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Ausgabe:

1914

Spalte:

272-273

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wendland, Walter

Titel/Untertitel:

Die praktische Wirksamkeit Berliner Geistlicher im Zeitalter der Aufklärung (1740 - 1806) 1914

Rezensent:

Stephan, Horst

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 9.

272

infaffen geht nur neben her. Und während im Dialogus
in völlig kritiklofer Weife Gefchichten zufammengeftellt
werden, ift hier mit allen Mitteln moderner Wiffenfchaft
eine forgfältige Unterfuchung geführt, die die Entftehung
und Befeftigung der Grundherrfchaft, ihre Verwaltung und
ihr Verhältnis zur Landesherrfchaft durch alle Jahrhunderte
bis zur Aufhebung des Klofters verfolgt. Die Frage legt
fich freilich nahe, ob eine derartige minutiöfe Einzelunter-
fuchung die darauf verwendete große Arbeit lohnt, zumal
der Verfaffer felbft bekennt, daß feine Arbeit dem Bilde,
das wir bisher von den Klöftern des Zifterzifienferordens
befitzen, keine wefentlich neuen Züge geben konnte. Doch
möchte ich den Wert der Unterfuchung nicht unterfchätzen.
Es ift von Intereffe, zu verfolgen, wie die Zifterzienfer,
die ja .nicht vom Schweiße anderer Leben wollten', fchon
zur Zeit der Gründung Heifterbachs (1189) fich nicht
darauf befchränkten, in unwirtlichen, unbebauten und
herrenlofen Gegenden fich niederzulaffen, fondern trotz
des entfchiedenften Widerftandes der Einwohner in wohlbebaute
Landfchaften fich eindrängten, wie fie dort
durch kluge Politik fich feftzufetzen verftanden, wie fchon
bald energifche Äbte durch ihre Expanfionspolitik eine
förmliche Revolution gegen fich hervorriefen, wie die entwickelten
Kulturverhältniffe des Rheinlandes den Eigenbetrieb
, der das Ideal des Ordes war, überflüffig machten,
wie die Mönche fehr bald fchon der körperlichen Arbeit
entfagten, und wie fchließlich die Abtei zu einem behaglichen
Stift wurde, das feinen Mitgliedern ein forgenfreies
Dafein und ein Leben in angenehmer Muße darbot.

Wenn zur Erklärung für diefe Entwicklung hingewiefen
wird auf ,die harten Verhältniffe der Wirklichkeit und die
daraus fich ergebenden Widerftände, die auch beim
redlichften Bemühen fich nicht immer befeitigen ließen'
(S. 80), fo kennen wir diefe Begründung aus der Gefchichte
des Minoritenordens nur allzugut, wo fie durch Jahrhunderte
hindurch immer aufs neue vorgebracht wird.

Stuttgart. Lempp.

Körber,Dr.Kurt:Kirchengüterfrage u. fchmalkaldifcher Bund.

Ein Beitrag zur deutfchen Reformationsgefchichte.
(Schriften des Vereins f. Reformationsgefchichte. 30.
Jahrg., 3. u. 4. Stück.) (VII, 192 u. III S.) Leipzig,
R. Haupt 1913. M. 2.40

Bereits an anderer Stelle habe ich darauf hingewiefen,
wie nötig eine Unterfuchung über die Schickfale des
Kirchengutes in den evangelifchen Gebieten im Reformationszeitalter
ift. Eigene Forfchungen hatten mir die
Wichtigkeit der Frage immer nahe gelegt; die durch den
Einzug und die Verwaltung desfelben entftehenden Verwicklungen
laffen allein oft die Haltung des Schmalkal-
difchen Bundes verftändlich erzeigen. Diefem Wunfeh
ift nunmehr Rechnung getragen. In einer eingehenden
Arbeit wird nun diefe Angelegenheit behandelt. Der
Schwierigkeiten gabs genug, fie erklären es, warum man
fo lange darauf warten mußte. Sehen wir ab von Helfen
und Sachfen, in welchem evangelifchen Gebiet find über
diefe Frage eingehende Forfchungen bisher angefleht
worden? Erft in letzter Zeit hat man die Schickfale des
Württemberger Kirchengutes gründlich unterfucht; die
drohende Auseinanderfetzung drängte dazu, wenn anders
die Kirche nicht follte Schaden erleiden.

