Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1914 Nr. 10

Spalte:

292-295

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Focke, Frdr.

Titel/Untertitel:

Die Entstehung der Weisheit Salomos 1914

Rezensent:

Baumgartner, Walter

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2, Seite 3

Download Scan:

PDF

291

Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 10.

292

den; wenn er dies als fein individuelles Vorrecht bean-
fprucht, darf er fich jedenfalls nicht wundern, fobald Andere
dasfelbe Verfahren gegen ihn anwenden. Bezeichnend
für feine geniale Läffigkeit ift S. 70 Anm. 1: ,Siehe
Lidzbarski, Ephemeris'; einen folchen nichtsfagenden
Verweis hätte er fich auch fparen können. Im übrigen
find die hier vereinigten Abhandlungen von verfchiedenem
Werte. Während die zweite und dritte wiffenfchaftliche
Bedeutung beanfpruchen können und in hohem-Maße
anregend wirken, kann dies von der erften nur unter
gewiffen Einfchränkungen behauptet werden. Schneider
befitzt eine erftaunliche Phantafie und kühne Kombinationsgabe
, die von einer großen Gelehrfamkeit unterftützt
werden, aber es fehlt ihm leider vielfach die Zucht der
Kritik, die für wiffenfchaftliche Forfchungen unerläßlich ift.

In der erften Abhandlung leugnet Sch. gewiß mit
Recht den femitifchen Urfprung des ,phönikifchen' Alphabets
. Die mangelhafte Übereinftimmung von Bildern
und Namen für die Buchftaben beweift, daß das Alphabet
von den Semiten nicht erfunden, fondern übernommen
und angepaßt wurde. Dazu kommt, daß alle Vorftufen
einer Bilderfchrift im weftfemitifchen Kulturgebiet fehlen
und daß das Alphabet mit feiner Weglaffung der Vokale
dem Charakter der femitifchen Sprache in keiner Weife
angemeffen ift; ein femitifcher Text ohne Vokale ift
faft unverltändlich, wie die Entzifferung der jüngft veröffentlichten
Kalumu-Infchrift deutlich gelehrt hat. So
weit (S. 19) wird man den Ausführungen gern folgen und
fich der originellen Art der Beweife freuen. Um nun
die Frage nach der Herkunft des Alphabets zu beantworten
, verfucht Sch. die urfprüngliche, für uns meift nicht
mehr erkennbare Bedeutung der Buchftaben-Bilder zu
beftimmen. Wer Phantafie befitzt, mag folche Vermutungen
aufftellen, muß fich aber des ftark hypothetifchen
Charakters bewußt bleiben. Sch. dagegen baut Hypothefen
auf Hypothefen (S. 20—113) und errichtet auf fchwanken-
dem Fundamente ein gewaltiges Gebäude, das bei dem
leifeften Windhauch der Kritik einftürzen muß; nur an
einzelnen Stellen kehrt er wieder auf den Boden der Wirklichkeit
zurück, aber zu fpät. Die Möglichkeit kretifchen
Urfprungs für das .phönikifche' Alphabet foll nicht be-
ftritten werden, wenn auch die Beweisführung nicht überzeugt
.

Eine angenehme Überrafchung bietet die Lektüre der
zweiten Abhandlung. An einzelnen Punkten will Sch.
zwar auch hier, durch feine Phantafie verleitet, zu viel
wiffen; fo, wenn er z. B. S. 121 dekretiert: ,Die Sumerer
haben keine Sündflutfage mit nach Babylonien gebracht;
dazu waren fie viel zu primitiv'. Aber im allgemeinen
hält er fich an die überlieferten Tatfachen und erklärt fie
vielfach neu und eigenartig; die Darfteilung ift reich an
fchönen Einzelbeobachtungen und treffend in der Charak-
teriftik der verfchiedenen Rezenfionen. In einleuchtender
Weife wird auch gezeigt, daß der Sintflutmythus des
Gilgamefchepos überarbeitet ift; weniger plaufibel, wenngleich
intereffant, ift der Verfuch, die ägyptifchen, helleni-
fchen, indifchen und chinefifchen Parallelen zur Flutfage
als Abfenker babylonifcher Phantafie zu erweifen. Be-
fonders lehrreich find die allgemeinen methodifchen Leit-
fätze zur fagenvergleichenden Forfchung (S. 160—174),
denen man durchaus zuftimmen kann.

In der dritten Abhandlung wird der ,religiöfe Glaube' an die kulturelle
Bedeutung der Raffereinheit einer vernichtenden Kritik unterzogen.
Zunächft werden die Rede reiner und gemifchter Raffen in der Gegenwart
unterfucht. Die reinen .Germanen', .Kelten' oder .Slawen' in Gebirgstälern
und am Meere, ebenfo wie die reinen .Semiten' in Arabien,
find durchweg kulturell zurückgeblieben; dasfelbe gilt für die Refte gemifchter
Raffen, wie für die Kopten in Ägypten. Lehrreicher ift fodann
das gefchichtliche Material. Wenn alle großen Kulturleiftungen in der
europäifchen Entwicklung den Indogermanen zu verdanken wären, dann
müßte man erwarten, daß die Kultur in den Urfitzen und in der Urzeit
der Indogermanen vor ihrer Vermifchung mit anderen Raffen am höchflen
gewefen ift. In Wirklichkeit waren die Indogermanen, die ins Kulturland
einbrachen, Barbaren. Tatfache ift vielmehr, daß überall da höhere
Kulturen vorhanden find, wo eine Einwanderung vorhergegangen ift; das

