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Ausgabe:

1914 Nr. 7

Spalte:

201-203

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Harnack, Adolf

Titel/Untertitel:

Ist die Rede des Paulus in Athen ein ursprünglicher Bestandteil der Apostelgeschichte? - Judentum und Judenchristentum in Justins Dialog mit Trypho 1914

Rezensent:

Knopf, Rudolf

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Theologifche Literaturzeitung 1914 Nr. 7.

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im Königreich Sachfen ufw. ernannt, fo daß er wegen in Athen geftaltet habe. Die Überarbeitung habe erft

letzterer Würde nicht mehr Zeit fand, den Ertrag der '' nach dem Anfang des 2. Jhrh. stattgefunden. Gegen

fortfchreitenden Wiffenfchaft feinem Buche einzuverleiben, diefe Aufftellung Nordens wendet fich H. in der erften

Für ihn übernahm fein Schüler Meinertz, Profeffor in j Abhandlung des vorliegenden Heftes.
Münfter, die Arbeit Er hat nicht nur die Beziehungen Die Gründe, die er gegen Norden anführt, find

auf die neuere Literatur reichlich eingetragen, fondern
auch fonft in der Darfteilung viel verändert.

Der Vorzug des Buches beruht in forgfältigen Inhaltsangaben
, die auch eine durchgeführte Gliederung enthalten
, fowie in den Mitteilungen über Bezeugung der
Schriften in der älteren kirchlichen Tradition. Recht
glücklich find auch die Paulusbriefe in eine kurze Befolgende
: U Der Verf. der Apgfch. (Lukas) ftand der
vulgären Miffionspredigt erheblich näher als Paulus. Es
befteht alfo von Anfang an kein Bedenken dagegen, daß
er den religiöfen Stoff der Areopagrede, der jüdifch-ftoifch
ift, fich zu eigen gemacht habe. 2. Da die Apgfch. eine
Miffions- und Ausbreitungsgefchichte des Chriftentums
bis nach Rom gibt, da die Reife des Paulus von Afien

fchreibung des Lebensganges des Apoftels eingefügt, j nach Europa ficher ein urfprünglicher Beftandteil der
Im übrigen kann die Kritik nicht allzu günftig urteilen. , Apgfch. ift, fo muß der Aufenthalt in Athen, den Paulus
Der Mangel des Buches liegt darin, daß es — im Unter- j felber bezeugt, mindeftens erwähnt gewefen fein. 3. Die
fchied von fonftiger Gepflogenheit auf katholifcher Seite—I Apgfch. bietet in den fich fteigernden Petrusreden ein
die Bedenken, die gegen die Tradition geäußert worden ! Bild der urapoftolifchen Verkündigung an Juden und Profind
, vielfach ohne hinreichende Gründe zurückweift. Das j felyten, fie bringt dann eine Miffionsrede des Paulus an
trifft befonders für die Vierkapitelhypothefe (2. Cor.), für die Juden in der Synagoge (13), an die Heiden auf dem

die Zweiquellentheorie und für das johanneifche Problem
(Evgl. und Apoc.) zu. Es ift das ein Fehler in der Anlage,
den der Verf. nicht mit Bewußtfein gezeitigt hat; denn
ausdrücklich erklärt er es für eine Hauptaufgabe der

Areopag (17), eine Rede an feine Gemeinde in chrift-
licher Verfammlung (20). Entfernt man die Areopagrede,
fo wird ein Kernftück des Buches ausgebrochen. 4. Die
Erzählung 17,16—223, 32—34, das Rahmenftück der Rede,

Einleitungswiffenfchaften, den Einwendungen wider die | ift durch ftarke Klammern inhaltlich, fprachlich und fti-

Echtheit der neuteftamentlichen Schriften bei den Gelegen- ; liftifch mit dem übrigen Werke verbunden. 5. Aber auch

heiten, wo fie vorgebracht werden, Rede und Antwort die Rede felber ift fachlich, fprachlich und ftiliftifch eng

zu flehen (S. 11). I mit dem übrigen Buche verknüpft und durch die Ein-

Das Buch ift mit BewußtfeiD apologetifch gehalten. Der Infpiratious- i leitung 17,16—22 gefordert Für diefe beiden unter 4. und

glaube ift zur Vorausfetzung gemacht, zu deren Begründung wir auf die 5. aufgezählten Gründe wird ein eingehender Sprach- und

Kundamentaltheologie verwiefeu werden. Die katholifchen Traditionen Stilbeweis angetreten. 6. Die Überlieferung- von einer

S^vÄirit3^eäSÄ: KChl!mm ^Jk^S^I^ Apolloniusrede in Athen läßt fich nicht in einer folchen

dem erluch, Petrus zum eigentlichen Kegrunder der romifchen Gemeinde , -r j- a . ., , __ TiiA , «

zu machen. Die Bedeutung Roms und die Schwierigkeit feiner Lage Form nachweifen, daß mit ihr das Vorbild der Areopag-

begriinden nach ihm die Annahme, daß frühzeitig eine Fürforge von den 1 rede wirklich fchlagend und unwiderleglich aufgezeigt ift.

