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Ausgabe:

1913 Nr. 22

Spalte:

677-679

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stade , Bernhard

Titel/Untertitel:

Biblische Theologie des Alten Testaments. 2. Bd.: Die jüdische Religion von der Zeit Esras bis zum Zeitalter Christi. 1. u. 2. Aufl 1913

Rezensent:

Nowack, Wilhelm

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677 Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 22. 678

exilifcher oder nachexilifcher Zeit bezeichnet und höchftens ] abgefehen von Vorlefungsheften und Notizen, ein Manu-

die Möglichkeit der Verwertung echt jefajanifcher Pro
phetien für einzelne Abfchnitte zugegeben; die Weisheitsliteratur
und die Pfalmen (mit wenigen Ausnahmen) werden
der nachexilifchen Zeit zugewiefen etc. Daß folche, von
der Tradition ftark abweichende Sätze mit dem kirchlichen
Glaubensftandpunkt vereinbar feien, fucht der Ver-
faffer dadurch zu zeigen, daß er fich möglichft oft auf
anerkannte katholifche Autoritäten beruft. Gelegentlich
aber zeigt er auch felbft den Weg der Vermittlung, fo
heißt es z. B. S. 53 ,die Autorfchaft Mofis für die »Thora«,
um die es fich allein handelt — niemals wird in den
fpäteren .... Schriften eine Hiftorie, fondern immer nur
Gefetzlicb.es [seil, als mofaifch] zitiert —, ift mit der
Quellenfcheidungstheorie infofern vereinbar, als die ver-
fchiedenen Schichten verfchiedene Wege und zeitliche
Stadien der urfprünglich reinen Überlieferung, die in ihrem
letzten Grunde insgefamt auf Mofes beruht, darftellen';
und beim Hohenüede unterfcheidet er den urfprünglichen,
buchftäblichen Sinn und den von den Sammlern des
Kanon hineingelegten allegorifchen, der nun von der Kirche
mit Recht als der für das kanonifche Buch eigentlich
buchftäbliche feftgehalten wird.

Auf katholifcher Seite hat aber der Verfuch des Ver-
faffers, die Ergebniffe der Wiffenfchaft zur Anerkennung
zu bringen, nicht die erhoffte Anerkennung gefunden.
Das bifchöfliche Imprimatur ift zwar erteilt. Aber ift es
ein Zufall, daß es erft vom 13. März 1911 datiert ift,
während das Vorwort des Buches fchon am 1. März 1908
crefchrieben ift? Gewiffe Anzeichen dürfen vielleicht dahin

fkript über diefen Gegenftand nicht hinterlaffen hatte,
fo hatte B. bei feiner Arbeit völlig freie Hand. Die Aufgabe
war keine leichte: entweder fehlten uns über be-
ftimmte Zeiten Quellen fo gut wie ganz oder, wo fie
vorhanden waren, bot ihre Verwendung wegen der Un-
ficherheit ihrer Datierung befondere Schwierigkeiten. B. ift
fich diefer Schwierigkeiten voll bewußt geworden und
hat fie, fo weit das möglich war, mit Gefchick zu überwinden
gefucht, indem er ftatt einer fyftematifierenden
Darftellung die einzelnen Schriften mehr gefondert zu
Wort kommen ließ. So hoffte er mit Recht beffer das
Verftändnis der gefchichtlichen Entwicklung fördern zu
können, als das durch eine Syftematik möglich ift. übrigens
fehlt der fyftematifierende Charakter nicht völlig: fowohl
im zweiten Kapitel als im dritten Teil des Buches fucht
B. den in diefer Hinficht erhobenen Anfprüchen gerecht
zu werden.

Die Dreiteilung des Stoffes ift eine fachgemäße und
glückliche: der erfte Abfchnitt befchäftigt fich mit der
Entwicklung des nachesranifchen Judentums der vor-
griechifchen Periode, der zweite mit dem Judentum in
feiner Auseinanderfetzung mit dem Griechentum, der
dritte endlich fchildert die definitive Selbftbehauptung
des Judentums unter inneren wie äußeren Gegenfätzen.

Im erften Teil zeichnet B. zunächft die gefetzlich-
kultifche Entwicklung, befpricht fodann die in der Chokma-
Literatur hervortretenden Anfchauungen von der Weisheit,
das Theodiceeproblem befonders im Hiob und endlich
die Vorftellungen diefer Bücher über Gott, Welt und

gedeutet werden, daß der Verfaffer fchon vor Drucklegung I Menfch.
feines Buches genötigt wurde, gewiffe Korrekturen anzu- j Das erfte Kapitel des zweiten Abfchnittes gibt ein
bringen. Nachdem z. B. der Text des § 31 die Bezeugung Bild der Stimmungen und Eindrücke beim Auftreten
der davidifchen Autorfchaft der Pfalmen als eine unfichere j Alexanders des Großen, zeigt fodann, wie die jüdifche
bezeichnet und die Pfalmen wenigftens zum großen Teil | Weisheit und Frömmigkeit unter den Einwirkungen des
der exilifchen oder nachexilifchen Zeit zugefchrieben hat, I Hellenismus und im Gegenfatz zu ihm fich geftaltete,

