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Ausgabe:

1914 Nr. 9

Spalte:

270-271

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pauen, Heinrich

Titel/Untertitel:

Die Klostergrundherrschaft Heisterbach. Studien zur Geschichte ihrer Wirtschaft, Verwaltung und Verfassung 1914

Rezensent:

Lempp, Eduard

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 9.

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eigentümlichen Weife erlebt und in Kirche, Staat, Sitte
und Kultur ausgeprägt. Das gefamte Leben in feiner
vielgeftaltigen Wirklichkeit muß bei jeder Hauptftätte,
den Ländern und den Völkern ftudiert werden, um den
vollftändigen Ausdruck der chriftlichen Religion bei ihnen
zu erkennen. Als Quelle dafür dient die Literatur, die
Archäologie und namentlich auch die Münzkunde. Es lag
nahe, gerade bei Konftantinopel anzufangen, fowohl wegen
der zentralen Bedeutung der Stadt, als auch weil hier
noch eine Lücke in der Forfchung beftand. Die Be-
fchränkung auf die Zeit bis 450 ergibt fich daraus, daß
von da an der byzantinifche Typus auftritt.

Nach diefen grundlegenden Ideen ift das höchft anziehende
Buch angelegt und ausgeführt. Der erfte Teil
(bis S. 174) gibt das Bild vom politifchen und kirchen-
politifchen Standpunkt aus, indem die Gedankenführung
fich den Zeiten und Taten der einzelnen Kaifer an-
fchließt. Der zweite fchildert unter der Überfchrift .Kirche,
Staat und Gefellfchaft' die chriftliche Kultur der Zeit.
Ein großes Netz von einzelnen Beziehungen ift geknüpft,
das Ganze gibt ein fehr lebensvolles Bild jener Zeit.

Aus dem erften Teil heben wir befonders hervor die
Anfänge Konftantinopels, wo die Perfon Konftantins des
Großen durch fein fchöpferifches Walten in der Stadt,
namentlich auch durch die Überwindung des Gegenfatzes
vom Chriftentum zum Heidentum und durch fein Verhältnis
zu Arius die Aufmerkfamkeit feffelt. Bei Julian
intereffiert es befonders, wie feine Reformen in der Stadt
doch faft nur auf den Palaft fich befchränken. Sehr
lebensvoll gezeichnet ift auch die Wirkfamkeit der
beiden Theologen, Chryfoftomus unter Arkadius und
Gregor von Nazianz unter Theodofius dem Großen in
Konftantinopel. In der Zufammenfaffung des erften Teils
fagt der Verfaffer, daß das Chriftentum unter den oft-
römifchen Kaifern der Zeit in der Staatsverwaltung, der
Induftrie, dem Handel, der Literatur und der Kunft einen
belebenden, alfo auf vielen Gebieten einen regeneriren-
den Einfluß gehabt hat.

Der zweite Teil führt noch mehr in die Verbindungen,
die die Kirche mit der Kultur im alten Konftantinopel
eingegangen ift. Themata, wie ,der Bifchof und die
geistlichen Kreife', ,das Kaifertum und der Hof lefen
fich vorzüglich. In einem weiteren Abfchnitt erfahren
wir von dem bequemen Leben der chriftlichen Patrizier,
von dem Senat, der mehr Prunkftück als Volksvertretung
war, vom chriftlichen Frauenideal der Zeit, nach Chryfo-
ftomos namentlich gezeichnet, von der Zunahme der
freien Arbeit und der Abnahme der Sklaven, einer Wirkung
des Chriftentums, wie es aber doch für die reichen
Herren und Frauen mit dazu gehörte, mit möglichft vielen
Sklaven zu erfcheinen. Auch das elende Proletariat, der
Bettel und die Proftitution warfen tiefe Schatten in das
Bild. Aber fchon Gregor von Nazianz prägt gegen die
doppelte Moral das Wort: ,Ein Gefetz, ein Tod, eine
Auferftehung'. Auch der Abfchnitt über das Erziehungs-
wefen, der die Erziehung von klein auf bis zur Univer-
fität verfolgt, ift höchft lefenswert. Gut ift auch, daß der
^rzj^.nur>g des weiblichen Gefchlechts gedacht wird.
Endlich ift auch das Kapitel über die Volksfrömmigkeit
lehr erwähnenswert.

Ich wünfche das Buch auch in die Bibliotheken der
Predigerfeminare und die Hände der praktifchen Geift-
iichen. Es ift das Leben in diefem Buche erreicht. Und
wir haben noch nicht zu viel Werke aus der Kirchen-
gefchichte, von denen man das fagen kann.

Hannover. Ph. Meyer.

