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Ausgabe:

1913 Nr. 22

Spalte:

687-688

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sondheimer, Isaak

Titel/Untertitel:

Die Herodes-Partien im lateinischen liturgischen Drama u. in den französischen Mysterien 1913

Rezensent:

Friesland, Carl

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 22.

688

Befitzes des Papftes, um die Kriege, die der Papft als wird vollkommener. Bei dem fechften und letzten fran-
weltlicher Herr unternimmt und, weil er ein Geiftlicher zöfifchen Text, der den Dramen der Marguerite de Navarre
ift, mit feinem geiftlichen Anfehen deckt. Es handelt fich ! entflammt, zeigt fich fpeziell noch, daß eine ftarke Be-
auch nicht um das bellum iustum, fo oft bellum sanctum ! einfluffung durch Renaiffance- und Reformationsideen ftatt-
und bellum iustum zufammengeworfen worden find und ! gefunden hat. Aber davon abgefehen, ift doch der Fort-
fo viel Gemeinfames beide haben mögen. P. geht aus fchritt, den Sondheimer feftftellt, äußerlicher Natur. Seine
von den Angaben des decretum Gratians c. XXIII und ; Unterfuchung bewegt fich infolge des Umftandes, daß die
zeigt, daß fie zum größten Teile Äußerungen Auguftins Struktur der Herodesdarftellungen fich wefentlich gleich
über den Krieg und die Häretiker wiedergeben, von j geblieben, in einem feften, relativ engen Rahmen. Aber
Gratian aber unter dem Gefichtspunkt des Kampfes gegen ! feine fleißige und methodifch durchgeführte Arbeit ver-
die Häretiker zufammengeftellt worden find. An dem ! liert deshalb nichts an Wert. Sie wird noch mehr zur
Verhalten der Päpfte und der Kirche ift erfichtlich, daß j Geltung kommen, wenn erft die volkstümlichen Myfterien
alle Prinzipien des heiligen Krieges fchon unter Gregor VII. I des Reformationszeitalters in ähnlicher Weife unterfucht
vorhanden waren; fie konnten noch nicht in die Wirk- werden.

Hannover. Carl Friesland.

lichkeit umgefetzt werden, weil das Papfttum noch nicht
über die nötige Macht verfügte. Aber der Kreuzzug

gegen die Albigenfer zeigt das Papfttum auf der Höhe 1 steinlein, Pfr. Herrn.: Luthers Doktorat. Zum acojähr.

Jubiläum desfelben (18. u. 19. 10. 1912). [Aus: .Neue
kirchl. Ztfchr.'] (IV, 87 S.) gr. 8°. Leipzig, Deichert 1912.

M. 1.50

Das Büchlein, das Steinlein zum 4c» jährigen Jubiläum
des Doktorats Luthers verfaßt hat, ift Sonderabdruck
aus der .Neuen Kirchl. Zeitfchrift' XXIII, nur vermehrt

feiner Macht. Er ift der erfte gegen die Häretiker ge
richtete und fleht auf einer Linie mit den Kreuzzügen
gegen die Ungläubigen. Er wird von P. in den Mittelpunkt
feiner Darftellung gerückt, weil zu feiner Zeit die Kirche
die Doktrin und Praxis des heiligen Krieges ausprägte
und auch ausdehnte auf den Kampf gegen die politifchen
Gegner. So brachten nun auch die Kanoniften, von

Hostiensis bis Panormitanus, die Theorie in ein Syftem, | durch einige Berichtigungen und Nachträge, unter denen
ohne daß fie doch wefentlich Neues hinzufügen konnten. der wichtigfte ift, daß fich in Nikolaus Müllers Nachlaß

Sie ift von den Späteren nicht aufgegeben worden, wenn
auch feit dem Anfang des 15. Jahrhunderts die Predigt
des Kreuzzuges nur ein Archaismus war. Diefe Sätze werden
von P. mit einer Fülle von Tatfachen belegt. Das
Wichtige ift, daß der heilige Krieg ein direkter Ausfluß
des theokratifchen Syftems ift und daß feine Gefchichte
vortrefflich Aufftieg, Höhe und Abftieg der Macht des
Papfttums illuftrieren kann. Man kann fich an P.s Ausführungen
gut veranfchaulichen, in welche Abgründe die
päpftlichePolitik,namentlichdielnnocenz' III., führen mußte.

