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Ausgabe:

1913 Nr. 4

Spalte:

119-120

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hyde, William de Witt

Titel/Untertitel:

The five great Philosophies of life 1913

Rezensent:

Goedeckemeyer, Albert

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Seite 1

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U9

Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 4.

120

Transzendentaliften. Diefer Gegenfatz ift bei Traub dadurch
verdeckt, daß bei der praktifchen Glaubenserkenntnis
fcheinbar immer von der Religion überhaupt die Rede
ift, in Wahrheit aber das Chriftentum und innerhalb der
verfchiedenen Faffungen diefes wiederum lediglich das

willen dem Stoicismus, durch den fie hiftorifch zweifellos
in höherem Grade vorbereitet ift als durch die Lehre
des Ariftoteles, nicht auch fachlich näherfteht als diefer
letzteren, auf die der Verfaffer fie folgen läßt. Indeffen —
das Buch verfolgt wohl in erfter Linie populäre Ziele

Ritfchlfche Luthertum gemeint ift. Das letztere fällt I und kann, foverftanden, nicht nur in vielen Einzelheiten —ich

für Traub mit der Religion überhaupt und einfach
zufammen, ift der einzige mögliche Begriff der Religion,
weshalb ja auch von jeder Religionsphilofophie gefagt wird,
daß fie ohne diefe Vorausfetzung überhaupt garnicht
zu einem Begriff von dem kommen könne, was Religion
ift. Unter diefen Umftänden ift es natürlich fehr viel

mache befonders auf die Beurteilung des Buchftaben-
glaubens (S. 217) und der Dogmen (241 ff.) aufmerkfam
— fondern auch im ganzen viel Gutes wirken.

Königsberg. Goedeckemeyer.

Ehrhard, Albert: Das Vaterunfer. Akademifche Predigten
beffer, die von vornherein fragliche und fteuerlofe Religions- (XI S ) kl g(, Mai Kirchheim & Co. 191
philofophie zu erfetzen durch lheologie. Es fei der rehler ! > * j 0

der fonft billigenswerten modernen Transzendentaliften,
daß fie umgekehrt die Theologie in Religionsphilofophie
auflöfen.

Das Buch wird unter diefen Umftänden den Anhängern
feines Standpunktes fehr willkommen fein und
von ihnen alles Lob verdienen. Bequemer kann man es
ihnen gar nicht machen. Wer wie der Referent umgekehrt
die eigentlich wiffenfchaftlchen Elemente der
fyftematifchen Theologie in Religionsphilofophie auflöfen
zu müffen glaubt, wird freilich in dem Buche die reine
Scholaftik, die völlige Fremdheit gegen alle echten Probleme
der geiftigen Lage, die völlige Austreibung des
philofophifchen Geiftes aus der Theologie, die Erfetzung
des philofophifchen Sinnes durch fchulmeifterliche philo-
fophifche Kenntniffe und die ihnen jedesmal zugeordneten
Gegengifte erkennen müffen. Will man dagegen die
praktifch-religiöfe Verkündigung in ihrer prophetifchen
Freiheit von Philofophie und Abftraktion betonen, fo hat
diefes Buch wieder zuviel dürre Scholaftik und ängftliche
Begriffsfpalterei. Es hat von der Philofophie das Scho-
laftifch-Abftrakte behalten, Geift und Leben dagegen
ausgetrieben. Geblieben ift nur der theologifche Geift
in einer erfreulichen Milde und Weitherzigkeit.

Heidelberg. Troeltfch.

Hyde, William de Witt: The five great Philosophies of life.

(X, 296 S.) 8°. New-York, The Macmillan Company
1911. s. 6.6

Die fünf großen Lebensphilofophien, von denen der
Verfaffer fpricht und in denen er die Typen aller, auch
der gegenwärtigen, Lebensauffaffungen erblickt, find die
epikureifche, ftoifche, platonifche, ariftotelifche und die
chriftliche oder, wie es im Geifte des Verfaffers wohl
richtiger ift, diejenige Jefu. Sie werden in diefer Reihenfolge
, die aber für den Verfaffer zugleich eine Wertfolge
bedeutet, unter möglichft ftarker Benutzung der eigenen
Worte ihrer Autoren befprochen, in ihrer Nachwirkung
bis auf die Gegenwart und auch in ihrer Anwendung auf
deren Probleme verfolgt — Spencer und Mill, Maeterlinck
und Kant, Carlyle und Emerfon und viele andere, meift
amerikanifche, Autoren finden ihre Stelle — und zuletzt
nach ihren fchwachen und ftarken Seiten einer Kritik
unterzogen. Das Refultat ift, daß die Philofophie Jefu
durch ihr Prinzip der alles umfaffenden Liebe höher fteht
als alle anderen Lebensanfchauungen, aber doch erft dann
wahre Vollendung erreicht, wenn fie auch deren berechtigte
Prinzipien in fich aufzunehmen wie fähig fo auch bereit
ift (S. 277 fr.). It is by some such world-wide hiftorical
approach, and the inclusion of whatever elements of truth
and worth other syftems have separately emphasised, that
we shall reach a Christianity that is really catholic (289).

