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Ausgabe:

1914 Nr. 7

Spalte:

215-216

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Häberlin, Paul

Titel/Untertitel:

Wissenschaft und Philosophie, ihr Wesen und ihr Verständnis. 2. Bd.: Philosophie 1914

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 7.

216

grenzt und umgekehrt. Gelegentlich fällt bei ihm der
Philofoph und der ,Prophet' zufammen.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Birven, Dr. Henri Clem.: Immanuel Kants transzendentale

Deduktion. (,Kantftudien', 29. Ergänzungsheft.) (IV,
55 S.) gr.8°. Berlin, Reuther & Reichard 1913. M. 2.50

Die forgfältige und fcharffinnige Studie ift im wefent-
lichen eine vertiefende und erweiternde Begründung der
Grundanficht Riehls über Genefis und Bedeutung der
transzendentalen Deduktion. Zunächft bekennt fich der
Verfaffer zu der namentlich von Riehl vertretenen Anficht,
daß die wefentlichen Lehren der Deduktion beiden Auflagen
gemeinfam find. Er geht daher von der 1. Auflage
aus, da die Kenntnis der 2. Auflage durch die der
erften bedingt und gegeben fei. Riehl hatte den Gedanken
geäußert (Ph. Kr. I p. 513), daß Kant die transzendentale
Apperzeption auf doppeltem Wege begründet
1 habe, einmal in Parallele zur Äpprehenfion und Repro-
wL"^ Z? ^ 1 duktion. zweitens gleichfam umgekehrt vom Gegenftand

aus. Riehl hatte ferner behauptet (I, p. 377), die Deduktion
werde nicht weniger als dreimal von verfchiedenen Seiten
aus in Angriff genommen und durchgeführt. Beide Gedanken
fucht der Verfaffer in eindringender Analyfe zu
begründen. Dabei weift er vom Standpunkt feiner immanenten
Interpretationsmethode aus mit Recht jeden
Verfuch einer fubjektiv-idealiftifchen Deutung der Gedankengänge
zurück. Ebenfo fucht er fcharf die Einheit
der Beweisführung herauszuarbeiten und vermag z. B. in
der Lehre von den oberften Gefetzen der Erfahrung und
den befonderen erfahrbaren Gefetzen weder mit Paulfen
einen ,Bruch', noch mit Addickes einen ,Konflikt' in der
Lehre von der Deduktion zu erkennen. Er ftellt drei
Eaffungen der Deduktion als abgefchloffene, in fich gegründete
, eigentümliche Arten der Beweisführung heraus

Vortrags bis Leibniz (Hempel 18,82) eintritt: es ftellt
den Verfuch dar, aus Kiefel Feuer zu fchlagen, d. h. in
fremder Meinung erträglichen Sinn zu entdecken, hat alfo
mit einem fittlich zweifelhaften Verfteckfpielen nichts zu
tun. Erft unter 3 ftellt Kr. die Verbindung zwifchen den
beiden, bis dahin gefondert behandelten, Tatfachenreihen
her. Zug um Zug entfpricht die eine Reihe der andern:
die Thefe drängt fich dem Lefer als unbeftreitbar auf,
der Verfaffer der .Erziehung' ift Thaer, Leffing hat fie
ftiliftifch geändert, die Sätze gekürzt, im zweiten Teil
durch Zufätze bereichert. Fragen und Zweifel bleiben
übrig. Warum hat Thaer Leffings, Leffing Thaers Namen
fo konfequent verfchwiegen? Die Erinnerung an das Verhältnis
zu Reimarus mag hier Vieles aufklären. Wie weit
aber läßt fich L.s Sondereigentum feftftellen? In den 20
letzten Paragraphen find L.s Stil und Gedanke unverkennbar
. Aber auch zuvor fchon? Läßt fich ferner über
die Vorgefchichte nichts Näheres ermitteln? Läßt fich im
pädagogifchen Zeitalter (Wernle S. 55) die Anwendung
des Erziehungsgedankens auf den Gefchichtsverlauf nicht
reichlicher nachweifen? Bedarf das Verhältnis des Bückeburger
Herder zu Leffing, und umgekehrt Leffings zu
Herder, keiner näheren Unterfuchung? Für all diefe
Fragen bietet Krüger S. 23 h 33 f. 43?) Fingerzeige, die
zu weiterer Forfchung anregen möchten. Einmal aufgegriffen
, wird der Gegenftand aus unferer Literatur jedenfalls
fo bald nicht verfchwinden.

Gießen. S. Eck.