überrafcht der am Schluß beigefügte Hinweis auf die
Entfcheidung der päpftlichen Bibelkommiffion vom 1.
Mai 1910(1): .David ift in erfter Linie als Verfaffer der
Pfalmenlieder zu betrachten'. Noch auffallender ift, daß
auf S. 149 zunächft erklärt wird, Jef. 4off. .können darum
nicht den Isaias von c. 1—39 zum Verfaffer haben. . . .
Die außerdem geltend gemachte Stilverfchiedenheit von
c. 1—39 und 40—66 ift weniger zwingend', und daß dann
unmittelbar angefügt ift: ,nach dem Urteil der päpftlichen
Bibelkommiffion vom 29. Juni 1908 [beachte das Datum
des Vorworts!] gilt dies von allen gegen die Einheit von
c. I—66 vorgebrachten Gründen'. Aber auch folche nachträglichen
Korrekturen haben das Buch nicht davor gerettet
, daß fein Gebrauch in den Priefterfeminaren verboten
worden ift.

Halle a. S. C. Steuernagel.

Stade, fB.:BiblifcheTheologiedesAltenTeItaments. Begonnen
von S. 2. Band: Die jüdifche Religion von der Zeit
Esras bis zum Zeitalter Chrifti. [. u. 2. Aufl. (Grundriß
der theol. Wiffenfchaften. 18. Abteiig.) (XV,
546 S.) gr. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1911. M. 10 —;

geb. M. 11 —

Im Jahre 1905 erfchien der erfte Band von Stade's
biblifcher Theologie des Alten Teftaments. Schon am
6. Dez. 1906 fchied Stade durch den Tod aus feiner reich
gefegneten Wirkfamkeit, ohne daß es ihm vergönnt ge-
gewefen wäre, die von ihm geplante Arbeit zu Ende
zu führen. Es war ein glücklicher Gedanke des Verlegers
, A. Bertholet, der fich durch exegetifche und
namentlich religionsgefchichtliche Arbeiten vorteilhaft bekannt
gemacht hatte, mit der Abfaffung des zweiten
Bandes zu betrauen. Schloß der erfte mit der Gründung
des Judentums, fo hatte diefer zweite die Religion
des Judentums zur Darfteilung zu bringen. Da Stade,

wobei neben Koheleth, Jefus Sirach und Tobit zum erften
Mal auch auf die Weisheit des Achikar Rückficht genommen
ift. Nachdem er die akute Hellenifierungsgefahr unter
Antiochus Epiphanes und den Tobiaden dargeftellt, weift
er auf die religiöfen Kräfte der Oppofition, wie fie im Buch
Daniel, der Tierapokalypfe des Henochbuches, im Deutero-
facharja und ähnlichen Schriften zu Wort kamen, und
legt endlich nach Zeichnung des Kampfes und Sieges
die unmittelbaren Folgen der überftandenen Krife dar,
wie fie in dem Auseinandertreten der Parteien im Innern
und in der Stimmung nach außen fich kund tun.

Der dritte Abfchnitt beginnt mit einer Schilderung
der Menfchen und Inftitutionen: er führt uns die Parteien
der Pharifäer und Sadduzäer einerfeits, die Effener andrer-
feits, ferner Priefter famt Tempel und Kultus fowie die
Schriftgelehrten, Synagoge und Kanon vor Augen. In
befonders eingehender Weife entwirft das zweite Kapitel
ein Bild vom Glauben und der Frömmigkeit diefer fpät-
jüdifchen Zeit. Dem Ref. will es fcheinen, als fei ciiefe
vielleicht fchwierigfte Aufgabe B. befonders gut gelungen.
Man braucht nur mit B's Darftellung die bald darauf
erfchienene von E. König zu vergleichen, um den Wert
jener recht zu würdigen. Mit Recht betont B., wie diefer
fpäten Zeit des Judentums eine weitgehende dogmatifche
Üngebundenheit charakteriftifch ift: fehlt es auch nicht
zumal aus apologetifchen oder propagandiftifchen Motiven
an gewiffen Anfätzen zur Formulierung der Grundwahrheiten
, fo bleibt doch für diefes fpätere Judentum das
entfeheidende Moment unbedingt das Tun d. h. der
Glaubensgehorfam. So kommt es, daß uns hier eine
bunte Fülle einzelner Glaubensvorftellungen entgegentritt,
ohne daß fie innerlich miteinander verbunden^ wären!
Das hängt auch zum guten Teil damit zufammen, daß
dies fpätere Judentum nach Überwindung der Hellenifierungsgefahr
eine große Bereitwilligkeit zeigt, fremde
Vorftellungen in fich aufzunehmen. Und zwar gefchah
das aus einer gewiffen inneren Notwendigkeit. Je mehr

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