gilt nicht nur für die indogermanifche Einwanderung, fondern ganz allgemein
. Das Aufblühen der Kultur erfolgt nicht fofort nach der Einwanderung
, fondern überall erft 400—500 J ahre fpäter, nachdem die Vermifchung
der Raffen eingetreten ift. Die Kultur ift da am höchften, wo
die Mifchung am größten ift; die genialften Menfchen aller Kulturen
find nicht die raftereinften, fondern im Gegenteil die gemifchteften ihres
Volkes und ihrer Zeit. Demnach ift die Raffemifchung die Vorbedingung
jeder Kulturfchöpfuog. Das wird drittens durch das biologifche Material
beftätigt. — Im Anhang verficht Schneider neben dem Prinzip der An-
paffung, der Zuchtwahl und des Kampfes ums Dafein das Prinzip der
Mifchung verfchiedener Arten, um die Konftanz und die Variation der
Arten zu erklären.

Berlin-Wertend. Hugo Greßmann.

Focke, Dr. Frdr.: Die Entftehung der Weisheit Salomos.

Ein Beitrag zur Gefchichte des jüdifchen Hellenismus.
(Forfchungen zur Religion u. Literatur des Alten u.
Neuen Teftaments. N. F. 5.) (VII, 132 S.) gr. 8°.
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1913. M. 4.80

In einem erften, analytifchen Teile behandelt der
Verfaffer zunächft die Abhandlung über den Götzendienft
c. 13—15, die övyxQiöiq der Schickfale der Ägypter
und Ifraeliten c. 11—19, und wendet fich dann zur genauen
Vergleichung des .einheitlich gebauten und über-
fichtlich gegliederten' zweiten Teils der Sap. (c. 6—19)
mit dem erften (c. 1—5). Inhaltlich findet er große Unter-
fchiede: in c. 1—5 fehlt das Beftreben, Termini der grie-
chifchen Philofophie anzubringen, fpieit ferner die Ootpla
nur eine nebenfächliche Rolle; ftark verfchieden find
namentlich die Gottesvorftellung und die eschatologifchen
Erwartungen. Das alles laffe vermuten, daß c. 1 — 5 von
einem andern und zwar paläftinenfifchen Verfaffer flammen
, während die Heimat des zweiten Teils nach allgemeiner
Annahme Alexandria ift. Auch nach der formalen
Seite unterfcheiden fich die beiden Teile, jedoch fo, daß
die Eigentümlichkeiten des zweiten fich, wenn auch in
geringerem Maße, im erften ebenfalls finden. Neben der
Verfchiedenheit beftehe alfo eine unverkennbare Übereinftimmung
, die fich nur durch die Annahme erklären
laffe, daß beide Teile in der vorliegenden Geftalt das
Werk Einer Hand feien. Mit dem früheren Ergebnis ver-
, einigt dies Focke auf die Weife, daß er annimmt, der
Verfaffer der von vornherein griechifch gefchriebenen
c. 6—19 habe c. 1—5 aus dem Hebräifchen überfetzt,
c. I—5 follen den Gegenfatz zwifchen Pharifäern und
J Sadduzäern fchildern und aus der Zeit des Alexander
j Jannäus Hammen; c. 6—19 feien unter dem Eindruck
j der Judenverfolgung unter Ptolemäus Lathyrus gefchrie-
ben. — Im zweiten, allgemeinen Teil fucht Focke die
I Entftehung der Sap. im Rahmen ihrer Zeit darzuftellen;
er behandelt die griechifche Philofophie in der Sap., den
Einfluß der griechifchen Kultur auf das alexandrinifche
1 Judentum, die jüdifch-alexandrinifche Religionsphilofophie,
die Lebensbedingungen der Sap. und ihren Stil. Im
Anhang endlich unterfucht er ihr Verhältnis zum Apoftel
Paulus.

Die flott gefchriebene Arbeit macht einen recht guten
Eindruck. Der Verfaffer fucht das Thema von möglichft
vielen Gefichtspunkten aus zu behandeln. Er ift in der
griechifchen und helleniltifchen Literatur zu Haufe. Er
arbeitet gründlich und handhabt die philologifche Methode
ficher und gefchickt.

Und doch kann man gewiffe Bedenken nicht unterdrücken
.

Das Merkwürdige, das eigentliche Problem einer
Schrift wie der Sap., liegt in dem Neben- und Durcheinander
von Jüdifcnem und Griechifchem. Natürlich hat
Focke das auch erkannt, aber, wie mir fcheint, das Problem
doch nicht in der erforderlichen Tiefe erfaßt. Als
klaffifchem Philologen ift ihm wohl bekannt, wie in feiner
Wiffenfchaft die Erforfchung der literarifchen yevrj aufgekommen
ift, und fo fucht er auch felber in der Sap. die
griechifchen ytv/j herauszufinden. Aber er weiß nicht, daß