Häberlin, Priv.-Doz. Dr. Paul: Wiffenfchaft u. Philolodhie,

ihr Wefen u. ihr Verhältnis. 2. Bd.: Philofophie. (427 S.)
8«. Bafel, Kober 1912. M. 6 —; geb. M. 8 —

Der erfte Band diefes Werkes ift in diefer Zeitung
(1911 Sp. 436 h) befprochen worden. Es handelte fich

darin insbefondere um eine Auseinanderfetzung über das i R „ 112 126 2 • 2 n i-'ö3_ito1" 3 o i"to&2—iffj^

Wefen und die Leiftungsfähigkeit der rein theoretifchen, | Kehrbach), und unterfucht die Eigenart und Genefis diefer
der wiffenfchafthchen Erkenntnis Der zweite vorliegende , dreifachen Beweisführung genauer an der Hand der Korn-
Band legt nun zunächft dar, daß es neben dem Streben pofltion und der Entwicklungsgefchichte diefes Teils der
nach theoretifcher Wahrheit auch ein Streben nach ,prak- | Kritik d r V

tifcher Wahrheit' gebe. Er richtet fich darauf, eine ab- Ich geftehe, daß ich nicht überall überzeugt bin. Das

folute Norm für alles Werten und Handeln zu finden, ■ fchWerfte Bedenken habe ich gegen den Verfuch des
und gelangt zu feinem Ziel durch die Ermittelung einer I Verfaffers, feine Interpretation durch eine Umftellung zu
,abfoluten Autorität' oder eines ,abfoluten Ideals', dem , fl-ützen Er fchließt an p. 1183 fogleich p. 121 2 an, weil
die abfolute Norm ihr Däfern verdankt. Freilich weder ] die Unterfuchung über den Begriff des Gegenftandes zu
mit der bloßen Löfung des theoretifchen Problems noch : unvermittelt und unerwartet auf die beiden erften Abfätze

mit derjenigen des praktifchen Problems allein ift die
Aufgabe des Philofophen erfchöpft. Sie befteht vielmehr
darin, durch Vereinigung der theoretifchen und der praktifchen
Wahrheit eine ,Weltanfchauung' zu begründen.
Und zwar ift das leitende Prinzip bei der zu vollziehenden
Synthefe die praktifche Überzeugung. Denn fie involviert
das Vertrauen, ,daß Ideal und Wirklichkeit nicht ewig
oder nicht abfolut im Widerfpruch zu einander flehen
können', daß ,die ideale Welt in der realen eingefchloffen
ift, oder ,hinter ihr fleht', — oder daß umgekehrt die
reale Welt ,Ausdruck' oder ,Symbol' der idealen ift'.
Damit ift bereits angedeutet, was jedoch noch vom Autor
in ausführlicher Kontroverfe erläutert wird, daß die Welt-
anfchauung ,auf andrem als nur wiffenfchaftlichem Wege'
zuftande kommt. Das Fühlen und Werten, alfo das Individuelle
, fpielt mit eine Rolle. .Philofophie in unferm
Sinne muß individuell fein; aber fie befitzt trotzdem für
das philofophifche Individuum höchfte Überzeugungs
kraft'.

Wie der erfte Band, fo ift auch der zweite, deffen
Inhalt hier nur in aller Kürze angedeutet werden konnte,
klar und fließend gefchrieben, wenn gleich hin und wieder
ein den Sachverhalt veranfchaulichendes Beifpiel willkommen
gewefen wäre. Intereffant wäre übrigens auch,
zu erfahren, wie der Verfaffer angefichts feiner Begriffs-
beftimmung der Philofophie diefe gegen die Religion ab-

des Abfchnittes über die Rekognition folge und umgekehrt
der Abfatz p. 1212 (,Nun können keine Erkenntniffe in
uns ftattfinden') unbedingt vor jene Unterfuchung über
den Gegenftand gehöre. Es ift philologifcher Grundfatz,
daß man einen gegebenen Text nicht eher ändern darf,
als bis er fich als abfolut unmöglich erwiefen hat und
die Änderung als abfolut notwendig bewiefen ift. Auch
fonft ift die Interpretation des Verfaffers nicht ohne Ge-
waltfamkeiten. Er geht von parallelen Schemata aus und
verfucht die Gedankengänge ihnen anzupaffen, ftatt umgekehrt
aus diefen jene zu analyfieren.

Hannover. Dr. Bruno Jordan.

Eucken, Rudolf: Die Lebensanlchauungen der großen Denker.

Eine Entwicklungsgefchichte des Lebensproblems der
Menfchheit von Plato bis zur Gegenwart. 9., vielfach
umgeftaltete Aufl. (VIII, 543 S.) gr. 8°. Leipzig, Veit
& Comp. 1911. M. 10 — ; geb. M. 11 —

Wer nur die erfte Auflage von diefem wertvollen
Werke kennt, wird mit großem Intereffe den ganzen dritten
Teil der neunten Auflage von neuem ftudieren. Die
Mängel, die Profeffor Gottfchick bedauert (Theologifche
Literaturzeitung 1891, Nr. 23 u. 24), find jetzt zum großen
Teil befeitigt. Zwar macht uns der Verfaffer darauf auf-