch. Er kann von der Kirche, der
er jetzt angehört, nicht reden, ohne fie mit Schmuckworten
auszuzeichnen. Auch die behagliche Breite der
Darstellung gereicht dem Eindruck der Beweisführung
nicht zum Vorteil. Was er will, ift aber ganz klar. Nur
die Gefchichtsforfchung und Gefchichtsfchreibung, die
bewußt und konfequent fich auf den Boden des papalen
Katholizismus stellt und das eigene Urteil fiftiert, wo ein
Zufammenftoß mit kirchlichen Enticheidungen und In-
treffen eintreten würde, erfüllt feiner Auffaffung nach die
Anforderungen, die an fie zu stellen find. Der katholifche
Historiker — und nur er verdient diefen Namen — kann
niemals ein Gefühl des Gebundenfeins haben (S. 214), und