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Ausgabe:

1913 Nr. 2

Spalte:

39-40

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gschwind, Karl

Titel/Untertitel:

Die Niederfahrt Christi in die Unterwelt. Ein Beitrag zur Exegese des Neuen Testamentes und zur Geschichte des Taufsymbols 1913

Rezensent:

Loofs, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1913 Nr. 2.

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noch im Mutterfchoß verborgene Johannesknabe vom (in
gleicher Lage befindlichen) Heilandskind die heiligmachende
Gnade und Berufsweihe' (S. 48). Auch werden die Ausführungen
über die katholifche Trinitäts- und Chriftuslehre
(S. 8of.) keinen Unbefangenen überzeugen, daß die Geiftes-
falbung bei der Taufe gut zu der Erzeugung Jefu durch
den Geift oder gar feiner Präexiftenz als Geifteswefen
ftimme. Sie können, wie das ganze Buch, nur die eine
Uberzeugung wecken oder verfbärken, daß von der Art,
wie der rechtgläubige Katholik die heilige Gefchichte
betrachtet, keine Brücke hinüberführt zu einem wirklichen
Verftändnis der Anfänge unferer Religion. —

Die von der Wiener Univerfität ausgezeichnete Schrift
Konrads behandelt in ihren vier Teilen 1) Kindheit und
Jugend des Täufers, 2) des Täufers öffentliche Wirkfam-
keit, 3) des Täufers Gefangenfchaft, Lebensende und Größe,
4) die Reliquien und den Kult des Täufers. Für ein wiffen-
fchaftliches Verftändnis des Täufers und feiner Bedeutung
innerhalb der Religionsgefchichte ift das Buch fchlechthin
wertlos. Dagegen verfchafft es uns einen gewiffen Einblick
in die Art, wie die Chriftenheit früher Zeiten den
Johannes anzufchauen pflegte. Läßt fich der Verf. doch
die Fragen, um die er fich müht, zum guten Teil von
den Kirchenvätern ftellen. So erörtert er z. B. auf Grund
von Luc. 1,15, ob der Täufer fchon im Mutterleibe gerechtfertigt
worden fei und ob fein Authüpfen Luc. 1,44
den Gebrauch der Vernunft vorausfetze. Moderne Probleme
dagegen find für ihn nicht vorhanden. Daß das
Magnifikat der Maria angehört, ift fo felbftverftändlich,
daß die Exiftenz einer abweichenden Auffaffung noch
nicht einmal andeutend berührt wird (S. 29).

Wie gering die Fühlung ift, die K. mit der heutigen
Wiffenfchaft genommen hat, zeigt fchon fein Literaturverzeichnis
. Doch läßt er fich auch auf Ungenauigkeiten
und Fehlern ertappen. Die Lesart Bethabara (Jon. 1,28)
ift älter als Origenes (zu S. 114fr.). Den Profelyten des
Tores (S. 125, 3) follte man endlich die Grabesruhe gönnen.
Eine Galaanitis (S. 207) gibt es nicht, und ebenfo wenig
hat es Herodes Antipas je mit einem .König' Sejan (209)
zu tun gehabt. Dem biblifchen Stoff ftehtK.mit gebundenen
Händen gegenüber, freier den mannigfaltigen Traditionen
(ob von den Reliquien auch nur eine echt fei, ift höchft
zweifelhaft, S. 233. 237. 240); und auch den Offenbarungen I
Nik. Heims, daß der Täufer kurzbärtig und rauhftimmig
gewefen wäre, weiß er fich zu entziehen (S. 98). Sein
Stil hält in weiten Partien die Mitte zwifchen erbaulicher
Anfprache und religiöfem Roman. Damit würde man fich
leichter abfinden, wenn Verf. wenigftens eine vollftändige
Sammlung des Traditionsmaterials bez. des Täufers böte.
Das könnte dann der Lefer mit eigenem Urteil verwerten.
Wie weit K. aber davon entfernt ift, ein folches Verlangen
zu befriedigen, kann man z. B. daran erkennen, daß er
den flavifchen Jofephus mit feinem intereffanten Legen-
denftoff noch nicht einmal erwähnt.

Marburg|Heften. Walter Bauer.

Gschwind, Dr. Karl: Die Niederfahrt Chrifti in die Unterwelt.

Ein Beitrag zur Exegefe des Neuen Teftamentes u.
zur Gefchichte des Tauffymbols. (Neuteftamentliche
Abhandlungen. Hrsg. v. M.Meinertz. II. Bd., 3—5 Heft.)
(XVI, 255 S.) Münfter, Afchendorff 1911. M. 6.80

Man kann freilich nicht fagen, ein faft 7 M. koftendes
Buch, das auf 255 Seiten den Descensus Chrifti mit Aus-
fchluß der dogmengefchichtlichen Entwicklung behandelt,
fülle eine Lücke in der Literatur aus. Ja, es ift eine harte
Zumutung für jeden einigermaßen Unterrichteten, 144 Seiten
über die beiden Petrus-Stellen lefen zu follen. Es läßt
fich auf viel weniger Raum viel mehr zur Sache fagen;
und die neuteftamentlichen Stellen find m. E. nicht der
gefchicktefte Ausgangspunkt für eine Erörterung der
Sache (vgl. meinen Artikel Descent into Hades in Hartings'