Apofteln getroffen ward und daß womöglich einer aus ihrer Mitte fich j £in Teil des Berichtes bringt ganz allgemeine Züge, die
dahin begab; da nun die Gemeinde ^f^ xc^K^^^Ub ^chtB beweifen, die Anknüpfung der Rede hier und dort

erhalt, fo hat die Iradition eine innere Wahrfcheinlichkeit ufw. Natürlich 1 ..... , , r-T,. 1 • 11

zieht der Verf. frühe Datierungen vor: Matth, um 63, Marc, um 67. Luk. j an Altare unbekannter Gotter oder eines unbekannten
zwifchen 67 und 70, dsgl. Apg. (alfo doch nicht fo früh wie bei Harnack), Gottes als an Zeichen befonderer Frömmigkeit verliert
Hebr. vor 70 (hier ift das Argument beachtenswert, daß, wenn der Brief j ihre Beweiskraft, wenn fich zeigen läßt, daß die Über-

vor Rückfall ins Judentum warnt, wie der Verf. annimmt, eine folche : ijeferung, Apollonius habe eine Rede in Athen an die

Gefahr nach der Kataftrophe von 70 nicht mehr wahrfcheinlich ift). Bei : »1. ',,r x,,;f! _i_ 7 -„l.,„ u„r„ j rr •• • 1 -j.

drei Briefen will M. bei apoftolifcher Abfaffung doch dem Schreiber r^S^^l^iSSTT^ befonderer Frömmigkeit ange-

Einßuß auf Stil und Schrift zuweifen, bei Hebr. I. und II. Petr. Den
Schreiber des Hebr. wagt er nicht zu beftimmen; doch nimmt er an,
daß Paulus die Schlußworte felbft gefchrieben habe. Wie bei L Petr.
Silvanus mitbeteiligt ift, fo ift bei II. Petr. an Clemens zu denken.
Daß iu dem unter petrinifchem Einfluß flehenden Marc, gerade die
wichtigften Petrusüberliefeningen fehlen, fucht M. pfychologifch begreiflich
zu machen, doch find die Ausführungen kaum einleuchtend. Unklar
bleibt das Urteil über den Schluß des Marc. Die Verwandtfchafts-
verhältniffe der Synoptiker hätten an einer Tabelle aufgezeigt werden
follen. Ganz fchief ift die Meinung, Joh. zeige uns Jefus vor den jeru-
falemer Hierarchen, während die Synoptiker ihn vor den galiläifchen
Volksfcharen reden laffen, daher der Unterfchied der Lehrweife; als ob
der fynoptifche Jefus nicht auch in feiner unjohanneifchen Weife vor den
Jerufalemer H erarchen fpräche und als ob der johanneifche Chriftus in
feiner unfynopitifchen Weife nicht auch vor galiläifchem Volke lehrte.

In feinem erften Teil berichtet das Werk über die
Gefchichte deis Textes, in feinem zweiten über die Ent-
ftehung der enzeinen Schriften, in feinem dritten, dürftig
ausgefallenen Teil über die Entftehung des Kanons

knüpft, in Wirklichkeit auf einer kühnen Folgerung und
Zufammenftellung Nordens beruht und nicht durch die
drei Stellen gedeckt wird, die er dafür beibringt
Es ift nur eine untergeordnete Ausführung in Nordens
wertvollem Buche, gegen die H. fich wendet Mir
fcheint H. im Wefentlichen an all den Punkten im Rechte
zu fein, wo er die Herleitung der Areopagrede und ihres
Rahmens aus dem kombinierten Berichte über Reifen
und Reden des Apollonius von Tyana bekämpft. Das,
was H. an 6. Stelle, S. 30—41 fagt, ift m. E. fehr treffend
und deckt den fchwachen Grund auf, über den Norden
hier gebaut hat. In anderer Hinficht freilich vermag ich
H. nicht zu folgen. Ich habe gerade wieder in der letzten
Zeit mich eingehender mit der Apgfch. abgegeben, und
wieder aufs Neue gefehen, wie ungeheuer fchwierig es
ift, in ihr Lukas den Arzt an der Arbeit zu fehen. Ein
Mann der zweiten Generation, beftenfalls, redet hier zu

Leinzio- Hans Windifch. uns> und das Buch ift entftanden, indem er Quellen, die

1 ihm vorlagen, überarbeitete. Zu dem Beftande der Über

Harnack, Adolf: Ift die Rede des Paulus in Athen ein! arbeitung gehört aber auch die Areopagrede und daß
r ■ r u tj a -j* -i A^^irr^B.Vhte? — In lhr ftoifche Popularphi ofoph e mit der jüdifch-chnft-

urfprungheher Beftandteil der Apoftelgefchichte? Uchen Miffionsverkündigung fich verbündet, ift mir auch
Judentum und Judenchriftentum in Juftins Dialog mit Trypno. fcnon reit jahren ficher1.

Nebft einer Kollation der Parifer Handfchrift Nr. 450. . Die zweite Abhandlung wendet fich dem fo arg
(Texte u Unterfuchungen zur Gefch. der altchriftl. Li- ; vernachläffigten Dialog Juftins zu und entnimmt ihm, wie
teratur. 39-1.) (98 S.) 8«. Leipzig, J. C. Hinrichs 1913.

chriftentum fich beziehenden Nachrichten.

Ii Ein paar kurze Angaben im Dial. geben Auffchluß
In feinem Buche: Agnoftos Theos (Leipzig 1913) hat über die äußere Gefchichte des Judentums.

M. 3-

Norden angenommen, daß die Areopagrede von dem
fpäteren Redaktor eingefchoben fei, der diefe Rede und
überhaupt das Auftreten des Paulus in Athen nach dem
Vorbilde eines Auftretens und einer Rede des Apollonius

I. Vgl. mein Nachapoftolifches Zeitalter, S. 3S3 und meine Erklärung
zu Apgfch. 17 in J. Weiß, die Schriften des NT., neu überfetzt
, ... 2. Aufl., S. 610 f.

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