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Ausgabe:

1913 Nr. 4

Spalte:

112-113

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Köhler, Walt.

Titel/Untertitel:

Conrad Ferdinand Meyer als religiöser Charakter 1913

Rezensent:

Schuster, Hermann

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Iii Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 4. 112

reden: Übertreibung der Würde und der Pflichten des I bung von 1783—96) fowie feine Allgemeine Deutfche

Predigtamtes, Kälte, Trockenheit, Alltäglichkeit, Schmeichelei
gegen die Gemeinde, übereiltes Lob des antretenden
oder verftorbenen Predigers, aber auch den ,Auffeherton',
durch welchen fo viel verdorben worden fei. Endlich

Bibliothek find tatfächlich von einer weit höheren Bedeutung
für die Kirchengefchichte, als bisher angenommen
worden ift; feine kirchen- und dogmengefchichtlichen
Arbeiten über die Templer, Freimaurer und Rofenkreuzer

feffelt den Lefer Fr. Düfterdieck, mit feiner hoch- zeigen bei näherer Betrachtung eine wiffenfchaftliche
gewachfenen Geftalt und feinem ausdrucksvollen Geficht j Höhe, die man dem verfchrienen Manne kaum zutrauen
der echte Kirchenfürft, aber reich an Wiffen, aufrichtig, 1 möchte. Das zweite Verdienft A.s liegt in der Korrektur
von großer Energie, neben welcher .freilich die Herzlich- I der herrfchenden Irrtümer. Nicht nur, daß er einzelne

keit nicht fo zum Ausdruck kam'. Für das Kirchenrecht
wertvoll ift die genaue Schilderung des Hergangs einer
Amtseinführung, befonders die Einholung des Votums der
Männer nach der Predigt des Kandidaten durch die
Armenkaftenvorfteher (S. 206).

Heidkämper unternimmt es, Herders Leben in Bücke

Fehler wohl endgiltig entwurzelt, wie fie etwa Tifchhaufer
(vgl. S. 39) über Nicolai felbft oder viele andere über
den religiöfen Zuftand Berlins (S. 107f.) vortragen; die
Hauptfache ift vielmehr die Verbefferung des Gefamt-
bildes von Nicolai, die A. ohne Zweifel bis zu einem
gewiffen Grade erreicht. Sein Held fteht tatfächlich auf

bürg gegenüber der hergebrachten Auffaffung, daß ,es [ einer höheren religiös-kirchlich-theologifchen Stufe, als
eine Zeit des Fanatismus, ein Symptom der Gefamt- wir gemeinhin angenommen haben. Demnach bringt A.
erkrankung feines Lebens gewefen fei', vielmehr als .einen der kirchengefchichtlichen Forfchung und den Hoffmann-
Gefundungsprozeß, als eine Wendung zu neuem Sein und ! Zfcharnackfchen Studien eine wirkliche Bereicherung.
Wirken' zu erweifen. Um zu überzeugen, follte er aber j Freilich, fo verdienftvoll und unentbehrlich das Buch
die beiden Pole, zwifchen welchen der Wendepunkt lag, j für den Kirchenhiftoriker ift, zur Ruhe wird die Bearbeitung
fcharf gezeichnet haben. Recht wird er haben, daß das j Nicolais damit nicht kommen. Denn einmal hält A. fich
Verhältnis zum Grafen Wilhelm ein befferes war, als man nicht von Überfpannungen feiner an fich löblichen .Rettung'
bisher annahm. Jedenfalls enthalten jene Lebensjahre und i frei; vor allem dadurch, daß er im Eifer der Verteidigung
befonders die Schriften Herders aus der Bückeburger i unter den Bann mancher Maßftäbe gerät, die mehr an
Zeit auch heute noch viel Beachtenswertes, z.B. feine Forde- j die Schwächen als an die Vorzüge der Aufklärung erinnern,
rung: Keine Anftellung ohne Examen, feine Beftimmung erfchwert er fich die hiftorifche und religiöfe Würdigung,
der Aufgabe des Gefchichtsunterrichts (S. 22) und be- j Außerdem aber hat er fich zu wenig bemüht, die Perfön-
fonders feine Auffaffung vom Wefen der Kirche, die nicht i lichkeit feines Helden von innen her als eine Einheit vor
etwa nur eine Bildungsakademie für die Untertanen Sr. j uns erftehen zu laffen; überhaupt zeugt feine Arbeit zu
Majeftät des Königs fein darf, und vom Amt der Pfarrer. '■. wenig von den gewaltigen Fortfehritten, welche die bio-
(S. 25ff). S. 275 Z. 28 1. Zwinglio ftatt Evangelio, S. 292 : graphifche Kunft in der Neuzeit gemacht hat. In der
Anm. Thomas ftatt Paul. Feinheit der Charakterzeichnung und hiftorifch-religiöfen

Stuttgart. G. Boffert. Würdigung ftand der früher befprochene Vortrag A.s über

JL ut> ' Goethe zweifellos hoher als fein neues Thirh

Aner, Pfr.Dr.Karl: Der Aufklärer Friedrich Nicolai. (Studien Marburg a. d. L. Horft Stephan,

zur Gefchichte des neueren Proteftantismus, hrsg. v. H.