Encyclopaedia of Religion and Ethics). Allein, wenn man
fich einmal in das Dafein diefes Buches gefunden hat,
kann man es mit Wohlgefallen betrachten. Es ruht auf
forgfältigem Studium, verrät umfaffendfte Literaturkennt-
nis (mein Vortrag auf dem 3. religionsgefchichtlichen Kongreß
in Oxford 1908, Transactions II, 290—301, ift dem
Verfaffer freilich unbekannt geblieben) und vertritt im
Gegenfatz zu modernen .religionsgefchichtlichen' Erklärungen
der Hadesfahrt im wefentlichen die auch nach
meiner Anficht richtige Auffaffung der urfprünglichen
Vorftellungen vom Descensus. Daß in 1 Petr. 4,6 die
vexqo'l geiftig Tote find (vgl. Eph. 2,1), halte ich freilich nicht
für richtig, und die neue Erklärung des Verfaffers von
1 Petr. 3,19 (er bezieht das jcoQevO-eiq auf die Himmelfahrt
und faßt das ex^qv^ev als eine ein eigentliches xrjQvooEiv
nicht einfchließende Erweifung des xqeIxxov äyad-ojtoiovp-
xag naoXEiv rj xaxonoiovvxaq durch eine Manifeftation
des gen Himmel fahrenden Herrn gegenüber den in
Regionen der Höhe zum Gericht aufbewahrten Engeln)
wird in dem, was neu an ihr ift — verwandte Erklärungen
find fchon vorgebracht — .nicht viele überzeugen. Aber
das Refultat, daß beide Petrus-Stellen mit d em Descensus
nichts zu tun haben, halte ich für ebenfo richtig wie das
des nächften Abfchnitts, daß die Vorftellung vom Descensus
zunächft nichts anderes ift als ein Annex der
Vorftellung vom wirklichen Tode Chrifti (S. 157). Auch
der dann entwickelten Thefe, daß die katholifche Auffaffung
des Descensus bis in die Zeit des Urchriftentums
zurückgehende, auch Matth. 27, S2f. fich zeigende Wurzeln
habe, ftimme ich zu; aber ich glaube nicht, daß an diefem
Punkte die wünfchenswerte fcharfe Erfaffung der urfprünglichen
Gedanken ohne dogmengefchichtliche Erörterungen
erreichbar ift. Von den beiden vorletzten Abfchnitten
ift der über ,die chriftliche Auffaffung der Hadesfahrt
Chrifti im apokryphen Jeremiasbuch' (S. 199—227), auch
abgefehen von dem Titel, der zu der Annahme jüdifchen
Urfprungs des Jeremiasbuches nicht paßt, in vielem anfechtbar
: das Jeremiasbuch' ift und bleibt vorerft eine
fragwürdige Größe; der zweite (die Höllenfahrt Chrifti in
den Oden Salomos, S. 228—234) gibt für einige der Oden
Salomos (22. 42. 17) eine Erklärung, die auch von andern
geteilt wird (vgl. die neuefte Arbeit, die von J. H. Bernard,
Texts and Studies VIII, 3. 1912), fucht aber lonft m. E.
der Anfpielungen an den Descensus zu viele. Der letzte
Abfchnitt .Chriftus als Sieger in der Unterwelt' (S. 234
—242; es folgen noch eine Seite .Schlußergebnis', Nachträge
, Verbefferungen und Indices) hinkt nach. Die drei
S. 243 gefchiedenen Gedanken hängen m. E. eng zu-
fammen.

Halle. Loofs.

Theodoret: Kirchengefchichte. Herausgegeben im Auftrage
der Kirchenväter-Kommiffion der Königl. Preußifchen
Akademie der Wiffenfchaften von Prof. Dr. Leon
Parmentier. (Die Griechifchen Chriftlichen Schrift-
fteller, Bd. 19.) (CX, 427 S.) gr. 8°. Leipzig, J. C. Hin-
richs 1911. M. 17—; geb. M. 19.50

Auf die mufterhafte Ausgabe der Kirchengefchichte
des Eufebius von Ed. Schwartz folgen in der Akademieausgabe
der griechifchen Kirchenväter nun die Ausgaben
der drei .Synoptiker' Sokrates, Sozomenus und Theodoret.
Den Reigen eröffnet die kritifche Bearbeitung der die
Jahre 323—428 umfaffenden und 448/9 entftandenen (S.CI)
ExxXrjaiaöxixr) löxogia des Bifchofs von Kyros, jenes
eifrigen Verfechters der Orthodoxie und parteiifchen
Ketzerrichters, bei dem wir zwar nur fubjektiv gefärbte
Gefchichtsdarftellung, aber auch eine größere Anzahl
wichtiger Urkunden (Briefe, Synodalfchreiben u. dgl.)
finden. Hierauf beruht der Wert feines Gefchichtswerkes,
das, wie die große Zahl der HSS beweift, viel gelefen
worden ift.