Dreiling, Dr. Pater Raymund, O. F. M.: Der Konzeptualis-
mus in der Univerfalienlehre des Franziskanerbifchofs Petrus
Aureoli (Pierre d'Auriole). Nebft biographifch-
bibliograph. Einleitg. (Beiträge zur Gefchichte der

Philofophie des Mittelalters. XI. Bd., 6. Heft.) (XIII,
224 S.) Münfter, Afchendorft 1913. M. 7.50

Aureoli (1322t) bedeutet eine wichtige Weiterbildung
der hochfcholaftifchen Philofophie. Der gemäßigte Realismus
eines Thomas und der extreme eines Duns Scotus
forderten eine Kritik. Die Einheit des Individuums ift
bei der extremen und gemäßigten Verobjektivierung der
Allgemeinbegriffe nicht genügend gewahrt und dabei zugleich
der Erkenntnisvorgang unverftändlich. Die empi-
riftifche Seite unferes Erkennens mußte mehr betont
werden. Diefe Aufgaben verfuchte Aureoli durch feinen
Konzeptualismus zu löfen. Die Hauptthefis desfelben
lautet: Unfern univerfellen Begriffen entfprechen in realen
Dingen keine befonderen Naturen, fo daß jedem einzelnen
Begriffe ein reales Korrelat gegenüberftände. Dann wären
die Außenweltdinge aus folchen Naturen zufammengefetzt.
Sie find jedoch durchaus einfach. Je nachdem fie von
uns verfchieden vollkommen und klar erfaßt werden, bilden
wir uns von ihnen generifche und spezififche Begriffe.
Diefe find deshalb dennoch keine reinen Illufionen. Ihnen
entfpricht in der Außenwelt ein gewiffes potentiales Sein
(120, 4). Auch von unferm Willen hängt die Form unfrer
Begriffe ab. Die Einheit der Art befteht jedoch nur in
der Ähnlichkeit der partikulären Dinge (141). Daß das
eigentliche Wefen der Dinge uns unbekannt bleibt, wird
von diefem empiriftifchen Subjektivismus deutlich erfaßt.
Das Individuationsproblem wird auf eine andere Grundlage
geftellt.

Diefe Betonung des fubjektiven und empirifchen Momentes
in unferm Erkennen ift alfo ein wichtiger Schritt
vorwärts in der mittelalterlichen Philofophie, der fich der
modernen Denkweife nähert. Auch die zeitgefchichtliche
Bedingtheit diefes Syftems wird in klarer Weife angedeutet1
und uns Aureoli auch als Menfch (fein ausgefprochener
Individualismus) näher gebracht. Seine Berührungen mit
der islamifchen Philofophie zeigen, wie intenfiv diefe auf
das chriftliche Mittelalter gewirkt hat, natürlich nur in
der Form, wie fie fich in den lateinifchen Überfetzungen
zeigte. Averroes foll (194) nach diefen behauptet haben,
Gott erkenne nicht die Einzeldinge. Die arabifchen Quellen
zeigen allerdings das Gegenteil2. Somit zeigt uns
diese treffliche und mit großem Fleiße und Sachverftänd-
nis durchgeführte Arbeit, daß die Scholaftik durchaus
keinen einförmigen Strom bildet. Es gab in ihr wie auch
in der gleichzeitigen islamifchen Philofophie ein fprühen-
des Leben und eine fich ftetig vertiefende Auffaffung
der Probleme.

Bonn. M. Horten.

Pauen, Dr. Heinr.: Die Kloftergrundherrfchaft Heilterbach.

Studien zur Gefchichte ihrer Wirtfchaft, Verwaltg. u.
Verfaffg. (Beiträge zur Gefchichte des alten Mönchtums
u. des Benediktinerordens. 4. Heft.) (XI, 219 S. m. 3
färb. Karten.) Lex. 8°. Münfter i. W, Afchendorft" 1913.

M. 6 —; geb. M. 7.7 5

Das Klofter Heifterbach verdankt feine Berühmtheit
dem dialogus miraculorum feines Mönchs Cäfarius, in der
Gefchichte ift es fonft eigentlich nirgends hervorgetreten.
Die vorliegende Arbeit führt uns nun freilich in eine ganz
andere Luft als jener Dialogus. Während hier die ganze
Tendenz eine erbauliche, religiöfe ift und die Zeitverhält-
niffe und Wirtfchaftsverhältniffe nur nebenbei geftreift
werden, ift in der Arbeit P.'s die Befchreibung der wirt-
fchaftlichen Verhältniffe einziger Zweck, und die Verherrlichung
oder Verteidigung der religiöfen Arbeit der Klofter-

!) Es ift eine Weiterbildung des Hervaeus Natalis und Durandus
de Sancto de Porciano und eine energifche Reaktion gegen Duns Scotus.

2) Vgl. Horten: Die Hauptlehren des Averroes, S. 235(1", 240fr,
und derfelbe: Texte zum Streite zwifchen Glauben und Wiflen im Islam,
S. 40 und oft.