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Ausgabe:

1914 Nr. 13

Spalte:

387-388

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ulrich, F.

Titel/Untertitel:

Die Vorherbestimmungslehre im Islam u. Christentum 1914

Rezensent:

Schwally, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 13.

388

fchiedenen Verkörperungen des Erdgeiftes in fchlangen-
und mifchgeftaltigen Dämonen werden befprochen: Typhon,
Echidna, Chimaira, Giganten und Titanen. Vor einer
allgemeinen Vorausfetzung eines frühgriechifchen Tote-
mismus wird mit Recht gewarnt (vgl. a. a. O. Sp. 130).
Die Abforption alter Schlangendämonen durch olympifche
Götter wird nachgewiefen; aber Schlangenattribute weifen
keineswegs ftets auf primär chthonifchen Charakter einer
Gottheit. Der mantifche Charakter der Schlange und
der Erdgeifter hängt mit der geheimnisvollen, auch pro-
phetifchen Kraft der Erde zufammen. Die beiden letzten
Kapitel behandeln die Schlange als Symbol der Fruchtbarkeit
und als Wafferdämon.

Die helleniftifche und römifche Zeit hat der Verf.
prinzipiell von feiner Darfteilung ausgefchloffen, wenn
auch gelegentliche Übergriffe unvermeidlich find. Aber
es wäre zu wünfchen, daß er diefen Perioden eine Fort-
fetzung widmete. Dringen doch die primitiven Schlangen-
vorftellungen im fpäteren religiöfen Synkretismus wieder
an die Oberfläche, und der Schlangendämon begegnet,
oft als Mittelpunkt, uns wieder in gnoftifchen Syftemen.

Göttingen. P. Wendland.

Ulrich, Pfr. Lic. F.: Die Vorherbeltimmungslehre im Islam u.
Chriltentum. Einereligionsgefchichtl. Parallele. (Beiträge
zur Förderung chriftl. Theologie. 16. Jahrg. 1912,
4. Heft.) (132 S.) gr.8°. Gütersloh, C. Bertelsmann 1912.

M. 3-

Die Lehre von der Vorherbeftimmung (qadr, qadar,
qadä) bildet bekanntlich einen wichtigen Gegenftand der
islamifchen Dogmatik. Diefe Lehre wird von den abend-
ländifchen Gelehrten gewöhnlich als .Prädeftination' bezeichnet
. Wie der Verf. gut ausführt, wäre dafür richtiger
.Prädeterminismus' zu fagen, da Prädeftination innerhalb
der chriftlichen Dogmatik fich auf die mit dem Erlöfungs-
ratfchluß Gottes zufammenhängende Gnadenwahl bezieht
. Kapitel III (S. 78—112) verfolgt diefe chriftliche
Lehre von der Bibel an bis zu den Reformatoren, Kapitel II
(S. 14—47) das verwandte islamifche Dogma nach feiner
jeweiligen Ausprägung in Koran, Tradition (Hadith),
Dogmatik, Katechismen, aber in umgekehrter zeitlicher
Anordnung. Es wird nachgewiefen, daß die Vorherbeltimmungslehre
für die islamifche Dogmatik eine viel
größere Bedeutung hat als für die chriftliche, daß aber
auch im Islam trotz fehr ftarker Betonung der göttlichen
Deermination doch die Freiheit des Willens, das Selbft-
beftimmungsrecht und die Verantwortlichkeit keineswegs
ausgefchaltet werden.

Während ich mich foweit mit dem Verf. im Allgemeinen
einverftanden erklären kann, muß ich feine Vergleiche
und Ergebniffe (S. 10—13. 75—77- 126—132), für
verfehlt halten. Die Vorherbeftimmungslehre ift im
Islam nicht ftärker ausgeprägt als z. B. bei Calvin, wie
der Verf. felbft zugeben muß. Diefe ihm offenbar unbequeme
Tatfache fucht er jedoch zu entkräften durch
die Bemerkung daß ,im Calvinismus eine große Aktivität
hervorgetreten ift, eine Kultur des Willens wie fonft kaum
in der Gefchichte'. Aber der Islam hat dem durchaus
Ebenbürtiges an die Seite zu ftellen, ich erinnere nur an
den Lebensgang des Gefandten Gottes, Muhammeds felbft,
an die großen Eroberungen, die zu einem Weltreiche
führten, wie noch kein zweites gewefen war, an die Blütezeiten
des Islam in Vorderafien und Afrika, in Spanien
und Indien, fchließlich an die ebenfo eifrige wie erfolgreiche
Propaganda bis auf den heutigen Tag. Wie darf
man da behaupten, daß der Islam ,kein neues fittliches
und kulturelles Leben fchaffe'? Der fprichwörtliche Fatalismus
ift nicht eine Spezialität der Muhammedaner, fondern
aller Orientalen, auch der dort einheimifchen Juden und
Chriften. Derfelbe kann deshalb auch nicht der Religion
des Islam zur Laft gelegt werden, fondern ift eine Wirkung
ganz anderer Faktoren, z. B. der in den orienta-
lifchen Ländern geltenden despotifchen Regierung, der
verrotteten Staatsverwaltung und unheilvollen Steuerpolitik.
Die kulturelle Rückftändigkeit der mohammedanifchen
Länder von heute gegenüber dem chriftlichen Europa
ift weniger bedingt durch die angeborene Feindfeligkeit
der beiden nächftverwandten Religionen, des Islams und
Chriftentums, als durch den Widerftand, den die mohammedanifchen
Staaten den Expanfionsbeftrebungen der
chriftlichen Mächte entgegenfetzen müffen. Der Praede-
terminismus als Vorherbeftimmungslehre der offiziellen Religion
ift bei dem allen von keiner Bedeutung. Jeder, der unter
Mohammedanern gelebt und ihre praktische Frömmigkeit
beobachtet hat, weiß, daß jener Praedeterminismus nichts
anderes ift als ein ftark ausgeprägter Vorfehungsglaube,
wie er jeden Sonntag von unferen Kanzeln herunter als
Ideal eines rechten Chriften gepredigt wird.