Kiel. G. Ficker.

aus der in Weimar befindlichen Hof kammerrechnung beim
Leipziger Michaelismarkt 1512 der Nachweis findet
über jene 50 Gulden, über die .Bruder Martinus'
quittierte, die ihm der Kurfürft zu feinem Doktorat hier
auszahlen ließ, gegen die Verpflichtung ,fein Leben lang
die Lektur zu Wittenberg zu verforgen'. Mit der ihm
eignen Sorgfalt hat Steinlein zufammengetragen, was fich
aus den Quellen über den Hergang der Doktorpromotion
Luthers ermitteln ließ. Er unterfucht dann die Bedeutung,
die diefes Doktorat für Luthers Bewußtfein und für feine
Entwicklung als Reformator gehabt hat, und endlich in
dem längften Abfchnitt die Stellung, die Luther in den
verfchiedenen Perioden feiner Wirkfamkeit zum Doktorat

Sondheimer, Ifaak: Die Herodes-Partien im lateinifchen

liturgifchen Drama u. in den franzölifchen Myfterien. (Bei- I eingenommen hat. Steinlein' Arbeiten zeichnen fich
träge zur Gefchichte der romanifchen Sprachen u. j durch ausgebreitete Literaturksnntnis und durch eine fehr

Literaturen III.) (VIII, 179 s.) Halle, M. Niemeyer, 1912.

M. 6 —

Die Geftalt Herodes des Großen, mit der man durch
kirchliche und durch profane Überlieferung bekannt wurde,
ift im Mittelalter außerordentlich volkstümlich gewefen.
Zeuge davon find die 16 lateinifchen und fechs franzöfifchen
Texte, die Sondheimer feiner Unterfuchung zu Grunde
gelegt hat. In den erfteren, den lateinifchen geiftlichen
Dramen, gliedert fich die Herodes-Handlung in folgende
fieben Szenen: 1. Verhör der Magier, die aufgefordert
werden, auf dem Rückwege wiederzukommen. 2. Boten-
fpiel zur I. Szene. 3. Schriftgelehrtenfzene (meift ein
Teil der 1. Szene). 4. Botenfpiel zur 3. Szene. 5. Nachricht
vom Verfchwinden der Magier; Herodes' Zorn; Beratung
; Befehl zum Kindermord. 6. Ausführung des
Kindermordes. 7. Herodes' Tod. Diefer Gang der Handlung
hat fich nun, da er durch das Matthäus-Evangelium
feft gelegt ift, in den franzöfifchen Myfterien nicht verändert,
fo daß Sondheimer jede einzelne der genannten Szenen
nacheinander daraufunterfuchen kann, welchen dramatifchen
Veränderungen fie vom erften lateinifchen bis zum letzten
franzöfifchen Text unterworfen gewefen ift. In feinem achten
Kapitel faßt er dann zufammen, welchen Fortfehritt die
einzelne Textlaffung im Entwicklungsgange des neueren
Dramas darftellt; es kommt ihm dabei darauf an, ob neue
Szenen eingefügt find, ob die Handlung dramatifch wirk-
famer geworden und ob die Charakterzeichnung vertieft
ift. Der Verfaffer weift nach, daß mit der allmählichen
Trennung des geiftlichen Dramas von der Kirche eine
Aufwärtsentwicklung Hand in Hand gegangen ift: die
Ausführlichkeit der Handlung wächft, und die Technik

vollftändige Zufammenftellungedes Materials aus Luthers
Schriften aus. Zutreffend weift er darauf hin, daß Luthers
Betonung deffen, daß er ein .gefchworener Doktor der
heiligen Schrift' war, in fpäterer Zeit dahin mißverftanden
worden ift, als wenn er bei der Promotion in befonderer
Weife auf den Inhalt der Schrift verpflichtet worden
wäre. Es war zwar auch in Wittenberg die Bezeichnung
der Doktoren als Magistri Sacrae Paginae üblich, aber
eine befondere Verpflichtung auf die Schrift fand nicht
ftatt; erft fein eignes Bewußtfein hat gemäß jenem Titel
der Promotion diefe vertiefte Bedeutung beigelegt. Er
erft hat in Wahrheit aus dem .Doktor der heiligen Schrift'
das gemacht, was er hätte fein follen, im Bewußtfein der
Zeitgenoffen aber noch nicht war. Steinlein weift ferner
nach, wie das Doktoratsbewußtfein Luthers in den Jahren
1517—22 ftark hervortritt, dann eine Zeitlang bei ihm
zurücktritt, fodaß er vorübergehend den Doktortitel zurück-
ftellt hinter dem eines Ecclesiastes (Prediger) oder Evan-
gelift, daß aber fchon Ende der 20 er Jahre der Titel
aufs Neue und nun andauernd Bedeutung für ihn gewinnt.

Auf die Frage nach Luthers Doktordiplom ift er
nicht näher eingegangen. Es ift ja verloren, aber die
Frage darf aufgeworfen werden, ob wir es nicht trotzdem
kennen. Längft bekannt war das Formular aus dem
Jahre 1508, das Förftemann im Liber Decanorum S. 149
mitgeteilt hat. Es war zu vermuten, daß diefes nicht nur
bei der Promotion des Petrus Lupinus, deffen Namen es
enthält, fondern überhaupt gleichlautend bei Promotionen
verwendet wurde. Unlängft veröffentlichte ich in Studien
und Kritik 1913 S. 120 ff. ein Formular aus dem Jahre
1518, das zwar manche Abweichungen zeigt, aber doch
immer noch das ältere Formular durchfeheinen läßt. Nun