Hoffmann u. L. Zfcharnack. 6. Heft.) (IV, 196 S.) ! Köhler, Walt.: Conrad Ferdinand Meyer als religiiHer Charakter.

Gießen, A. Töpelmann 1912. M. 6— j (237 S. m. 9 Abbildgn. im Text u. auf Taf.) 8». Jena,

Durch die gemeinfamen Bannftrahlen des Idealismus,

E. Diederichs 1911. M. 4 —; geb. M. 5 —

der Erweckung und des Konfeffionalismus war die Auf- j Das vorliegende Buch ift fchon um feines Gegenklärung
in einen faft vollftändigen Verruf geraten. Nur ; ftandes willen auf das lebhaftefte zu begrüßen. Der
fchüchtern erkannte man einige Verdienfte an; im ganzen Glaube eines Dichters wie C.F.Meyer ift praktifch be-
ftand kaum irgend eine andere Periode der Entwicklung ; deutfamer und wiffenfehaftlich intereffanter als das Werk
unter einem gleich fcharfen und allgemeinen Verwerfungs- l der meiften Theologen. Wie erfreulich nun gar, wenn
urteil. Das hat fich in der letzten Zeit erheblich geändert, j ein Kirchenhiftoriker von fo vielfeitiger und feiner Bildung,
Hier eine endgiltige innere Entfernung von der Auf- ; ein Mann dem gerade die Gefchichtsperiode, in der
klärung, dort gerade eine Wiederaufnahme gewiffer Auf- j unferes Dichters Novellen wurzeln, befonders vertraut ift,
klärungsftimmungen,überallabereinewachfendeVertiefung I fich diefer wichtigen Aufgabe annimmt. Das ift mit
in die Quellen und Erhebung zur hiftorifchen Gerechtig- doppelter Freude zu danken.

keit, das alles führte zu einer pofitiveren Würdigung der Ein einführendes Kapitel befchreibt des Dichters

eigentümlichen Bewegung. Auch wer wie der Referent ; Jugend und dichterifches Werden'; dann werden in zeit

keine fonderliche Liebe zu ihr gewinnen kann, muß fie
als eine Durchgangsftufe der allgemein-geiftigen wie der
religiös-kirchlichen Entwicklung anerkennen, die ihre innere
Notwendigkeit befaß und eine nicht wegzudenkende Vor-
ausfetzung gerade auch für die Weiterbildung des Proteftantismus
bedeutete.

A. überträgt die Rehabilitation der Aufklärung auf
eine Perfönlichkeit, der fie bisher wenig zugute gekommen
ift, auf den bekannten Freund Leffings und Herausgeber
der Allgemeinen Deutfchen Bibliothek. Er fchildert zu-
nächft Lebensgang und Schriftwerke Nicolais, dann fehr

licher Reihenfolge nacheinander feine einzelnen Werke
bis zu den unvollendeten behandelt. Nur die Gedichte
find mit Abficht für den Schluß aufgefpart; aus ihnen
läßt K. ein Bild von des Dichters Weltanfchauung her-
vorwachfen, natürlich nicht ohne auf die vorher behandelten
Schöpfungen zurückzugreifen.

Wenn es dem Verf. letztlich auch überall auf das
Ethos und die Religion ankommt, fo bahnt er fich doch
den Weg zu deren Erfchließung überall durch forgfältige
äfthetifche Unterfuchung. Wie tief diefe gräbt, zeigt
auf das vorteilhaftefte ein Vergleich mit der recht kritikausführlich
feine theologifche Gedankenwelt (religiöfe und i los darftellenden und lobenden Befchreibung der einzelnen
ethifche Anfchauungen, Intereffe an der Kirche, wiffen- Werke in Langmeffers bekannter und verbreiteter Bio-
fchaftlich-theologifche Arbeit), endlich feine Wirkungen, graphie des Dichters. So hat K. zweifellos recht, wenn
Dabei erwirbt er fich fchon durch die umfichtige und | er die Kompofition in ,Angela Borgia' als verhältnisklare
Vorführung des Stoffes, den man fonft mühfam aus I mäßig wenig gelungen tadelt. Andere Ausftellungen freiumfangreicher
und oft recht langweiliger Lektüre gewinnen I lieh Rheinen mir unberechtigt, wenn nämlich hier und
müßte, ein hohes Verdienft. Der Lebensgang Nicolais, j da die Durchführung eines beftimmten ethifchen Profeine
Werke (vor allem der einft fo berühmte Sebaldus blems vermißt wird (Guftav Adolfs Page, Schuß von der
Nothanker von 1773 und die zwölf bändige Reifebefchrei- i Kanzel). Hier Rheinen mir ethifche Forderungen im-