Körber hat nun mit gutem Grund auf alles archi-
valifche Forfchen verzichtet, er erwähnt nur einmal eine
urkundliche Quelle, vielmehr fleißig ausgebeutet, was bisher
fchon ans Tageslicht gekommen war, mochte es auch noch
fo zerftreut fein. Ein zweifaches wird klar: In den Verhandlungen
der Schmalkaldener Bundesgenoffen nimmt
die Behandlung diefer Fragen einen breiten Raum ein,
ja fie wird das Band, das die Stände immer wieder zu-
fammenführt. Vor den drohenden Kammergerichts-
prozeffen konnte nur einmütige Rekufation fchützen. Aber

, zu einer einheitlichen Behandlung diefer Frage ift es nie gekommen
; jeder Fürft war zu felbftändig, als daß er fich hätte
in feinem Vorgehen durch gemeinfame Richtpunkte ein-
fchränken laffen. Gegenüber Sachfen und Heffen kommen
I die füddeutfehen evangelifchen Stände doch zu kurz weg.
| Es läßt fich das wohl begreifen, obwohl in neuerer wie
in älterer Zeit manches Material zu Tage gefördert wurde.
I So fei für Brandenburg verwiefen auf K. H. Lang, neuere
j Gefchichte des Fürftentums Baireuth II (1801) und für
Nürnberg auf J. W. Hilpert, Gefchichte der Entftehung
I und Fortbildung des proteftantifchen Kirchenvermögens
| der Stadt Nürnherg 1848. Die Säkularifation der Klöfter
: ift für beide Gebiete in neuerer Zeit in manchen Artikeln
behandelt worden. Gerade die Stellung Nürnbergs verdiente
eine befondere Beachtung. Der Rat verftand es,
; die Gunft des Kaifers immer zu behaupten, obwohl man
in der Stille fich der ganzen Kirchengewalt bemächtigte
und darin hinter keinem andernStandzurückblieb. Langfam
aber zielbewußt und ficher erreichte man fein Ziel. Kugler
hat hingewiefen auf das Stadt- und Landalmofenamt, das
fämtliche geiftliche Güter in fich vereinigte. Das ift nur
J in beftimmtem Sinne richtig. Dem Rate in Nürnberg fiel
es, als man die Schwierigkeiten anderer Städte fah, eben-
; fowenig ein, wie Brandenburg, die Vermögensverwaltung
der meiften Klöfter nach der Säkularifierung aufzulöfen;
man bildete einfach aus denfelben Klofterämter. Dadurch
meinte man gegen die Angriffe des Kammergerichtes
einigermaßen gefchützt zu fein. In obige beide Ämter
Hoffen auch nur die Einkünfte aus dem alten Stadt- und
Landgebiet. Nach dem bayrifchen Erbfolgekriege (1504)
| war ja der Stadt ein neues umfangreiches Landgebiet
zugefallen. Hier ging man noch behutfamer vor. Allmählich
vereinigte man in allen Pflegeämtern die Pfründen
zu gefonderten ,geiftlichen Gütern', die vom Amtskaftner
verwaltet wurden. Daraus bezogen Pfarrer, Lehrer etc.
ihre Gehälter. Die Gotteshäufer ließ man aber meift im
Befitz ihres Vermögens, nur kontrollierte man die richtige
Verwaltung. Damit hat aber der Rat eine vielfach erft
in letzter Zeit verwirklichte Frage gelöft: die Neuge-
ftaltung der Befoldung durch Aufheben des Pfründen-
wefens. Daß es mancher Geiftliche fühlte, welch gewaltige
Umwälzung vor fich ging, zeigt der Verlaß des Landpflegamts
zu Nürnberg vom 22. Juli 1536: ,mit einem Grund
zu erfahren, wann der Caplan (zu Velden) ob der Kanzel
gefagt, wir find alle evangelifch und unfere herrn zu
Nürnberg auch, fofern fie die geiftlichen Güter einnemen
und fonft nicht etc.' Möge diefe Arbeit zu weiteren
lokalgefchichtlichen Forfchungen die Richtlinien geben.

Alfeld bei Hersbruck. Schornbaum.

Wendland, Walter: Die praktifche Wirkfamkeit Berliner
Geiftlicher im Zeitalter der Autklärung (1740—-1806).
Gießener Differtation. (59 S.) 8°. Neuruppin 1913.
Wendlands Differtation. ift zwar ein Bruchftück, das
feine Vervollftändigung erft im Jahrbuch für branden-
burgifche Kirchengefchichte von 1914 finden foll. Aber
fie darf fchon jetzt Anfpruch auf Beachtung erheben.
Denn fie befchäftigt fich wefentlich mit Männern, die
durch das Schlagwort .Aufklärung' nur ungenügend
beftimmt find und tatfächlich fowohl wegen ihrer ge-
fchichtlichen Wirkungen wie wegen ihres befonderen
Typus der Frömmigkeit ein genaueres Studium verdienen.
Es find vor allem der ältere (A. Fr. W.) und der mittlere
(Fr. Sam. Gottfr.) Sack, Spalding, Teller. W. fchil-
dert ihre Predigtweife und ihren religiöfen Gefamtcharakter
mit großem Verftändnis und ftellt die Quellen zufammen,
aus denen man fich noch gründlicher unterrichten kann.
Da die Perfönlichkeit und Frömmigkeit diefer Männer
nicht allzu kompliziert oder weitftrahlig ift, war die Arbeit
an fich verhältnismäßig einfach. Ihr Hauptverdienft
liegt einmal darin, daß fie die Bedeutung des Themas