Für die Richtigkeit feiner Betrachtungsweife glaubt fich
der Verfaffer nun allerdings auf ein fehr gewichtiges Zeugnis
eines modernen Muhammedaners berufen zu können
(S. 10 f. 131). ,Als zu Anfang des Jahres 1899 in Mekka
eine Konferenz von 23 Vertretern der islamifchen Welt
tagte, um über die Gründe des Niedergangs ihrer Religion
zu beraten, zählte der die Beratungen leitende Scheich
verfchiedene Punkte auf, in denen die Urfache des Rück-
fchritts zu fuchen fei, und nannte dabei an erfter Stelle
,die Lehre des Fatalismus', womit nur der Praedeterminismus
gemeint fein kann'. Selbft wenn es mit diefem Vorgange
feine Richtigkeit haben follte, was ich jetzt nicht nachprüfen
kann, fo glaube ich doch in der angefchnittenen
religionsgefchichtlichen Frage kompetenter zu fein als
jener Scheich. Oder würde der Verfaffer etwa für
alle Refolutionen evangelifcher Paftorenkonferenzen eintreten
?

Von philologifchen Verfehen ift mir nur weniges
aufgefallen: <^i—>j> S. 15,4 ift Plural, S. 16,11 lies .faläsifa';
die .andere Autorität' S. 19,23 heißt ,Fudail'; S. 39,21 lies
Abu Däüd.

Königsberg i. Pr. Fr. Schwally.

Zorell, Frz., S. J.: Einführung in die Metrik u. die Kunitformen
der hebräiichen Pfalmendichtung. Mit 40 Textproben.
(IV, S2S.)gr.8°. Münfteri.W., Afchendorff 1914. M.2 —

Die katholifchen Altteftamentler wenden fich mit Vorliebe
fo neutralen Forfchungsgebieten wie der hebräifchen
Metrik zu. Neben Grimme, Zapletal, Zenner, Faulhaber
, Knabenhauer und Schlögl tritt jetzt Z. mit
einer .Einführung' hervor, ein kühnes Unterfangen, nachdem
vor kurzem Schlögl die .echte hebräifche Metrik'
gefunden zu haben behauptet hat. Aber es ift erfreulich,
daß fich Z. durch Schlögl nicht hat abhalten laffen, feinen
Abriß zu veröffentlichen, denn er ift m. E. gegenüber
Schi, grundfätzlich im Recht mit feiner Auffaffung vom
ftreng akzentuierenden Charakter der hebräifchen
Verfe. Er hat auch richtig erkannt, daß die Hauptkunft-
form der hebräifchen Dichtung charakterifiert ift durch
bunt wechfelnde Verfe d. h. daß die Mifchmetra viel
häufiger find als durchlaufende Metra. Auch im Einzelnen
enthält Z.s Abriß viele richtige Beobachtungen von grundlegender
Bedeutung für die Erkenntnis der Gefetze, auf
denen die hebräifche Verskunft beruht. Was er in §§ 2—4
über Verfchleifungen und Bindungen, über alte, von der
Mafora nicht anerkannte Kurzformen der fuffigierten und
abfoluten Pronomina und über abweichende Flexionen im
stat constr., in der Femininform etc. fagt, ift durchaus
beachtenswert und follte zu eindringenden und fyftema-
tifchen Unterfuchungen Veranlaffung geben.

Bedauerlich ift es aber, daß auch Z. im weiteren Verlauf
feines Abriß der Verfuchung nicht hat widerftehen
können, fefte Gefetze über den Wortakzent im Verfe auf-
zuftellen und auf diefem fchwachen Fundament eine Vers-