Vom wiffenfchaftlichen Standpunkte aus wäre —■
auch im einzelnen — vielleicht manches einzuwenden.
Vor allem aber könnte man die Frage aufwerfen, ob in
der gewählten Ordnung trotz des Wertgefichtspunktes,
der fie beherrfcht, nicht doch ein Fehler fteckt, und ob
die Lehre Jefu gerade um ihrer vom Verfaffer befonders
betonten demokratifchen und univerfaliftifchen Tendenz

M. 1.80; geb. M. 2.50

In der katholifchen Predigtliteratur find Vaterunfer-
predigten feiten. Um fo größer ift die Spannung, mit
der man dies Bändchen zur Hand nimmt. Erhöht wird
fie durch den Namen des Predigers. Wie wird gerade
E. die Aufgabe löfen, katholifche Predigten über das
Vaterunfer zu halten? Nun, er hat fie fo gelöft, daß das
Vaterunfer in erfreulicher Weife fein Recht gefunden hat,
das fpezififch Katholifche aber (zum minderten) ftark
zurückgetreten ift. Sehe ich recht, fo ift auch nicht ein
einziges Mal von der ,Kirche' die Rede; nur einmal ift
das Wort .kirchlich' gebraucht; und zwar ebenda, wo
im Vorbeigehen, auch als einziges Mal, die Euchariftie
genannt ift (S. 67); außer an diefer Stelle findet fich auch
nichts von Sakrament, von Priefter und Dogma. Von
der Euchariftie ift gefagt, daß fie noch nicht geoffenbart
war, als Chriftus das VU lehrte; da fie dort als die .Zentralkraft
des kirchlichen Lebens' bezeichnet wird, fo liegt
die Frage nahe: ift das VU etwa als eine Art Vorftufe
voller chriftlicher, d. h. katholifcher, Erkenntnis gewertet?
Aber keine Andeutung führt fonft darauf; im Gegenteil:
Für E. ift das VU die .klaffifche Formel des neuen reli-
giöfen Betens, das Chriftus der Menfchheit bringen wollte'
(59), die .authentifche Formulierung des religiöfen Lebensideales
Chrifti felbft' (129). Die religiös-fittliche Gedankenwelt
des VU felbft, ohne Eintragungen und Auffüllungen,
bildet demnach den Inhalt diefer Predigten. Diefe Gedankenwelt
wird fogar recht modern formuliert: .Wahre
Religion und echter Fortfehritt' gehören zufammen
(i.Bitte, S. 34); Chriftus .proklamiert den Eigenwert des
irdifchen Däferns und der weltlichen Kulturarbeit' (4. Bitte;
S. 73). Dabei geht E. natürlich öfter exegetifche Wege,
die der Lefer nicht mitgehen kann; aber es find feiten
fpezififch katholifche Wege. Die Abficht diefer Voran-
ftellung des Allgemein-Chriftlichen läßt fich gewiß aus
der Predigtfituation erkennen: E. hielt akademifche Predigten
! Dennoch bleibt fie charakteriftifch. Der akademifche
Charakter der Predigten tritt auch fonft deutlich
hervor; die Sprache ift durchaus nicht volkstümlich;
Fremdworte und Spezialtermini find häufig; Erörterungen
über die richtige Überfetzung und Deutung nehmen
mehrere Male (S. 6off., igf.) einen ziemlich breiten Raum
ein. Der Ton der Predigten ift meift der ruhiger, oft
faft wiflenfchaftlicher Erklärung; jede Predigt rekapituliert
ganz gründlich das Ergebnis der früheren, ehe fie
weitergeht. In diefer Hinficht find E.'s Predigten viel
.akademifcher' als die meiften Predigten in evangelifchen
akademifchen Gottesdienften. Sie zeigen übrigens keinerlei
Anklang an die bei uns noch oft übliche Predigtform;
kein Thema, keine Zeitangaben, lediglich Gedankenentwicklung
, diefe aber in großer Klarheit und mit fcharfer
Heraushebung der Hauptgedanken. Behandelt find natürlich
nur Anrede und Bitten; da die 2. und 3. Bitte zu-
fammengefaßt find, haben wir 7 Predigten. — Inmitten
der modernen katholifchen Predigtliteratur nimmt diefe
Sammlung ohne jede Frage eine ganz befondere Stellung
ein; fie kommt ja in gewiffem Sinn der Keplerfchen
Forderung der .Homilie' entgegen, bleibt aber fo ftark
bei der eigentlichen Erklärung, daß fie der Keplerfchen